Startseite ::: Titelthema ::: „Die Reaktion der Lehrerschaft ist überwiegend positiv“ – ein Gespräch zur empirischen Bildungsforschung

„Die Reaktion der Lehrerschaft ist überwiegend positiv“ – ein Gespräch zur empirischen Bildungsforschung

DORTMUND. Die deutschen Schulen sind längst im Zeitalter von Datenerhebung und Vergleichbarkeit angekommen. Nachdem die PISA-Studie im Jahr 2000 das Schulsystem aufgerüttelt hat, werden Schulen heute auf unterschiedlichen Ebenen regelmäßig durchleuchtet, von internationalen Studien bis hin zur schulindividuellen Qualitätsanalyse, die in fast allen Ländern praktiziert wird. Nicht zuletzt der Aufschwung des Zentralabiturs gehört in diesen Zusammenhang und zeigt, dass die „neue“ Schulkultur auch ganz praktische Früchte trägt.

Ob der mit der Datenerhebung verbundene Aufwand wirklich seine Rechtfertigung hat, ist allerdings keineswegs unumstritten. Mit „unpädagogischem Datenwahn“, „Berechenbarkeitsgläubigkeit“ und „Formatisierung der Pädagogik“ sind nur ein paar der häufig zu hörenden Kritikpunkte zusammengefasst.

Kann die empirische Bildungsforschung überhaupt zur Verbesserung von Schulen beigetragen? Darüber sprachen wir mit Prof. Nele McElvany, geschäftsführende Direktorin des Instituts für Schulentwicklungsforschung (IFS) der TU Dortmund. Das Institut ist unter anderem an den deutschen Teile der Vergleichsstudien IGLU und TIMSS beteiligt.

Die Bildungsforscherin Prof. Dr. Nele McElvany leitet das renommierte Institut der Schulentwicklungsforschung (IFS) der TU Dortmund. Foto: TU Dortmund

Die Bildungsforscherin Prof. Dr. Nele McElvany leitet das renommierte Institut für Schulentwicklungsforschung (IFS) der TU Dortmund. Foto: TU Dortmund

Frau Professorin McElvany, wo steht die empirische Bildungsforschung heute – 16 Jahre nach der ersten PISA-Studie?

McElvany: Seit PISA 2000 hat sich viel getan. Es geht nicht mehr allein darum, Schülerleistungen zu messen. Die Studien sind viel differenzierter geworden, es gibt eine große Vielfalt, gefragt wird nach Lehrerkompetenzen, Unterrichtsqualität, sinnvollen Interventionen – das Bild ist bunter geworden. Hinter den Large-Scale-Studien, also PISA, TIMSS und IGLU, standen früher Fragezeichen. Wie sinnvoll ist es, Schülerleistungen alle paar Jahre wieder zu messen? Heute sehe ich dafür und für die anderen Formate wie Längsschnittstudien oder experimentelle Interventionsstudien eine breite Akzeptanz. Viele Kolleginnen und Kollegen in der schulischen Praxis oder Bildungsadministration wollen wissen, was die Empirie, die Datenlage, zu bestimmten pädagogischen Fragen und Herausforderungen zu sagen hat, um darauf aufbauend Entscheidungen zu treffen. Empirische Bildungsforschung ist das Fundament für die Schulentwicklung.

Gute Daten machen noch keinen guten Unterricht, aber dazu beitragen können sie schon. Foto: andibreit / pixabay (CC0 Public Domain)

Gute Daten machen noch keinen guten Unterricht, aber dazu beitragen können sie schon. Foto: andibreit / pixabay (CC0 Public Domain)

Die Botschaften der empirischen Bildungsforschung waren in der Vergangenheit nicht immer erfreulich für die Schulen. Spüren Sie eine Abwehrhaltung seitens der Lehrerschaft?

McElvany: Nein, im Gegenteil. Die Reaktionen auf unsere Forschung sind überwiegend positiv. Bei meiner Arbeitsgruppe steht in vielen Studien die Lesekompetenz im Mittelpunkt – die Brisanz ist allen klar. Die wissenschaftliche Arbeit ist hier relativ nah an dem, wo in der Schule der Schuh drückt. Unsere Studien zur Messung und Förderung von Lesekompetenz werden von den Lehrkräften, mit denen wir zusammenarbeiten, mit großem Interesse aufgenommen. Sie erwarten von uns Rückmeldungen über ihre Klassen und bekommen sie auch. Diagnostik und Förderung gehören eben zusammen.

Und wofür steht das IFS?

McElvany: Das IFS konzentriert sich auf den schulischen Kontext – auf allen Ebenen: vom individuellen Schüler oder der individuellen Schülerin über die sozialen Voraussetzungen der Lernenden bis hin zu den Lernprozessen. Wir betrachten die Unterrichtsqualität, Lehrerkompetenzen, das Schulleitungshandeln und schließlich das ganze Schulsystem. Wir möchten mit dem IFS die Erkenntnisse aus Laborforschung zu grundlegenden Prozessen und Mechanismen zusammenbringen mit der angewandten Feldforschung. Und unser Ansatz ist keineswegs nur ein deskriptiver und erklärender – wir wollen letztlich mit unseren Erkenntnissen dazu beitragen, dass der Schulalltag optimiert werden kann. Es ist ja nicht unsere Aufgabe, in der Praxis zu arbeiten – dafür sind die Lehrerinnen und Lehrer da –, aber wir möchten mit unserer Forschung praxisrelevant sein. Es geht uns darum, ein möglichst realistisches Bild zu zeichnen: Wo ist welches Verbesserungspotenzial? Dabei geht es häufig auch um die Frage: Sind unsere Ergebnisse implementierbar? Es macht wenig Sinn, Szenarien zu konstruieren, die nicht umsetzbar sind. Wichtig ist uns neben einem interdisziplinären Ansatz auch der internationale Kontext. Unsere Forschung soll über Deutschland hinaus anschlussfähig sein.

Ende des Jahres wird, neben PISA, die neue TIMS-Studie veröffentlicht. Brauchen wir die wirklich noch? Wissen wir nicht längst, woran es im Schulsystem hapert?

McElvany: Es wäre sehr problematisch, wenn wir keine weitere der Large-Scale-Studien hätten. Wir würden den internationalen Vergleichsrahmen verlieren und die deutsche Bildungsforschung würde sich methodisch viel schlechter weiterentwickeln können. Wir würden in dem Bereich den Anschluss verlieren. Wichtiger aber wohl noch: Wir würden nicht mehr erkennen, was im deutschen Schulsystem passiert. Wenn wir nur mal bei PISA Rückschau halten, dann lassen sich doch Entwicklungslinien ausmachen. Es ergeben sich Trendanalysen für das Bildungssystem. Das ist ein großer Erkenntnisschatz, darauf können wir doch nicht ernsthaft verzichten wollen.

Was hat sich denn seit der ersten PISA-Studie in Deutschlands Schulen getan?

McElvany: Wir haben mit PISA ein breites Bewusstsein aller dafür entwickelt, dass Lesekompetenz die Grundlage aller Fächer ist. Das ist ein großes Verdienst. Zudem haben wir den Fokus auf Kinder mit Migrationshintergrund gerichtet – was uns jetzt im Zusammenhang mit den Flüchtlingskindern zugute kommt. Auch wenn wir sicher noch nicht sagten können: Wir haben alle Konzepte beisammen, so beginnen wir jetzt doch nicht bei null. Außerdem ist dank PISA der große Zusammenhang zwischen Bildungserfolg und sozialem Hintergrund der Schülerinnen und Schüler offenkundig geworden. Hinter diese Erkenntnis gibt es keinen Schritt mehr zurück, und es sind ja auch erste Verbesserungen erkennbar. Allerdings wird uns das Thema noch lange begleiten und uns fehlen gerade in dem Bereich noch Studien, die wirksame und implementierbare Interventionskonzepte untersuchen.

Aber reduzieren die großen Bildungsstudien Schülerinnen und Schüler nicht auf ihre Lesekompetenz und ein paar Mathe- und Naturwissenschaftskenntnisse?

McElvany: Vorrangig die Lesekompetenz von Schülerinnen und Schülern zu messen, macht schon Sinn. Das ist eine zentrale Schlüsselkompetenz. Wer nicht lesen kann, ist nicht nur in Deutsch schlecht, sondern kann auch in anderen Fächern nicht erfolgreich sein. Aber natürlich ist Bildung mehr als Lesekompetenz. (zab, pm)

zum Bericht: 2016 ist wieder ein PISA-Jahr – Schleicher: Deutschland hat seine Hausaufgaben gemacht, aber…

67 Kommentare

  1. So lange die überwiegende Teil der Empiriker nicht zwischen Koinzidenz, Korrelation und Kausalität von Ereignissen unterscheiden kann, bleibt dieser Teil der Wisenschaft für mich ein rotes Tuch.

    • Dafür müssten die Bildungsforscher Ahnung von Mathematik haben. Wenn sie diese hätten, wären sie entweder als Mathematiker und nicht als Bildungsforscher tätig oder der Lehrplan Mathematik nicht zu einem einfachen Rechnen ohne Abstraktion verkommen.

  2. zu dieser von Ihnen wiederholt geposteten Meinung erbitte ich den( pardon ) empirischen Beleg

  3. So lange nur die Missstände beschrieben werden und sich niemand darum kümmert, wie diese Missstände beseitigt werden können, sind solche Studien Quatsch. Jetzt weiß ich als Lehrer also, welche Missstände es gibt, wer hilft mir nun dabei, diese auch zu beseitigen? Von der Didaktik an den Unis ist keine Hilfe zu erwarten, diese kochen ihr eigenes Süppchen – praxisfern wie immer.

    • Bremen ist seit 2000 – der ersten Pisa-Studie – immer unter den letzten in Deutschland. Hat sich seitdem irgendetwas verändert? Wurden den Bremern Lösungsansätze geboten? Gibt es Hilfen?

    • Erstaunliche Ergebnisse der Bildungsforschung:
      Computer im Unterricht verbessern die Leistungen der Schüler nicht.
      Selbstreguliertes Lernen hat keinerlei Wirkung – verbessert die Leistung der Schüler nicht.

      Werden diese Ergebnisse ernst genommen – NEIN. Wozu dann das ganze???

      • Es gibt auch keinen Grund, das alles anzunehmen. Das Lernen mit Computern oder selbstreguliert ist anders als im klassischen Frontalunterricht mit Buch. Einigen Schülern liegt das eine besser als das andere, im Mittel gleich sich das aus.

        Als regulatorisches Mittel hat die Politik die Lehrpläne, mit deren Ausdünnung die gewünschten immer höheren Bildungsabschlüsse für immer mehr Schüler doch erreicht werden können. Der dafür zu zahlenden Preis interessiert die Politiker nicht, weil sie bis dahin schon längst abgewählt wurden oder sogar in Pension sind.

    • Nein, die Ergebnisse sind keineswegs Quatsch, weil sie natürlich auch den Lehrkräften Rückenwind geben bei ihren berechtigten Forderungen nach mehr Bildungsinvestitionen. Wie sähe es, bitteschön, in den deutschen Schulen aus, wenn es die PISA-Studien und andere internationale Leistungsvergleiche nicht gäbe – und unsere Landespolitiker nahezu unkontrolliert an den Bildungseinrichtungen herumsparen könnten, wie sie lustig sind. Das Ergebnis der ersten PISA-Studie oder der TIMSS-Schock in den 90er Jahren lassen es ahnen.

      Es ist ein Irrtum zu glauben, die großen internationalen Vergleichsstudien würden vorrangig Lehrerleistung messen – sie messen in erster Linie Politikleistung.

      • Ich habe auch nicht gesagt, dass die Ergebnisse Quatsch sind. Ich habe gesagt, dass sie Quatsch sind, wenn sie keine Konsequenzen haben. Welche Konsequenzen gibt es? G8 – ein Sparprogramm der Finanzminister.

        • Und wie sähen die deutschen Bildungsinvestitionen wohl aus, wenn es zum Beispiel das jährliche OECD-Ranking „Education at a glance“ nicht gäbe?

          Im Übrigen hat es seit PISA ja Konsequenzen gegeben – Frau McElvany zählt doch einige auf. Da kommen durchaus noch einige dazu: von der Förderung in den Kindergärten bis hin zum Zentralabitur. Fakt ist, dass sich Deutschland seit 15 Jahren kontinuierlich bei allen empirischen Bildungsvergleichen nach oben bewegt, und vor allem Kinder aus sozial schwachen Familien und/oder Migrantenfamilien davon profitiert haben. Alles Quatsch?

          • Zu welchem Preis und auf welche Weise wurden die Abschlüsse nach oben bewegt? Die Kinder sind auf keinen Fall intelligenter oder dümmer geworden, die Prüfungsanforderungen wurden vielmehr deutlich nach unten verschoben und durch Kompetenzen ersetzt. Das Zentralabitur tat sein Übriges.

          • Vielleicht hätte Deutschland ein besseres Schulsystem und nicht ein OECD-System. G8 und Bachelor lassen grüßen.

          • Und worauf gründen Sie Ihre Hoffnung? Deutschland hat ja jahrzehntelang in der Bildung vor sich hin gewurschtelt – ohne sich an internationalen Vergleichsuntersuchungen zu beteiligen. Das Ergebnis war dann, als dann doch mal wieder verglichen wurde, erst der TIMSS-Schock (in Mathe und den Naturwissenschaft), dann der PISA-Schock (beim Leseverständnis). Aber klar, wenn man sich nicht vergleicht, gibt’s auch kein Maß für gut oder schlecht – dann lässt sich alles als toll verkaufen. Dann erklären wir uns selbst wieder zur „Nation der Dichter und Denker“ und alle anderen für doof und betreiben Nabelschau. Alles schon dagewesen.

          • Woher kam dann der Weltruhm des deutschen Ingenieurs? So schlecht kann das Bildungssystem nicht gewesen sein. Im Gegensatz dazu müssen wir uns heute für die Ingenieure schämen – Flughafen BER, Stuttgart 21, Abgasskandal usw.
            Misst PISA Bildung, oder nur, wie gut eine Nation PISA-Tests absolvieren kann?

          • Warum werden die PISA-Ergebnisse dann nicht ernst genommen? Warum wollen oder können die „Verlierer“ nicht von den „Siegern“ lernen?

          • Was möchten Sie denn von den Siegern (Japan, Korea, Singapur) lernen?

          • Mir würde es reichen, wenn mal ins Nachbarland Niederlande geguckt würde.

          • Die Niederlande erreichen ähnliche Ergebnisse wie Bayern.

          • Vielleicht kann man ja was von Japan, Singapur oder Korea lernen.

  4. Es geht nicht um Abschlüsse oder Prüfungsanforderungen – es geht um Bildungsgrundlagen, die mit PISA, TIMSS und IGLU gemessen werden. Und dabei verzeichnet Deutschland, wie gesagt, seit 15 Jahren stetige Verbesserungen.

  5. „Außerdem ist dank PISA der große Zusammenhang zwischen Bildungserfolg und sozialem Hintergrund der Schülerinnen und Schüler offenkundig geworden. “
    Das hätte ich aus der Praxis auch ohne die Studie sagen können. Warum das so abäuft, kann ich – wie wahrscheinlich viele meiner KollegInnen auch – ebenfalls sagen. Es fehlt mehr Kindern aus einem schwierigen sozialen Hintergrund die Unterstützung und das (Bildungs)vorbild der Eltern. Das fängt schon in der ersten Klasse an. Die einfachen Übungseinheiten wie das regelmäßige Lesen werden nicht geleistet. Durch die Halbtagesschule mit Hausaufgabenpflicht wird dieses Ungleichgewicht noch verstärkt. Eine Ganztagesschule würde zwar die Unterschiede minimieren, doch so ganz scheint das auch nicht die Lösung zu sein, wie wir in anderen Ländern mit Ganztagesbetrieb sehen, wo bildungsinteressierte Eltern, die das nötige Schulgeld aufbringen können, ihre Kinder oft auf eine Privatschule schicken. Eine Verweichlichung des Niveaus bringt auch nichts in Richtung Qualität der Schulausbildung.
    Vielleicht würde eine Aufklärungskampagne für Eltern, wo auf die Notwendigkeit von Bildung hingewiesen wird, mehr bringen?
    Allerdings muss sich das nicht unbedingt auf das Abitur beziehen, sondern auf Grundlagen. In meinem Gebiet sind sehr viele Lehrstellen offen. Vielleicht sollte man auch einmal wieder relativieren, dass nicht alle Abitur brauchen, sondern dass der Handwerksberuf auch erstrebenswert ist?

    • Und wie soll diese Abhängigkeit vermindert werden??? Niemand kann Eltern verbieten ihre Kinder zu fördern. Eltern denen die Schulbildung ihrer Kinder wichtig ist, werden immer versuchen dies zu tun, ob nun Ganztagsschule oder nicht. Warum wohl haben so viele Schüler mit Noten zwischen 2 und 3 Nachhilfe?

  6. Die Niederlande erreichen ähnliche Ergebnisse wie Bayern.

    • sorry, ist an die falsche Stelle gerutscht.

    • Bei einer deutlich höheren Abiturientenquote und einem viel kleineren Zusammenhang von sozialer Herkunft und Bildungserfolg. Heißt: Das niederländische Schulsystem arbeitet erfolgreicher als das bayerische, weil es in den NL gelingt, mehr Schüler zum Abitur zu führen und dabei Kinder aus sozial schwachen Familien nicht außen vor zu lassen. Und das in einem vergleichbaren kulturellen Umfeld (mit ähnlicher Migrantenquote).

      Könnte man vielleicht doch mal hingucken, um etwas zu lernen.

      • woher haben sie das denn? lautvwikipedia besuchen etwa 20% der kinder die höchste schulform vwo, detlich weniger als die 30-40% in Bayern.

        Quelle: wikipedia, dort vwo

    • Jugendarbeitslosigkeit in Bayern: ca 5 %
      Jugendarbeitslosigkeit NL: ca 10 %

    • 60 % haben in den NL eine Studienberechtigung, in Bayern nur 45 %. Die Pisa-Ergebnisse sind trotzdem gleich.

      • Genau. Das bedeutet, dass in Bayern Potenzial verschenkt wird – und das betrifft eben Schüler aus sozial schwächeren Familien. Bayern hat ein durchschnittlich hohes Leistungsniveau, aber eine unsoziale Chancenverteilung – die Niederlande schaffen es bei einem hohen Leistungsniveau, die Benachteiligungen von Schülern aus sozial schwachen Familien weitgehend auszugleichen. Ihnen gelingt also das, was in Deutschland angeblich nicht möglich ist (hier wird hohes Leistungsniveau und Bildungsgerechtigkeit ja immer als Gegensatz beschrieben).

        Da lohnt es sich vielleicht doch, mal genauer hinzuschauen und die Frage zu klären, wie machen die das? Eine mögliche Antwort: Ganztagsschulen – und zwar flächendeckend.

        • Meiner Meinung nach ist ein differenzierteres und nicht so vereinseitigtes Verständnis der Begriffe „sozial“ und „unsozial“ überfällig und nötig.

          • Wenn höhere Bildung unabhängig von der gezeigten Leistung nur den Angehörigen einer höhren Sozialschicht zugänglich ist, dann ist das unsozial – so einfach.

          • Bildung ist in Deutschland vom sozioökonomischen Status, nicht vom Geldbeutel der Eltern abhängig (Quelle: Prof. Gerhard Roth – Bildung braucht Persönlichkeit).

        • Komischerweise wollen Eltern auf dem Land in Bayern die Ganztagsschule gar nicht.

        • Warum wird Potenzial verschenkt? Erklären Sie mir das bitte. Vielleicht ist das Niederländische Abitur ja so leicht, dass es auch Realschüler in Bayern bestehen können. Wem nützt es?

          • Das niederländische Abitur ist nicht leicht – sonst lägen die Niederlande bei PISA ja kaum mit an der Weltspitze und damit deutlich über Deutschland. Übrigens weiß ich aus eigener Anschauung, welches Niveau auch die niederländischen Universitäten haben – könnte sich so manche deutsche Hochschule eine Scheibe von abschneiden.

            Warum Bayern Potenzial verschenkt? Weil Bayern nicht die Zahl von Akademikern „produziert“, die es für den eigenen Bedarf braucht – der Freistaat muss jährlich Tausende von Nachwuchs-Akademikern aus anderen Bundesländern oder dem Ausland „importieren“, um den Fachkräftebedarf der eigenen Wirtschaft zu decken.

            Und woher wissen Sie, ob „die“ Eltern in Bayern die Ganztagsschule nicht wollen? Vielleicht hat ihnen ja nur noch niemand ein gutes Angebot gemacht – ein so gutes wie in den Niederlanden, wo die gebundene, rythmisierte Ganztagsschule von 9 bis 16 Uhr (ohne dann noch folgende Hausaufgaben; die werden unter Aufsicht in der Schule erledigt) obligarorisch ist.

          • PS. Und ein hoher sozioökonomischer Status ist in Deutschland nahezu gleichbedeutend mit einem großen Geldbeutel – außer bei den Geissens vielleicht.

          • Dann haben Sie andere Informationen als Herr Roth.

          • Aber die Niederlande liegen nicht deutlich über Bayern und dieses Bundesland zog ich als Vergleich heran.

          • „Ein hoher sozioökonomischer Status“ und „der große Geldbeutel“ stehen normaler Weise am Ende einer Reihe von Faktoren (z.B. guter Bildung) und nicht am Anfang, wie Sie behaupten, Bernd.
            Sie wiederholen nur die beliebte Verdrehung von Ursache und Wirkung, die uns seit Jahren gebetsmühlenhaft eingetrichtert wird.
            Gute Bildung zahlt sich normaler Weise finanziell aus; aber mit Geld ist nicht das zu kaufen, was zu guter Bildung führt , nämlich Lerneifer, Wissensdurst, Selbstdisziplin, Anstrengungsbereitschaft oder Sorgfalt und Gründlichkeit.

          • In Sachen Chancengerechtigkeit liegen die Niederlande aber eben schon über Bayern – wie schon mehrfach gesagt: gleich hohes Leistungsniveau, aber die NL führen damit mehr Schüler zum Abitur/Studienberechtigung.

            Anders ausgedrückt: Weil die niederländischen Schüler wohl kaum schlauer sind als die bayerischen (die Niederlande sind in der Bevölkerungsstruktur kaum anders als Deutschland), macht das Schulsystem den Unterschied – Bayern lässt potenzielle Abiturienten in einer Größenordnung von 15 Prozent der Schülerschaft links liegen.

            Bei aktuell 1,2 Millionen Schülern im Freistaat sind es also rund 180.000, die das Potenzial fürs Abitur hätten – es aber nicht machen können, weil das bayerische Schulsystem sie nicht fördert. Das ist für jeden einzelnen traurig und gesellschaftlich eine empörende Verschwendung von Möglichkeiten.

          • Haben Sie bei ihren Prozentzahlen auch die Meister mit einberechnet, die auch an einer bayerischen Hochschule studieren können?

          • PS. MJ. Der hohe sozioökonomische Status steht am Ende einer persönlichen Entwicklung? Haben Sie eine Ahnung, wie viel Vermögen in Deutschland vererbt wird? Aktuell sind es 3,1 Billionen Euro, die in den nächsten 10 Jahren auf die nächste Generation gehen – aber eben nur auf einen sehr kleinen Teil davon. Und das völlig unverdient.

          • Nicht einer persönlichen Entwicklung sondern einer Reihe von Faktoren.

          • PPS. Wie viele Meister studieren denn in Bayern? Ein paar Hundert? Wohl kaum mehr.

          • Vorhin ging es noch um die Studienberechtigung jetzt um die Anzahl der Studenten.

          • Jetzt verzetteln wir uns aber im Klein-Klein – natürlich hängen Studienberechigtenquote und Studierquote eng zusammen. Nochmal: Es geht darum, dass das bayerische Schulsystem ineffizient ist. Die Schüler, die zu Hause gut gefördert werden, erreichen gute Leistungen. Und wer diese Förderung nicht mitbekommt, hat Pech gehabt.

            Wir haben aber immer mehr Kinder, die zu Hause nicht gefördert werden (können) – aktuell nochmal Hundertausende von Flüchtlingskindern dazu. Wenn wir uns auf Dauer kein riesiges soziales Problem einhandeln wollen, müssen wir handeln und in Bildung investieren. Da reicht es eben nicht zu sagen: Bayern ist leistungsmäßig top – beides ist wichtig: Qualität und Quantität.

          • Sagt ja auch keiner, es sagt auch keiner, dass man es in Bayern nicht noch besser machen kann. Ich glaube nur nicht, dass man mit der Ganztagsschule diese Probleme, die Sie ansprachen lösen kann. Eltern, die ihre Kinder fördern wollen, werden das immer tun – warum haben so viele mit Noten zwischen 2 und 3 Nachhilfe? Doch nicht, weil es nötig ist, sondern weil die Eltern das wollen. Dieses Phänomen wird es auch in einer Ganztagsschule geben.

          • Ob’s der Ganztag ist, sei mal dahingestellt – Fakt ist, und das war Ausgangspunkt der Diskussion, dass es sich lohnt, mal in PISA-Siegerländer zu gucken, was die so machen. Schon dafür ist der internationale Vergleich wichtig.

          • Nur gucken reicht halt nicht – und das ist das, was ich kritisiere. Es hat kaum Folgen.

          • Da haben Sie völlig Recht. Aber zum einen hat es ja nach dem PISA-Schock durchaus Reformen gegeben, die Deutschland nach vorne gebracht haben – mehr Ganztag, bessere Frühförderung, nationale Bildungsstandards etc. Zum anderen bewirken die regelmäßigen internationalen Leistungsvergleiche einen politischen Druck, die Schulen nicht völlig kaputtzusparen (was meinen Sie, wie’s an den Schulen personell heute aussähe, wenn’s den jährlichen OECD-Bildungsausgabenvergleich nicht gäbe?).

            Und drittens: Es gibt ja auch einiges unterhalb der Ebene von Schulpolitik, was sich von ausländischen Schulen lernen ließe – ob es um Fragen des Teamworks geht (in skandinavischen Schulen etwa weit verbreiteter als in Deutschland), um Fragen der Arbeitsteilung im Kollegium (angelsächsische Schulen) oder um pädagogische Konzepte etwa im Umgang mit Migrantenkindern (Niederlande).

            Und hier hätte ich dann doch auch mal eine Kritik an der deutschen Lehrerschaft. Offenbar gibt’s kaum Interesse an internationalem Austasch. Hospitationen im Ausland? Fehlanzeige. Internationale Lehrertagungen? Fehlanzeige. Selbst Auslandssemester für Lehramtsstudierende – weitgehend Fehlanzeige. Und an internationalen Vergleichsstudien wie PISA wird auch noch herumgemeckert (Kritik von Lehrerverbänden).

            Würde die deutsche Wissenschaft sich so eingraben und Nabelschau betreiben, sähe es düster aus mit dem Forschungsstandort Deutschland. Tut sie aber zum Glück nicht.

          • Was wir jetzt haben ist eine Reformwut. Die Schule wird im 5-jahres-Rhythmus reformiert, je nachdem wer gerade die Wahlen gewonnen hat. Was ist daran gut? Behutsame Änderungen gibt es nicht mehr, von einem Extrem ins andere.

          • Zitat:
            „Offenbar gibt’s kaum Interesse an internationalem Austasch. Hospitationen im Ausland? Fehlanzeige. Internationale Lehrertagungen? Fehlanzeige.“

            Woher wissen Sie das?
            Nach der ersten Pisa-Studie sind doch alle nach Finnland gefahren. Ergebnis: die kochen auch nur mit Wasser, kein großer Unterschied zu deutschen Lehrern.

          • Mal zurückgefragt: Wer sind denn „alle“? Waren Sie in Finnland – oder haben überhaupt an einer Schule im Ausland hospitiert?

            Meine Behauptung basiert tatsächlich nicht auf einer wissenschaftlichen Erhebung, sondern ist eine persönliche Beobachtung (und ich kenne schon etliche Lehrkräfte). Wer sich nicht auf eine feste Auslandsstelle bewirbt (davon gibt es schon ein paar), der gelangt auch kaum ins Ausland. Der Pädagogische Austauschdienst, den’s ja auch gibt, beschränkt sich weitgehend darauf, Fremdsprachenlehrer als Assistenten in die entsprechenden Länder zu vermitteln – aber ein internationaler Austausch über pädagogische und schulorganisatorische Erfahrungen, gar institutionalisiert? Gibt’s meines Wissens nicht.

            „Die kochen auch nur mit Wasser“ stimmt zweifellos – die Fragen sind, was sie kochen und wie sie’s anrichten. Da gibt es schon international riesige Unterschiede.

          • Ich gehe einmal davon aus, dass Sie Hospitationen im Rahmen eines Schüleraustausches nicht zählen lassen.

          • Doch natürlich – wenn dabei pädagogische Themen diskutiert werden und ein Austausch über Probleme und mögliche Lösungen zustande kommt, klar.

            Mir geht’s darum, dass deutsche Lehrkräfte (und natürlich auch Schulleiter) Blicke über den Tellerrand wagen. Deshalb verstehe ich die Kritik der Lehrerverbände an PISA und Co überhaupt nicht – die internationalen Leistungsvergleiche sind doch beste Gelegenheiten, einfach mal zu vergleichen und das eigene Tun konstruktiv-kritisch zu hinterfragen. Gehört für mich zum professionellen Berufsverständnis dazu, und es bricht keinem eine Zacke aus der Krone, wenn er von anderen lernen möchte.

  7. „Vielleicht hat ihnen ja nur noch niemand ein gutes Angebot gemacht – ein so gutes wie in den Niederlanden“
    Sehen Sie, genau da liegt das Problem. Kommunen, Staat usw. sind nicht bereit dafür zu sorgen. So wurde es auch in Bayern bei der Einführung des G8 versprochen – passiert ist nichts. Die Schüler wollen in ihren Sportverein, die Schüler wollen in ihre Musikschule usw.
    Warum die Eltern den Ganztag nicht wollen:
    Schüler mit der Empfehlung fürs Gymnasium gehen in Bayern lieber auf die Realschule, da sie dort keinen bzw. nicht so viel Nachmittagsunterricht haben, somit in ihren Sportverein usw. gehen können.
    Bei Umfragen an verschiedenen Schulen auf dem Land unter zukünftigen 5t-Klasseltern wollten etwa 7 -9 von ca 80 bis 90 eine Ganztagsbetreuung.

Hinterlasse einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.Benötigte Felder sind markiert *

*