Startseite ::: Pressemeldungen der Bildungsbranche ::: Von Feuerkäfern und Wissenszählern: Gemeinsam als Sprachdetektive grübeln

Von Feuerkäfern und Wissenszählern: Gemeinsam als Sprachdetektive grübeln

Für ihr Buch „Sinan und Felix – Mein Freund Arkadaşım“ wurde sie mehrfach ausgezeichnet. Die Autorin Aygen-Sibel Çelik stellt in ihrem gerade erschienenen zweiten Band über die türkisch-deutschen Freunde vor allem Humor und Lebensfreude den alltäglichen Missverständnissen und Sprach-„Fehlern“ gegenüber. Wir fragten sie nach ihren Erfahrungen als zweisprachige Autorin:

© SchauHoer Verlag

© SchauHoer Verlag

Aygen-Sibel Çelik, Sie sind in Deutschland und der Türkei aufgewachsen, war das schwierig für Sie?
Zunächst finde ich es schön, dass Sie feststellen, dass ich in und nicht „zwischen“ den beiden Ländern gelebt habe. Das betone ich, weil das „zwischen“ ein gängiges Bild reproduziert: Es basiert auf dem Klischee, man sei zwischen den Kulturen hin- und hergerissen und hätte Schwierigkeiten, eine Identität zu entwickeln. Dem ist nicht so. Im Gegenteil, die verschiedenen Eindrücke, Einflüsse und Erfahrungen verschmelzen und gestalten als Einheit die jeweilige Person mit.

Ist es daher nur natürlich, dass Sie sich mit Zwei- oder Mehrsprachigkeit in Ihren Büchern auseinandersetzen?
Ja, denn die Zweisprachigkeit gehörte schon als Kind einfach zu mir. Das Jonglieren mit den Sprachen machte mir damals schon viel Spaß; Unterschiede, aber vor allem Gemeinsamkeiten interessieren mich sehr. Da ich als Autorin in der Regel nur über Themen schreibe, die mich in irgendeiner Weise berühren, ist es naheliegend, dass dieser wichtige Teil meiner Identität auch seinen Niederschlag in meinen Büchern findet.

Aygen-Sibel Çelik

Aygen-Sibel Çelik

Wieso interessiert die Geschichte über Sinan und Felix so viele Klassen in Deutschland?
Ich denke, das liegt daran, dass die Geschichte quasi eine Momentaufnahme aus dem Alltag vieler Kinder darstellt und alle Kinder mit all ihren Besonderheiten als gleichwertige Teile dieser Gesellschaft wahrnimmt. Gleichzeitig zeigt sie Wege auf, wie man mit der Veränderung des Blickwinkels humorvoll auf Schwierigkeiten reagieren kann. Wie eine Haltungsänderung, weg von einem defizitären Blick auf fehlende Sprachkenntnisse, helfen kann, Mehrsprachigkeit als Vorteil zu erkennen. Außerdem lenkt die Geschichte das Augenmerk auf Gemeinsamkeiten und macht einfach Spaß.

Welche Reaktionen erhalten Sie bei Ihren Lesungen?
Die Kinder sind begeistert und neugierig. Sie lernen sich gegenseitig quasi neu kennen, denn während der Lesung wird demonstriert, was jeder einzelne eigentlich alles kann. Die Kinder zeigen ihren Ehrgeiz, Rätsel zu lösen, die fremden Wörter verstehen zu wollen und sich selbst einzubringen. Und das alles völlig unabhängig von der Sprache, die sie jeweils beherrschen.

Können sich auch andere Sprach- und Migrantengruppen in Ihren Geschichten wiederfinden?
Natürlich. Auch wenn meine Protagonisten Türkisch und Deutsch sprechen, können sich alle anderen auch in den geschilderten Szenen wiederfinden. Denn die Situation, verstanden oder eben nicht verstanden zu werden bzw. selbst nicht zu verstehen, kennt jeder.

Wieso kommt nach so vielen Jahren ein zweiter Band um die Jungen-Freundschaft zwischen Sinan und Felix heraus?
Seit dem Erscheinen des ersten Bandes „Sinan und Felix“ ist die Nachfrage nach Lesungen daraus kein bisschen gesunken. Dafür bin ich sehr dankbar. Im Laufe der Jahre haben dann auch die Anfragen nach einer Fortsetzung zugenommen. „Sinan und Felix“ hat meines Wissens immer noch ein Alleinstellungsmerkmal, was den interlingualen Aspekt und die spielerische Herangehensweise zu diesem Thema angeht. Als dann der erste Band beim SchauHör-Verlag neu erschienen ist und ein neues Zuhause bekommen hat, wusste ich, jetzt ist die Zeit für den zweiten Teil gekommen. Zum Glück fand nicht nur ich, sondern auch die Verlegerin und die Illustratorin Barbara Korthues die Idee gut.

Wie gut kennen Deutsche den türkischen Alltag?
Ich denke, „den“ türkischen Alltag gibt es nicht. Würde man hundert türkische Familien besuchen und sie eine Weile begleiten, würde man hundert verschiedene Varianten eines Alltags erleben. Dennoch muss ich betonen, dass der Kenntnisstand offensichtlich noch nicht gut genug ist. Das merke ich oft an den Fragen, die an mich gerichtet werden oder die man auch den öffentlichen Diskursen entnehmen kann. Es ist nichts Neues oder Besonderes, wenn man in Deutschland zum Beispiel kein Schweinefleisch isst, denn lange bevor Türken oder Muslime in Deutschland lebten, waren Menschen jüdischen Glaubens hier. Die haben ebensowenig Weihnachten gefeiert. Dennoch scheint es für viele so zu sein, als wären dies neue, völlig fremde und vor allem extreme Unterschiede, die Probleme erzeugen, die man wiederum nur mit besonderer Anstrengung überwinden könnte. Dazu fällt mir ein Beispiel aus meiner Kindheit ein. Wir hatten eine gut funktionierende, nette Nachbarschaft. Wenn die Eltern der deutschen Nachbarskinder nicht zuhause waren, kamen diese eben zu uns. Ab und an waren auch ich und meine Geschwister bei ihnen zu Gast. Wir spielten und aßen miteinander. Als ich als Erwachsene viele Jahre später eine dieser Nachbarinnen besucht habe, gestand mir die Mutter mit einem verschmitzten Grinsen folgendes: „Ich habe manchmal heimlich Schweinefleisch in das Essen gegeben, wenn ihr bei uns gegessen habt.“ Als ich sie nach dem Grund fragte, antwortete sie: „Ich wollte sehen, was passiert.“ Was dachte sie? Dass wir explodieren oder uns grüne Pickel auf der Nase wachsen würden, wenn das Fleisch unsere Lippen berührt?

Kann man tatsächlich den Fremd-Gefühlen mit Hausbesuchen begegnen? Wie kann Stereotypen auf beiden Seiten der Wind aus den Segeln genommen werden?
Egal, ob man ein anderes Land oder eine Wohnung von „Fremden“ besucht, man muss die Scheuklappen der eigenen Vorurteile ablegen. Sonst wird das, was man sieht, immer nur in vorgefertigte Schubladen gesteckt und falsch gedeutet und gar nichts Neues gelernt. Man muss die eigene Haltung, die eigene Einstellung hinterfragen, sonst funktionieren zwischenmenschliche Begegnungen, egal wie die Konstellationen sind, leider nicht. Aber zum Glück ergeben sich jeden Tag neue Chancen, etwas zu verändern. Wie bei Sinans Babaanne und Dede, seinen Großeltern. Sie wollen Deutsch lernen und sind ganz eifrig dabei. Allerdings machen sie so einiges falsch. Wie gut, dass Sinan und Felix so gut wissen, worauf es ankommt.

Vielen Dank für das Gespräch.

Sinan&Felix-II_Cover_9783940106179_RZ.inddSinan, Felix und die wilden Wörter, ab 7 Jahren, 32 Seiten
ISBN 978-3-940106-17-9, 14,95 € (D)
Wie schön, dass Sinans Großeltern zuhause sind. Die Freunde Sinan und Felix können dort nicht nur Hausaufgaben machen, sondern lecker essen. Dass Felix nebenbei viel über die eigene Sprache lernt und auch Sinans Kompetenzen als Zweisprachler gefragt sind, macht den Nachmittag für die Jungs, aber auch für Babaanne (Großmutter) und Dede (Großvater) zu einem aufregenden und lustigen Vergnügen, bei dem man manchmal ganz schön um die Ecke denken muss. Ergänzt durch Aussprache- und Übersetzungshilfen, Rätsel und Reime. Leseprobe

Erster Band: Sinan und Felix – Mein Freund Arkadaşım
Eine Geschichte über Freundschaft und Verständnis
ISBN 978-3-940106-16-2 14,95 € (D)
Leseprobe

Jetzt zum Subskriptionspreis vorbestellen:
Sinan und Felix – Mein Freund Arkadaşım – als Kamishibai-Erzählkarten
ISBN 978-3-940106-27-8    à  35 € (ab Erscheinungsdatum: 40 €)

  • „Ein sinnvolles, lehrreiches und interessantes Buch mit wunderschönen Illustrationen, welches Sprachbarrieren überwindet und Kulturen zueinander führt. Absolut empfehlenswert!“ Raven, Lovelybooks
  • „Kurzum – ein Leseerlebnis besonderer Art! Das Buch ist sehr unterhaltsam und trägt eine sinnvolle Botschaft. Die Themen „Toleranz“, „Integration“,  „echte Freundschaft“ und „Zusammenhalt der Familie“ wurden in eine liebevolle, alltägliche Geschichte verpackt. […] Durch die großflächigen, farbigen Illustrationen mit humorvoll eingearbeiteten Details ist das Buch noch ein wunderbarer Augenschmaus.“ Nimmerklug, Lovelybooks
  • „Es gibt keine Barrieren, kein zögerliches Abtasten, sondern nur Brücken und eine Lebensfreude verströmende Normalität.“ Lunamonique, Lovelybooks

Weitere Informationen, mehrsprachige Bücher und Sprachfördermaterialien finden Sie unter www.schauhoer-verlag.de.

Hinterlasse einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.Benötigte Felder sind markiert *

*