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Pro und Kontra Elternwahlrecht – Lehrerverbände streiten über das bayerische Übergangszeugnis

MÜNCHEN. Das Übertrittszeugnis, das am heutigen Montag in den vierten Grundschulklassen verteilt wird, ist eine bayerische Besonderheit: Anhand des Notendurchschnitts entscheidet sich, welche weiterführende Schulform das Kind besuchen darf. „Der immense Druck quält zu viele Kinder“ – meint BLLV Präsidentin Fleischmann und appelliert an das CSU-geführte Kultusministerium, Reformen einzuleiten. Auch der Bayerische Elternverband kritisiert das bestehende Verfahren. Der Bayerische Realschullehrerverband hingegen wehrt sich gegen Initiativen, das Übergangszeugnis abzuschaffen und Eltern ein Wahlrecht einzuräumen.

Links oder rechts? Für immer mehr Eltern scheint es nur eine Richtung zu geben. Illustration: pixabay.de / (CC0 1.0)

Verbindliche Vorgaben in Sachen Schulwahl sind in Deutschland selten geworden – der Elternwille ist fast überall frei. Illustration: pixabay.de / (CC0 1.0)

Der Übertrittsdruck quält viele Kinder – „zu viele“, meint die Präsidentin des Bayerischen Lehrer- und Lehrerinnenverbandes (BLLV), Simone Fleischmann. Anlässlich der Zeugnisvergabe zum Übertritt Anfang Mai in vierten Grundschulklassen appellierte sie an das Kultusministerium, das gängige Verfahren zu überdenken und Reformen einzuleiten, die die Situation wenigstens entschärfen. Als langjährige Schulleiterin und Lehrerin wisse sie noch sehr genau, welchen Strapazen Familien und vor allem natürlich die Kinder über Wochen ausgesetzt seien, um den ersehnten Notenschnitt zu erreichen. „Er ist die Eintrittskarte für das Gymnasium, dort geht es dann für viele Kinder mit der Quälerei weiter.“ Erfolgreiches Lernen und Druck passten eben nicht zusammen. „Ich habe viele Kinder erlebt, die angesichts des hohen Erwartungsdrucks krank geworden sind oder die Lust am Lernen völlig verloren haben.“ Immer wieder stelle sie sich die Frage: Wollen wir das und warum hören wir nicht einfach auf damit?

Die BLLV-Präsidentin fordert ein Umdenken: „Im Kern müssen uns endlich von der zu frühen Sortierung von Kindern auf verschiedene Schultypen verabschieden – wenn das aber  partout nicht gewollt ist, müssen wir wenigstens Verbesserungen im Prozedere herbeiführen.“ Ein erster Schritt sollte die Freigabe des Elternwillens sein.

Unzählige wissenschaftliche Studien belegten, dass sich Lernprozesse in einem Umfeld, das von Druck, Stress und Versagensängsten geprägt sei, nicht frei, kreativ und effektiv entwickeln könnten. Selbst positive Reformen wie die Neukonzeption des Grundschullehrplans würden immer vom Übertrittsdruck überschattet. Auch an den Lehrerinnen und Lehrern gehe der Druck nicht spurlos vorüber: „Viele atmen auf, wenn der Montag vorüber ist. Sie mussten wochenlang sehr viel Stoff unterrichten, Prüfungen abhalten, Noten verteilen und letztlich Entscheidungen treffen, die nicht leicht fallen.“ Das belaste Grundschullehrkräfte erheblich. Hinzu kämen leider auch negative Erfahrungen mit Eltern, die immer öfter Noten juristisch anzweifeln, Lehrkräfte attackierten oder beschimpften.

„Ich hoffe, dass das Kultusministerium diese Fakten nicht einfach weiter ausblendet und Maßnahmen überlegt, die allen Beteiligten helfen“, sagte Fleischmann.

Auch der Bayerische Elternverband (BEV) beklagt die bestehende  Situation. Der Druck, der durch den Übertritt auf die Kinder schon in der Grundschule entsteht, sei immens und werde von Eltern wie Lehrern gleichermaßen beklagt, so heißt es in einer Presseerkärung. Der BEV fordert daher, den Zeitpunkt der Spezialisierung auf bestimmte Bildungseinrichtungen auf einen deutlich späteren Zeitpunkt zu verschieben. „Mit einer langsameren und flexibleren Gangart könnte der Stress für die Kinder reduziert und so manche Fehlentscheidung vermieden werden“, meint der Landesvorsitzende des BEV, Martin Löwe,

Der Bayerische Realschullehrerverband (brlv) hingegen meint, die Debatte gehe am Thema vorbei. „Leider haben die aktuellen Entwicklungen in der Bildungsdiskussion einige Politiker der SPD nicht erreicht – die krachende Niederlage der Partei bei der vergangenen Landtagswahl in Baden-Württemberg war vor allem der verfehlten Bildungspolitik geschuldet“, sagt der brlv-Vorsitzende Jürgen Böhm. Gerade die mit der Brechstange durchgesetzte Abschaffung der verbindlichen Übertrittsempfehlung durch ein SPD-geführtes Kultusministerium und die mit politischem Druck eingeführte Gemeinschaftsschule habe zu enormen Verwerfungen und Fehlentwicklungen in unserem Nachbarland. Als Konsequenz stieg die Wiederholerquote an den Realschulen und Gymnasien extrem an; die enttäuschten Erwartungen führten zu Frustrationen und Widerstand bei Eltern und Schülern“, so kommentiert er einen Vorstoß der bayerischen SPD (und damit auch den des BLLV), eine verbindliche Übertrittsempfehlung der Grundschule abzuschaffen.

Die Eltern in Bayern hätten längst die vielfältigen Möglichkeiten und Übergangschancen für die Schüler aller Schularten erkannt, meint Böhm. Mit dem Übertritt nach der Grundschule eröffneten sich große Gestaltungsspielräume. Bewusst wählten heute viele Schüler und Eltern in Bayern den Weg über die Realschule und das berufliche Schulwesen in das duale Ausbildungssystem oder in Richtung Hochschule. Böhm: „Dabei gibt es keinen Königsweg und schon gar keine Königsschulart. Ein Verzicht auf klare Leistungskriterien, die neben einem intensiven Beratungsverfahren stehen, führt zu einer qualitativen Schwächung der differenzierten Bildungsgänge oder zu Frustration und Enttäuschung bei überforderten Kindern und Jugendlichen.“

Und: „Verantwortungsbewusste Eltern sollten immer die Frage stellen: ‚Wann ist mein Kind glücklich – heute und zukünftig? ‘ Es gilt abzuwägen, ob das Kind Spaß am Lernen hat, wissbegierig ist, eher der theoretische oder praktische Typ ist. Was kann und will es wirklich leisten? Sich in das Kind einfühlen, das sollte für die Eltern Priorität haben“, so Böhm. News4teachers

Veröffentlicht am 28.4.2016, aktualisiert am 2.5.

Zum Bericht: Sitzenbleiberquote steigt – CDU macht Wegfall der verbindlichen Grundschulempfehlung verantwortlich

 

5 Kommentare

  1. Auch in RP quälen sich viele Kinder durch’s Gymnasium, die glückliche Realschüler sein könnten, und stöhnen über den unmenschlichen Druck.

  2. Ich nehme an, dass auch in Bayerm ein. Wechsel „nach oben“ in Klasse 5 oder 6 möglich sein wird …

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