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Ex-IS-Gefangene gibt Flüchtlingen eine Stimme: Die Berichte von Nadia Murad lassen das Leid der verfolgten Mädchen erahnen

STUTTGART. Sie lebt von Stunde zu Stunde – in Tagen oder gar Jahren denkt sie nicht. Sie ist keine alte Frau, hat das Leben noch vor sich. Doch Nadia Murad kann es nicht planen wie andere 21-Jährige. Was die junge Irakerin erlebt hat, lässt sie nicht los. Sie konnte sich aus IS-Gefangenschaft befreien. Sie und ihre ältere Schwester gehören zu den 1100 jesidischen Frauen und Kindern, die das Land Baden-Württemberg in Sicherheit gebracht hat.

Anstatt sich um die eigene Zukunft zu kümmern, hat Nadia Murad den Kampf gegen den IS-Terror aufgenommen. «Ich will Zeugnis darüber ablegen, was tatsächlich im Irak passiert und welche Verbrechen der IS begeht.» Die junge Frau, die lediglich medizinische, kaum therapeutische Versorgung in Deutschland in Anspruch nahm, bittet als Menschenrechtsaktivistin um Hilfe für die immer noch mehr als 3000 verschleppten Leidensgenossinnen; im Dezember vergangenen Jahres sprach sie sogar vor dem UN-Sicherheitsrat. Sie ist für den Friedensnobelpreis 2016 nominiert.

Nadia Murad hat momentan nur eines im Kopf: «Ich bin zufrieden, wenn ich Leben retten kann und wenn es nur eines ist, und ich möchte das Leid in den Flüchtlingscamps lindern.» Der Leiter der Projektgruppe Sonderkontingent Nordirak im Stuttgarter Staatsministerium, Michael Blume, sagt: «Mit Menschenrechtsarbeit verarbeitet sie ihre Traumata.» Der medizinisch-therapeutische Leiter des Hilfsprogramms in Baden-Württemberg, Jan Ilhan Kizilhan, fürchtet, dass die zierliche Jesidin sich überfordert. «Sie muss auf sich aufpassen.» Sie sei andauernd auf Achse. Sei sie dann einmal allein, riskiere sie, von schrecklichen Erinnerungen überwältigt zu werden.

Ihr Schicksal teilt Nadia Murad mit 7000 anderen Frauen und Mädchen die im Nordirak verschleppt wurden. Ihr Martyrium mit zahlreichen Vergewaltigungen begann auf einem Sklavenmarkt in der Millionenstadt Mossul. «Dort wurde ich verkauft. Blonde, blauäugige und hellhäutige Mädchen waren besonders gefragt», erzählt sie mit monotoner Stimme und ohne äußerliche Gefühlsregung. Sie wirkt wie betäubt, so als ob sie den Schmerz ausgeschaltet habe. Ihrer Dolmetscherin hingegen stockt häufig der Atem, wenn sie die nüchterne Schilderung der schrecklichen Erlebnisse von der kurdischen Sprache Kurmandschi ins Deutsche übersetzt. Doch Therapeut Kizilhan weiß, wie es hinter der Fassade Nadia Murads aussieht: «Sie weint viel.»

Wie kann eine junge Frau wie sie so furchtlos in der Öffentlichkeit auftreten und damit riskieren, erneut ein Opfer des IS zu werden? «Die Angst ist bei jedem da», sagt Nadia Murad und fügt hinzu: «Aber sie hilft nicht weiter.» Der Tod habe seinen Schrecken verloren. «Der Tod ist harmlos im Vergleich zu der Hölle, durch die wir alle gehen mussten.» Seitdem umhüllt die junge Frau mit den langen dunklen Haaren eine Aura der Traurigkeit.

Alpträume, Konzentrations- sowie Ein- und Durchschlafstörungen, Ängste, wiederkehrende schlimme Erinnerungen nennt der Trauma-Experte Kizilhan als häufigste Symptome, die bei den Frauen und Kindern auftreten. Auch ein normales Verhältnis zur Sexualität fehle insbesondere den jungen Frauen, weil der erste Sexualkontakt mit ihren Peinigern erfolgte. «Unser Vertrauen in Männer ist grundsätzlich zerstört», erzählt eine Leidensgenossin Nadia Murads, die ihre Erlebnisse in einem Buch verarbeitet hat.

In Deutschland können die Flüchtlinge Kunst-, Tanz- und Gestalttherapie erhalten und Deutschkurse belegen. «In der ersten Phase geht es darum, dass die Frauen sich stabilisieren, Sicherheit erhalten und spüren», erklärt Kizilhan. Erst wenn dies gelungen sei, könne man damit beginnen, die Erlebnisse anzusprechen und aufzuarbeiten. In vielen Fällen würden die Wunden immer wieder aufgerissen. «Angehörige sind noch in Gefahr, oder in Massengräbern werden Verwandte gefunden», berichtet der Professor an der Dualen Hochschule in Villingen-Schwenningen, wo er den Studiengang «Soziale Arbeit – Psychisch Kranke und Suchtkranke» leitet. Schilderungen der Lage im Irak sind über die sozialen Medien leicht zugänglich.

Deutschland, namentlich Baden-Württemberg, ist das einzige Land, das einer bedeutenden Zahl von Überlebenden der IS-Herrschaft in Syrien und Nordirak geholfen hat. Nur eine geringe Zahl von Opfern kam nach Niedersachsen und Schleswig-Holstein. Befragt nach der Hoffnung, die sie für sich mit dem Aufenthalt in Deutschland verbindet, hat Nadia Murad eher das Kollektiv als sich selbst im Blick: «Ich habe die Hoffnung, dass die Frauen und Kinder ein normales Leben, ein Leben mit Respekt führen können.» In ihrer Heimat ging sie noch zur Schule, als die Terrormiliz im August 2014 ihr Dorf im Sindschar-Gebiet überfiel. Damit zerstörten die Islamisten auch ihren Traum, die Leitung eines Kosmetikladens zu übernehmen.

Die junge Frau kam an einen Mann, der sie später weiterverkaufte. Diesem entkam sie beim Kauf einer Burka. «Ich bin herumgeirrt und einer muslimischen Familie begegnet, vor der ich zunächst große Angst hatte.» Doch die Familie habe sie überzeugt, dass sie die Islamisten genauso hasst wie sie selbst und ihr helfen wollte. Sie erhielt falsche Papiere und kam ausgerechnet unter einer Burka unbehelligt ins kurdische Grenzgebiet, wo sie nach ihrer dreimonatigen Versklavung in einem Camp nahe Dohuk Unterschlupf fand.

Dort hörte sie im März 2015 von dem baden-württembergischen Programm und meldete sich und ihre Schwester an. «Wir hatten ja nichts und niemanden mehr.» Ihre Mutter und sechs Brüder waren bei dem IS-Überfall umgebracht worden. Überdies seien die Bedingungen in dem Lager miserabel gewesen. «Es gab keine medizinische Versorgung, es fehlte an Nahrungsmitteln und Schlafplätzen. Wir vegetierten vor uns hin und quälten uns mit Gedanken an die Angehörigen.»

Nadia Murad ist eine der wenigen Frauen, die über ihre Qualen sprechen. «Bei orthodoxen Jesiden galt eine Frau als beschmutzt, wenn sie mit einem Nicht-Jesiden Geschlechtsverkehr hatte», erläutert Religionswissenschaftler Blume. «Diese Ansicht machten sich die Islamisten zunutze und sagten den geschändeten Jesidinnen, dass sie ja gar nicht mehr in ihre Familie zurückkehren könnten.» Inzwischen habe der religiöse Führer Baba Sheikh diese alte Lehre offiziell verworfen und die Frauen und Kinder des Sonderkontingents vor deren Abreise als Schwestern und Töchter gesegnet. Doch vor Ort ist die Selbstmordrate unter den IS-Opfern groß. «Wir sind total dankbar, dass wir bei unseren über 1000 Jesidinnen und deren Kindern keinen Fall von Selbstmord hatten», sagt Blume.

Der Hass der extremistischen Sunniten auf die Jesiden ist groß. «Er rührt daher, dass sie diese für Abtrünnige und Teufelsanbeter halten», erläutert der Religionsexperte. Dabei untersage den Jesiden ihre Religion, den Namen des Teufels überhaupt auszusprechen. «Für die Jesiden hat sich der Teufel in Gestalt des gefallenen Engels Pfau mit Gott versöhnt, was bei den Sunniten zu Missinterpretationen führt», erklärt Blume. Nadia Murad sagt: «Unsere Religion ist in deren Augen Götzenanbetung.» Die schon Jahrtausende alte Religion fußt auf dem Zoroastrismus und dem Mithraskult und umfasst Elemente des Christentums und des Islams. Ihr gehören heute rund 750 000 Gläubige im Irak und 200 000 in Europa und USA an.

Den religiösen Fanatismus bekam auch Nadia Murad zu spüren. Sie wurde vor ihrem Verkauf zwangsislamisiert. «Wir mussten ein Bekenntnis ablegen vor einer Art Gericht, indem wir Verse aus dem Koran vorlesen und den Namen Allahs und Mohammeds nennen mussten.» Damit wurde sie aus Sicht ihrer Peiniger eine vollwertige Muslima. Die Frauen wurden gezwungen, zu konvertieren. Den Männern blieb die Wahl zwischen Enthauptung und Übertritt zum Islam. «Wir haben gefragt, warum macht ihr das mit uns?», erinnert sich Nadia Murad. «Wir bekamen gesagt: Weil ihr nichts anderes verdient und das Gottes Wille ist.»

Jeside kann man nicht werden, man wird in die Glaubensgemeinschaft hineingeboren. Nach Worten Kizilhans sind in den letzten 800 Jahren 1,8 Millionen Jesiden zwangsislamisiert und 1,2 Millionen Anhänger diese Glaubens getötet worden. Baden-Württembergs Ministerpräsident Winfried Kretschmann (Grüne) spricht vom Genozid an den Jesiden. «Solchen ganz schwer traumatisierten Menschen zu helfen, ist ein Gebot der Humanität und der Nächstenliebe», begründet er die Hilfsaktion. Das Land hat für das auf drei Jahre angelegte Programm 95 Millionen Euro in den Haushalt eingestellt. Die Frauenrechtsorganisation Terre des Femmes hält die Initiative für einen wichtigen und notwendigen humanitären Schritt.

Damit steht der deutsche Südwesten bislang weltweit alleine da. Angesichts fehlender Bereitschaft anderer Nationen, Terroropfer aufzunehmen, müsse die Unterstützung vor Ort verstärkt werden, meint Kizilhan. Geplant ist ein Institut für Psychotherapie in Dohuk, wo in einem ersten Schritt 30 angehende Ärzte, Sozialarbeiter und Psychologen in praktischer Psychotherapie ausgebildet werden. «Wir brauchen eine langfristige Strategie, damit die Menschen dort eine Perspektive haben.» Terre des Femmes befürwortet dies. Denn so könnten Familienangehörige im Heilungsprozess hinzugezogen werden.

Zwei Drittel der Frauen selbst erklärten noch im Irak, dass sie an eine Heimkehr dächten, wenn es ihnen besser ginge. «Inzwischen aber haben sich die meisten – und vor allem die Kinder – zum Bleiben entschlossen», sagt Blume. «Insbesondere die Kinder blühen auf», hat er beobachtet. Zwei besuchten schon das Gymnasium. Anfänglich hätten die Frauen Bedenken gehabt, die Kinder über Tag in den Kindergarten abzugeben. «Zuletzt fragten die Frauen schon, wenn sie das Flugzeug verließen, wo die Kitaplätze sind.» Die erste Frage Nadia Murads nach der Ankunft in Stuttgart war: «Kann ich über das Erlebte sprechen?».

Die Integration hat bei einigen Frauen bereits begonnen: Die ersten fanden den Weg in einen Beruf oder eine Ausbildung. Manche machen auch den Führerschein – was in ländlichen Regionen ihrer Heimat kaum möglich gewesen wäre. «Einige erfinden sich neu», resümiert Blume. Von Julia Giertz, dpa

Zum Bericht: Psychologe: Traumata bei Flüchtlingen können die Integration massiv erschweren, auch in der Schule

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