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Zwischen Belastung und Bewunderung – begabte Kinder sind für Eltern und Pädagogen oft stressig

WÜRZBURG. Hochbegabung – manche Eltern versuchen für ihre Kinder mit Nachdruck, ein solches Prädikat zu erlangen – verheißt gute Noten und eine sorgenfreie Zukunft, von einer Erklärung für Verhaltensprobleme einmal abgesehen. Bei anderen steigen im Kopf Vorstellungen auf von Kommunikationsproblemen, Ausgrenzung und Langeweile durch Unterforderung. Die Realität liegt in der Regel irgendwo dazwischen, doch das Umfeld, Eltern und Pädagogen, hochbegabter Kinder stehen vor besonderen Herausforderungen. Viele fühlen sich damit allein gelassen.

In der öffentlichen Wahrnehmung fokussiert sich der Blick auf das  Thema „hochbegabte Kinder“ meist auf den schulischen Bereich. Der  familiäre Alltag hingegen gerät dabei oft aus dem Blickfeld. Ist es für betroffene Eltern daher mitunter schon schwierig, Unterstützung im schulischen Kontext zu finden, sind professionelle Beratungsstrukturen für den alltäglichen Umgang mit ihren hochbegabten Kindern noch weniger entwickelt.

Hochbegabte Jugendliche brauchen auch in ihrer Freizeit intellektuelle Anregungen. heymarchetti / flickr (CC BY-SA 2.0)

Hochbegabte Jugendliche brauchen auch in ihrer Freizeit intellektuelle Anregungen. heymarchetti / flickr (CC BY-SA 2.0)

„Juhu, mein Kind ist ein Genie!“ Eltern, die erfahren, dass der eigene Nachwuchs hochbegabt ist, haben allen Grund zur Freude: Es winken gute Noten, ein hoch dotierter Job und noch viel besser: eine sorgenfreie Zukunft. Das ist aber nur eine Seite der Medaille und häufig auch nicht ganz richtig. Denn begabte Kinder können für Eltern auch eine Belastung sein. Das stellen auch Juliane Hauf und Dr. Nicole von der Linden fest, Mitarbeiterinnen der Begabungspsychologischen Beratungsstelle der Universität Würzburg.

„Manche Eltern sind verunsichert, wenn sie erfahren, dass ihr Kind eine besonders hohe intellektuelle Begabung besitzt“, sagt von der Linden. „Sie empfinden dies als belastend, weil sie damit eine vermeintlich größere Verantwortung tragen und nicht wissen, ob und wie sie dem Kind gerecht werden können.“ Dabei müsse eine hohe Begabung gar nicht zwangsläufig zu Schwierigkeiten führen, im Gegenteil: Viele Kinder kämen sehr kompetent durchs Leben.

Dennoch, sagt die Expertin, gebe es eine Reihe von Problemen, die Familien mit begabten Kindern häufig beschäftigen würden: „Manchen Eltern fällt es beispielsweise schwer, eine Balance zu finden zwischen den guten kognitiven und sprachlichen Fähigkeiten auf der einen Seite und einer altersgerechten sozialen und emotionalen Entwicklung auf der anderen Seite.“ So hätten begabte Kinder häufig Interesse an Themen, die sie emotional noch überfordern würden. Auch würden kluge Kinder viele Dinge hinterfragen und versuchen, Eltern und Pädagogen in Diskussionen zu verwickeln.

Das oft bediente Klischee, hochbegabte Kinder seien Einser-Schüler, treffe indes auch nicht immer zu, betont von der Linden: „In der Schule kann Unterforderung eine Schwierigkeit darstellen, wenn diese sich negativ auf die Motivation auswirkt.“ Insbesondere die Bearbeitung von Wiederholungen und Routineaufgaben werde von begabten Kindern häufig als belastend empfunden. „Hier ist es wichtig, den Kindern rechtzeitig zu vermitteln, dass gute Leistung nicht nur auf guter Begabung beruht, sondern auch Lernbereitschaft voraussetzt.“ Andernfalls könne es früher oder später, häufig beim Wechsel auf die weiterführende Schule, zu einem Leistungsabfall kommen.

Tritt ein solcher ein, müsse zunächst die Ursache gefunden werden: Denn neben fehlender Motivation könnten schwache Leistungen auch durch zu viel Stress bedingt sein, erklärt von der Linden: „Die Stressauslöser begabter Kinder unterscheiden sich häufig von denen normalbegabter Kinder.“ Oft würden zu hohe, mitunter auch falsche Erwartungen an begabte Kinder gestellt mit der Folge, dass diese sich überfordert fühlten. Das sei beispielsweise dann der Fall, wenn von einem Kind aufgrund seiner hohen sprachlichen Kompetenz in allen Fächern sehr gute Leistungen erwartet werden, obwohl die Begabung gar nicht alle kognitiven Bereiche umfasst.

In einer dreitägigen Trainingsmaßnahme haben Hauf und von der Linden im April elf Müttern und Vätern gezeigt, worauf sie bei der Kommunikation mit ihren begabten Kindern achten sollten und wie sie Probleme im familiären und schulischen Alltag lösen können. Die Resonanz sei so positiv ausgefallen, dass eine nun Wiederholung im Oktober geplant ist. (zab, pm)

• zum Bericht: „Ein wichtiger Teil von normalem Unterricht“: Jetzt entdecken auch die rot-grünen Bildungsminister die Begabtenförderung
• zum Bericht: Begabtenförderung – KMK auf der Suche nach dem großen Wurf
• zum Bericht: Immer mehr Eltern halten ihr Kind für hochbegabt – und machen Druck auf die Schule

27 Kommentare

  1. Aja, die Kinder müssen lernen, dass gute Leistungen Lernbereitschaft voraussetzt. Prinzipiell natürlich klar. Wenn aber für die Hochbegabten da doch nichts zu lernen IST – und das über Jahre!?! Da wird vage über mangelnde Motivation geschrieben, als sei das Kind Schuld daran.
    Einen guten Schwimmer würde man NIE jahrelang im Nichtschwimmerbecken Schwimmübungen machen lassen. JEDER hätte Verständnis dafür, dass das keinen Sinn macht, und das Kind NATÜRLICH da keine „Lernbereitschaft“ zeigen kann. Kinder mit IQ-Wert 130+ müssen aber meist immer noch das ganze blöde Zeugs mitmachen und üben üben üben, das die Kinder mit mehr oder weniger IQ-Wert 100 brauchen – natürlich dann auch noch hochmotiviert, da sie ansonsten problematisch sind … Diese Ignoranz hat sich nicht verändert!

  2. mehrnachdenken

    Hat nicht einer dieser „Schul-Revolutionäre“ behauptet, jedes Kind sei hochbegabt? Wer war das noch mal neben diesem „genialen“ Philosophen Precht?

    Beim ersten Gespräch mit der Schulleitung meiner neuen Schule hörte ich tatsächlich von mehreren Hochbegabungen in jeder Klasse.
    Nun ja, das Ganze entpuppte sich als echter Flopp. Da war wohl mehr der Wunsch der Vater des Gedankens.
    Zur Hochbegabten – Gruppe gehörten auch SuS mit einem Zweier – Zeugnis. Offiziell getestet war aber kein einziger SuS. Irgendwie gespenstisch, da niemand in der Schule die Realität zur Kenntnis nehmen wollte.

    • im Artikel steht ja, dass sehr gute Noten und Hochbegabung nicht zusammenhängen müssen. den Unterschied zwischen „gut weil fleißig“ und „hochbegabt“ hat offenbar nicht jeder verstanden …

      (gilt natürlich auch für lrs vs. faul.)

      • mehrnachdenken

        Die Schule erklärte mal schnell einige SuS für hochbegabt, obwohl es dafür keinerlei Hinweise gab. Warum wohl?
        So etwas ist gut für die Außendarstellung. Niemand fragt, ob es auch stimmt.

        • Das spricht definitiv nicht für die Qualiät der Schule und deren pädagogisches Konzept. Die „Opfer“ sind dabei aber die Schüler, die für diese falsche Politik nichts können und die so oder so falsch „behandelt“ werden.
          Mit sachgemäßem Umgang mit Hochbegabung hat das nichts zu tun, dafür kann man aber die von Hochbegabung Betroffenen nicht verantwortlich machen!
          Es zeigt sich hierbei nur wieder sehr präzise, wie fahrlässig mit diesem Thema umgegangen wird.

      • „den Unterschied zwischen „gut weil fleißig“ und „hochbegabt“ hat offenbar nicht jeder verstanden …“
        Tja, den Unterschied kann man vor allem dann nicht merken, wenn man einen nachvollziehenden, eine Lösung orientierten Unterricht macht.
        Im entdeckenden Unterricht, der mehrere Lösungen zulässt, wo man über die Lösungswege der Schüler diskutiert, kann man dann schon erahnen, wer besser abstrahieren kann und das Thema allgemein vollumfänglicher durchblickt und darüber hinausdenkt. Mit Fleiß ist dem dann nicht mehr beizukommen.

        • Wer im entdeckenden Unterricht immer mit dabei ist, ist noch lange nicht hochbegabt. Mit großer Wahrscheinlichkeit gehören die Hochbegabten zu dieser Gruppe, darunter sind aber noch eine ganze Menge „normaler“ Schüler, die lediglich Spaß am Knobeln haben (bzw. denen das vom Elternhaus anerzogen und vorgelebt wurde). Sie können mein „gut weil fleißig“ auch durch „gut weil ehrgeizig“ oder „gut weil neugierig“ o.ä. ersetzen, um die Strebsamkeit aus der Begründung herauszunehmen. Mit Hochbegabung hat das dann noch immer nichts zu tun.

          In zehn Jahren Lehrersein sind mir zwei (!) echt hochbegabte Schüler begegnet, nicht pro Jahr oder pro Klasse, sondern einfach nur zwei. Auf eine normal große Schule umgerechnet dürfte das dann einem neu eingeschulten echt hochbegabten Schüler alle fünf Jahre oder so entsprechen.

          • Mit dem entdeckenden Unterricht meinte ich jetzt nicht Knobelaufgaben, sondern ich wollte die Gegensätze herausstellen zu einem nachvollziehenden, quasi passiven Unterricht und dem Unterricht, wo die Schüler aktiv werden können und zeigen können, was sie draufhaben. Das können u.a. eigene Experimente und Schlussfolgerungen sein oder auch in Deutsch Gemeinsamkeiten erkennen, das Weiterdenken usw. Wenn ein Schüler durch die Fächer hinweg einen Gesamtüberblick/-durchblick zeigt, dann besteht für mich in der Grundschule schon einmal der Verdacht auf eine kognitive Hochbegabung.(Die soziale Intelligenz schließe ich jetzt mal aus.)
            Zum IQ:
            In der Grundschule gibt es ja öfter aufgrund unterschiedlicher Auffälligkeiten Intelligenztests. Begabungen knapp über 110 kommen schon häufiger vor, doch je höher, desto seltener. Was missverständlich ist, ist, dass man zwischen 110 und 130 irgendwie nicht mehr „normal“, sondern „hoch“ begabt ist, aber, wie ich im Internet gelesen habe, eine Hochbegabung erst ab 130 festgemacht wird. (Falls das nicht stimmt, sollte mich speybridge bitte verbessern.) Getestete Schüler zwischen 110 und 120 hatte ich in der Grundschule schon öfter.

          • Richtig. Hochbegabung fängt ab IQ 130 an, das sind maximal 2% der Bevölkerung. Etwa 34% der Bevölkerung hat einen IQ zwischen 100 und 115. Ihre Erfahrung mit IQ 110-120 ist also nichts außergewöhnliches. Sie selbst dürften aufgrund Ihres erfolgreich absolvierten Hochschulstudiums auch in dem Bereich (oder höher) liegen.

            Quelle: http://www.hochbegabte-begleiten.de/iq/iq-verteilung.html

    • Das „offiziell testen“ ist nicht in jeder Region ganz einfach …

      Deutlich vor Augen habe ich gerade, dass SuS mit kognitiver Begabung durchaus Arbeitshefte füllen können und/oder etwas leicht auswendig lernen,
      Empathie, Motorik und Phantasie aber brach liegen.

      • Hauptsache, es gibt an den Hochbegabten etwas zu kritteln!
        Die „Normalos“, die sich heutzutage in den Real- und Hauptschulen tummeln, dämliche Fazzenbilder posten, sich prügeln, mobben, aufbrezeln – ja, die sind halt normal. Da würde sich niemand über mangelnde Sozialkompetenz oder fehlende Kreativität beklagen.
        Aber diese Hochbegabten … Wenn sie denn Hochleister sind … dann sind sie sozial nicht kompetent … Einzelgänger … Roboter eben.
        Nicht zu fassen!! Einfach nicht zu fassen!

        Das Dilemma ist einfach, dass auch 98 % der Lehrer nicht hochbegabt sind – wie eben 98% der Gesamtbevölkerung – und einfach keine Ahnung haben, was das ist.
        Hochbegabung ist eben nicht einfach nur ein bisschen besser rechnen oder schneller auswendiglernen können.
        Da findet ein QUALITÄTSSPRUNG im Denken statt – und nur deswegen ist z.B. Einstein der, für den wir ihn schätzen. Dem fehlte sicher nicht die Kreativität. Der hat das ganze Weltbild umgekrempelt. Ob er gut „Päckchen rechnen“ konnte und wolllte – keine Ahnung!
        Diesen Qualitätssprung in Potenzial kann aber nur jemand wahrnehmen, der halt die entsprechenden „Antennen“ hat.
        Qualitätsmäßig guter Wein ist ja auch nicht einfach nur mengenmäßig mehr von billiger Plöre. Das leuchtet wohl jedem ein. Und wer nur billige Plöre trinkt, wird den Unterschied nicht kennen. Den muss man geschmeckt haben, um ihn zu erkennen.
        Das ist das Leid der Hochbegabten! Sie werden beurteilt von Typen, die nicht wissen, was Sache ist.
        Sorry, das muss ich einfach mal loswerden.

        • Ist ja schön, wenn sie es jetzt los sind 😀
          ICH habe übrigens gar nicht „hochbegabt“ geschrieben, sondern von „SuS mit kognitiver Begabung“.

          Auch habe ich nicht generell Hochbegabten Kreativität und Empathie abgesprochen, stelle aber in meinem Umfeld fest, dass Kinder zu „hochbegabt“ erklärt werden, wenn sie in sehr frühem Alter auf kognitives Ableisten gedrillt werden.
          Andere Fähigkeiten, die offenbar vom Kind nicht so leicht zu erreichen sind und von den Eltern nicht eingefordert werden, entwickeln sich nicht entsprechend (weiter).

          Im übrigen geht es da nicht um „Normalos“, nicht um posten, prügeln, mobben, sondern um 6jährige, die sich wie Prinzen oder Prinzessinnen fühlen, weil viel zu viele ihnen viel zu lange immer gesagt haben, dass sie so phänomenal begabt sind,
          die aber mit ihrer Umwelt (und anderem) nicht zu Rande kommen, weil ihnen bisher das Übungsfeld fehlte.
          Nun muss dieses in Teilen begabtere Kind einen Teil der Unterrichtszeit nicht auf weiteren Arbeits-Blatt-Drill verwenden, sondern auf Motorik, Phantasie und Emphatie.

          • Drillen und HB stehen in diametralem Gegensatz. Ein Kind, das gedrillt wird, ist höchstwahrscheinlich alles andere, aber nicht hb.
            Und „Ableisten“ gibt es nicht bei wirklich hb. Da hat man es dann wohl wieder mit den bemitleidensweten Familien zu tun, die glauben, sich auf diese Weise profilieren zu müssen.
            „Zu hb ERKLÄRT“ – ja, was ist dennn das?!? Elternselbstbefriedigung, aber doch keine wirklich HB. Dann ist das auch kein Wunder, dass die Kids eingebildet sind.
            Das sollte man aber doch bitte nicht verwechseln!

            Ein privates Beispiel: Mein Sohn saß mit 17 Monaten im Sandkasten und irgendetwas funktionierte nicht so, wie er es wollte. Er wurde wütend und brüllte laut: „Feinmotorik klappt nicht! Klappt aber bald besser.“ Alle Mütter um mich herum erstarrten – und ich übrigens auch! Ich hatte wohl mit meinem Mann Tage vorher mal darüber gesprochen, dass es mit der Feinmotorik des Jungen noch nicht so gut bestellt war … Dass der das aber gehört hatte, verstanden hatte, aussprechen konnte, wusste, was damit gemeint war und spontan situativ korrekt anwenden, also den selbstständigen Transfer in den Moment leisten konnte … und das spontan mit 17 Monaten! … das schafft kein Drill der Welt. Das ist einfach DA!
            Und so etwas hat mit HB zu tun!

          • Der hochbegabte Sohn von Bekannten scheitert gerade im Gymnasium, weil er zu faul ist, etwas zu tun. Die 7. Klasse hat er schon wiederholt. Die zweite Runde derselben läuft auch nicht besser. In manchen Fächern, wie z.B. Sprachen muss jeder Vokabeln lernen, Grammatik üben, Hausaufgaben machen. Da reicht Hochbegabung nicht aus. Für Kinder, die noch nie etwas üben, lernen oder sich anstrengen mussten, ist das eine ganz neue Erfahrung. Die Eltern sind es gewohnt, dass der Sohn alles kann und geben sich mit der Nachfrage, ob er gelernt habe zufrieden. Er sagt einfach ja, getan wurde nichts und so wird er wohl diesmal das Gymnasium verlassen müssen.

        • Wenn wir mal davon ausgehen, dass die intelligentere Hälfte eines Jahrgangs auf das Gymnasium geht, dann verteilen sich von den Normalbegabten nur die 34% mit IQ 85-100 auf die Haupt-, Real- und Gesamtschulen, von denen dann wohl der ein deutlich größerer Teil in (den E-Kursen der) Gesamtschule, weil sie ja das Ziel Abitur haben. Unter diesen Annahmen gibt es kaum „Normalos“ an den Haupt- und Realschulen, an den Hauptschulen noch mal deutlich weniger als an den Realschulen.

          Für die Hass-Kommentare: Ja, das ist vorurteilsbehaftet; ja, ein IQ sagt nichts aus, insbesondere nicht über soziale Entwicklung; kognitive Begabung, echte Hochbegabung und was man daraus macht haben nicht viel miteinander zu tun

          Trotzdem: Nein, nicht in jedem Kind ist irgendeine (Hoch-) Begabung enthalten; gewisse Tendenzen beschreibt mein Kommentar zutreffend

          Quelle der Prozentzahlen: http://www.hochbegabte-begleiten.de/iq/iq-verteilung.html

          • Danke für die klärende Auflistung und den Link. Ich kann im Prinzip alles unterstreichen, was Sie geschrieben haben. Vielleicht sollte man zusätzlich erwähnen, dass doch mehr als vermutet Schüler wegen anderer beeinflussender Faktoren nicht die Schulart besuchen, für die sie kognitiv begabt wären.

          • Nicht nur sehr begabte Schüler besuchen eine „zu einfache“ Schulform, sondern für mich zumindest gefühlt viel mehr weniger begabte Schüler besuchen eine „zu schwierige“ Schulform. Für das Abitur reicht es trotzdem, weil die Bildungspolitik, um bloß keinen zurückzulassen, nicht mehr voranschreitet.

          • Das würde ich auch nie behaupten, dass jedes Kind „irgendwie“ hochbegabt sei! Das ist Populismus ohne Substanz, der sich gut anhört. Hochbegabt sind 2-3% der Bevölkerung: ein rein statistischer Wert.
            Falls Sie mich meinen mit „Hasskommentaren“, dann weise ich das energisch von mir. Es nervt nur einfach – und über die Jahrzehnte hat sich da einfach nicht viel verändert -, immer wieder mit demselben undiiferenzierten Zeug konfrontiert zu werden.

            Mit allen Schwächen von Legasthenie bis hin zu Ach-ich-weiß-nicht-was geht man fördernd um – mit den Minderbegabten sowieso: Da hat man sogar eine eigene Lehrerausbildung, eigene Schulen, eigene Didaktik/Methodik/Lehrbücher etc.
            Ein Kind mit IQ-Wert 130 ist aber von „Normal-100“ genauso weit weg wie ein Kind mit IQ-Wert 70 – und so ein Kind ist gar nicht mehr normal beschulbar. Niemand auf der Welt würde von diesem Kind verlangen, mit demselben Stoff zurechtzukommen wie die „100-Kinder“. Von den Hochbegabten erwartet man aber genau das! Wie soll das funktionieren?
            Auch das ist schreiende Bildungsungerechtigkeit, zumal die „wirkliche“ Hochbegabung nicht an den sozialen Stand gebunden ist und schon bei Galeerensträflingen und römischen Tierwärtern vorkam: Es sind einfach 2-3% der Bevölkerung.

            Da etliche hb Kinder aufgrund von chronischer Unterforderung zu Minderleistern werden oder erst gar nicht erkannt werden, gibt es durchaus auch an Real- und Hauptschule Hochbegabte. Sogar an Förderschulen gibt es sie. Manchmal kommen sie da sogar besser zurecht als an einem normalen Gymnasien, da die Förderschullehrer oft viel differenzierter auf das einzelne Kind sehen. Da sind schon etliche hb Schüler wieder aufgepäppelt worden – auch an integrativen Schulen! Dieser Art von Arbeit gilt meine volle Hochachtung!

        • @speybridge
          „Sie werden beurteilt von Typen….“
          Die Aussage „Lehrer als Typen“ gibt mir zu denken. : – (

          Ich hoffe, es geht Ihnen darum, dass Lehrer die Hochbegabung wertschätzen, wie sie auch Tiefbegabte fördern und ADHS Kinder integrieren. Bisher hatte ich noch nie einen getesteten Schüler über 130, doch ich habe da in den zurückliegenden Jahren ein paar wenige in Verdacht, die zum Teil als hochbegabt galten. Allerdings hatte ich bei fast keinem Schüler das Gefühl, dass er, wie Sie so salopp ausdrückten, „keinen Bock“ auf Schule hatte.
          Welche Lösungen schlagen Sie für das Schulsystem vor?
          Finden Sie das Überspringen von Klassenstufen gut?
          Bei uns gibt es schulortnah eine Hochbegabtenklasse an einem Gymnasium.

          • Ja natürlich, aber das passiert aber meist bei den HB einfach nicht.
            Da bekommt z.B. vor kurzem eine Viertklässerin (hb getestet) einen Aufsatz zurück mit einer 3. Das wäre an sich nicht schlimm, aber schlimm ist der Kommentar der Lehrerin: „Klara, Du schreibst zu erwachsen. Wenn Du wieder so schreibst wie alle anderen Kinder, dann bekommst Du auch wieder eine bessere Note!“
            Das ist ge-lebte und er-lebte Nicht-Wertschätzung – und da ich seit 25 Jahren im Thema berate, kann ich mit tausenden socher Geschichten dienen.

            Wertschätzung und Empathie sind einfach menschliche Grundbedingungen für Leute, die mit anderen Leuten arbeiten. Oft reicht doch der „gesunde Menschenverstand“: Wenn ein begabtes Kind im Unterricht stört, gebe ich ihm was Kompliziertes – und wenn es nur ist, damit ich meine Ruhe habe und entsprechend mit den anderen weiterarbeiten kann. Das passiert aber nicht: Das Kind wird getadelt, soll weiter mitmachen, was es nicht tut, die Unruhe wächst – und keiner profitiert. Das ist die Realität. Und DAS ist aufreibende Mehrarbeit für die Lehrer – und nicht das Geben einer Knobelaufgabe im Unterricht oder eines Aufsatzthemas statt Arbeitsblatt als Hausaufgabe.

            Überspringen ist manchmal sinnvoll, aber keine „Endlösung“, da die Kids sehr schnell wieder auf dem Stand sind …

          • Zu xxx 19.44 Uhr:
            Wohl wahr! Da stimme ich völlig mit Ihnen überein.

  3. Es wäre wunderbar, wenn die Realität tatsächlich überprüft würde! Dann könnte man vielleicht nicht mehr ganz so leichtfertig alles abtun, was mit wirklicher Hochbegabung zu tun hat. Diese „Pseudohochbegabtenfälle“, die es leider ab und an gibt, werden noch zu gerne als Alibi genommen, das ganze Thema lächerlich zu machen und pädagogisch unter den Tisch fallen zu lassen.
    Der Notenspiegel von SuS sagt im Übrigen nicht immer etwas darüber aus, ob nicht doch eine Hochbegabung vorliegt. Ein guter Schwimmer, der vier Jahre lang Schwimmübungen im Nichtschwimmerbecken machen musste, hat auch keinen Bock aufs Schwimmen mehr!

  4. „Oft reicht doch der „gesunde Menschenverstand“: Wenn ein begabtes Kind im Unterricht stört, gebe ich ihm was Kompliziertes – und wenn es nur ist, damit ich meine Ruhe habe und entsprechend mit den anderen weiterarbeiten kann. Das passiert aber nicht: Das Kind wird getadelt, soll weiter mitmachen, was es nicht tut, die Unruhe wächst – und keiner profitiert. Das ist die Realität. Und DAS ist aufreibende Mehrarbeit für die Lehrer – und nicht das Geben einer Knobelaufgabe im Unterricht oder eines Aufsatzthemas statt Arbeitsblatt als Hausaufgabe.“

    Das sehe ich etwas anders … wobei ich von begabteren und weniger begabteren SuS ausgehe und sich die Begabungen auf verschiedene Teilbereiche erstrecken kann.

    Wenn ein Kind stört, überlege ich mir, woran es liegen könnte.
    Dann probiere ich leichtere oder schwierigere Aufgaben, achte auf Steckenpferde, Talente, Möglichkeiten. Das ist per se meine Arbeit, meine Aufgabe und auch Aufwand… ist aber Alltag mit differenzierten Wochenplänen, differenzierten Hausaufgaben in mehreren Fächern in Klassen mit begabten und weniger begabten SuS, welche mit Beeinträchtigungen in verschiedenen Bereichen und Ausprägungen, mit Migrationshintergrund seit mehreren Generationen in Deutschland und auch mit Fluchterfahrung und minimalen Deutschkenntnissen.

    Die „aufreibende Mehrarbeit“ ist, dass ich alle diese SuS gleichzeitig beschulen möchte, die Kinder sehr unterschiedliche Voraussetzungen und Bedürfnisse mitbringen und ich stets allein im Klassenraum bin und über Differenzierung bemüht bin, ihnen allen gerecht zu werden.
    Mein Arbeitgeber meint, mit Inklusion und Kompetenzorientierung ist das zu schaffen. Deshalb gibt es so gut wie keine weiteren personellen Zuwendungen für Schulen, weder für die einen noch für die anderen SuS.

    Im Übrigen ist es auch bei begabteren SuS eben nicht damit getan, Knobelaufgaben zu stellen oder andere Themen zu verteilen. Diese müssen genauso beraten, besprochen und überprüft werden.
    Hinzu kommt, dass man auch den Begabteren Aufgaben stellen muss, die sie ans LERNEN heranführen, die sie fordern und sie an Grenzen führen. Auch das ist Mehrarbeit, die – für mich – nicht einfach zu leisten ist. Umgekehrt werden Aufgaben für Kinder mit Beeinträchtigungen derart adaptiert, dass sie von diesen (in Teilen) zu leisten sind.

    Bestimmte Grundkompetenzen fordere ich aber dennoch und generell ein – und dazu gehört u.a. Schreibmotorik, die leserliche Texte produziert, Empathiefähigkeit – sich zu äußern und andere wahrzunehmen … und manch anderes. Und das fordere ich bei allen Kindern ein, die ich dazu leidlich in der Lage halte, also auch bei den Begabteren.
    Dass ein Kind mit miserabler Handmotorik keine Lust hat, ausgerechnet Schrift und Schreiben zu üben, ist mir klar. Aber ein Kind mit Merkschwäche hat womöglich auch keine Lust, Rechenaufgaben zu rechnen, die es nicht auswendig kann, oder etwas auswendig zu lernen. Trotzdem fordere ich von allen ein gewisses Maß an Disziplin und Anstrengungsbereitschaft, gerade und auch von denen, die meinen, sie könnten immer alles so toll.
    Das bedeutet nicht, dass es an anderer Stelle nicht auch Herausforderung geben kann, aber das Leben besteht nicht nur aus Knobel-Spaß, sondern auch daraus, etwas zu üben und sich bei etwas Mühe zu geben, das man nicht so gut kann. Und meiner Meinung nach müssen das auch begabte Menschen lernen.

    • Da kann ich nur bei so gut wie allem zustimmen, was vielleicht jetzt verwundern wird.
      Hb Schüler müssen sich klar an Regeln halten, vernünftig schreiben etc., aber das ist halt nur der eine Teil. Man muss ihnen auch entgegenkommen.

      Was aber wirklich dramatisch ist, das ist die konkrete Schulsituation der Lehrer. Das verstehe ich vollkommen, ganz ironiefrei.
      Ich habe eine zeitlang im Schulministerium NRW im Ausschuss für Inklusion gesessen, weil ich dort auch die Belange der Hochbegabten zumindest einbringen wollte, da sie nirgendwo verankert sind, ganz anders eben als die Förderbedarfe anderer Kinder. Ich habe dort viel guten Willen erlebt und wie alle das Beste für alle wollten. All das war aber hochkompliziert mit vielen unterschiedlichen Beteiligten, Vorstellungen und vor allem diversen Kostenträgern mit ihren Grenzen – und alles hing mit allem zusammen. So scheiterten letztlich die guten Ansätze an tausend Einschränkungen. Eine Katastrophe für Lehrer und alle Schüler – sicher nicht nur in NRW. Gut gedacht, schlecht gemacht.
      Ein weiterer Niveauverlust scheint nicht zu stoppen, und sowohl Schüler als auch Lehrer sind Verlierer bei all dem.

      • … Gewinner sind Finanzminister und Kämmerer, die die (Mehr-) Kosten zwar auf dem Rücken der Kinder, aber erfolgreich drücken können. Ziel erreicht.

        • Das Resultat ist natürlich mehr als unbefriedigend – aber trotzdem habe ich den Prozess als viel komplexer erlebt: Bei den Politiker/innen selbst habe ich tatsächlich eine verblüffend große und auch authentische Offenheit erlebt. Problematisch waren dagegen die inhaltlich Einbezogenen im Diskurs, die „Lobbyisten“. So war ich vor Jahren in großer Runde mit der Schulministerin – damals noch Frau Sommer von der CDU – Zeugin, wie die Vertreterinnen zweier Behindertenverbände mit unterschiedlichen Positionen zur Inklusion sich wirklich bis aufs Blut bekämpften, bis beide in Tränen daniederlagen. Auch andere Beteiligte haben die Diskussion in unterschiedlichen Richtungen sehr ideologisch aufgeheizt und versucht, ihre Position durchzusetzen. Dazu kamen besagte Finanzierungsgeschichten.
          In diesem chaotischen Durcheinander Entscheidungen zu treffen, die irgendwie unter einem Hut für alle irgendwie akzeptabel waren – so etwas kann nicht gutgehen. Herauskommt eben „irgendetwas“, was alle „irgendwie“ berücksichtigt, aber weder Fisch noch Fleisch ist – von der Unterfinanzierung nicht zu reden.
          Der wirklich erlebte gute Wille – vor allem auch der aktuellen Schulpolitikerinnen in NRW – wird überrollt von widersprüchlichsten und z.T. aggressiv vertretenen Ansprüchen – und bleibt auf der Strecke. Vielleicht ist das auch die größte Schwäche jeden politischen Diskurses, dass nämlich zu viele Köche letztlich doch den Brei verderben, zumal, wenn das Budget begrenzt ist.
          Für mich war das der erste und letzte Abstecher in die Politik. Diese Art von Frustrationstoleranz und Durchhaltevermögen und dickem Fell habe ich nicht.

          Was bleibt, ist die schulische Realität, die niemanden glücklich macht – und die Hochbegabten fallen eben mit ihren Stärken und Schwächen meist immer noch am ehesten durch alle Löcher.
          Eine Mutter sagte mir letztens: „Ich wollte meine Tochter, die sehr ruhig und unproblematisch ist, ganz normal an unserer Grundschule anmelden und erwähnte wirklich nur nebenbei, dass sie hb getestet sei. Hätte ich das doch nur gelassen, denn da sagte der Direktor: ‚Ihre Tochter will ich hier nicht haben. In Kürze kommt die Inklusion, und da kann ich so einen SchnickSchnack wie Hochbegabung nicht auch noch brauchen!'“

          • @speybridge
            Danke für den erhellenden Einblick in die Schulpolitik. So ähnlich habe ich mir das Ganze schon gedacht. Was wir als Lehrer an Bestimmungen/Verordnungen abbekommen, ist dann – extrem ausgedrückt – das Ergebnis, welchen Lobbyisten am meisten Gehör geschenkt wird (hier kommt mir die Kultusministerin wie eine gute oder schlechte Managerin vor) unter dem Eindruck der Finanzierung.

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