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Respekt verzweifelt gesucht: Warum Schulen ihre Lehrkräfte mehr schützen müssen

DÜSSELDORF. Der Umgangston an vielen Schulen verroht. Das ist schlimm für alle Beteiligten. Warum Schulen dabei unterstützt werden müssen, dagegen vorzugehen.

Die Meldungen sind so zahlreich und alltäglich, dass man sie schon fast überliest: Gewalt und Beleidigungen gegen Lehrer. Aktuell wurde etwa gerade ein Fall am Amtsgericht Gießen verhandelt. Dort war eine ganze Familie wegen gefährlicher Körperverletzung angeklagt, die den Sportlehrer des 16-jährigen Sohnes angegriffen hatten. Nur das Eingreifen von Kollegen konnte offenbar Schlimmeres verhindern. Grund: Der stark übergewichtige Sohn fühlte sich offenbar von dem Sportlehrer gemobbt. Das Schuljahr über soll der Lehrer ihn angeblich immer wieder mit Titulierungen wie »Fettsack« und Anreden wie »Kannst du deinen 300-Kilo-Körper nicht eher her wuchten?« bedacht haben, berichtet die Gießener Allgemeine.

Was ist nur an den Schulen los, fragen sich Außenstehende. Die Respektlosigkeit ist  offenbar manchmal beidseitig. In der Südwestpresse berichtet eine Lehrerin aktuell von mangelndem Respekt und dass sie oft „Halts Maul“ oder ähnliches zu hören bekomme. Ein Schüler entgegnet ihr dort, dass Beleidigungen wie: „Wenn ich in deine Augen schaue, kann ich die Gehirnrückwand sehen“, auch von Lehrerseite vorkommen.

Wütende Väter und Mütter machen Lehrern mitunter das Leben schwer. Fotos: *n3wjack's world in pixels / flickr (CC BY-NC-SA 2.0) / Floyd Brown / flickr (CC BY-NC-SA 2.0)

Wütende Väter und Mütter machen Lehrern mitunter das Leben schwer. Fotos: *n3wjack’s world in pixels / flickr (CC BY-NC-SA 2.0) / Floyd Brown / flickr (CC BY-NC-SA 2.0)

Aggressionen der Eltern nehmen zu

Gewalt gegen Lehrkräfte habe generell zugenommen, sagt  der Landessprecher des Jungen VBE NRW, Matthias Kürten in der Zeitschrift „Thüringer Schule“. Auseinandersetzungen mit körperlicher Gewalt sind zwar eher die Ausnahme. Beleidigungen oder Sachbeschädigungen – etwa des Autos – kommen aber immer öfter vor. Und nicht nur Schüler benehmen sich daneben. „Ich beobachte ein zunehmend aggressives Verhalten der Erziehungsberechtigten gegenüber Lehrpersonen. Sowohl ich als auch meine Frau – wir beide sind Lehrkräfte an unterschiedlichen Grundschulen – sind schon von Eltern massiv bedroht worden.“ Und das sehen offenbar nicht nur die Lehrer so. Wie verroht mancherorts der Umgang ist, zeigt die Aussage eines Schülers, der ebenfalls in der Zeitschrift zu Wort kommt. Er erzählt, dass verbale Respektlosigkeiten an seiner Schule (eine Realschule in Niedersachsen) normal seien, auch gegenüber Lehrern. Gewalt beginne für ihn daher erst bei Handgreiflichkeiten (!).

Mehr Unterstützung für die Lehrkräfte

Dieser Umgangston an den Schulen schockiert. Eine gängige Erklärung ist: Schule ist ein Spiegel der Gesellschaft, in der Eltern, verunsichert durch die wirtschaftliche und soziale Entwicklung, versuchen, das Beste für ihr Kind herauszuschlagen. Möglich. Dass es so weit gekommen ist, ist nicht nur für die Betroffenen schlimm, sondern auch für die gesamtgesellschaftliche Entwicklung bedrohlich. Auch wenn Schule nicht der Reperaturbetrieb für alle Probleme sein kann: Sie sollte schon die Möglichkeit bieten, Entwicklungen zu beeinflussen.

Sicherlich, viele verbale Auswüchse an den Schulen gehören in die Kategorie Jugendsprache, mit der die jungen Menschen irgendwann von allein aufhören, und die deshalb vernachlässigbar sind. Wem aber grundsätzlich höfliche Umgangsformen und der Respekt vor anderen Menschen fehlen, der wird spätestens auf dem Arbeitsmarkt scheitern; sich radikalen Gruppen anschließen; in der Kriminalitätsstatistik auftauchen usw… Darüber hinaus macht diese Entwicklung den Lehrerberuf unattraktiv.

„Da wir die aktuelle Gewaltbereitschaft bei Schülern und Eltern nicht beeinflussen können, ist es wichtig, dass mehr für den Schutz der Beschäftigten getan wird“, fordert Matthias Kürten vom VBE. Dazu gehören Weiterbildungen und eine vernünftige Präventionsarbeit gemeinsam mit der Polizei. Helfen könnte sicherlich auch ein geschärftes Bewusstsein für Grenzverletzungen in Schulen und sofortige Sanktionen, wenn diese Grenzen überschritten werden. Nina Braun

7 Kommentare

  1. Gut, dass das auch mal thematisiert wird!

  2. An meiner Schule bekam eine Kollegin von einem Schüler zu hören, sie habe die Stelle nur, weil sie sich prostituiert habe.
    Reaktion der Schulleitung: Ein Gespräch in der Fünf-Minuten-Pause und Unterrichtsausschluss für die darauffolgende Unterrichtsstunde.
    Zu diesem Thema gehört auch Schutz vor feigen Schulleitern/-leiterinnen.

  3. @Wayne Youcts
    Genau solche Vorfälle sind nicht mehr untypisch.
    An meiner Schule sind Handys im Schulgebäude untersagt, wenn sie nicht zu unterrichtlichen Zwecken verwendet werden. Die Eltern unterschreiben einen Vertrag, dass bei Zuwiederhandlung das Handy durch eine Lehrkraft eingezogen wird.
    Trotzdem ereignete sich im vergangenen Monate der folgende Vorgang:
    Lehrkraft betritt den Raum, Schüler telefoniert mit dem Handy.
    Lehrkraft weist darauf hin, dass das Handy verschwinden soll, und der Schüler ignoriert das.
    Lehrkraft weist lauter auf die Hausordnung hin und fragt, ob er noch normal sei.
    Schüler gibt sein Handy mit den Worten „Mein Vater möchte Sie sprechen!“ an die Lehrkraft.
    Es folgte eine Anzeige bei der Polizei wegen Beleidigung des Sohnes.

    Wenn also schon die Eltern den Kindern den Rücken decken und die Lehrkräfte einschüchtern, weiß man doch, wo die Reise hingeht.
    Mittlerweile haben Eltern und Schüler bei Schulkonferenzen ja jeweils ein Drittel der Stimmgewalt und können mit ihrer Zwei-Drittel-Mehrheit die Lehrkräfte überstimmen.
    Lehrkräfte sind nur noch Dienstleister, die rechtlich und gesellschftlich eher „Prügelknaben“ sind, weil die Verantwortung für den Bildungserfolg nur noch bei ihnen liegt und weder bei der Kindern noch bei den Eltern.

    • Wären die Lehrer (einschl. Schulleiter) mit mehr Mut und Kollegialität gesegnet, sähe es nicht ganz so schlimm aus, wie Sie und Wayne Youcts ganz richtig beschreiben. Meiner Erfahrung nach gibt es immer wieder Kollegen, die sich durch falsche Toleranz und falsches Verständnis bei Schülern und Eltern einschleimen, wahrscheinlich in der Hoffnung, sie seien dann gefeit vor Erpressungen und Angriffen.
      Diese Lehrer sind neben der Zwei-Drittel-Mehrheit ein weiteres Übel. Sie sorgen für das Gefühl, eventuell alleine dazustehen, wenn es hart auf hart geht. Also lieber nachgiebig sein als die Rolle des Einzelkämpfers auf verlorenem Posten einzunehmen.
      Die psychologische Wirkung dieser „Kollegen“ ist m. E. mindestens ebenso groß wie das Wissen um die offizielle Stimmgewalt bei Schulkonferenzen. Wahrscheinlich ist sie sogar größer.

      • Die Schulleiter wollen ihre Schule in einem guten Licht darstehen sehen. Kollegen, die öffentlich die (kritische) Wahrheit sagen, Eltern, die ihren Willen nicht bekommen, und zu schlechte Statistiken bei VERA / ZAP / Zentrale Klausur / Zentralabitur stehen da nur im Weg. Die Kollegen kann man wie auch immer „entsorgen“ oder zumindest bei Funktionsstellen die Duckmäuler bevorzugen, den Eltern ihren Willen geben und „großzügig“ korrigieren. Pressemitteilungen über Lesewettbewerbe, Känguruwettbewerbe, Sportfeste, Logos wie Lions Quest, Schule gegen Rassismus usw. sowie die genauso blumigen wie weltfremden Schulprogramme kommen noch dazu.

  4. Matthias Kürten hat ganz Recht mit seinen weiterführenden Vorschlägen. Wenn ich lese, dass auch manche Lehrer sich auf so einen Ton herablassen, weil sie sich vielleicht nicht mehr anders zu helfen wissen, dann ist eine Professionalisierung aller Lehrer in Bezug auf Konfliktmanagement dringend notwendig. Von den Schulleitern erwarte ich, dass sie sich ihrer Fürsorgepflicht bewusst sind und entsprechend handeln. Letzlich muss das Wegschauen sowohl von manchen Schulleitern auch von einem Teil des Kollegiums beendet werden, denn das ist das falsche Signal an die Schüler und lässt wie oben schon beschrieben, Kollegen allein. Oftmals hat man einen schulinternen Maßnahmenkatalog (z.B. in Richtung Konsequenzen, pädagogische Maßnahmen) ausgearbeitet und beschlossen, der dann doch nur halbherzig umgesetzt wird. Die Linie muss heute mehr denn je klar sein.

  5. Rechtlich stehen wir Lehrer eigentlich gar nicht so schlecht da. Aus Unwissenheit heraus aber haben viele Angst und die berühmte „Schere im Kopf“ ( = nur keinen Ärger und dann damit alleine da stehen). Eines der berühmtesten Elternargumente ist ja, sie seien die Erziehungsberechtigten und sie hätten zu bestimmen, was ihr Kind darf und was nicht. Dabei ist das Erziehungsrecht der Schule dem Erziehungsrecht der Eltern NICHT untergeordnet, sondern gleichgeordnet, d.h., die Schule darf schon zu etwas erziehen, wozu manche Eltern womöglich nicht erziehen wollen (z.B. Toleranz, Gewaltlosigkeit, Sexualkunde etc. …). Da schauen Eltern schon ganz verblüfft, wenn man das in die Diskussion einwirft.

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