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Der Deutsche Schulpreis wird an herausragende Schulen verliehen – es gibt aber auch Kritik an der Auszeichnung

Schon eine Nominierung gilt als Erfolg. 14 Schulen sind in der engeren Auswahl für den Deutschen Schulpreis, der am Mittwoch verliehen wird. Aber nicht alle Lehrer sehen den Preis unkritisch. Dabei geht es vor allem um den Maßstab der Bewertung.

BERLIN. 100.000 Euro warten auf den Gewinner des Deutschen Schulpreises, der am 8. Juni in Berlin verliehen wird. Im zehnten Jahr des Preises sind 14 Schulen nominiert – zwölf deutsche Schulen aus acht verschiedenen Bundesländern und erstmals drei deutsche Auslandsschulen. Um für den Deutschen Schulpreis nominiert zu werden, müssen die Bewerber eine Reihe von Kriterien erfüllen, die in sechs Bereiche gegliedert sind: Leistung, Umgang mit Vielfalt, Unterrichtsqualität, Verantwortung, Schulklima und Schule als lernende Institution (siehe Infokasten unten). Die Schulen müssen in allen Bereichen mindestens gut, in einem Bereich weit überdurchschnittlich sein.

Der Deutsche Schulpreis: 2015 ging die Auszeichnung an die Gesamtschule Wuppertal-Barmen. Foto: Robert Bosch Stiftung / Max Lautenschläger.

Der Deutsche Schulpreis: 2015 ging die Auszeichnung an die Gesamtschule Wuppertal-Barmen. Foto: Robert Bosch Stiftung / Max Lautenschläger.

Nominierte Schulen 2016

Nominiert ist in diesem Jahr zum Beispiel die Grundschule auf dem Süsteresch in Schüttdorf (Niedersachsen). Diese Schule hat in der Vorauswahl überzeugt, weil es statt Frontalunterricht Platz und Zeit zum Selbstlernen gibt sowie Freiheit und Freiraum zum Ausprobieren der eigenen Kreativität. Außerdem sind schon seit zwölf Jahren geistig behinderte Kinder wie selbstverständlich ein Teil der Klassen und auch die Integration von Schülern, die erst noch Deutsch lernen müssen, ist seit Jahren gelebte Praxis.

Auch nominiert ist die Anna-Essinger-Gemeinschaftsschule in Berlin. Dort lernen Siebtklässler zusammen mit Acht-, Neunt- und Zehntklässlern, wie der Tagesspiegel berichtet: „Noten gibt es außerdem erst ab der Klassen neun. Und wenn die Schüler Lust haben, gehen sie auf den Flur und lernen dort – oder spielen eine Viertelstunde Tischtennis auf dem Hof.“ Das alles gehört zu einem Konzept, das den Schülern Vertrauen und Wertschätzung entgegen bringt.

Auswahlverfahren und Gewinner 2015

Damit erfüllen die zwei beschriebenen Schulen die Anforderungen des Schulpreises. „Vielen Schulen in Deutschland gelingt es, für Lernen zu begeistern und Schule als Ort des Staunens zu gestalten. Sie setzen Kreativität frei, lassen Lust an Leistungen entstehen, stärken Lebensfreude und Lebensmut und erziehen zu Fairness und Verantwortung. Diese hervorragenden Schulen sind pädagogisch richtungsweisend. Damit ihre Konzepte und Ideen auch für andere Schulen wirksam werden können, brauchen sie öffentliche Aufmerksamkeit und Anerkennung“, heißt es auf der Internetseite des Deutschen Schulpreises, den die Robert Bosch Stiftung und die Heidehof Stiftung 2006 ins Leben gerufen haben.

2015 hatte die Gesamtschule Wuppertal-Barmen, an der etwa ein Drittel aller Schüler einen Migrationshintergrund hat, den Deutschen Schulpreis gewonnen. In der Begründung war die Rede von einem „herausragenden Schulklima“. „Ich habe selten eine Schule erlebt, an der Schüler, Lehrer und Eltern so respektvoll und wertschätzend miteinander umgehen“, zitierte Spiegel Online die Begründung des Jury-Sprechers Michael Schratz nach der Preisverleihung. Jeder Schüler sei für etwas verantwortlich – etwa als Pate für Jüngere, als Medienscout oder Schulsanitäter.

Kritik am Schulpreis: Politischer Preis?

Die Auswahl der nominierten Schulen wird jedoch seit Jahren immer wieder kritisch hinterfragt. Dabei geht es beispielsweise um die geringe Zahl der Gymnasien unter Nominierten und den Charakter der ausgezeichneten Schulen – der Preis ging in den letzten Jahren vor allem an Gemeinschafts- und Gesamtschulen. „Der ‚Deutsche Schulpreis‘ der Robert Bosch Stiftung erweist sich damit als Marketing-Mogelpackung für die gescheiterten Reformschulen und die überkommene Reformpädagogik der 68er-Generation des letzten Jahrhunderts“, kritisierte Walter Scheuerl, Abgeordneter der Hamburger Bürgerschaft, bereits 2013 in einer Pressemitteilung. „Der Öffentlichkeit wird durch irreführende Slogans wie: ‚Die besten Schulen Deutschlands‘ vorgegaukelt, es komme bei  der Nominierung von Schulen auf echte Qualität an. Das Gegenteil ist jedoch der Fall: Auf Leistungs- und Lernergebnisse der Schüler kommt es nicht an“, heißt es weiter in der Mitteilung.

Der Deutsche Schulpreis wird teilweise als "politischer Preis" kritisiert. 2015 hat ihn Angela Merkel verliehen. Foto: Robert Bosch Stiftung / Max Lautenschläger.

Der Deutsche Schulpreis wird teilweise als „politischer Preis“ kritisiert. 2015 hat ihn Angela Merkel verliehen. Foto: Robert Bosch Stiftung / Max Lautenschläger.

Auch 2015 wurde nach der Bekanntgabe des Gewinners vor allem in Online-Foren viel diskutiert. „Eine Gesamtschule? Liegt im Zeitgeist der ‚Erziehungswissenschaft‘- Mainstreamler. Im sozialen Brennpunkt? Macht sich in der derzeitigen Erziehungslehre ebenfalls gut“, schreibt ein Leser auf Spiegel-Online. Und auf News4teachers merkt ein User an: „Ist doch klar, alle Schulen fallen durch, die den einseitigen Vorstellungen der Jury nicht entsprechen.“ Dies impliziert, dass der Preis keine Auszeichnung für gute Leistung sondern eher Werbung für eine pädagogische Ideologie wäre – ein „politischer Preis“, wie viele Lehrer kritisieren.

Was soll bewertet werden: Engagement oder Leistung?

Bei der Debatte um eine einseitige politische Ausrichtung der Siegerschulen schwingt eine weitere Diskussion mit: Sollte die Leistung der Schüler nicht eigentlich mit bewertet werden? So schreibt ein Leser bei Spiegel-Online zur Gewinner-Schule in Wuppertal-Barmen: „Natürlich ist es ein schönes Zeichen der Anerkennung, wenn eine Schule, welche im schwierigen Umfeld ordentliche Arbeit leistet, dafür gewürdigt wird. Aber der Titel „beste Schule Deutschlands“ sollte auch das Abschlussniveau der Schulabgänger mit einfließen lassen. Wenn die Schüler dieser Schule im Aufnahmetest für ein Medizin- oder Chemiestudium besser abschneiden würden als alle anderen, dann wäre der Preis in Ordnung. Es sind aber Zweifel angebracht.“

Ein anderer User schreibt: „Es hat schon seinen Grund, warum Schulen aus Bundesländern, aus denen nachweislich die besseren Leistungen kommen, nicht dabei sind aber solche Schulen aus den Bundesländern, die leistungsmäßig nicht oben stehen.“

Gegenstimmen: Unterschied zwischen Lernen und Leistung!

Die Initiatoren des Deutschen Schulpreises sagen es auf ihrer Internetseite selbst: Leistung ist nur eins von sechs Bewertungskriterien. Es geht den Initiatoren um Innovationsbereitschaft und ein Bildungsverständnis, das über reine Wissensvermittlung hinaus geht. Es geht also auch um das Konzept des Lernens und nicht nur um die Leistung, die am Ende herauskommt – das machen die Bosch Stiftung und die Heidehof Stiftung durchaus transparent.

„Es geht ja nicht um die BESTE Schule, sondern um die, die sich am meisten MÜHE gibt. Was dann letzten Endes wirklich dabei herauskommt, ist zweitrangig“, reagiert ein Leser auf die kritischen Kommentare unter dem Bericht von Spiegel Online. Ein anderer schreibt etwas drastischer: „DAS ist einfach nur ekelhaftes und hirnloses Gewäsch! Es geht darum, das meiste aus dem Potential der Schüler ‚herauszuholen‘ – nicht darum, möglichst viele 1er Abiturienten zu produzieren. Und das dann am besten noch in einer Atmosphäre, in der das Lernen Spaß macht.“

Keine Frage: Prestige-Gewinn für Schulen

Der Deutsche Schulpreis ist unter Lehrern zweifellos umstritten. Die Diskussion wird wohl auch in diesem Jahr – nach Bekanntgabe der Gewinner – geführt werden. Aber trotz aller Kritik muss festgehalten werden: in der breiten Öffentlichkeit wird der Schulpreis als positive Auszeichnung anerkannt. Andrea Albers schreibt ihn ihrem 2016 erschienenen Buch Schulwettbewerbe als Impuls für Schulentwicklung, dass die Anzahl journalistischer Beiträge mit Bezug zum Deutschen Schulpreis seit 2006 kontinuierlich angestiegen ist – und die meisten dieser Beiträge stellen den Deutschen Schulpreis positiv dar.

Daher gilt: Ob der Preis nun gerechtfertigt ist oder nicht, ob die Jury eine politische Ideologie bevorzugt oder nicht – den beteiligten Schulen bringt die Nominierung und vor allem die Auszeichnung eindeutig Renommee. Die angestrebte „öffentliche Aufmerksamkeit und Anerkennung“, die sich die Initiatoren des Preises gewünscht haben, wird den Schulen zu Teil. News4teachers

 

Die Bewertungskriterien des Deutschen Schulpreises
LEISTUNG: Hier werden besondere Leistungen in den Kernfächern Mathematik, Sprachen und Naturwissenschaften, im künstlerischen Bereich – etwa Theater, Kunst, Musik oder Tanz – sowie im Sport oder in Bereichen wie Projektarbeiten und Wettbewerben berücksichtigt.

UMGANG MIT VIELFALT: In dieser Kategorie geht es unter anderem um die Frage, welche Mittel und Wege die Schulen gefunden haben, um mit unterschiedlichen Bildungsvoraussetzungen, Interessen und Leistungsmöglichkeiten ihrer Schüler umzugehen.

UNTERRICHTSQUALITÄT: Hier punkten Schulen, die dafür sorgen, dass die Schüler ihr Lernen selbst in die Hand nehmen, und die ein Lernen auch außerhalb der Schule ermöglichen, sowie Schulen, die den Unterricht und die Arbeit von Lehrern kontinuierlich verbessern.

VERANTWORTUNG: In dieser Kategorie wird geschaut, ob Schulen vom achtungsvollen Umgang miteinander, gewaltfreier Konfliktlösung und dem sorgsamen Umgang mit Sachen nicht nur sprechen, sondern dies im Alltag umsetzen.

SCHULKLIMA, SCHULLEBEN UND AUßERSCHULISCHE PARTNER: Hier geht es darum, ob die Schulen ein anregungsreiches Schulleben zu bieten haben und pädagogisch fruchtbare Beziehungen zu außerschulischen Personen und Institutionen sowie zur Öffentlichkeit pflegen.

SCHULE ALS LERNENDE INSTITUTION: Dabei steht die Frage nach der Zusammenarbeit im Lehrerkollegium und demokratischem Schulmanagement im Mittelpunkt. Zudem machen sich die Juroren ein Bild davon, wie es um Förderung der Motivation und Professionalität der Lehrer steht. dpa

 

33 Kommentare

  1. Es ist richtig, jede Chance zu nutzen, um die tolle Leistung zahlloser Lehrkräfte und vieler Schulen verstärkt einer breiteren Öffentlichkeit bekannt zu machen. Insofern ist auch der Deutsche Schulpreis eine gute Gelegenheit dazu.
    Mich stört aber, dass die Leute, die hinter dem Schulpreis stehen, damit eine einseitige Bildungspolitik machen wollen.

    Die Botschaft der Geldgeber wie der Robert-Bosch-Stiftung lautet:

    1. Gemeinschaftsschulen sind besser als Schularten des gegliederten Systems
    2. Privatschulen sind besser als Öffentliche Schulen
    3. Freiarbeit und offene Unterrichtsformen sind besser als herkömmliche Unterrichtsmethoden
    4. Wohlfühlen ist wichtiger als Leistung.

    Unter den ausgezeichneten Schulen sind dem entsprechend mehrheitlich Schulen des längeren gemeinsamen Lernens und Privatschulen mit hohem Schulgeld, deren Ressourcen öffentliche Schulen um ein Vielfaches übertreffen.

    Folge: Es beteiligen sich kaum noch Schulen an diesem Wettbewerb, – von 40 000 Schulen genau 80 in diesem Jahr, das sind 0,2 Prozent aller deutschen Schulen trotz horrend hoher Preisgelder. Und das, obwohl in diesem Jahr zur Hebung der Teilnehmerzahl die deutschen Auslandsschulen einbezogen wurden.

  2. Wolfgang Kuert

    Die Schule, die den Deutschen Schulpreis gewinnt, ist der Gewinner des Deutschen Schulpreises und mit Sicherheit nicht die beste Schule Deutschlands. Bisher nahmen von rund 40.000 Schulen etwas über 100 an diesem „linken Wettbewerb“ teil. Bei dem diesjährigen Durchgang durften erstmals auch deutsche Auslandsschulen teilnehmen. Trotz dieser Erweiterung des Teilnehmerkreises haben sich gerade mal 80 Schulen beworben. Das sind nur noch 0,2 % der deutschen Schulen.

    Die Veranstalter sollten sich fragen lassen, ob man diese „Showveranstaltung Beste Schule Deutschlands“ in Zukunft noch durchführen sollte.

  3. Danke an 4Teachers, dass diese Hintergrundfakten in einer sachlichen und differenzierten Weise berichtet werden.
    In der Tat wäre der dt. Schulpreis wohl für keinen ein Problem, würden die Berichterstatter klar kommunizieren, dass es um Höchstleistung unter einer sehr speziellen und umstrittenen Zielsetzung geht und eben nicht um „Deutschlands beste Schule“.

  4. Der Preis für die „beste Schule“ ist ebensowenig ernst zu nehmen wie der Preis für die deutschlandweit „beste Mathematikstunde“, der vor einigen Jahren allen Ernstes einmal ausgelobt wurde.

  5. Der Deutsche Schulpreis steht wieder an

    Eine der Möglichkeiten, das Gesamtsystem zu verbessern, liegt darin, „best practice“ sichtbar zu machen. Im Bereich der Schule ist das der Deutsche Schulpreis, der von der Robert-Bosch-Stiftung, vom Stern, ARD, Heidehofstiftung usw. seit 10 Jahren vergeben wird.

    Dieser Preis ist den Anhängern des Gegliederten Schulsystem ein Dorn im Auge. Der Grund liegt auf der Hand: Die besten Schulen sind Schulen des Gemeinsamen Lernens. Nur ganz selten trifft man auf ein Gymnasium oder eine Realschule (genaue Daten siehe https://de.wikipedia.org/wiki/Deutscher_Schulpreis)

    Daher ist es nicht verwunderlich, dass versucht wird, diesen Preis regelmäßig vor Vergabe zu diskreditieren. Das Hauptargument ist: Da machen ja nur wenige mit. Von 40.000 Schulen seien das nur 0,2%, die sich bewerben würden.

    Wie man auf 40.000 Schulen kommen kann, ist unklar. Die Zahl ist viel zu hoch gegriffen, siehe die aktuelle Zahlen für 2015/2016 bei: http://de.statista.com.

    Die „geringe Beteiligung“ ist aber kein Nachweis der Schwäche des Preises, sondern sogar seine Stärke: Den Preis zu gewinnen, ist unglaublich schwer. So schwer, dass man eigentlich alle Bewerber irgendwie auszeichnen müsste, weil sie sich diesem Auswahlverfahren stellen.

    Diese Argumentation ist so, als ob man die Nichtwähler bei Bundestagswahlen mit einrechnen würde.

    Als Alternative wurde 2011 der Deutsche Lehrerpreis geschaffen, vom Deutschen Philologenverband und der Vodaphone-Stuftung. Hier kommen fast alle Preisträger aus dem Gegliederten Schulsystem mit nur einer Ausnahme im Jahre 2014 (genaue Übersicht: https://de.wikipedia.org/wiki/Deutscher_Lehrerpreis).

    An diesem Lehrerpreis haben sich 2014 nach eigenen Angaben 3500 Schüler und Lehrer beteiligt. Man erfährt nichts über die Zahl der Bewerber. Um auf die „nur“ 0,2% zu kommen, die man dem Deutschen Schulpreis müssten sich 1600 Lehrkräfte beworben haben. Von 800.000 Lehrern in Deutschland – na ja, nun kann jeder weiterrechnen.

    • Jürgen Günther

      Zustimmung! Wer die Förderung von Begabungen aller Schülerinnen und Schüler ernst nimmt, sollte sich die Kriterien des Deutschen Schulpreises zu eigen machen. Vertrauen in die eigenen Begabungen und Fähigkeiten kann sich als Grundlage einer konstruktiver Leistungsfähigkeit bei jungen Menschen nur entwickeln, wenn diese in einer Atmosphäre des gegenseitigen Respekts, der Selbstverantwortung und der Kooperation aufwachsen und wenn Differenziertheit nicht als Makel, sondern als Gewinn betrachtet wird.
      Irritiert hat mich bisher, dass der Preis von einem Konsortium von Unternehmensstiftungen, Unternehmen und Einrichtungen des öffentlichen Rechts ausgeschrieben wird. Deutschen Unternehmen traute ich eine solche humanistische Grundhaltung, besonders in Zeiten neoliberaler Ausbeutung, nur bedingt zu und hielt den Preis deshalb für eine Spielart des human engineerings. Natürlich kann mein Vorbehalt zutreffen, aber dennoch sind die Kriterien des Deutschen Schulpreises auch die Kriterien des kulturellen Fortschritts. Womit sie durchaus den Intentionen des Namensgebers der Robert Bosch Stiftung entsprechen. Ein Umstand, der bei Stiftungen nicht selbstverständlich ist.

    • In Ihrem Lobpreis wird nicht deutlich, dass es sich um „best practice“ in einer genau umrissenen Zielrichtung handelt, nämlich die von den „Schulen des Gemeinsamen Lernens“ angepeilte. Mir war allerdings nicht bewusst, dass diese Zielrichtung so umstritten ist und so sehr kritisiert wird, wie Sie es beschreiben.

    • Sehr geehrter Herr von Saldern,

      ich möchte nicht klüger sein als ein Pädagogikprofessor, möchte aber doch einige Angaben von Ihnen in Frage stellen:

      1. Der Deutsche Schulpreis wird nicht von ARD und Stern vergeben, das sind nur die Medienpartner.
      2. Die ausgezeichneten Schulen sind nicht die besten Schulen Deutschlands, sondern die, die den Organisatoren am besten ins bildungsideologische Konzept passen.
      3. Wenn man ihrer Logik folgt, dass die geringe Beteiligung ein Zeichen der Stärke ist, dann wäre ja eine Nullbeteiligung im nächsten Jahr der beste Ausweis für die gigantische Qualtät der Ausschreibungskriterien.
      4.Laut statistischem Bundesamt hat es im Schuljahr 2014/15 33635 allgemeinbildende Schulen und 8858 berufsbildende Schulen in Deutschland gegeben, macht summa summarum 42493 Schulen,- da müsste der Prozentanteil der Preisträgerschulen sogar noch auf 0,19 Prozent reduziert werden.

      Nichts für ungut!

      • „bildungsideologisch“ ist, finde ich, ein zu starker Vorwurf. Es geht um eine bestimmte Überzeugung. Ob diese „wahr“ ist, genau darum geht ja seit Jahrzehnten der Streit. Warum können in D nicht zwei oder mehr Schulkonzepte friedlich und wahrhaftig nebeneinander bestehen?

    • Angenommen, es hätten sich tatsächlich 1600 Lehrer zur Wahl gestellt. Bei insgesamt 3500 beteiligten Personen (Schüler und Lehrer) bleiben 1900 Schülerstimmen, die auf 1600 Lehrer verteilt werden müssen. Eine Handvoll Stimmen würde für den Sieg ausreichen …

      Wahrscheinlicher finde ich aber, dass sich einige Schulen die Abstimmung für jeweils einen ihrer Lehrkräfte stark gemacht haben, was zwangsläufig zu mindestens 100-200 Schülerstimmen für die Lehrkraft führen muss. Mit anderen Worten wurden damit maximal 20 oder 30 Lehrer oder weniger als 0,005% aller Lehrer nominiert.

      • Soviel ich weiß, werden beim Deutschen Lehrerpreis nicht die Lehrkräfte ausgezeichnet, die am meisten Schülerstimmen haben, sondern es geht um die Qualität und Überzeugungskraft der eingereichten Begründungen und die Innovationskraft der Unterrichtskonzepte.

        Mich wundert die geringe Beteiligungsquote beim Deutschen Schulpreis ernsthaft, weil ich niemanden kenne, der mehr nach Auszeichnungen, Preisen und Zusatzmitteln giert, als Schulleitungen.

  6. Wolfgang Kuert

    Erneut gewinnt eine Gesamtschule den Deutschen Schulpreis

    Die Schule des Jahres 2016
    Preisverleihung mit Außenminister Steinmeier in Berlin

    Die Grundschule auf dem Süsteresch im niedersächsischen Schüttorf hat den mit 100.000 Euro dotierten Deutschen Schulpreis 2016 gewonnen. Auf der Preisverleihung am 8. Juni in Berlin nahmen Lehrer und Schüler die Auszeichnung entgegen.

  7. ‚Jarle darf sich in seiner Grundschule selbst aussuchen, was er lernen will. Mathe oder Lesen oder Schreiben, das ist in den „Selbstlernzeiten“ an der Grundschule auf dem Süsteresch ganz egal. „Wir müssen noch nicht mal sagen, was wir machen“, sagt Schüler Jarle. „Wir gehen einfach alle an die Arbeit.“‚

    So berichtet gerade SPIEGEL-Online über die Preisverleihung an die ausgezeichnete niedersächsischen Grundschule.
    Super, – in Deutschlands bester Schule sind Lehrkräfte eigentlich überflüssig, weil die Schüler das Lernen am besten selbstständig erledigen.
    Eine Frohbotschaft an die Finanzminister der Bundesländer.

    • Bisher gibt es noch keine Studie, die zeigt, dass Schüler beim sogenannten SRL (selbstreguliertem Lernen) bessere Leistungen erzielen als andere. (siehe auch Gerhard Roth: Bildung braucht Persönlichkeit)

    • „sind Lehrkräfte eigentlich überflüssig“ ?? nu, irgendwer muss ja die Lernateliers gestaltet haben.

  8. Eine Kategorie des Schulpreises ist zum Beispiel die Unterrichtsqualität. Dabei sollen Schulen Schulen sein,
    1. die dafür sorgen, dass die Schüler ihr Lernen selbst in die Hand nehmen,
    2. die ein verständnisintensives und praxisorientiertes Lernen auch an außerschulischen Lernorten ermöglichen,
    3. die den Unterricht und die Arbeit von Lehrern mit Hilfe neuer Erkenntnisse kontinuierlich verbessern.

    Dabei gibt es für Punkt 1 bzw. 2 noch keinerlei Studien, die zeigen, dass diese Punkte zu einem besseren Verständnis beitragen bzw. zu besseren Leistungen führen.
    Zu Punkt 3: Welche neuen Erkenntnisse sind hier gemeint? Von wem sind diese Erkenntnisse?

    • Zu Punkt 3 „What works?“, also leistungssteigernde Effekte von Unterrichtsmethoden, sei dringend die Lektüre von John Hatties aktueller Metametastudie „Visible Learning“ empfohlen.
      Schülerzentriertes Lernen, Offener Unterricht, selbstgesteuertes Lernen, webbasiertes Lernen u.a. kommen da in der Summe gar nicht gut weg.
      Aber klar, Hattie hat natürlich nur die Auswirkungen auf den konkreten Lernerfolg untersucht, ob sich die Schülerinnen und Schüler beim selbstgesteuerten Lernen trotz geringerem Lertnzuwachs besser fühlen, war nicht sein Untersuchungsgegenstand.

      • Naja Schüler fühlen sich sicher so richtig gut, wenn sie gar nix machen müssen. Ob das Wohlbefinden ein guter Maßstab ist? Am Ende haben wir viele viele Schüler, die sich super wohlfühlen, aber in der Uni in den ersten Semestern scheitern.

  9. Wolfgang Kuert

    Hallo GriasDi,

    Grundschulen sind Gesamtschulen. Man könnte sie auch Einheitsschulen nennen.

    • vielleicht meint GriasDi „Gesamtschule“ als Fachbegriff für die Sek I – Schulform, die in NRW und Hessen von einer großen Volkspartei besonders favorisiert wurde.

  10. Und die deutschen Grundschulen liegen international mit an der Spitze (vgl. IGLU/TIMSS). Lässt sich von der Sek I ja nicht so feststellen – hier dümpeln wir eher im Mittelmaß (siehe PISA).

  11. Wolfgang Kuert

    Bei PISA hatten die Gymnasien gegenüber Gesamtschulen einen Leistungsvorsprung von zweieinhalb Jahren. Selbst Realschüler waren über ein Jahr weiter.

    • In welchen Jahrgangsstufen?

      Die SekI einer Gesamtschule führt Jugendliche allenfalls zum Realschulabschluss. Daher ist der Vergleich mit den GY uninteressant. Allenfalls kann ein direkter Vergelich zu Realschulen gezogen werden, aber nur für die Schüler, die einen FOR bzw. einen FOR-QE erhalten.

      Diejenigen, die einen HA10 oder HA erhalten können demnach auch nur mit Hauptschulen verglichen werden.

      Ein Vergleich mit den Realschulen auf der Basis eines gesamtdeutschen Durchschnitts ist ebenfalls irrelevant, es haben nämlich nicht alle Bundesländer Gesamtschulen. Ein direkter Vergleich zwischen IGS und KGS wäre eine interessante Untersuchung. Ansosnten ist allenfalls der direkte Vergleich zwischen Realschulen und Gesamtschulen eines Bundeslandes aussagekräftig.

      • Welche Position vertreten Sie denn bezüglich der Gesamt- und Gemeinschaftsschulen?
        Sollte es nicht so sein, dass eine angemessene Verteilung von Kindern mit HS-, RS- und Gym-Empfehlung auf Gesamt- und Gemeinschaftsschulen sind?
        Wie soll es dann dann bitte sein, dass diese Kinder nur bis zum Realschulabschluss geführt werden? Oder ist bei einer Gesamtschule mit 30%igem Anteil an Kindern mit Gymnasialempfehlung davon auszugehen, dass nur 10% eine Möglichkeit haben das Abitur direkt zu erhalten?

        Wollen sie echt nur die Kinder der einzelnen Schulformen miteinanander vergleichen, die einen vergleichbaren Abschluss erhalten haben? Wie rechtfertigen sie das denn?
        Es geht doch gerade darum, wie gemeinsames Lernen den Unterricht und den Bildungserfolg beeinflusst. Da wäre es doch lächerlich – bitte entschuldigen Sie die Wortwahl, aber sie erscheint mir in dieser Situation angmessen -, dass man die 30 Kinder einer Realschule mit der FOR-Q mit den 10 Kindern gleichen Abschlusses einer Gesamtschule vergleicht.
        Da könnte und sollte man lieber das Einzugsgebiet berücksichtigen.

        • Meine Einstellung ist, dass diese Schulform ideal für viele Kinder und Jugendliche ist, ansonsten würde ich dort nicht arbeiten.

          Für viele heißt nicht für alle; ideal heißt nicht, dass es an diesem System nichts Verbesserungswürdiges gäbe. Ich kann allerdings nur über die GeS in NRW Aussagen treffen.

          In Hinblick auf die Inklusion fordere ich z.B. mehr als zwei Fachleistungsnieveaus. In Hinblick auf die Klassenzusammensetzung fordere ich einen höheren Teil an SuS mit „Gymnasialempfehlunge“. Der Trend, jeden der bis drei zählen kann, auf einem GY anzumelden, muss gestoppt werden. – Oder die GY müssen ihre Bezeichnung in „Hauptschule“ ändern.

          Die Abschlüsse am Ende des 10. Jahrganges – hier spreche ich für die GeS in meinem Umfeld – liegen bezogen auf eine sechszügige GeS mit rund 180 SuS – setzen sich wie folgt zusammen:

          ca. 50 bis 60 SuS ==> FOR-QE, darunter evtl 4 bis 5, denen ein FOR-QQ zugestanden werden muss.
          ca. 60 – 70 SuS ==> FOR
          ca. 50 SuS ==> HA10
          6 -8 SuS ==> HA, den sie bereits durch Versetzung in die 10 erhalten haben.

          Die genannten Werte sind Durchschnittswerte der letzten 12 Jahre.

          Größtes Problem der „Schulen des längeren gemeinsamen Lernens“ (GeS, GemS, SekS usw.) ist, dass das dreigliedrige Schulsystem gerade zerbricht. Durch das Wegbrechen der HS steigt die Zahl der HS-Empfohlenen in Relation zu den RS-Empfohlenen. Gleichzeitig steigt die Zahl der I-Kinder auf rund 3 je Klasse – Tendenz zunehmend. Und das sind nur die, die beim Übergang den Förderbedarf bereits zuerkannt bekommen hatten.
          Da die „bedingt GY-Empfohlenen“ als GY-Empfohlene angerechnet werden, ist das obere Drittel weniger leistungsstark als entsprechende Kinder, die an einem GY angemeldet werden. Diese Gruppe entspricht den SuS, die in der Regel am GY die Versetzung in Jhg. 7 nicht schaffen.

          Hinzu kommt, wie Sie bereits sagen, das Umfeld. An den GY einer Stadt ist unabhängig von der Wirtschaftsleistung einer Region die gehobene Mittelschicht bis Oberschicht bzw. deren Kinder vertreten. GY haben deshalb auch nur drei Standorttypen; GeS wie andere Schulformen auch werden in 5 Standorttypen aufgeteilt. Die Standorttypen berücksichtigen die sozioökonomischen Strukturen des Schulumfeldes. Es ist darüber hinaus noch anzumerken, dass die Zusammensetzung der Schülerschaft hinsichtlich des Merkmales „Zuwanderungsgeschichte“ an GeS eine andere als an GY ist. An GeS sind „biodeutsche“ SuS – also die „Kartoffeln“ – in der Minderheit. Das hat Folgen für das Sprachniveau.

          Wenn also Leistungen unterschiedlicher Schulformen verglichen werden sollen, dann müssen die Realschüler innerhalb einer Region mit den Schülern verglichen werden, für die ein MSA prognostiziert ist bzw. die diesen erhalten haben.
          Das gleiche gilt dann ebenso für diejenigen, denen ein HSA zuerkannt oder prognostiziert wird.

  12. Wolfgang Kuert

    Und vor geraumer Zeit sagte der PISA-Pabst Dr. Schleicher bei einer Bundeselternratstagung in Porta-Westfalica: „Die deutschen Gesamtschulen sind gescheitert.“

    • Liegt aber an den Rahmenbedingungen, die die Politik für die gesamtschulen geschaffen hat bzw. der tatsache, dass sie nicht flächendeckend vorhanden sind bzw. in Konkurrenz zum gegliederten Schulsystem etabliert werden mussten. Da dies woanders nicht der Fall ist, schließt Schleicher dass der deutsche Sonderweg bezgl. der GeS gescheitert sei.

      • Wenn die Gymnasien bzw. Realschulen mal schlechter abschneiden als Gesamtschulen liegt es sicher auch an den Rahmenbedingungen.

      • Ich streite nicht ab, dass es daran liegen kann, aber dieses Argument kann jede Seite verwenden.

      • Von was für Rahmenbedingungen sprechen Sie denn?
        Ist es denn nicht richtig, dass Schulen für gemeinsames Lernen sowohl finanziell als auch personell besser ausgestattet werden als Gymnasien oder Realschulen?
        Soweit ich weiß, wird auch die Durchlässigkeit des gegliederten Schulsystem zugunsten der Schulen des gemeinsamen Lernens gestoppt, weil leistungsstarke Kinder zugunsten des Niveaus diese Schulen nach Klasse 5 und 6 nicht mehr verlassen sollen und anschließend nicht mehr verlassen dürfen.
        Umgekehrt sollen Kinder, die ein Gymnasium besuchen und deren Leistungsniveau dafür nicht geeignet ist, trotzdem weiterhin auf dem Gymnasium bleiben, weil dieses ja individuell fördern soll.

  13. Wolfgang Kuert

    Aus http://www.lehrerverband.de/, 2007

    Erneut schlechte PISA-Ergebnisse für deutsche Gesamtschule

    „Frage nach der Schulstruktur ist nicht überflüssig, sondern eindeutig beantwortet.“
    „Gesamtschulen schöpfen das Potential ihrer Schüler nicht aus.“

    Die Integrierte Gesamtschule (IGS) hat bei PISA 2006 erneut schlecht abgeschnitten. Nach Analyse des Deutschen Lehrerverbandes (DL) rangiert die IGS trotz einer hinsichtlich Begabung und Herkunft vergleichbaren Schülerschaft und trotz erheblich besserer Personalausstattung um rund 50 PISA-Punkte hinter der Realschule. Das ist mehr als ein Schuljahr.

    Lehrerverbandschef Josef Kraus erklärte dazu:

    „Die Integrierte Gesamtschule in Deutschland stagniert auf niedrigem Niveau. Sie rangiert mindestens ein Lernjahr hinter der Realschule und rund drei Lernjahre hinter dem Gymnasium. Dass die Hauptschule noch etwas schwächere Ergebnisse als die IGS hat, ist vor allem mit ihrer unvergleichlich schwierigen Schülerklientel zu erklären. Die Aufmerksamkeit der Schulpolitik sollte deshalb vor allem der Hauptschule gelten, aber nicht generell der Strukturfrage. Letztere ist eindeutig beantwortet, zumal die Gesamtschule nicht einmal in der Lage scheint, die Potentiale ihrer Schülerschaft auszuschöpfen.“

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