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FDP will Lehrerfortbildung aufs Wochenende und in die Ferien legen – Philologenverband ist empört

WIESBADEN. Die FDP-Fraktion im hessischen Landtag will die Fort- und Weiterbildung der Lehrer grundsätzlich auf das Wochenende und in die Ferien verlegen.  Überhaupt sollen Pädagogen stärker kontrolliert werden, warum und wozu sie sich fortbilden lassen. Eine entsprechende Gesetzesinitiative der Liberalen stößt beim Philologenverband auf harschen Widerspruch.

Büffeln für besseren Unterricht: Lehrer in einer Fortbildung (dem Lehrerkongress 2013 Chemie Baden-Württemberg). Foto: Chemie-Verbände Baden-Württemberg / flickr (CC BY 2.0)

Büffeln für besseren Unterricht: Lehrer in einer Fortbildung (dem Lehrerkongress 2013 Chemie Baden-Württemberg). Foto: Chemie-Verbände Baden-Württemberg / flickr (CC BY 2.0)

Nach Angaben des schulpolitischen Sprechers der FDP im hessischen Landtag, Wolfgang Greilich, fallen jährlich allein in Hessen 350.000 Unterrichtsstunden deshalb aus, weil Lehrkräfte in der Unterrichtszeit auf Fortbildung sind. Seine (oppositionelle) Fraktion hat deshalb einen Gesetzentwurf vorgelegt, der insbesondere die hessische Fortbildungsakademie und das Kultusministerium als Träger von Fortbildungsveranstaltungen in die Pflicht nehmen soll, diese außerhalb von Unterrichtszeiten anzubieten. Auch soll bei der Beantragung von Fortbildungen stets geprüft werden, ob der Unterricht gewährleistet sei – im Zweifel soll dann die Lehrkraft verzichten.

„Im Gespräch mit Lehrerinnen und Lehrern wird immer wieder beklagt, dass man guten Gewissens an sich notwendige Fortbildungen nicht in Anspruch nehmen könne, wenn man nicht andererseits den Unterricht durch Ausfall von Stunden vernachlässigen wolle“, erklärt Greilich. Seine Lösung: „Alle an der Lehrerfortbildung beteiligten Akteure sollen deshalb deutlicher darauf hingewiesen werden, dass Fortbildungsveranstaltungen in der Regel in der unterrichtsfreien Zeit stattfinden sollen. Mit dem von uns vorgelegten Gesetzentwurf wollen wir deshalb den bestehenden Gesetzesbefehl verstärken, um den Ausnahmecharakter von solchen Veranstaltungen während der Unterrichtszeit herauszustellen.“

Mehr Druck auf die Lehrer

Ob Lehrer-Fortbildungen tatsächlich immer zielgerichtet und sinnvoll sind, daran hegt die FDP sowieso Zweifel. Deshalb sollen die Schulleitungen künftig mehr kontrollieren. „Die Fortbildungen von Lehrerinnen und Lehrern sollen umfassend dokumentiert werden, damit diese auch bei der Beurteilung einbezogen werden können. Deshalb soll auch der Aspekt, ob und warum eine Fortbildungsmaßnahme mit oder ohne Dienstbefreiung erfolgte, nachvollziehbar sein. Mit der Dokumentation entsprechender Dienstbefreiungen im Fortbildungsportfolio wird auch nachvollziehbar, warum und weshalb Lehrkräfte sich für die Teilnahme an bestimmten Veranstaltungen entschieden haben, sodass diese Faktoren auch Gegenstand der (…) Mitarbeitergespräche werden können“, erklärt der bildungspolitische Sprecher, dessen Partei mit Nicola Beer bis 2014 noch die hessische Kultusministerin stellte. Seitdem regiert Schwarz-Grün in Hessen, und Beer ist mittlerweile Generalsekretärin der Bundes-FDP.

Den Vorstoß, die Weiterbildungsveranstaltungen ausschließlich in die unterrichtsfreie Zeit zu verlegen, kritisiert der Hessische Philologenverband laut einer Pressemitteilung „in aller Entschiedenheit“. Fortbildungen seien richtig und wichtig, trügen zur Verbesserung der Unterrichtsqualität und zur Professionalisierung der Lehrkräfte bei. Sie müssten aber zumindest zum Teil in der Unterrichtszeit, also an Wochentagen außerhalb der Ferien, stattfinden. Der Philologenverband hat Greilichs Rechnung (die auf Daten des Kultusministeriums fußt) nachvollzogen – und kann darin kein Problem erkennen: „Rechnet man mit sechs Unterrichtsstunden pro Tag, so fallen gemäß den Angaben von Herrn Greilich knapp 60.000 Tage in der Unterrichtszeit aus. Bei mehr als 60.000 Lehrerinnen und Lehrern in Hessen bedeutet das nicht einmal einen Tag Unterrichtsausfall pro Lehrkraft und Schuljahr aufgrund von Fortbildungen.“

An Wochenenden wird gearbeitet

Die zunehmenden Anforderungen  –  wie Flüchtlingsbeschulung, große und heterogene Lerngruppen, zunehmende Verwaltungs- und Betreuungszeiten –  führen den Philologen zufolge zu erheblichen Mehrbelastungen der Lehrkräfte. Der Großteil der Lehrkräfte komme ohne Wochenendkorrekturen und Vorbereitungen in den Ferien ohnehin nicht mehr aus. Tatsächlich hatte unlängst auch eine stichprobenartige Befragung von Lehrkräften im hessischen Kassel, die die GEW initiiert hatte, ergeben: 90 Prozent arbeiten ohnehin schon regelmäßig am Wochenende.

„Statt seitens der Politik Vorschläge zu unterbreiten, die in der Realität kaum umsetzbar sind“, empfiehlt der Hessische Philologenverband: mehr Fürsorge für die Lehrkräfte. „Es widerspricht der Fürsorgepflicht des Landes, dass diese immer mehr Aufgaben aufgebürdet bekommen, ohne im Gegenzug entsprechende Entlastungen zu erhalten. Die Zeiten, in denen Lehrerinnen und Lehrern nachgesagt wurde, sie hätten ‚vormittags recht und nachmittags frei‘, sind lange vorbei“, so heißt es in der Pressemitteilung. Agentur für Bildungsjournalismus

Zur Kolumne: Frau Weh besucht eine Lehrerfortbildung und denkt dabei an Sex und Schokolade

5 Kommentare

  1. Hat die FDP schon mal Erhebungen zur Arbeitszeit von Lehrern gemacht? Sicher nicht.
    Lösung: keine Fortbildungen mehr besuchen und als Lehrer auch keine mehr anbieten.

    Noch mehr Dokumentation, noch mehr Bürokratie, noch mehr Arbeitszeit, die vom Eigentlichen abhält. Gerade die FDP als liberale Partei, der Partei, die auf Selbstverantwortung setzt, die Partei der Entbürokratisierung.
    Noch mehr Druck? Hat die FDP eigentlich schon Untersuchungen darüber gelesen, was zusätzlicher Druck bewirkt? Dieser führt zu Dienst nach Vorschrift. Würden Lehrer nach Vorschrift arbeiten sähe es im deutschen Schulsystem noch schlechter aus.

    Wenn die FDP schon am Abbau der Unterrichtsausfälle arbeitet, dann sollte sie die Schulfahrten, Schulprojekte, Theater, Konzerte nicht vergessen. Wenn die FDP konsequent wäre, müssten diese Veranstaltungen (die das Schulleben mit ausmachen) auch in die unterrichsfreie Zeit gelegt werden, womit diese aussterben würden.

    Jaja die FDP.

  2. Irgendwie kommt mir die Argumentation im Artikel verworren vor. Müssen nicht Fortbildungen während der Unterrichtszeit genehmigt werden? Dann ergibt sich doch automatisch ein Überblick über die Fortbildungen eines einzelnen. Bei uns muss eine solche Fortbildung je nachdem auf welcher Ebene sie stattfindet eben von der Schulleitung bis zur letzten Ebene genehmigt werden; diese Fortbildungen sind zentral erfasst.

    Im Prinzip ist es auch von der Arbeitszeit der Fortbilder utopisch, diese ausschließlich aufs Wochenende zu verlegen: Wer von den qualifizierten Fortbildern sieht seine Arbeitszeit am Wochenende?

    • Bei den beschränkten Mitteln des Fortbildungsetats sollen jetzt auch noch externe Fortbilder mit Zuschlägen am WE vergütet werden. Der Witz ist gut, dann gibt es noch weniger Fortbildungen.

  3. Einfach nach der 40-Stunden-Woche den Stift hinlegen. Fortbildungen sind ab jetzt also gestrichen.

    • Konferenzen, Dienstbesprechungen und dergl. mehr könnten doch ebenfalls auf das WE verlegt werden oder in die Ferien. Aus meiner Sicht spricht nichts dagegen, ich mache dann Korrekturen während der Unterrichtszeit und lasse mich so lange vertreten. Hinzu kommt der Clou, ich mache dann Urlaub auf Antrag, wann ich ich Jahr Lust und Laune habe, meine 30 Tage stehen mir zu. Wenn es keine „Betriebsferien“ gibt, muss ich die ja auch nicht einhalten.

      Und das mit der 40-Std- Woche ist eh nicht mehr – 38,5 Wochenstunden lt. Tarifvertrag, wofür ist man tarifbeschäftigt …

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