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Flüchtlingskinder: Löhrmann setzt auf schnellen Regelunterricht – der Kreis Unna auch. Ein Beispiel aus der Praxis

UNNA (u.a.). Vor der Kultusministerkonferenz in dieser Woche in Berlin plädiert Nordrhein-Westfalens Schulministerin Sylvia Löhrmann (Grüne) in der „Neuen Osnabrücker Zeitung“ dafür, zugewanderte Kinder schneller in den Regelunterricht einzugliedern. Im Kreis Unna ist dieses Vorgehen längst Standard. Vorbereitungsklassen gibt es dort nicht. Das Ziel: eine schnellere und erfolgreichere Integration.

Sylvia Löhrmann (Grüne) ist Nordrhein-Westfalens Ministerin für Schule und Weiterbildung. Foto: MSW NRW

NRW-Schulministerin Sylvia Löhrmann (Grüne). Foto: MSW NRW

Vor der Kultusministerkonferenz (KMK) am Donnerstag und Freitag, 16. und 17. Juni, in Berlin sagte Löhrmann im Gespräch mit der „Neuen Osnabrücker Zeitung“: Auch wenn ein Schüler noch nicht so gut Deutsch spreche, könne er trotzdem am Mathe-, Kunst- oder Sportunterricht teilnehmen. „Gerade da holen sich diese Schülerinnen und Schüler erste Erfolgserlebnisse in der Schule.“ Die amtierende KMK-Präsidentin, Bremens Bildungssenatorin Claudia Bogedan (SPD), verweist jedoch darauf, dass die Frage, ob Unterricht für geflüchtete Kinder und Jugendliche in Regel- oder Willkommensklassen stattfinde, „eine ganz pragmatische, keine ideologische“ sei. Gegenüber der Deutschen Presse-Agentur sagte sie: „Wenn man nur ein Flüchtlingskind hat, kann es sofort integriert werden. Für größere Gruppen wird es auch weiterhin Willkommensklassen zum schnellen Spracherwerb geben.“

Parallele Vorbereitungsklassen
Die grundsätzliche Entscheidung liegt, wie die Schulpolitik generell, in der Verantwortung der Länder. In Nordrhein-Westfalen beispielsweise sollen zugewanderte schulpflichtige Kinder prinzipiell Regelklassen besuchen. In Ausnahmefällen dürfen Schulen jedoch auch Vorbereitungsklassen einrichten. Sie sollen es ihnen ermöglichen, Kinder mit Zuwanderungsgeschichte sprachlich auf den Regelunterricht vorzubereiten, die ihm andernfalls nicht problemlos folgen könnten. Den Unterricht in diesen speziellen Klassen organisieren die Schulen parallel zum Regelunterricht. Dabei liegt der Schwerpunkt „auf dem Erlernen der deutschen Sprache in Wort und Schrift. […] Auch der sonstige Unterricht dient vorrangig dem Erlernen der deutschen (Fach-)Sprache“, heißt es im entsprechenden Runderlass „Unterricht für Schülerinnen und Schüler mit Zuwanderungsgeschichte“ des nordrhein-westfälischen Ministeriums für Schule und Weiterbildung aus dem Jahr 2009. Das Ziel: Die Schüler schnellstmöglich in Regelklassen einzugliedern. Maximal zwei Jahre soll ein Kind in einer Vorbereitungsklasse lernen.

Kritik an diesem Organisationsmodell kommt unter anderem vom Vorsitzenden des Deutschen Philologenverbands, Heinz-Peter Meidinger. Im Deutschlandfunk erklärte Meidinger schon im Oktober 2015, dass sich in Klassen „mit ethnisch homogenen Migrantenkonzentrationen nachteilige Lernbedingungen häufen und die Schulleistungen infolge dessen leiden“. Zudem sei in Klassen, „in denen ein hoher Migrationsanteil ist, auch die Integration schwieriger“, da es an Gelegenheiten fehle, mit deutschen Mitschülern in Kontakt zu kommen und mit ihnen zu lernen. Eine ähnliche Meinung vertritt Marina Raupach, Leiterin des Kommunalen Integrationszentrums im Kreis Unna: Das parallele Modell „hat negative Auswirkungen auf die schulische und soziale Integration“. Aus pädagogischer Sicht ist sie vom integrativen Modell überzeugt. Dabei lernen die neu zugewanderten Schüler vom ersten Schultag an in einer ihrem Alter und Potenzial entsprechenden Regelklasse und erhalten bei Bedarf zusätzlichen Förderunterricht in Deutsch – so wie es im Kreis Unna mittlerweile die Regel ist.

Die Herausforderungen sind groß, aber es mehren sich die Stimmen, die Deutschlands Schulen zur Integration von Flüchtlingen gut aufgestellt sehen. Foto: Enno Lenze / flickr (CC BY 2.0)

Das Kommunale Integrationszentrum im Kreis Unna verteilt die neu zugewanderten Schüler ihrem Potenzial entsprechend auf die Schulen. Foto: Enno Lenze / flickr (CC BY 2.0)

„Go-In“-Projekt für mehr Integration
2011 startete der Kreis mit den kreisangehörigen Kommunen und der Schulaufsicht das Pilotprojekt „Schulische Integration von neu zugewanderten Schülerinnen und Schülern“ – genannt: „Go-In“-Projekt. Gemeinsam wollten sie zuverlässige Strukturen schaffen, damit neu zugewanderte schulpflichtige Kinder möglichst schnell und ihrem Potenzial entsprechend eine Schule besuchen können. Die notwendige Koordination übernahm das Kommunale Integrationszentrum (KI) im Kreis Unna. In persönlichen Gesprächen informieren die Mitarbeiter die zugewanderten Familien über das Schulsystem, beurteilen das Potenzial des Kindes und empfehlen darauf aufbauend eine geeignete Schulform. Dabei stehe das KI in engem Kontakt zu den Schulen, um den Überblick zu wahren, welche noch Aufnahmekapazitäten besitzen, so Raupach. Bis zum 30. April 2016 hat das KI nach eigenen Angaben schon 1.127 Kinder beraten und im Durchschnitt innerhalb von 16 Tagen an Schulen vermittelt.

Waren zunächst nur die Grundschulen und 25 weiterführende Schulen am „Go-In“-Projekt beteiligt, realisieren seit etwa zwei Jahren alle 125 Schulen des Kreises das Grundprinzip des integrativen Modells. Jede Schule verfolge dabei ihr eigenes Konzept, sagt Marina Raupach.

Zu den ersten Projektschulen im Sekundarbereich gehörte das Städtische Gymnasium Bergkamen (SGB). 18 von seinen derzeit 1029 Schülerinnen und Schülern hat es auf Anfrage des KI aufgenommen. Eine von ihnen ist Loreta. Sie kommt aus Albanien und besucht seit Ende Oktober 2015 die 5b des Gymnasiums. Zusammen mit ihren Mitschülern lernt sie im regulären Mathematikunterricht von Martin Sommermeyer. Das Thema Mitte Januar: das Runden von Zahlen. Still, den Blick nach vorne gerichtet, verfolgt sie das Geschehen an der Tafel. Loreta scheint konzentriert. Doch ob sie wirklich versteht, was ihr Mathelehrer im Gespräch mit ihren Klassenkameraden gerade erarbeitet, ist auf Anhieb nicht ersichtlich. Eine Begleiterscheinung des integrativen Modells, die auch Monja Schottstädt kritisiert, Lehrerin und Koordinatorin des Bereichs Sprachbildung am SGB: „Man muss lernen, damit umzugehen, dass Kinder im Unterricht sitzen, mit denen man zunächst nicht gut kommunizieren kann, die erst schrittweise in den Unterricht finden.“

Als die Schüler schließlich Übungsaufgaben bearbeiten sollen, erkundigt sich Martin Sommermeyer bei Loreta, ob sie noch Fragen hat. Den Rest der Stunde kümmern sich vor allem die Schülerinnen Caro und Finja um sie. Caro ist eine von Loretas Schüler-Patinnen. Das heißt, sie hat sich bereit erklärt, Loreta im Schulalltag zu unterstützen. In dieser Mathestunde ist es aber vor allem Caros Sitznachbarin Finja, die Loretas Fragen beantwortet, ihre Aufgaben kontrolliert und ihr den Rechenweg erneut erklärt – zum Teil auf Englisch, „weil sie auf Deutsch noch nicht alles versteht“. Insgesamt lerne Loreta aber sehr schnell Deutsch. Der Meinung ist auch ihre Patin Caro: „Wir haben letztens ein Gespräch geführt und ich war erstaunt, wie gut sie auf Deutsch erzählen konnte.“

Mehr Deutsch soll in den Stundenplan der Grundschule. Aber auf Kosten von Englisch? Foto: Claudia Hautumm / pixelio.de

In enger Absprache mit den Fachlehrern erstellt Monja Schottstädt die Stundenpläne der zugewanderten Schüler. Foto: Claudia Hautumm / pixelio.de

DaZ-Förderunterricht auf drei Niveaustufen
Das ist wahrscheinlich auch der Verdienst der Lehrkräfte, die den Förderunterricht „Deutsch als Zweitsprache“ (DaZ) übernommen haben, wie Viktoria Paul. Sie unterrichtet die Anfängergruppe: Fünft- bis Neuntklässler, die acht DaZ-Stunden pro Woche Deutsch lernen. Zu ihnen gehört auch Loreta. Im Fokus stehen Alltagssituationen: So beschäftigten sie sich in der vergangenen Stunde mit dem Thema Geburtstag, heute stehen Einkaufsgespräche im Mittelpunkt. Textverständnis und eigene Textproduktion finden dabei gleichermaßen Beachtung. Die zu zweit verfassten Dialoge zwischen Kunde und Verkäufer sollen die Schüler dann auch noch vor der Klasse aufführen – nicht alle sind davon begeistert. Während Amme unbedingt nach vorne möchte, hätte Loreta augenscheinlich nichts dagegen gehabt, den anderen nur zuzugucken. Ihren Einkauf meistert sie trotzdem.

Neben der DaZ-Anfängergruppe differenziert das SGB derzeit zwei weitere sprachliche Niveaustufen: Die Schüler der Stufe A2 erhalten wöchentlich noch drei, die Fortgeschrittenen der Gruppe B1 zwei DaZ-Förderstunden. „Auch bei uns hat sich in der Praxis gezeigt, dass es einen gewaltigen Unterschied macht, ob ein Kind schon sechs Monate in Deutschland lebt oder erst eine Woche“, erklärt Monja Schottstädt die Entscheidung, drei Niveau-Gruppen zu bilden. Fortgeschrittene Deutschlerner zusammen mit nicht alphabetisierten Schülern zu fördern, sei nicht „adäquat umsetzbar“, ergänzt Schulleiterin Bärbel Heidenreich.

Für den DaZ-Unterricht verlassen die zugewanderten Schüler den Klassenverband, etwa während des Erdkundeunterrichts. „Es sollen möglichst keine Kernfächer, wie Mathe, Englisch oder die zweite Fremdsprache ausfallen“, sagt Koordinatorin Schottstädt. In enger Absprache mit den Fachlehrern erstellt sie die Stundenpläne der Neuankömmlinge. Auf diese Weise könne sie etwa berücksichtigen, wenn ein Kollege in einem Halbjahr wichtige inhaltliche Grundlagen vermitteln will, bei denen die zugewanderten Kinder nicht fehlen sollten. Viktoria Paul ist von diesem Vorgehen überzeugt, denn mit steigender Schülerzahl sei es zunehmend schwieriger, die Kinder in gesonderten Klassen aufzufangen. „Es ist sinnvoller, sie direkt in die Klassengemeinschaft zu integrieren. Nicht nur damit sie zu einem Teil der Klasse werden, sondern auch damit sie im Schulalltag in der deutschen Sprache baden können.“

Das alles seien Erfahrungen, die das Kollegium mit der Zeit gesammelt habe. „Am Anfang gab es noch kein Konzept, keine Materialien, nur das grundlegende Prinzip war klar“, sagt Monja Schottstädt. Geholfen habe nicht nur die projektgebundene Fortbildung, sondern auch, dass die Schule das integrative Modell als Einheit umsetze: Schulkonferenz, Fördervereine, Eltern und Schüler – sie alle würden sich innerhalb ihrer Möglichkeiten engagieren. Anna Hückelheim mit dpa

Vorläufiger Stand
2015 kamen nach vorläufigen Zahlen der Kultusministerkonferenz etwa 250.000 Flüchtlingskinder nach Deutschland.

Zum Bericht: Flüchtlingskinder an Schulen – Gymnasium in Duisburg-Marxloh geht neue Wege
Zum Bericht: KMK-Präsidentin: Mit der Integration von Flüchtlingskindern geht’s jetzt richtig los

Ein Kommentar

  1. Ja, schönes Modell. Das würden wir auch umsetzen. Aber die beantragten Förderstunden wurden nicht gestattet. Was hier außerdem nicht angesprochen wird, ist, dass jüngere SuS nicht (lateinisch) alphabetisiert sind und/oder kein Englisch können.
    Ich halte die Integration in die Klassen trotzdem meist für sinnvoll, allerdings braucht es dennoch dringend Förderstunden, um den SuS die Schrift und ein Sprachniveau A1, A2 und/oder B1 beibringen zu können.
    Ganz ohne Stunden ist das nicht zu leisten!

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