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Neue Studie: Das deutsche Bildungssystem ist besser als sein Ruf

BERLIN. Die PISA-Tests haben vor 15 Jahren massive Defizite des deutschen Bildungssystems aufgedeckt. Seitdem wird oft betont, was hier alles schief läuft – gerade auch in punkto Bildungsgerechtigkeit. Ein neuer Report hebt nun positive Tendenzen hervor.

Lernen können Kinder auch ohne Motivation - aber nicht so gut. Foto: dbrekke / Flickr (CC BY 2.0)

Na, geht doch: Deutschland hat sich in Sachen Bildungsgerechtigkeit verbessert. Foto: dbrekke / Flickr (CC BY 2.0)

Das deutsche Bildungssystem ist nach einer aktuellen Studie besser als sein Ruf – auch weil es weniger ungerecht ist und mehr Aufstiegschancen bietet als vielfach vermutet. So nehme die oft beklagte Koppelung zwischen sozialem Status der Eltern und Bildungsniveau der Kinder ab, ermittelte das Institut der deutschen Wirtschaft Köln (IW) im Auftrag der CDU-nahen Konrad-Adenauer-Stiftung (KAS).

Der diese Woche erschienene Report «Bildungsgerechtigkeit in Deutschland» setzt sich in seinem positiven Resümee ein Stück weit ab von Einschätzungen der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD). Diese hatte vor allem anhand ihrer ersten PISA-Vergleichstests immer wieder die schweren Mängel des deutschen Bildungswesens bei der Chancengerechtigkeit betont.

Die Volkswirtschaftlerinnen des arbeitgebernahen IW, Christina Anger und Anja Katrin Orth, fassten nun ältere Bildungsstudien und eigene Berechnungen zusammen – zu Einkommenschancen, Durchlässigkeit oder Perspektiven von Hochschulabsolventen. «Seit dem Schock der ersten PISA-2000-Erhebung haben sich wichtige gerechtigkeitsrelevante Aspekte beim Zugang zu Bildung verbessert», lautet ein Fazit. Zudem sei «das durchschnittliche Kompetenzniveau der Jugendlichen gestiegen» – eine Entwicklung, die auch die OECD festgestellt hat.

Die IW-Autorinnen bezweifeln aber beispielsweise eine These zur Bildungsmobilität im OECD-Bericht 2015, wonach sich in Deutschland 2012 unter jüngeren Nichtakademikern im Vergleich zur Vorgeneration «mehr Bildungsabsteiger (24 Prozent) als Bildungsaufsteiger (19 Prozent) befunden haben». Dies sei Definitionssache, so Anger und Orth: Andere Analysen zeigten, dass es eher umgekehrt sei.

Je nach Blickwinkel könnten unter den 30- bis 65-Jährigen in Deutschland auch gut 25 Prozent als Bildungsaufsteiger bezeichnet werden, knapp 17 Prozent als Bildungsabsteiger. «Werden die Bildungsabschlüsse auf den durchschnittlichen Bildungsstand der Eltern bezogen, so sind es sogar 53,8 Prozent Bildungsaufsteiger und 14,1 Prozent Bildungsabsteiger», heißt es in der KAS-Studie.

Im Deutschlandfunk sagte Co-Autorin Anger, der Bildungsabstand etwa zwischen Kindern mit Migrationshintergrund und Kindern mit deutschem Hintergrund sei lange sehr groß gewesen, aber zuletzt «geringer geworden – ohne dass die Kinder, die schon immer gut waren im Bildungssystem, (…) schlechter geworden sind». Es gehe in Deutschland vor allem um «Startchancengerechtigkeit». Anger räumte ein, es gebe «natürlich immer noch mehr Kinder, die aus Akademikerfamilien studieren». Nach den IW-Ergebnissen registriere sie «aber trotzdem (…) auch eine positive Entwicklung bei den Nichtakademikerkindern».

Mit Blick auf verstärkte Zuwanderung «müssen die Bildungsangebote weiter ausgebaut werden, um die Integration zu verbessern», fordert der KAS-Report. So müsse frühkindliche Bildung «stärker von bildungsfernen Schichten genutzt werden. Ganztagsangebote in Schulen kommen besonders Bildungsschwachen zugute.» Für den Hochschulbereich heißt es, ein Zugang zum Studium «auch für jene, die kein Abitur haben, verbessert die Bildungschancen. Angebote berufsbegleitender Studienmöglichkeiten dienen ebenfalls dazu, das Qualifizierungsniveau zu heben. Beides sollte deshalb weiterentwickelt werden.» Von Werner Herpell, dpa

Hier lässt sich die Studie herunterladen.

 

5 Kommentare

  1. Es wurde schon lange nachgewiesen, dass Bildung nicht vom Geldbeutel der Eltern abhängt. Wovon Bildung abhängt ist der sozioökonomische Status der Eltern, was häufig mit „dem Geldbeutel“ verwechselt wird.

  2. 53% Bildungsaufsteiger bezieht die KAS nur auf den erworbenen Schulabschluss. Das ist auch weder ein Wunder noch ein Zeichen eines guten Bildungssystems, sondern eine unvermeidbare Konsequenz aus der politisch gewünschten Abiturinflation.

  3. Zitat:“Je nach Blickwinkel könnten unter den 30- bis 65-Jährigen in Deutschland auch gut 25 Prozent als Bildungsaufsteiger bezeichnet werden, […]“

    Der jetzt 65-jährige ist 1951 geborenworden und 57 in die achtjährige Volksschule gekommen, die er folglich 1958 verlassen hat, um als 14-jähriger eien Lehre anzufangen. Wenn der mit Ende 20 1979 Vater geworden ist, hat er sein Kind 1989 auf einer Realschule oder einem Gymnmasium angemeldet. Der Nachwuchs hat garantiert einen Mittleren Schulabschluss. Somit wäre der Bildungsaufsteiger.

    Der jetzt 65-jährige hat selbst Eltern, die in den 20ern geboren worden sind, und in 1000 Jahren die HJ/BdM, den RAD und die Wehrmacht oder SS inklusive verkürzter Schulzeit tlw. ohne regulären Abschluss überlebt haben müssen, um selbst Eltern werden zu können. Wundert es noch irgendjemand, dass es trotz Schule so viele Bildungsaufsteiger in diesen Jahrgängen gibt.

    Die Studie der KAS ist das Papier nicht wert, auf dem diese gedruckt worden ist. Die toppen selbst die Bertelsmänner. Und das IW hat sich wie immer erfolgreich im Sinne der INSM erfolgreich prostituiert als Wissenschaftshure. (Te huur = zu mieten). Also eine von der KAS Beauftragte Mietfeder.

    • Wenn der 4t-Bericht die Studie korrekt wiedergibt – und davon gehe ich aus -, dann stellt sie durch verschiedene Betrachtungsweisen ja gerade heraus, dass man je nach Betrachtungsweise völlig verschiedene Ergebnisse zum „Ab- und Aufsteigen“ erhalten kann. Dass Sie die KAS nicht mögen, ist aus Ihrem Beitrag klar erkennbar, aber sie mit Bertelsmann in einem Atemzug zu nennen, ist fast beleidigend. Oder schreiben Sie Satire? dann dürfen Sie das natürlich …

  4. @ Pälzer:
    Genau das doch das Problem der heutigen Bildungspolitik.
    Die „Studien“, die durchgeführt werden, spiegeln als Ergebnis immer die Hoffnungen und Wünsche der Geldgeber ähhh Aufgtraggeber wieder, weil man sonst nicht veröffentlicht wird und keine weiteren Gelder und Aufträge erhält.
    Man beißt sich ja immernoch an PISA und den Kompetenzen fest, was in dem Sinne ein Unding ist, dass der Erfolg durch die Einführung von Kompetenzen in keinster Weise nachgewiesen wurde. Er wird ja nicht mal untersucht, sondern einfach angenommen.
    Man vergleiche dazu gerne mal die Abitur-Klausuren verschiedener Fächer, wie es schonmal getan worden ist, nur um festzustellen, dass die heutigen Aufgaben teilweise nur Lesekompetenz voraussetzen.
    Man vergleiche dazu mal die kompetenzorientierten Lehrpläne, in denen die Methoden über den Inhalten stehen und die Inhalte eigentlich austauschbar sind.
    Man vergleiche mal die ganzen Teilkometenzen, die bereits in der Grundschule dazu führen, dass jedes Kind kompetent ist, weil es zum Beispiel „aufmerksam zuhören“ kann – ja, das ist eine Kompetenz aus dem Lehrplan. Wenn das Kind nicht schreiben und lesen kann, kann es wenigstens „aufmerksam zuhören“.
    Das einzige, was man immer nur hört, ist, dass die Kinder seit der neuen Lernpläne bei Kompetenzbasierten Tests besser abschneiden.
    Das wäre doch so, als würde ich einen weltweiten Test in Swahili schreiben lassen, feststellen, dass deutsche Kinder schlechter sind als andere und dann anfangen Swahili zu unterrichten, was zur Folge hätte, dass die Kinder beim nächsten Test besser wären. Das sagt NICHTS über die Qualität des Bildungssystems aus, aber danach wurde ja auch nicht gefragt.
    Wir richten uns nach einem Kompetenzbegriff (nach Weinert), der vom eigentlich Entwickler (nämlich Weinert) später kritisiert und als unrentabel im Sinne der Überprüfbarkeit deklariert worden ist.
    Das interessiert aber die OECD nicht. Für diese ist eine Gesellschaft erfolgreich, wenn alle Akademiker sind und alle als „Humankapital“ gelten, denn das ist es, worauf es hinausläuft:
    Der neue Kompetenzbegriff führt nicht zu einem aufgeklärten und mündigen Bürger, sondern zu einer anpassungsfähigen Arbeitsdrohne, die flexibel in Unternehmen einsetzbar ist und dabei produktiv einen hohen Gewinn erwirtschaftet.

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