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Flüchtlingskinder sofort in Regelklassen? Lehrerverbände in Alarmbereitschaft

DÜSSELDORF. Ein neu formulierter Erlass des NRW-Schulministeriums zum Thema Flüchtlingskinder sorgt für Verwirrung unter Lehrkräften. Sollen die zugewanderten Schülerinnen und Schüler in der Regel sofort in einer Regelklasse unterrichtet werden, wie Verbände nach der Veröffentlichung mutmaßten? Das Ministerium widerspricht. Die Aufregung aber zeigt: Lehrkräfte fühlen sich mit der Integration der zusätzlichen Schüler gehörig unter Druck.

Rund 250.000 Flüchtlingskinder kamen 2015 nach Deutschland. Foto: Stephan Rebernik / flickr (CC BY-NC-SA 2.0)

Rund 250.000 Flüchtlingskinder kamen 2015 nach Deutschland. Foto:
Stephan Rebernik / flickr (CC BY-NC-SA 2.0)

Die Neufassung des bisherigen „Integrations-Erlasses“ verändere keine bestehenden Rechtsnormen oder Organisationsformen, so stellt das Schulministerium klar. Es gehe lediglich um geänderte Begrifflichkeiten. „Die Organisationsformen ‚Auffang- bzw. Vorbereitungsklassen‘ werden in der Neufassung als „Sprachfördergruppen“ beschrieben. Es entfällt lediglich die Bezeichnung, um den Schulen größeren Spielraum für die flexible Gestaltung eines individuellen, am Lernfortschritt der Schülerinnen und Schüler orientierten Übergangs in das Regelsystem (auch unterjährig) zu geben“, so heißt es in einer Pressemitteilung. Grundsätzlich gelte, was schon bisher gegolten habe und was der im Oktober letzten Jahres verabschiedeten Strategie der Kultusministerkonferenz entspreche: die Beschulung von zugewanderten Schülerinnen und Schülern in Regelklassen sei die „grundsätzliche Form“.

GEW-Landeschefin Dorothea Schäfer hält es einem Bericht der „Westdeutschen Allgemeinen Zeitung“ trotz des Dementis aus Düsseldorf für möglich, dass die Landesregierung die Integrationsklassen – andernorts heißen sie „Willkommensklassen“ – auflösen möchte. „Das wäre fatal. Es ist gut, dass diese Kinder zunächst unter sich sind. In den Regelklassen würden viele von ihnen erst mal nur dasitzen und nichts verstehen“, sagte Schäfer laut Bericht. Der Erlass und die Diskussion darüber verunsichere viele Lehrer. Schäfer: „Wir kriegen immer wieder Hinweise, wie pädagogisch wertvoll die Vorbereitungsklassen mit ihren gezielten Förderangeboten für die Integration der Flüchtlingskinder sind.“

Auch „lehrer nrw“ lehnt eine sofortige Zuweisung neu zugewanderter Kinder in Regelklassen ab. Stattdessen fordert der Verband die Einrichtung von halbjährigen Deutschkursen für Flüchtlingskinder an den Schulen. Diese Vorbereitungskurse müssten der Zuweisung in Regelklassen oder Seiteneinsteigerklassen stets vorgeschaltet werden. Verbandschefin Brigitte Balbach: „Eine Chance auf eine fundierte Bildung und spätere berufliche Perspektiven in Deutschland gibt es für neu zugewanderte Kinder nur mit soliden Deutschkenntnissen. Und die lassen sich nicht nebenher in der Regelklasse vermitteln.“ Sie sofort in Regelklassen zu stecken, wäre eine „Katastrophe für die schulische Integration.“ News4teachers

Zum Bericht: Flüchtlingskinder: Löhrmann setzt auf schnellen Regelunterricht – der Kreis Unna auch. Ein Beispiel aus der Praxis

 

4 Kommentare

  1. Ich kann nur wieder darauf verweisen, dass man in den 1990-er Jahren mit russlanddeutschen Kindern, die „in Massen“ nach Deutschland kamen, ebenso verfuhr. Meist ohne Deutschkenntnisse und zu Hause Russisch sprechend, kamen sie in normale Klassen (ggf. 1 Schuljahr niedriger) und lernten schnell sehr gut Deutsch (je jünger – desto schneller und besser). Das habe ich mehrfach von russlanddeutschen Freunden gehört.

    Ich denke, es ist der schwierigere, aber bessere Weg.

  2. @ sofawolf

    Bitte entschuldigen Sie die harten Worte, aber Ihr Vergleich hinkt hinten und vorne und grenzt dabei beinahe an Naivität.
    Wenn Sie die 90er Jahre mit der jetzigen Zeit vergleichen, liegen 20 Jahre voller Entwicklung dazwischen, die berücksichtigt werden müssen, weil dadurch vollkommen andere Rahmenbedingungen geschaffen worden sind.
    Als Beispiel sei hier die Zusammensetzung der Klassen genannt: War früher der Anteil der Kinder mit Migrationshintergund so hoch wie heute? Waren früher die Probleme mit der deutschen Sprache bei deutschen Kindern, ob mit oder ohne Migrationshintergrund, so groß wie heute?
    Das müsste man nämlich wissen, denn es kann ein Unterschied sein, wenn wenige „russlanddeutsche Kinder“ eine Klasse besuchen, bei der sonst jeder deutsch aber kein russisch oder wenn Kinder, die der deutschen Sprache nicht mächtig sind, Klassen besuchen, in denen die Kinder nur schlecht deutsch können, aber die Landessprache der „Besucher“ verstehen. Den (Bildungs-)Erfolg einer solchen „Integration“ können Sie Sich sicher selber ausmalen.
    Darüber hinaus finde ich es allgemein fragwürdig, dass hier immer von Flüchtlingen gesprochen wird, obgleich auch Kinder diese speziellen Klassen besuchen, welche aus EU-Ländern stammen und die mit ihren Familien nach Deutschland eingewandert sind und eventuell bereits ihre Aussichten auf Verbleib kennen.
    An meiner Schule besuchen 18 Kinder die „internationale Klasse“. Diese unterscheiden sich hierbei nicht nur in den schulischen Vorkenntnissen und ihren Erfahrungen, sondern auch in ihrem Aufenthalt. Circa 9 dieser Kinder stammen aus Rumänien oder Bulgarien – das mag für eine duisburger Schule nicht ungewöhnlich sein.
    Diese Kinder, wenn sie denn kommen, sitzen aber nur dort und tun nichts. Spätestens nach sechs Monaten sind sie wieder weg. Von den restlichen 9 „Flüchlingskindern“ haben es nur zwei in die Regelklassen geschafft. Zwei weitere haben gute Prognosen, aber die restlichen fünf müssten individuell und therapeutisch betreut werden, weil sie trotz einem Alter von 15 Jahren das Wissen eines Grundschülers der 2. Klasse und auf ihrer Flucht viel gesehen haben. Das geschieht aber nicht.
    Vielmehr werden alle Kinder, die nach zwei Jahren nicht in eine Regelklasse überwiesen werden können, in „Sammelklassen“ gesteckt.
    Ich weiß ja nicht, wie es in anderen Städten ist, aber langsam muss man sich fragen, ob das dauernde „Lächer-Stopfen“ nicht an seine Grenzen stößt.

  3. @ PeterPan, solange Sie sachlich bleiben, dürfen es auch deutliche („harte“) Worte sein. Ihre Meinung ist Ihre Meinung. Sie ist ja alleine deshalb nicht wahr, nur weil es Ihre Meinung ist. 😉

    Ihre Erfahrungen sind ganz spezielle Erfahrungen. Es ist überall ein bisschen anders. Das kann man ja nicht alles mit wenigen Worten berücksichtigen. Als in den 1990er Jahren zeitweise hunderttausende Spätaussiedler pro Jahr nach Deutschland kamen, waren es auch nicht nur russlanddeutsche Kinder, sondern auch rumäniendeutschen oder „polendeutsche“ Kinder. Hauptsächlich das waren die letzten Spätaussiedler. Es kamen zeitweise so viele, dass sich die Bundesregierung verschiedene Begrenzungen einfallen ließ.

    Auch damals gab es Gegenden, in denen sich z.B. die Russlanddeutschen konzentriert hatten. Ich hörte z.B. von den Städten Lahr im Schwarzwald und Cloppenburg in Niedersachsen. Dort waren es dann viele nicht-deutschsprachige Kinder in den Schulen. In andere Gegenden kamen weniger. Dort waren es dann auch nur wenige nicht-deutschsprachige Kinder. (Später dann erließ die Bundesregierung auch bzgl. der Spätaussiedler ein Aufenthaltsgesetz mit zugewiesenen Wohnorten, solange jemand Unterstützung vom Staat haben wollte. Ich glaube für 3 Jahre.)

    Auch in den 1990-er Jahren gab es bereits in manchen Gegenden, manchmal Stadtteilen einen hohen Anteil „nicht-deutscher Kinder“ in den Klassen; auch damals schon hörte man von Klassen, in denen es nur 1 Kind deutscher Herkunft gibt. Natürlich, in so einer Klasse lernen dann Kinder nicht-deutscher Herkunft nicht unbedingt sehr schnell Deutsch.

    Das alles und mehr kann ich nicht in wenigen Worten berücksichtigen. Was ich schrieb, bezieht sich einfach auf andere Situationen als die, an die Sie denken.

  4. Wenn man keine Lehrkräfte hat und keine einstellen kann, weil keine zur Verfügung stehen, läuft es ohnehin darauf hinaus. Dann steht im Erlass, dass es Stunden gibt, sie werden aber nicht gewährt, tauchen nicht in der Statistik auf… Sprachlernklassen werden nicht eingerichtet, obwohl die Schule die notwendigen Bedingungen/ Anzahl der SuS erfüllt. Vertretungsreserven oder Förderstunden sind schon vor Jahren zusammengestrichen worden, um dem Lehrermangel zu begegnen.

    Letztlich sitzen die SuS dann in den Regelklassen und die Lehrkraft muss die Kinder irgendwie einbinden und fördern. Dabei sind unter den Flüchtlingskindern auch solche, die nicht alphabetisiert sind (in keiner Sprache), kaum mathematische Grundbildung mitbringen (nicht mal mittleres Niveau Klasse 2) oder die kaum schulische Erfahrungen haben… und Sprachen sprechen, die an der Schule nicht vertreten sind – werder bei LuL,SuS noch Eltern.

    Andere Möglichkeiten (Schulbegleitung irgendwelcher Art, personelle Unterstützung etc.) werden nicht diskutiert, sollten sicher nicht der Regelfall sein, könnten aber die Notsitation erheblich entschärfen.

    So kann man die Integration ohne weitere Kosten durchsetzen … und demnächst folgen sicher noch weitere Vorschriften bürokratischer Art, damit Lehrkräfte ihre Bemühungen auch dokumentieren und die Ministerien zeigen, wie wichtig ihnen die Aufgabe ist.

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