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Spiegelgefechte um Gemeinschaftsschulen: Warum die Empörung in der CDU überflüssig ist

STUTTGART. Die Empörung über den vorläufigen Kompromiss der grün-schwarzen Koalitionäre in spe beim Thema Gemeinschaftsschule ist eigentlich überflüssig. Vieles hat sich in Baden-Württemberg bereits so entwickelt, wie es die CDU eigentlich wünscht.

Der sich abzeichnende Schulkompromiss der Koalitionäre in spe erzürnt die Gemüter an der CDU-Basis. Die Einigung auf die Genehmigung weiterer Gemeinschaftsschulen und deren Oberstufen ist für viele nicht akzeptabel. Deshalb landete das Thema auf der Dissensliste, der sich die Koalitionäre noch mal gesondert annehmen wollen. Aber bei genauer Betrachtung hat der Konflikt zwischen CDU und Grünen nicht viel Substanz: Es ist ebenso wenig mit einer Flut von Anträgen für Gemeinschaftsschulen wie mit zahlreichen Wünschen für die Einrichtung von Oberstufen an diesen Schulen zu rechnen.

Was hat die CDU gegen die Gemeinschaftsschulen?

Die Gemeinschaftsschule ist der Union seit ihrer Einführung ein Dorn im Auge. Grund: Dort lernen Schüler aller Begabungen in einer Klasse, allerdings auf drei unterschiedlichen Niveaus. Die guten Schüler sollen die schlechteren mitziehen und dabei ihr Wissen vertiefen. Die Christdemokraten und auch die FDP befürworten die getrennte Förderung je nach den Fähigkeiten der Schüler. Man spricht dabei von innerer versus äußerer Differenzierung.

Was erleichtert es der Union, bei der Genehmigung neuer Gemeinschaftsschulen einzulenken?

Es sind nicht mehr die Massen an Anträgen von Schulträgern zu erwarten. Mit künftig 299 Gemeinschaftsschulen – im Land gibt es je rund 400 Gymnasien und Realschulen – ist bereits eine gewisse Sättigung eingetreten. Mit 28 genehmigten neuen Gemeinschaftsschulen für das kommende Schuljahr wurde der niedrigste Wert nach dem Start der neuen Schulart im Jahr 2012 erreicht. Kein einziges Gymnasium wandelte sich bislang zur Gemeinschaftsschule und nur wenige Realschulen. Hingegen übernahmen viele Haupt- und Werkrealschulen das neue pädagogische Konzept, auch in CDU-geführten Kommunen.

Warum pochen die Grünen auf die Oberstufe an Gemeinschaftsschulen?

Die Grünen und die SPD sehen die Möglichkeit, das Abitur zu machen, als essenziell für das Konzept der Gemeinschaftsschule an. Dieses basiert darauf, dass auch Schüler mit Gymnasialempfehlung auf diese Schulart gehen. Bislang besteht deren Schülerschaft zu nicht einmal zehn Prozent aus diesen begabteren Schülern. Als optimale Zusammensetzung der Schülerschaft wird je ein Drittel Schüler mit einer Haupt-, einer Realschul- oder einer Gymnasialempfehlung erachtet. Entfällt die Option, die Reifeprüfung machen zu können, wird die Schulart noch unattraktiver für begabtere junge Menschen – aber auch für Gymnasiallehrer, die dort unterrichten sollen.

Warum will die CDU keine Oberstufe an Gemeinschaftsschulen?

Sie kritisiert das als Verschwendung von Ressourcen. Es gebe bereits genügend berufliche und allgemein bildende Gymnasien, auf denen ambitionierte Absolventen der Gemeinschaftsschulen ihr Abitur machen können. Als Kompromiss hat die CDU durchgesetzt, dass bis 2021 nur maximal zehn Gemeinschaftsschulen im Land eine Oberstufe einrichten dürfen. Doch Kritikern ist selbst die Zahl zu hoch.

Was hat das für Konsequenzen?

Im Prinzip ist die Limitierung nur eine Formalie. Denn im Land gibt es nur wenige Gemeinschaftsschulen, die überhaupt die Kriterien für eine Oberstufe erfüllen. Sie benötigen mindestens 60 Schüler im Jahrgang, die den Weg zum Abitur gehen wollen. Als sehr optimistische Faustregel gilt, dass jeder zweite Schüler sich dafür entscheidet. Deshalb wäre eine Gesamtschülerzahl von minimal 120 Voraussetzung für eine Oberstufe. Der Städtetag Baden-Württemberg rechnet allenfalls mit einer Handvoll Gemeinschaftsschulen, die diesen Anforderungen in den nächsten zwei, drei Jahren genügen.

Bei welchen Schulen wäre eine Oberstufe überhaupt möglich?

In Frage kommen große Schulen in Konstanz, Tübingen und Schwäbisch Hall. Die von der Union geforderte Begrenzung dient somit eher der Wahrung des Gesichts als einem wirklichen Einschnitt. Wie viele Schulen die nötige Masse aufbringen, lässt sich jetzt noch nicht genau sagen, weil die Schüler der 42 Starterschulen erst in der achten Klasse sind.

Wo liegt der wirkliche Dissens in der Schulpolitik?

Die Arbeitsgruppe der Koalitionäre zur Bildungspolitik hat die Frage nach dem acht- oder neunjährigen Gymnasium als bislang ungelöst der kleinen Koalitionsrunde übergeben. Die CDU will den Schulen freistellen, ob sie ihre Schüler in acht oder neun Jahren zum Abitur führen wollen. Die Grünen setzen ausschließlich auf das achtjährige Gymnasium, das sie verbessern wollen. Sie haben sich allerdings von der SPD 44 Modellschulen mit neunjährigen Zügen abringen lassen. Eine Kompromisslinie zwischen Grünen und CDU ist schwer vorstellbar. Von Julia Giertz, dpa

Zum Bericht: Kommen die grün-schwarzen Koalitionsgespräche ins Stocken? Gemeinschaftsschule bringt Teile der CDU in Wallung

2 Kommentare

  1. Was spricht dagegen, dass erfolgreiche Schüler der Gemeinschaftsschulen die Oberstufe an einem (allgemeinbildenden oder beruflichen) Gymnasium durchlaufen? Dann wäre der Oberstufenstreit beigelegt.

    • nichts. nur wollen die Grünen unbedingt eine Gemeinschaftsschule bis zum Abitur. Gymnasien und Realschulen würden sich durch Umwandlung schwächen, Hauptschulen durch neue Realschulklientel hingegen stärken. Kein Wunder, dass sich fast nur Hauptschulen umwandeln …

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