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Neun Jahre, überall? Druck auf Seehofer nimmt zu

MÜNCHEN. Die Zukunft des Gymnasiums wird die CSU in nächster Zeit noch beschäftigen. Es zeichnet sich ab, das die Frage einer flächendeckenden Rückkehr zur neunjährigen Abiturszeit eines der großen Themen auf der Kabinettsklausur im Juli werden dürfte. Elternvertreter warnen vor einer überstürzten Entscheidung. Ein Überblick:

Jahrelang wehrte sich die CSU mit aller Kraft und mit allen Mitteln: Es sollte keine Rückkehr zum neunjährigen Gymnasium geben, weder vollständig noch teilweise. Dann aber kam die «Mittelstufe plus» – womit Schüler an ausgewählten Pilotschulen die Mittelstufe nun wieder in vier statt in drei Jahren durchlaufen dürfen. Und die dortige «Abstimmung mit den Füßen» (so der Jubel der Opposition) ist eindeutig: Der weitaus größere Teil der Schüler und Eltern will wieder zurück zu einer neunjährigen Gymnasialzeit. Vollziehen Ministerpräsident Horst Seehofer und Kultusminister Ludwig Spaenle (beide CSU) nun die Wende? Ein Blick zurück – und nach vorne:

Bayerns Ministerpräsident Horst Seehofer hat nach eigener Aussage noch keinen Plan für Zukunft des Gymnasiums. Archivfoto: blu-news.org / flickr (CC BY-SA 2.0)

Bayerns Ministerpräsident Horst Seehofer hat nach eigener Aussage noch keinen Plan für Zukunft des Gymnasiums. Archivfoto: blu-news.org / flickr (CC BY-SA 2.0)

DIE VORGESCHICHTE: Es war eine umstrittene Hau-Ruck-Entscheidung des früheren Ministerpräsidenten Edmund Stoiber (CSU): Zum Schuljahr 2004/05 ging das um ein Jahr verkürzte Gymnasium (G8) an den Start. Doch das Gymnasium blieb eine große Baustelle – und ebenso groß blieb der Ärger. Die Schüler würden überfordert, hätten keine Zeit mehr für Sport, Musik und Ehrenamt – das war der Haupttenor der Kritik.

WAS BISHER GESCHAH: Die CSU versuchte, den Dauerstreit mit einem neuen «Flexibilisierungsjahr» zu lösen. Schüler sollten in der Mittelstufe freiwillig ein Zusatzjahr einschieben und in dieser Zeit besondere Förderangebote nutzen können. Doch das Angebot floppte. Dann, im Herbst 2014, der Paukenschlag: Erstmals zeigte sich die CSU offen für G9-Züge am Gymnasium: für Schüler mit «pädagogischem Bedarf». Zum Schuljahr 2015/16 ging die sogenannte Mittelstufe plus an den Start – zunächst aber nur an ausgewählten Pilotschulen. Dort können Siebtklässler nun selber ihren Weg wählen. Die Regierung versprach, der Zugang werde keinesfalls willkürlich begrenzt.

DER JETZIGE STAND: Der Druck auf die CSU nimmt weiter zu: An den 47 Pilotschulen, an denen die Mittelstufe plus erprobt wird, haben sich in diesem Jahr wohl rund zwei Drittel der Siebtklässler und damit noch einmal mehr Schüler als im vergangenen Jahr für die längere Variante entschieden – da waren es «nur» 60 Prozent. Das Ministerium hatte lediglich mit einem Bedarf von ungefähr 25 Prozent gerechnet. Die kompletten Anmeldezahlen für dieses Jahr sollen im Mai vorliegen.

WAS JETZT KOMMT: Auf der Kabinettsklausur im Juli dürfte die Zukunft des Gymnasiums ein zentrales Thema sein. Zudem hat Seehofer einen «vernünftigen Dialog» mit Spaenle, der CSU, mit Schülern, Eltern und Lehrern über die Ergebnisse der Pilotphase angekündigt. Die Landeselternvereinigung warnt vorsorglich vor einer überstürzten Entscheidung. Doch Seehofer betont, der Zeitpunkt, wann eine Entscheidung getroffen wird, sei noch völlig offen – im Sommer oder erst später, nach dem Abschluss der Haushaltsverhandlungen.

DIE OPTIONEN DER CSU: Angesichts des großen Ansturms auf die Mittelstufe plus steht fest: Am Ende werden wieder mehr Schüler überall in Bayern neun Jahre aufs Gymnasium gehen – egal ob die CSU das Ganze dann Mittelstufe plus oder G8 plus oder sonst irgendwie nennt (nur G9 scheidet wohl aus). Diese Entwicklung wird die CSU, nachdem sie selbst den Pilotversuch gestartet hat, nicht mehr aufhalten können. Das Mindeste ist also, dass es künftig – wohl ab dem Schuljahr 2017/18 – flächendeckend wieder neunjährige Züge geben dürfte. Sollte die CSU dafür sein, will Spaenle es den einzelnen Gymnasien überlassen, ob sie eine Mittelstufe plus anbieten wollen oder nicht. Das wird allerdings nicht ohne zusätzliches Geld gehen.

Möglicherweise wird der Druck aber am Ende auch so groß, dass die CSU sich entscheiden muss, ob sie nicht grundsätzlich zum G9 zurückkehrt – und schnellen Schülern, die dies wollen, eine um ein Jahr verkürzte Variante anbietet. Dafür spricht, dass an den Pilotschulen nur der kleinere Teil der Schüler – rund ein Drittel – in acht Jahren zum Abitur kommen will. Das entspräche dann im Grunde nach dem Modell, das der Philologenverband seit längerem propagiert. Fraglich ist aber, ob die CSU wirklich einen solchen Kurswechsel vollziehen würde. Andererseits: Bei der Abschaffung der Studiengebühren 2013 hat Seehofer seine Partei schon einmal zu einer Kehrtwende gezwungen.

Er selbst betont, er habe derzeit noch keinen konkreten Plan für die Zukunft des Gymnasiums – zuerst wolle er mit allen Beteiligten sprechen. Man kann bei Seehofer allenfalls versuchen, zwischen den Zeilen zu lesen. «Wir haben jetzt ein sehr klares Bild, wie die Meinungen der Eltern, der Kinder, der Lehrer und Lehrerverbände sind», sagt er da. Oder über die Pilotphase: «Man kann nicht in der Politik sagen, unser Partner ist die Bevölkerung, und dann vor dieser Bevölkerung und ihrer Meinung Angst haben.» Oder: «Ich bin sehr daran orientiert: Was nutzt den Kindern und ihren Eltern.»

Wobei Seehofer zugleich betont, dass er keine Abstriche bei der Qualität dulde. Dass er noch nicht entschieden sei, verdeutlicht Seehofer scherzhaft so: «Ich habe jetzt einen schönen Witz gelesen, der passt eigentlich auf mich: Man kann Politik so oder so machen. Ich bin für so.» (Christoph Trost, dpa)

zum Bericht: Geht die CSU zurück zu G9? Mehrheit der Schüler an Pilotschulen wählt den langen Bildungsgang

Ein Kommentar

  1. Wenn die Rückkehr zu einem Abitur nach 13 Jahren ohne zusätzliches Geld nicht gehen soll, wurde im Umkehrschluss durch die Schulzeitverkürzung entgegen allen Bekundungen der Bildungspolitiker doch Geld aus den Schulen abgezogen. Irgendetwas ist da falsch …

    Die Schulträger und die Verlage werden sich bedanken, wenn sie mal wieder komplett neue Bücher anschaffen müssen. Erstere wegen der Kosten klagen, letztere bekommen viel Umsatz bei vergleichsweise wenig Arbeit, weil sie ja noch die G9-Bücher auf irgendwelchen Festplatten gespeichert haben.

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