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Expertentagung – Eltern und Lehrer oft hilflos gegen religiöse Radikalisierung

STUTTGART. Schon das Erkennen einer Radikalisierung ist schwierig: Wann ist ein bestimmtes Sozialverhalten pubertäres Gehabe, wann ist es Zeichen einer gefährlichen Entwicklung? Damit Jugendliche nicht auf radikale Propaganda hereinfallen, arbeiten Politik, Polizei, Wissenschaft und Schulen zusammen. Nach Meinung von Experten sind jedoch die meisten Lehrer auf den Umgang mit radikalen Schülern nicht genügend vorbereitet

Eltern und Lehrer stehen einer Radikalisierung junger Muslime oft hilflos gegenüber – mit möglicherweise schlimmen Folgen. «Wir müssen alles tun, um solche furchtbaren Anschläge zu verhindern, und wir müssen alles tun, um junge Menschen vor solchen Schicksalen zu bewahren, aber auch potenziellen Attentätern keinen Rückzugsraum und keine Unterstützung zu ermöglichen», sagte der Stuttgarter Polizeipräsident Franz Lutz am Freitag.

Eltern und Lehrer sind gefragt, zu erkennen, wenn sich Jugendliche radikalisieren. Doch das ist nicht immer einfach. Foto: ChrisPearce / flickr (CC BY 2.0)

Eltern und Lehrer sind gefragt, zu erkennen, wenn sich Jugendliche radikalisieren. Doch das ist nicht immer einfach. Foto: ChrisPearce / flickr (CC BY 2.0)

«Die Terrorspur führt auch in den Südwesten nach Leimen», fügte er bei einer Fachtagung in der Landeshauptstadt hinzu. Einer von drei terrorverdächtigen Syrern war in einer Flüchtlingsunterkunft in Baden-Württemberg festgenommen worden. Sie sollen im Auftrag der Terrormiliz Islamischer Staat einen Anschlag in der Düsseldorfer Altstadt geplant haben.

Insbesondere für Jugendliche in der Orientierungsphase sei die Propaganda der Islamisten gefährlich, sagte Lutz. Sie liefere einfache Botschaften in einer Welt, die junge Leute als zunehmend komplex empfänden. Auch im Südwesten suchten Islamisten in Schulen oder Flüchtlingsheimen nach Helfern für den Heiligen Krieg.

Marwan Abou-Taam vom Landeskriminalamt Rheinland-Pfalz meinte, die radikal salafistischen Prediger, die junge Menschen mit auswendig gelernten Koran-Sprüchen zu faszinieren suchten, müssten entzaubert werden. Es gelte, die «Zitatediktatur» mit Argumenten zu bekämpfen. Die Gesellschaft müsse auch vermeiden, junge männliche Muslime in bestimmte Schubladen zu stecken. Werde in der Schule das Thema Salafismus diskutiert, werde ein professioneller Lehrer auch auf Rechts- und Linksradikalismus hinweisen, um die muslimischen Schüler nicht zu «markieren».

Die Schulexpertin des Regierungspräsidiums, Claudia Rugart, beschrieb die Schwierigkeit, Entwicklungen richtig einzuordnen: Wann ist ein bestimmtes sozial nicht konformes Verhalten das übliche Gehabe während der Pubertät und wann ist ein Verhalten Ausdruck krimineller, gewalttätiger oder extremistischer Tendenzen?

Die grundsätzliche Ablehnung der Demokratie sowie der Abbruch der Kontakte zu bisherigen Freunden und der Aufbau von Beziehungen zu Salafisten sind nach Ansicht von Jens Ostwaldt, Präventionsexperte von der Jugendstiftung beim Demokratiezentrum Baden-Württemberg, alarmierende Zeichen. Eltern und Lehrer sollten die jungen Menschen nicht gleich als Extremist oder Salafist kategorisieren, sondern genau hinhören und ihre Argumente hinterfragen. Der Präventionsexperte Ludwig Haupt vom Polizeipräsidium Stuttgart verwies darauf, dass besorgte Eltern und Pädagogen sich auch an die Polizeireviere vor Ort oder Hilfetelefone wenden können.

Nach Ansicht von Ostwaldt sind Lehrer zu wenig auf den Umgang mit radikalen Tendenzen vorbereitet. «Im Studium wird man nicht dafür gewappnet. Auch im Referendariat gibt es kaum Angebote», sagte er. Dem widersprach das Kultusministerium. «Die Lehrer werden durch ein breites Maßnahmenpaket für das Erkennen von und den Umgang mit Radikalisierungstendenzen bei Jugendlichen geschult», sagte ein Sprecher von Kultusministerin Susanne Eisenmann (CDU). Dabei werde mit dem Landeskriminalamt, dem Verfassungsschutz und vielen weiteren Institutionen zusammengearbeitet. Künftig solle eine Handreichung vom Landesinstitut für Schulentwicklung und der Landeszentale für politische Bildung die Lehrer unterstützen.

Aus Sicht der Landtags-FDP sind Lehrer als Repräsentanten der freiheitlichen Gesellschaft gefordert, gegen fanatisches, rassistisches und diskriminierendes Verhalten an Schulen einzuschreiten. «Hierauf müssen sie besser vorbereitet werden, gegebenenfalls auch mit wiederkehrenden Schulungsangeboten», sagte der Bildungsexperte Timm Kern. Zudem müsse der islamische Religionsunterricht ausgebaut werden, auch um junge Menschen für die Gefahren des Islamismus zu sensibilisieren. (Julia Giertz, dpa)

zum Bericht: Dreijahresstudie: Immer mehr junge Muslime wenden sich der Religion zu, immer mehr sind auch anfällig für radikale Botschaften

Ein Kommentar

  1. Jeder Religionsunterricht muss – außerschulisch – kontrolliert werden!

    Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs hatte die katholische Kirche massiv auf die Gründungsmütter und -väter des Grundgesetzes eingewirkt, neben Gottesbezug und Kirchensteuern auch noch den Religionsunterricht an öffentlichen Schulen ins Grundgesetz aufzunehmen.
    Mittlerweile gelten diese Rechte – nach dem Ergebnis einer Doktorarbeit – als „verfassungswidrige Verfassungsrechte“, da sie in einem unüberbrückbaren Gegensatz zu anderen Grundgesetzartikel stehen, z.B. zur Weltanschauungsneutralitätspflicht.
    Es ist jedoch z.B. praktisch unmöglich, allen der vielen religiösen und nichtreligiösen Weltanschauungen jeweils ihren eigenen speziellen Weltanschauungsunterricht zu geben, egal ob z.B. christlich, islamisch oder atheistisch!
    Weltanschauungsunterricht darf und soll jedoch in außerschulischen Weltanschauungsgebäuden unter staatlicher Kontrolle menschenrechtskonform stattfinden.
    Um religiösem Extremismus vorzubeugen, soll inner- und außerschulisch zur Pflicht gemacht werden, wahrheitsgemäß zu vermitteln, dass sämtliche so genannte „Glaubenswahrheiten“ unbewiesen sind!

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