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Hintergrund zum Anschlag von Würzburg: Minderjährige Flüchtlinge sind eine Mammutaufgabe für Jugendämter und Lehrer

BERLIN. Die Zahl der Minderjährigen, die ohne Eltern nach Deutschland flüchten, ist in den vergangenen zwei Jahren enorm angestiegen. Die meisten von ihnen kommen aus Afghanistan, Syrien und dem Irak.

Für Jugendliche aus Afghaniastan ist das Leben hierzuland häufig ein Kulturschock (Archivbild). Foto: Tracy Hunter / flickr (CC BY 2.0)

Für Jugendliche aus Afghaniastan ist das Leben hierzuland häufig ein Kulturschock (Archivbild). Foto: Tracy Hunter / flickr (CC BY 2.0)

Alleine im ersten Quartal dieses Jahres wurden an den deutschen Grenzen mehr als 3.652 unbegleitete Kinder und Jugendliche von der Bundespolizei registriert. Landkreise und kreisfreie Städte hätten im vergangenen Jahr bundesweit etwa 60.000 unbegleitete Minderjährige aufgenommen, berichtet der Deutsche Landkreistag.

Spricht man mit Sozialarbeitern und Ehrenamtlichen, die in der Flüchtlingshilfe aktiv sind, hört man zwei sehr gegensätzliche Aussagen über diese Gruppe.

Erstens: Die Kinder und Jugendlichen haben bessere Voraussetzungen dafür, sich in der deutschen Gesellschaft zurechtzufinden als ältere Asylbewerber. Denn sie werden intensiver betreut und lernen oft schneller Deutsch. Die Polizei schaltet immer das Jugendamt ein. Die Minderjährigen erhalten einen Vormund, werden in Jugendhilfeeinrichtungen, betreuten Wohngruppen oder bei Pflegefamilien untergebracht.

Zweitens: Die unbegleiteten Minderjährigen kommen oft mit schwerem seelischen Gepäck. Viele haben Armut erlebt, Bürgerkrieg, Terror oder Vertreibung. Auch die Fluchterfahrungen wirken oft lange nach. Wenn die erste Anspannung gewichen ist, erzählen sie von prügelnden Polizisten in Bulgarien, kenternden Schlepperbooten und Stunden im dunklen Container – eingesperrt mit Dutzenden Erwachsenen. Der Bayerische Lehrer- und Lehrerinnenverband forderte Anfang des Monates mehr Unterstützung bei der Schulung von Lehrern, in deren Klassen viele traumatisierte Flüchtlingskinder sitzen.

Auf vielen Jugendlichen lastet zudem ein immenser Druck, weil sie von ihren Familien mit einem konkreten «Auftrag» nach Deutschland geschickt wurden. Bei den Syrern geht es vor allem darum, den Familiennachzug für Eltern und Geschwister zu organisieren. Die Minderjährigen aus Afrika und Afghanistan sollen eher arbeiten und Geld schicken. Wenn sie in Deutschland ankommen und dann feststellen müssen, dass sie diese Erwartungen nicht erfüllen können, geraten sie nach Angaben von Sozialarbeitern oft in große seelische Nöte.

Der Kulturschock sei besonders für afghanische Jugendliche aus ländlichen Gebieten anfangs groß, berichtet ein Dozent, der in München Sozialarbeiter, Ehrenamtliche und Lehrer für den Umgang mit Flüchtlingen schult. Er sagt: «Sie kennen es nicht, dass Frauen in der Öffentlichkeit zu sehen sind. Auf einmal steht eine Lehrerin vor ihnen, und das ist schwierig.» Für Flüchtlinge aus Syrien sei das dagegen Normalität. dpa

Zum Bericht: Ende der Willkommenskultur? Von wegen – Lehrerverband fordert mehr Hilfe für traumatisierte Flüchtlingkinder

Der Anschlag von Würzburg

In einem Regionalzug auf der Fahrt nach Würzburg hat ein junger Mann Fahrgäste mit einem Beil und einem Messer angegriffen. Der Täter ist ein 17-jähriger Afghane, der vor mehr als einem Jahr als unbegleiteter minderjähriger Flüchtling nach Deutschland gekommen ist und zuletzt in einer Pflegefamilie untergebracht war. Der Jugendliche verletzte mehrere Menschen im Zug schwer und flüchtete anschließend aus dem Fahrzeug. Beamten eines Spezialeinsatzkommandos erschossen den Angreifer. Die Polizei geht von einem islamistischen Hintergrund aus.

 

3 Kommentare

  1. Mittlerweile wird in den Nachrichten angezweifelt, ob der junge Gewalttäter (muss man in einem solchen Fall noch „mutmaßlich“ sagen?) wirklich minderjährig war. Diese Zweifel gibt es übrigens in vielen Fällen; auch die mir in unserem Deutschkurs begegnet sind, sahen teilweise sehr viel älter aus als die von ihnen genannten 16 oder 17. Über die Kulturgrenzen hinweg und angesichts der völlig anderen Lebensumstände in Afghanistan oder während der langen Reise nach D ist natürlich ein Vergleich mit unseren wohlbehüteten Jünglingen schwer.
    Ich finde, unser Staat tut, was er kann, und leistet dabei nicht nur eine „Mammutaufgabe“, sondern gibt auch sehr viel Geld aus. Genannt werden 3000 Euro pro Monat und Person.

  2. @Pfälzer
    Zu den Kosten des Würzburger Attentäters, die für alle unbegleiteten Minderjährigen gelten dürften, habe ich Folgendes gelesen:
    “Da er nach eigenen Angaben minderjährig war, griffen zusätzliche Betreuungs- und Integrationsmaßnahmen. Zunächst erfolgte die rechtlich vorgeschriebene »Inobhutnahme« (§ 42 SGB VIII), die keinem unbegleitetem Migrant oder Flüchtling (UMF) verwehrt werden darf. Diese Erstmaßnahme kostet den Steuerzahler pro UMF ungefähr 2.000 Euro.
    Danach kommt die Unterbringung des UMF in einem sogenannten “Clearinghaus”. Im Falle des Attentäters war dies ein Kolpinghaus im Großraum Würzburg. Diese Unterbringung kostet pro UMF pro Tag knapp 150 Euro. Elf Monate lebte der Amokläufer in diesem Kolpinghaus, sodass hier Kosten von über 50.000 Euro aufgelaufen sind.

    Eine Pflegefamilie, die ein UMF aufnimmt und betreut, erhält rund 1.200 Euro pro Monat für die Betreuung und Aufnahme. In diesem Fall lebte der Attentäter erst zwei Wochen bei einer Gastfamilie.

    Jeder UMF wird nach der Anreise medizinisch eingehend untersucht. Die dafür anfallenden Kosten werden nach dem “Einheitlicher Bewertungsmaßstab” (EBM) berechnet und honoriert. Die genauen Kosten zur Untersuchung des Würzburger Attentäters sind nicht bekannt.”

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