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Lachen weckt die Schüler auf: Wie Humor Ihren Unterricht verzaubert

LEIPZIG. Eine Schulstunde ist keine Comedy-Show. Ein Zauberer ist jedoch, wer Bilder verwendet, die nicht zusammen gehören – und sich damit die Aufmerksamkeit der Schüler sichert. Sagt jemand, der es wissen muss: Eva Ullmann ist Humortrainerin. Sie leitet das „Deutsche Institut für Humor“, das Seminare auch für Lehrkräfte veranstaltet. Für News4teachers hat sie den folgenden Gastbeitrag verfasst.

Selbst schlechtes Wetter lässt sich weglachen. Foto: Alon / flickr (CC BY 2.0)

Selbst schlechtes Wetter lässt sich weglachen. Foto: Alon / flickr (CC BY 2.0)

7. Stunde. Mathematik für Schüler der 11. Klasse im Dietrich-Gymnasium. Die sind am Nachmittag müde und unkonzentriert, denn sie haben ja schon einige Stunden hinter sich. Frau Schmidt, als Lehrerin geschätzt und durchsetzungsfähig, kämpft trotzdem mit der Aufmerksamkeit der Schüler. Immer wieder wird aus dem Fenster geschaut und gequatscht anstatt dem Unterricht zu folgen. Plötzlich holt Frau Schmidt zwei Schüler nach vorne und drückt ihnen jeweils einen Zettel in die Hand: „Für das heutige Thema brauche ich Eure Unterstützung. Auch heute geht es für Euch um die Winkelfunktionen. Bitte lest uns folgenden Dialog einfach vor.“ Die beiden Schüler folgen ihrer Aufforderung:

Romeo:  Doch still, was schimmert durch das Fenster dort?
Es ist das X und glänzt mir wie die Sonne.

Julia: O Ypsilon! Warum denn Ypsilon?
Verleugne Deine Achse, lass die Funktionen fahren.
Willst Du das nicht, schwör Dich zu meinem Liebsten und
ich will länger nicht mehr eine Variable sein.

Romeo: Ich nehme Dich beim Wort.
Nenn Liebster mich und ich will die Funktion von Ypsilon
nie wieder sein.
Ich will fortan Hyperbeln um Dich winden und schwörn
beim heilgen Cosinus, dass nichts – selbst nicht
der Zahlenstrahl – uns fortan trennen kann.

Julia: Mein Ohr trank keine hundert Zahlen noch von
diesen Lippen, doch es kennt den Ton. Bist Du nicht
Ypsilon und eine abgeleitete Funktion?

Romeo: Der Liebe leichte Integrale trugen mich, kein
steinern Gleichung kann der Liebe wehren,
denn Liebe wagt was immer Liebe rechnen kann.

Lachen. Kichern. Aufmerksamkeit. Das Lachen nutzt Frau Schmidt geschickt, um einen kurzen Input zum Thema Winkelfunktionen zu geben. Anschließend lässt sie die Schüler rechnen. Jede elfte Klasse dürfte amüsant irritiert sein, wenn Sie zu Beginn der Stunde Shakespeare zitieren, wenn auch nach mathematischem Bedarf abgewandelt. Gegensätzliche Bilder im Unterricht erhöhen die Aufmerksamkeit und lassen sich leichter merken. Um Aufmerksamkeit in Schulstunden zu erhöhen, ist es effektiv, wenn man sich die Humortechnik der “Inkongruenzen” genauer anschaut. Als Inkongruenz bezeichnet man die Vermittlung von Unterrichtsmaterial im Zusammenhang mit Bildern oder Methoden, die nicht zusammen passen und dadurch die Lernenden irritieren, zum Lachen bringen und ihre Aufmerksamkeit wecken.

Humorvolle Perspektivwechsel schaffen verschiedene Sichtweisen auf ein und dieselbe Sache. Humorvolle Inkongruenzen erzeugen Aufmerksamkeit in einer Schulstunde, einer wichtigen Dienstbesprechung und sogar in einem Streit. Humorvolle Überraschungen bringen Zuhörer dazu, länger zuzuhören und Schüler dazu, sich eingehender mit dem Material zu beschäftigen. Das allein ist schon ein Erfolgserlebnis für Lehrer: wenn sie selbst desinteressierte Schüler mit dem Unterrichtsstoff vertraut machen können, auch wenn diese Schüler nie die größten Fans von Mathematik, Deutsch oder Chemie werden.

Radio Figaro, ein Sender des Mitteldeutschen Rundfunks, beschäftigte sich in einem Beitrag mit dem Geburtstag Glenn Millers. Die Moderation begann mit einem Perspektivwechsel: „Glenn Miller und James Brown hatten zwei rivalisierende Orchester. Glenn Miller wäre heute 100 Jahre alt geworden, also spielen wir einen Song von James Brown.“

"Glenn Miller wäre heute 100 Jahre alt geworden, also spielen wir einen Song von James Brown.“ Illu: Humorinstitut

„Glenn Miller wäre heute 100 Jahre alt geworden, also spielen wir einen Song von James Brown.“ Illu: Humorinstitut

Gegensätze für den Unterricht kann man vorbereiten, mit Gegenständen, Metaphern, Cartoons und Geschichten. Folgende Anekdoten hat Avner Ziv für seine Studie „Lehren und Lernen mit Humor: Experiment und Wiederholung“ bereits 1988 benutzt.

Statistik: Es geht um Standardabweichung. Ein Cartoon wurde gezeigt: In Afrika spricht ein Forscher zu einer Gruppe einheimischer Kinder, die ihn etwas erstaunt anschauen. Hinter ihm – er ist sich dessen nicht bewusst – befindet sich ein Riesenkrokodil, das sich mit aufgesperrtem Maul darauf vorbereitet, ihn aufzufressen. Der Forscher sagt zu den Kindern: „Ihr müsst vor Krokodilen keine Angst haben. Hier in der Gegend sind sie im Durchschnitt nur etwa 50 cm groß.“ Und ein Kind sagt zu einem anderen: „Dieser Typ sollte besser auch an die Standardabweichung denken!“

Psychologie: Es geht um Konditionierung. Ein Mann ist auf dem Weg zur Arbeit und sieht hoch oben auf einem Balkon die schönste Frau, die er je gesehen hat: blond, wohl proportioniert, charmant – und sie lächelt ihn an. Er würde alles tun, um ihr nahe zu sein. Also beschließt er, in den obersten Stock zu laufen. Er rennt die Treppen hoch, 1., 2., 3. Stock, er kommt langsam außer Atem, er rennt weiter. Als er schließlich japsend im 8. Stock ankommt, klingelt er an der Tür. Ein großer, muskulöser, verärgert aussehender Mann öffnet. „Darf ich die blonde Frau sehen?“ Bevor der Mann ausgeredet hat, beginnt der Koloss ihn zu vermöbeln. Übersät mit blauen Flecken, humpelt der Mann zur Arbeit. Am nächsten Morgen steht sie wieder da. Sie lächelt. Wieder Gerenne in den 8. Stock. Diesmal kommt er gar nicht zu Wort, wird sofort zusammengeschlagen. Und er fällt auch noch die Treppe hinunter und wird folglich ins Krankenhaus eingeliefert. Nachdem er verarztet und bandagiert wurde, muss er zwei Tage zu Hause bleiben. Am dritten Tag läuft er wieder an dem Haus vorbei – sie steht wieder auf dem Balkon, strahlend. Er läuft wieder die Treppen hoch (rennen kann er nicht mehr). Als er endlich völlig außer Atem oben ankommt und klingelt, öffnet sie die Tür. Er schaut sie an und fragt: „Wo ist der große Typ?“ Soviel zur Konditionierung!

Für einen Vortrag in der Branche der Oberflächenbeschichtung beschäftige ich mich mit Stahl. Die Zuhörer werden zu 97% aus männlichen Geschäftsführern bestehen. Es bietet sich an, die Offensichtlichkeit, dass ich als Rednerin eine der wenigen Frauen bin, zu nutzen. Schon wenn ich mein Geschlecht als Frau für den Begriff Stahl einsetze, wird die Definition eine durchaus amüsante: Frauen haben die Eigenschaft, in ihrer natürlichen Umgebung zu korrodieren. Um die Nutzungsdauer einer modernen Frau über Jahrzehnte zu erhalten, wird diese mit einem Schutzmantel aus Zink versehen. Sofort entsteht eine Einstiegsidee: Frauen kennen sich ja wirklich bestens aus mit Oberflächenbeschichtung. Wir schminken uns schließlich täglich. Das kann von sehr unterschiedlicher Qualität sein, wie Sie selber wissen. Also können wir heute gern über hohe Qualität in der Oberflächenbeschichtung reden. Natürlich mit Humor.

Humorvolle Bilder gerade bei trockenen Themen

„Ungewöhnliche inkongruente Bilder mögen ja zu ihrem kommunikativen Thema passen, Frau Ullmann, aber Unternehmensformen sind oft nicht besonders spannend für Schüler.“ „Das Thema Intervallrechnung ist viel zu trocken. Da fällt mir nichts Humorvolles ein“. Oft sprechen Lehrkräfte ihrem Thema eine humorvolle Aufbereitung ab. Jedoch besteht die Notwenigkeit gerade bei trockenen Themen, sich mit dem charmanten Actionhelden Humor zusammen zu tun, um für Aufmerksamkeit zu sorgen. Nicht um die Schulstunde zur Comedy-Einheit zu machen. Es reicht eine Prise Humor, um den Unterrichtsstoff zu vermitteln. Eine Lehrkraft hat einen Bildungs- und keinen Unterhaltungsauftrag. Wenn Humor es jedoch schafft, dass Schüler besser und tiefer lernen, lohnt sich die Beschäftigung mit der Ressource Humor.

Merk-würdige Bilder und Unterrichtsstoff zusammen zu bringen, ist besonders in Situationen wichtig, wo das Thema langweilig oder sperrig wird. In Unternehmen ist das z.B. der Bereich des Qualitätsmanagements. Ein wichtiger Bereich, da der Qualitätsmanager die gesamte Produktion eines Unternehmens stoppen kann, wenn die Abläufe nicht eingehalten werden. Jedoch sind fast alle Mitarbeiter genervt von diesem scheinbar trockenen Thema. Ein QM-ler in einem großen Personalunternehmen, das wir einige Jahre kreativ begleitet haben, ist ein Freund von Archäologie. Er beschreibt alte und neue Prozesse in Unternehmen oft mit dem aktuellen Stand von Ausgrabungen in verschiedenen Städten. Bei einem Strategie-Meeting stellte er seinen Bereich vor, in dem er sich in einen großen Ohrensessel setzte und verkündete, er sei das Orakel von Delphi. Dann ließ er die Kollegen Projektbezeichnungen sortieren und sie durften dem Orakel Fragen stellen. In einfachen Worten und mit starken Bildern erklärte er dann umständliche QM-Instrumente in verständlicher Produktionssprache. Er sorgte damit während der kompletten Besprechung für hohe Aufmerksamkeit und Interesse.

Ein weiterer QM-Beauftragter sorgte für Lachen, als er zu einem Audit, also zu einer Überprüfung, in ein Unternehmen kam. Alle hatten Respekt und Bedenken vor der Unternehmensprüfung. Der Auditor kam mit Sonnenbrille und übertriebener Terminator-Körpersprache in den Raum. „So. Da bin ich. Ich weiß, Sie freuen sich auf mich wie auf die Krätze. Ich zeige Ihnen heute, dass ich eher ein Schutzschild bin als eine Krankheit, die man abschütteln muss. Ich sorge dafür, dass Ihr Unternehmen nicht mehr so schnell krank wird.“ Erleichtertes Lachen im Raum und alle öffnen sich für das bevorstehende Audit. Wäre das nicht auch reizvoll bei nervigen Schulthemen oder gar bei Prüfungen? Etwas Gelassenheit trotz wichtiger Themen? Humor erzeugt nicht die Abwesenheit von Ernsthaftigkeit sondern ist ein hilfreiches Rennpferd, um ernsthafte Situationen sportlich und zügig zu bewältigen.

Inkongruenzen beim Lernen

Das Reizvolle bei Inkongruenzen entsteht, weil man Dinge verbindet, die nicht zusammen gehören. Egal ob für Schulstunde, Besprechung oder morgendliche Dienstübergabe. In Gesprächen Bilder zu benutzen, kann eine starke Wirkung haben. Wenn man für eine Matheklasse das gleichschenklige Dreieck mit einem Frosch und seinen gleichlangen Schenkeln vergleicht, dann merken sich Schüler diesen unsinnigen Vergleich schneller, als die logische Tatsache. Die muss man einige Male wiederholen, bis sie im Langzeitgedächtnis hängen bleibt.

Neue Perspektiven: Comic für den Unterrichtsstoff zum Periodensystem.

Neue Perspektiven: Comic für den Unterrichtsstoff zum Periodensystem.

Andreas Dickhäuser ist ein Chemielehrer, der seit vielen Jahren engagiert Humor im Unterricht einsetzt. Dafür hat er Comics für den Unterrichtsstoff zum Periodensystem entwickelt. So illustriert er das Periodensystem mit einzelnen Comics – sei es die Hochzeit von Natrium und Chlorid (die war, falls Sie sich das fragen sollten, nämlich „der Burner“) oder die Non-Heavy-Metal-Fans (bestehend aus Brom, Iod, Chlor und Flor). Die langweiligen Elemente werden zu Comic-Helden. Andreas Dickhäuser hat in seiner Promotion zu Humor im Chemieunterricht nachgewiesen, dass Humor signifikante Wirkung auf das Lernen von Fachinhalten hat (Dickhäuser et al., 2013). 250 Schüler beschäftigten sich 35 Minuten mit dem Periodensystem: eine Gruppe mit einem humorvollen Chemie-Comic zum Thema, eine andere Gruppe ohne humorvollen Input. Alle Schüler wurden einmal unmittelbar im Anschluss und ein weiteres Mal nach den Sommerferien zu den Inhalten befragt. Dabei ergab sich jeweils eine deutlich bessere Wiedergabe der Fachinhalte durch die Gruppe mit dem humorvoll aufbereiteten Inhalt.

Humor ist wie ein scharfes Küchenmesser. Er kann ein sinnvolles Instrument in Präsentationen, bei Verhandlungen, im Unterricht oder in der Lehrerkonferenz sein. Er kann jedoch auch verletzen. Man kann sich daran schneiden oder mit Humor einem anderen Menschen Schaden zufügen. Oft hören Leute Ihnen länger zu, wenn sie Methapern für Ihre Inhalte nutzen. Egal ob Sie Ihre Familie gerade für eine Asienreise oder die Schulleiterin für eine Gehaltserhöhung begeistern wollen. Humor konzentriert sich auf ungewohnte, ungewöhnliche und auf den ersten Blick unpassende Bilder-Vergleiche.

Wer ist das Deutsche Institut für Humor?
Das Deutsche Institut für Humor® hat es sich nach eigenen Angaben zur Aufgabe gemacht, Kommunikationsthemen wohldosiert humorvoll zu bearbeiten und zu präsentieren. „Dabei geht es nicht um Schenkelklopfer und nicht nur um den schnellen Lacher. Uns interessiert die passende Mischung aus Ernsthaftigkeit und Humor. Wir setzen Kommunikationsthemen humorvoll, effektiv, sensibel und kreativ um. Unsere Veranstaltungen sind vom Seminar, über unterhaltsame Impulsvorträge bis zum Einzelcoaching für Mitarbeiter und Führungskräfte eine Motivation. Wir ermöglichen neue Perspektiven auf Herausforderungen, Kunden und die eigene Kommunikation“, so heißt es.

Kontakt: www.humorinstitut.de/

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