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Die bürokratische Seite des Missbrauchs: Tausende Schüler-Akten der Odenwaldschule erschlossen

DARMSTADT. Unterlagen der von einem Missbrauchskandal erschütterten und inzwischen insolventen Odenwaldschule werden im Staatsarchiv Darmstadt erfasst. Dazu gehören auch Tausende Schülerakten.

Die Odenwaldschule wird derzeit aufgelöst.  Foto: Armin Kübelbeck / Wikimedia Commons (CC-BY-SA-3.0)

Die Odenwaldschule wird derzeit aufgelöst. Foto: Armin Kübelbeck / Wikimedia Commons (CC-BY-SA-3.0)

Vor sechs Jahren ist der Missbrauchsskandal der Odenwaldschule ans Licht einer breiten Öffentlichkeit gekommen. Derzeit erfasst das Staatsarchiv Darmstadt in einer Mammutaufgabe die Unterlagen des inzwischen insolventen Privatinternats. Datensätze zu analogem Archivgut – in der Regel Papierakten – «werden mit aller Gewissheit noch dieses Jahr freigeschaltet», sagte Archivar Lars Adler (40). «Von jedem heimischen PC aus für jeden recherchierbar». Das digitale Material brauche noch etwas länger. Ein Zeitplan sei nicht abzusehen.

Nicht für jeden einsehbar aus den rund 10.000 erschlossenen analogen Datensätzen sind allerdings rund 4500 Schüler-Akten. Hier greife – wie in anderen Fällen dieser Art auch – der Datenschutz. «Ein Schüler hat allerdings freies Nutzungsrecht für seine Akte.» Grundsätzlich gelte, dass eine Personenakte erst hundert Jahre nach der Geburt des Betroffenen beziehungsweise zehn Jahre nach dessen Tod frei zugänglich ist.

Der Opfer-Verein Glasbrechen hatte höchste Sensibilität beim Umgang der Schülerakten angemahnt. An der Reformschule in Heppenheim hatten vor Jahrzehnten Lehrer mindestens 132 Schüler sexuell missbraucht. Ausgegangen wird von bis zu 500 Opfern.

Die Schüler-Akten dürften nach Einschätzung von Adler nicht direkt Hinweise auf die Übergriffe bieten. Sie seien aufgebaut wie Schülerakten sonst auch – «normal, mehr nicht»: mit Vorname, Nachname, Geburtsdatum und Zeugnissen. Die Schüler-Akten der Odenwaldschule stammten zum Teil noch aus den 1920er Jahren, viele aus den 1960er, 1970er und 1980er Jahren bis hin zum Ende der Schule.

Der Umfang des Archivs der Odenwaldschule umfasst 450 Regalmeter, davon etwa 100 Meter für das eigentliche Archiv, der Rest ist Schriftgut aus der Schulverwaltung. Übernommen wurden rund 50.000 Bilder.

Voraussichtlich im August oder September plant das Staatsarchiv einen Workshop zum Umgang mit den Unterlagen. «Das ist keine Podiumsdiskussion», sagte Adler. «Wir wollen den Stand der Erschließung und Nutzung transparent machen.»

Inzwischen wird im Zuge des Insolvenzverfahrens das Inventar der Odenwaldschule versteigert: Möbel, Maschinen, Musikinstrumente. Die Auktion läuft bis zum 1. September 2016. Außerdem sollen die Immobilien verkauft werden. dpa

Zum Bericht: Utensilien der Reformpädagogik unter dem Hammer: Wie die Odenwaldschule Stück für Stück versteigert wird

Ein Kommentar

  1. Alfons Kleine Möllhoff

    Übrigens:

    Die Akten der staatlichen Aufsichtsorgane sind und werden nicht öffentlich zugänglich. Der Odenwaldschule wurde immer Vertuschung und mangelnde Transparenz vorgeworfen. Aber im Verhältnis zur Information über die (Un-)Tätigkeit der Aufsichtsbehörden ist die Odenwaldschule geradezu ein Musterschüler.

    Der Skandal, dass insbesondere die Heimaufsicht ihrer Aufgabe nicht nachkam, findet keine Beachtung. Das ist die beste Voraussetzung, dass demnächst an anderer Stelle Vergleichbares geschieht.

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