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Schüler sollen Lehrer bewerten – verpflichtend. Philologen in Aufregung über Modellversuch

MÜNCHEN. Das bayerische Kultusministerium plant einen Schulversuch, der in Deutschland beispiellos ist und schon bei der Ankündigung für Empörung sorgt: Schüler sollen Lehrer bewerten – und zwar verpflichtend. Wie die „Süddeutsche Zeitung“ berichtet, startet das Projekt mit einem Modellversuch an vorerst 55 Seminarschulen, die für die Ausbildung von Referendaren verantwortlich sind. Und diese Referendare sind es auch, die sich zunächst dem sogenannten Feedback stellen müssen.

Daumen rauf - oder Daumen runter? Schüler in Bayern sollen künftig Lehrer bewerten, und zwar verpflichtend. Foto: Foto: Gerd Altmann / pixelio.de

Daumen rauf – oder Daumen runter? Schüler in Bayern sollen künftig Lehrer bewerten, und zwar verpflichtend. Foto: Foto: Gerd Altmann / pixelio.de

Geplant ist, dass an den am Modellversuch einbezogenen 55 Schulen in Bayern die Schüler künftig zweimal jährlich den Unterricht von Nachwuchslehrern bewerten müssen. Der Start für das Projekt soll im Herbst erfolgen. Das Staatsinstitut für Schulqualität und Bildungsforschung (ISB) soll den Modellversuch begleiten und Materialien entwickeln, aus denen sich die Referendare Fragebögen selbst zusammenstellen können. Einen einheitlichen Fragebogen werde es nicht geben, heißt es in einer Presseerklärung des Kultusministeriums.

Die Ergebnisse der Schülerbefragung seien ohnehin nur für die betroffenen Referendare gedacht und sollen auch nicht in deren dienstliche Beurteilung einfließen, betonte das Kultusministerium. „Ein Schüler-Feedback hat mit einer Beurteilung oder gar Benotung der Lehrkräfte durch die Schüler nichts zu tun“, hieß es in einer Stellungnahme.

Gefahr einer „Bestnoteninflation“?

Der Philologenverband, der die Gymnasiallehrer vertritt, ist trotzdem in heller Aufregung: „Es ist blauäugig zu glauben, damit einen bayernweiten Schub hin zu einem besseren Unterricht erreichen zu können“, kritisierte Verbandschef Max Schmidt. Schmidts Befürchtung: Die Lehrer würden bessere Noten verteilen, um schlechte Rückmeldungen der Schüler zu vermeiden.

Schmidt sieht tatsächlich die reale Gefahr, dass Lehrkräfte vor dem Hintergrund verpflichtender Rückmeldungen aus der eingeschränkten Schülerperspektive die Schere im Kopf und bei der Benotung der Schüler ansetzten. Erfahrungen von Schulen und Universitäten mit einer Feedbackpflicht, insbesondere aus dem angelsächsischen Raum, zeigten, dass solch negative Effekte entstehen könnten und sie zudem eine „Bestnoteninflation“ provoziere – nach dem Motto: „Ich tue dir nichts, du tust mir nichts“. Außerdem erinnerte Schmidt daran, dass angehende Lehrkräfte im Referendariat umfangreich in Fragen der Leistungsbewertung ausgebildet werden. Da Schülerinnen und Schüler Entsprechendes nicht lernen, bleibe ihnen kaum anderes übrig, als höchst subjektive Eindrücke zu spiegeln. Sein Fazit: „Ja zur Förderung einer freiwilligen Feedbackkultur, nein zu einer Zwangsbeurteilung von Lehrkräften durch Schüler.“

Ministerium: Bewährtes Instrument

Dagegen meint das von Kultusminister Ludwig Spaenle (CSU) geführte Ministerium: „Ein Schüler-Feedback ist ein bewährtes Instrument zur Weiterentwicklung der Unterrichtsqualität. Viele Lehrkräfte und Schulen in Bayern verwenden Schüler-Feedbacks daher bereits seit langem mit Erfolg.“ Allerdings, das erwähnt das Ministerium nicht: freiwillig. Ziel des Vorhabens sei eine Weiterentwicklung der Lehrerausbildung und die Stärkung einer Feedback-Kultur an den Schulen. In der Pressemitteilung heißt es: „Die angehenden Lehrkräfte sollen ein Schüler-Feedback zur Weiterentwicklung des eigenen Unterrichts einsetzen können. Die Referendare entscheiden, ob sie die Ergebnisse des Feedbacks und ihre Erfahrungen mit einer Seminarlehrkraft, der Betreuungslehrkraft der Einsatzschule oder einer anderen Lehrkraft ihrer Wahl besprechen.“

Die Schüler, so schreibt die „Süddeutsche Zeitung“, freuen sich über das Modellprojekt und fühlen sich wertgeschätzt. „Aber es wäre schön gewesen, wenn wir beim Konzept einbezogen worden wären“, so zitiert das Blatt Hannah Imhoff, Münchens Stadtschülersprecherin. Ideen hätten sie. News4teachers / mit Material der dpa

Zum Bericht: Lehrer wollen sich nicht von Schülern bewerten lassen

8 Kommentare

  1. Da ich weiß, wie schwer Testfragenerstellung ist, habe ich Zweifel, dass die Referendare mit dem vorgelegten Fragenkatalog das abfragen, was der Bogen abzufragen vorgibt. Ersatzweise muss man (wie auch immer) im Vorfeld die Haltung jedes einzelnen Schülers zum Fach des Referendaren im Allgemeinen und zum Referendaren selbst im Speziellen evaluieren und aus dem eigentlichen Fragebogen herausrechnen. Für die Konzeption der Vorevaluierung muss man Experte in Psychologie, Soziologie o.ä. sein, für die Auswertung in mathematischer Statistik. Ich behaupte mal, dass kein Referendar auch nur ansatzweise in eine der beiden Expertenkategorien fällt (und wenn doch, dann ist Lehrer der falsche Beruf, weil solche Leute an der Hochschule forschen sollen). Als gestandener Lehrer kann man das durchaus zwischendurch mal machen, aber natürlich freiwillig und nur bei Klassen, die ernst gemeinte Antworten geben werden (pubertierende Spaßvögel geben keine vernünftigen Antworten).

    Wie wird eigentlich sicher gestellt, dass die Ergebnisse der Auswertebögen nicht doch irgendwie in die Hände der Seminar- oder Schulleiter kommen?

  2. „Die Ergebnisse der Schülerbefragung seien ohnehin nur für die betroffenen Referendare gedacht und sollen auch nicht in deren dienstliche Beurteilung einfließen, betonte das Kultusministerium.“ Dies mag für die erste noch relativ harmlose Phase der Einführung solcher Befragungen noch gelten. In einer zweiten Phase werden die Ergebnisse aber mit Sicherheit dann Teil der Bewertung der Referendare werden. Möchte jemand dagegen wetten?

  3. Es ist immer wieder spannend, wie Lehrer behandelt werden, nur um die Daseinsberechtigung einzelner Mitarbeiter des Ministeriums zu gewährleisten. …wie wäre es denn mal mit kleineren Klassen? Inklusion und Flüchtlinge, ohne zusätzliche Unterstützung und gleichbleibender Klassenstärke, Ausstattung und ganze in einer Kombiklasse 3/4. Das ist die Realität, die dann von den Kindern bewertet werden, deren Eltern Zuhause nur über die Lehrer schimpfen, da der Tortenprinz nicht auf das Gymnasium kommt. Selber haben diese Eltern gerade mal gelernt, ein Harz 4 Formular ausfüllen zu können. …das ist meine Situation. …
    Nehmt für Bildung endlich das Geld in die Hand, mit dem Mitarbeiter des Ministeriums meinen einen Fortschritt erzielen zu können und zu diesem Zweck firstclass überall hin reisen müssen. ……

  4. Warum sollen denn die armen Referendare beurteilt werden. Die sollten das erst mal bei gestandenen Lehrern machen, die stecken das vielleicht eher weg, wenn es nicht so gut ausfällt.

    Warum dürfen Schüler unter 18 eigentlich nicht wählen?

  5. Kommt darauf an, wie das Feedback aussehen soll.
    Wenn es in dem Sinn ist: Mir hat das Thema Spaß gemacht, ich habe viel/wenig gelernt, mir hat die Methode Spaß gemacht, so habe ich mich im Unterricht gefühlt, ich konnte meine Ideen mitteilen, ich habe die Erklärungen verstanden, ich hatte genug Material zum Üben … dann ist das ein Feedback, das nicht im Sinn vom „Bewerten“ ist, sondern eine Rückmeldung zum Unterricht darstellt und die Wertschätzung dem Lehrer gegenüber nicht verloren geht.
    Wenn aber die Schüler im wahrsten Sinn des Wortes ein „Urteil“ über den subjektiv empfundenen guten oder schlechten Unterricht bzw. irgendwetwas daziwschen fällen sollen, dann ist das übertrieben und demotivierend. Bei Referendaren, die so oder so unter Druck stehen, halte ich das für gefährlich. Irgendwann will kaum einer mehr Lehrer werden. Außerdem stärkt eine solche Art nicht die Beziehung zwischen Lehrer und Schüler.

    • Nachtrag:
      Dass man überhaupt auf die Idee kommt, dass solche verpflichtenden Schülerrückmeldungen in die Beurteilung der Lehrer mit einflließen sollen, lassen den Eindruck entstehen, dass noch mehr Druck auf die Lehrerschaft ausgeübt werden soll, die jetzt auch noch von Schülerseite kommt, die ja mehr oder weniger altersentsprechend subjektiv gefärbt ist. Eine äußerst ungute Sache.
      Schülerrückmeldungen könnten höchstens zur Weiterentwicklung des Unterrichts dienen (wie das auch die Evaluation macht) und nicht um jemanden unter Druck zu setzen, dann müssten sie eben in der Richtung aussehen, wie ich oben beschrieben habe.

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