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Schüler fordern Abschaffung der Hausaufgaben (und wollen stattdessen freiwillig üben)

FRANKFURT/MAIN. Ein Leben ohne Hausaufgaben – ganze Generationen von Schülern haben davon geträumt. Die Landesschülervertretung Hessen will diese lästige Pflicht in ihrer traditionellen Form abschaffen. Experten haben da Bedenken.

Nicht gerade die optimale Haltung für die Hausaufgaben. Foto: apdk / Flickr (CC BY 2.0)

Nicht gerade die optimale Haltung für die Hausaufgaben. Foto: apdk / Flickr (CC BY 2.0)

Spät abends das Mathebuch aufschlagen? Ja, aber bitte nur freiwillig. Zu Hause noch Vokabeln pauken? Nicht unbedingt nötig. So sollte die Realität an hessischen Schulen demnächst aussehen, wenn es nach Fabian Pflume geht, dem stellvertretenden Landesschulsprecher in Hessen. Er hat an einem neuen Konzept für Hausaufgaben mitgearbeitet, das die Landesschülervertretung am (heutigen) Donnerstag in Frankfurt mit Elternbeiräten und Lehrergewerkschaften diskutieren wollte.

Nach seinen Vorstellungen sollen sich Schüler auf Übungen konzentrieren, die sie wirklich benötigen, und auf andere verzichten dürfen. «Wir wollen die traditionellen Hausaufgaben durch freiwillige Übungsaufgaben ersetzen», sagt Pflume. An die Stelle der Hausaufgaben solle eine Vor- und Nachbereitung in der Schule treten, bei der auch Lehrer anwesend sind. Nach Schulende dürfte es dann keine zusätzlichen, verpflichtenden Hausaufgaben mehr geben, weil das die Schüler überlaste. Zu oft gehe es bei der Vergabe von Hausaufgaben nicht darum, im Unterricht Gelerntes zu vertiefen, sondern sich selbst Stoff anzueignen, für den wegen der «zugepflasterten Lehrpläne» keine Zeit mehr sei.

Die Landesschülervertretung stützt sich bei ihrer Forderung auf eine Studie aus dem Jahr 1996, wonach zusätzliche Arbeit zu Hause nicht automatisch zu mehr Wissen führt. Im Schweizer Kanton Schwyz wurden die Hausaufgaben damals im Unterricht erledigt. Im Vergleich mit Schülern eines anderen Kantons schnitten die Schüler mit Hausaufgaben nicht besser ab als die Schüler ohne, fühlten sich aber stärker belastet.

Anders sieht das der Bildungsforscher Ulrich Trautwein von der Universität Tübingen, der durchaus einen Zusammenhang zwischen Hausaufgaben und Lernerfolg sieht: «Dass Hausaufgaben keine gute Wirkung haben, ist nicht richtig. Klassen von Lehrern, die regelmäßig Hausaufgaben geben, stehen im Vergleich besser da.» Schüler lernten darüber hinaus, sich selbst zu organisieren. Dabei sei es entscheidend, wie die Aufgaben gestaltet seien. Sie sollten in engem Zusammenhang mit dem zuvor behandelten Stoff stehen, nicht überfordern und für die Schüler von Nutzen sein. «Lehrer dürfen die Hausaufgabe nicht einfach am Ende der Stunde aus dem Hut zaubern.»

Eltern äußern Verständnis

Reiner Pilz, Mitglied des hessischen Landeselternbeirats, hält es für eine gute Idee, Schülern freizustellen, ob sie noch nach der Schule üben wollen. Nicht alle Schüler hätten den gleichen Leistungsstand. Die Forderungen der Schülervertreter seien ihm aber zu plakativ. Für das Argument, die Schüler bräuchten mehr Freizeit, bringt er wenig Verständnis auf. Die Qualität der Schule dürfe nicht unter einem Verzicht auf klassische Hausaufgaben leiden.

Viele Lehrer halten verpflichtende Hausaufgaben auch heute noch für zeitgemäß. So etwa die Vorsitzende der Jungen Philologen in Hessen, Kerstin Dexler: «Es fördert doch meine Selbstständigkeit, wenn ich mich zu Hause hinsetzen und mir meine Zeit selbst einteilen muss». Schule solle auf das Studium vorbereiten, und Vokabeln müsse nun mal jeder für sich lernen. Verpflichtende Hausaufgaben sind nach ihrer Einschätzung eine Möglichkeit, das Lernen zu lernen. Die Schüler bekämen so die Freiheit, selbst zu entscheiden, wo und wie lange sie sich mit den Aufgaben beschäftigten.

Pflume sieht in den klassischen Hausaufgaben eine Ursache für Chancenungleichheit. Denn in der Praxis profitierten Kinder aus gebildeten Familien von der Hilfe ihrer Eltern oder eines Nachhilfelehrers, während ärmere Schüler auf sich alleine gestellt seien.

In einem Punkt sind sich Schüler- und Elternvertreter und Forscher Trautwein einig: Dass Hausaufgaben daheim erledigt werden müssen, ist nicht in Stein gemeißelt. Vielleicht könnte dabei die Ganztagsschule Abhilfe schaffen, über die schon viel diskutiert worden ist. Von Andrea Eibl, dpa

Zum Gastbeitrag: Hausaufgaben – Darum sind sie nur ein leeres pädagogisches Ritual

12 Kommentare

  1. Auch die Landesschülervertretung bleibt ihrer Tradition verpflichtet. Jugendliche haben das Vorrecht, ihre Träume nicht an der Wirklichkeit messen zu müssen.

  2. Schüler, denen Fleiß, Motivation und Ehrgeiz durch die Eltern anerzogen wurde, brauchen in der Tat keine Hausaufgaben. Alle anderen schon, insbesondere diejenigen, die Arbeit durch „Cool sein“ ersetzen bzw. damit verwechseln.

    • seit wir Ganztagsschule sind, haben wir Erfahrung mit den nachmittäglichen Schul- oder Übungsstunden. Das Versprechen „nach 16:00 müsst ihr zuhause nichts mehr machen“ hat sich nicht bewährt, weil die weniger weitsichtigen Kinder teilweise viel Lernzeit einfach nur absitzen, ohne für die Schule zu arbeiten. Darum steuert unsere Schule allmählich um, hin zu einem verpflichtenden Pensum. Ob man das dann „Hausaufgaben“ nennt, … egal.

      • Heidelbergerin

        Ist es nicht so, dass eben nicht alle Menschen hier: Kinder gleich sind. Auch wenn man das in den letzten Jahren versucht über den Zaun zubrechen. Bin Mutter von 3 Söhnen. Dem einen musste ich gar nichts sagen. Er lernte selbständig. Der 2. Nach Lust und Laune. Da musste ich schon etwas lenken. Aber er entschied sich trotz seiner geistigen Fähigkeit kein Abi zu machen. Beim dritten mussten wir alle hinterher sein. Nicht dass er es vom Verstand nicht konnte, es war ihm nicht wichtig und spielen schöner. In der Oberstufe hat er plötzlich erkannt, dass er eine Tagesplanung gestalten kann und er dadurch wirklich noch genug Freizeit hatte. Aber ohne unsere Begleitung wäre nicht so weit gekommen. Genau diese Begleitung hätte ich von der Ganztagsschule erwartet. Gerade auch, dass Kinder von Familien , bei denen die Mutter nicht zu Hause sein kann oder ihren Kindern keine Hilfe sein können, angehalten werden und ihnen gezeigt würde wie man richtig lernt. Natürlich gibt es Kinder die sich dagegen wehren, natürlich gibt es Kinder die von ihrem geistigen Können eingeschränkt sind. Ok. Das ist doch zu akzeptieren Und zu respektieren ! Wie gesagt wir haben nicht alle die gleichen Fähigkeiten in die Wiege gelegt bekommen. Aber jeder Mensch ist wertvoll und gehört zu der großen Gemeinschaft

        • Ich fürchte, was Sie schildern, können nur Eltern leisten. Darum finde ich es auch so ärgerlich, dass die Politik so tut, als könnten Schulen und Ganztagsbetreuungen die Eltern ersetzen. Sie können es meiner Meinung nach nicht!
          Individuelle Förderung aller Schüler ist ein leeres Versprechen und eine maßlose Überforderung der Lehrkräfte, die immer wieder gescholten werden, wenn sich Voraussagen nicht erfüllen.
          Und populärer Versprechungen und Voraussagen gibt es viele, viel zu viele.

        • “ Genau diese Begleitung hätte ich von der Ganztagsschule erwartet. “
          Ja, so wäre es schön und so würden wir Lehrer es auch gerne machen. Aber das Ministerium zahlt pro Nachmittagsstunde 1 Lehrkraft für 1 Klasse. Das macht ca. 1 min „Gesprächszeit“ pro Kind und Stunde für individuelle Betreuung. Alles weitere läuft über Selbstausbeutung bzw. nur wenn freiwillige / kostengünstige Helfer dazukommen. Oder der Lehrer entscheidet, wer Zuwendung erhält und wer nicht. Oder wir haben genügend viele Kinder, die von ihren Eltern her Selbstdisziplin, Ausdauer und Fleiß erlernt haben.

  3. Ich kenne es auch aus einer Ganztagsschule, dass die Kinder in der Hausaufgabenzeit (45 Minuten) eher rumdallern und dann doch noch alles zu Hause machen müssen bzw. selbst wenn sie nicht rumdallern, in der Schule nicht alles schaffen.

  4. Geht man nach Hattie, sind Hausaufgaben in weiterführenden Schulen wirksam.

    • Geht man nach der Gehirnbiologie, so festigen sich Gedächtnisinhalte, wenn sie innerhalb gewisser Zeiträume mehrmals aufgerufen werden.

  5. das von der hessischen Landesschülervertretung Geforderte lässt schmerzhaft erkennen, wie eine lernwillige Jugend und ihr Lebensgefühl noch immer auf Schulstrukturen und Lern- bzw. Bildungsvorstellungen stößt, die in früheren Generationen wohl einmal angesagt waren. Der Philologen-Vertreter in Hessen kann sich offenbar die erwähnte „Selbständigkeit“ von jungen Menschen nur per Dekret (Hausaufgabenzwang) vorstellen.
    Aber der Zusammenhang geht weit darüber hinaus: Soll der Unterricht auf „das Studium“ vorbereiten, „passt“ der obligatorische und nicht inhaltsdifferente Hausaufgabenzwang sehr genau zum heute an unseren Unis verordneten Lerndrill (Lernbulimie), der eine wahre Selbständigkeit auch nicht möglich macht.

    • Vielleicht spricht er aber auch aus eigener Erfahrung. Viele Schüler machen ja ihre Hausaufgaben gar nicht, je höher die Jahrgangsstufe, desto weniger regelmäßig werden Hausaufgaben angefertigt. Komischerweise machen diejenigen Schüler ihre Hausaufgaben nicht, deren Leistungen in der Schule eher schlechter sind, die also Übungsmöglichkeiten wahrnehmen sollten.

    • Solche von Ihnen geschilderten Schüler gibt es, aber ebenso die von der Heidelbergerin beschriebenen. Darum fände ich es am besten, beide Schulkonzepte bestünden nebeneinander im friedlichen Wettbewerb, Eltern und Kinder wählten frei aus, was ihnen besser dünkte.

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