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„Wir brauchen nicht wahllos mehr Studenten, sondern mehr glückliche Absolventen“: Selbsttests sollen Abbrecherquoten der Unis senken

FRANKFURT/MAIN. Damit Studienanfänger wissen, was sie im Studium erwartet, können Universitäten ihren Bewerbern «Selbsttests» vorschreiben. Das sieht das neue hessische Hochschulgesetz vor. Auf freiwilliger Basis ist das jedoch längst in der Praxis angekommen – ein Mittel gegen die hohen Abbrecher-Zahlen?

Nicht alle Studenten, hier im Hörsaal der Universität Frankfurt, liegen mit ihrer Fächerwahl richtig. (Foto: Johann Wolfgang Goethe Universität Frankfurt)

Nicht alle Studenten, hier im Hörsaal der Universität Frankfurt, liegen mit ihrer Fächerwahl richtig. (Foto: Johann Wolfgang Goethe Universität Frankfurt)

Selbsttests für Studenten können nach Überzeugung der Frankfurter Uni-Präsidentin dabei helfen, die Zahl der Studienabbrecher zu verringern. «Es geht darum, das Matching zu verbessern», sagte Birgitta Wolff: der richtige Studiengang für den einzelnen Studierenden und passende Studenten für den jeweiligen Fachbereich.

Dass die Tests Bewerbern helfen, die richtige Studienwahl zu treffen, glauben auch andere Hochschulen, wie eine Umfrage ergab.

«Wir brauchen nicht wahllos mehr Studenten, sondern mehr glückliche Absolventen», sagte die Präsidentin der Goethe-Universität. In Frankfurt habe man mit «Selbstprüfung» gute Erfahrungen gemacht. Für 13 Studiengänge gebe es in Frankfurt solche Verfahren. In der Regel gehe dadurch die Bewerberzahl zurück und die Abbrecherquote sinke. Dies sei vor allem bei stark überbuchten Studiengängen ein Erfolg.

Interessenten machen online einen Test, bei dem mehr oder weniger spielerisch die erforderlichen Fähigkeiten erprobt werden. «Niemand schreibt sich wissentlich in etwas ein, das ihn unglücklich macht», sagte Wolff. «Wenn jemand beispielsweise Wirtschaftswissenschaften studieren will, und das Testergebnis ist: Sie sind schwach in Mathe und verstehen kaum Englisch, dann ist es ratsam, sich einen anderen Studiengang zu suchen.»

Dank des neuen hessischen Hochschulgesetzes dürfen die Unis in Hessen solche Tests verpflichtend vorschreiben. In Frankfurt ist das bei fünf Fächern der Fall. Das Testergebnis erfahren die Fachbereiche nicht: Der Bewerber erhält am Ende nur eine Teilnahmebescheinigung und muss diese den Bewerbungsunterlagen beifügen. «Es geht darum, dass man vorher weiß, worauf man sich einlässt», sagt Wolff.

«Unsere Erfahrungen sind durchweg positiv», sagte Jörg Feuck, Sprecher der Technischen Universität Darmstadt, die in elf Fächern Selbsttests für Studieninteressierte anbietet. «Deshalb wollen wir das langfristig für jedes Fach realisieren», sagte Feuck. Wie stark sich eine verbesserte Selbsteinschätzung der Studienanfänger auf die Abbrecherquoten auswirke, sei jedoch schwer zu beurteilen: «Auf die Abbrecherquote haben viele Faktoren einen Einfluss.»

An den Universitäten in Marburg und Gießen sieht es ähnlich aus. In Marburg gibt es die Tests schon seit mehreren Jahren – allerdings nur in den Wirtschaftswissenschaften und der Biologie. Die Gießener Justus-Liebig-Universität bietet seit 2015 Selbsttests an. Beide Universitäten wollen das Angebot ausweiten. «Die Teilnahme soll auf jeden Fall anonym bleiben, um einen Einfluss auf die Zulassung zu verhindern», sagte eine Sprecherin der Uni Gießen. «Auch eine Teilnahmeverpflichtung ist kein Thema.»

Die Uni Kassel setzt Selbsttests nicht flächendeckend ein. «Manche Institute tun es, andere nicht», sagte Sprecher Sebastian Mense. «Die Lehrerbildung, die einen der Schwerpunkte der Uni Kassel darstellt, verfolgt ein eigenes Modell: Dort belegen die Studenten innerhalb des ersten Studienjahres Kurse zu psychosozialen Basiskompetenzen», erklärte Mense. 2008 habe dieses Konzept den Hessischen Hochschulpreis für Exzellenz in der Lehre gewonnen. dpa

Zum Bericht: Präsident des Deutschen Hochschulverbands beklagt: Viele Abiturienten sind nicht studierfähig – trotz sehr guter Noten

4 Kommentare

  1. Bitte nennen Sie mich konservativ, aber ist es nicht eigentlich Aufgabe der Oberstufe, die Schüler auf ein künftiges Studium vorzubereiten und sie in jedem Schulfach Elemente des Studiums zu zeigen? Mit den aktuell völlig entkernten Kernlehrplänen und politischen Aussagen wie „In der Oberstufe müssen Schüler auch Alternativen zum Studium gezeigt werden“ ist das leider kaum mehr möglich. Vielleicht haben die heutigen Schüler alle Kompetenzen für ein Studium nachweislich erworben, der Beginn eines Studiums erfordert aber Fachwissen.

    Übrigens: Meiner Meinung nach erfüllt „Sie sind schwach in Mathe und verstehen kaum Englisch“ noch nicht einmal die Voraussetzung für die Oberstufe. Aber — ich wiederhole mich — für ein Abitur reicht es offensichtlich.

    • Es gibt inzwischen so viele Studienfächer, dass die Schule völlig überfordert wäre, die alle aufzuzeigen.

      • Nennen Sie mal welche, bei denen Ihnen kein passendes Schulfach einfällt. Bedenken Sie aber, dass jede Sprache bereits durch Deutsch und Fremdsprache sowie jedes technische Studium durch Mathe/Physik/Chemie/Biologie/Informatik bereits abgedeckt ist, vom Bereich Erdkunde/Geschichte/Sozialwissenschaften/Pädagogik ganz zu schweigen.

        Sie haben Recht, nicht jeder Schüler wählt all diese Fächer in der Oberstufe. Die Wahl der Oberstufenfächer dürfte aber bei vielen Schülern in Hinblick auf einen späteren Studienfachbereich erfolgen. Ein künftiger Kunstgeschichtsstudent wird nur selten einen naturwissenschaftlichen Schwerpunkt wählen, ein künftiger Ingenieurstudent nur selten jede Naturwissenschaft außer Biologie abwählen.

  2. Solange jemand ohne Abitur/Studium nichts mehr wert zu sein scheint, wird sich an diesem Andrang zum Studium nichts ändern, egal ob es nun so nutzlose wie nervige Selbsttests gibt oder nicht.

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