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Hochbegabte Schüler: Bessere Förderung im Regelunterricht – oder in Sonderklassen? Politik streitet

BERLIN. Wohin mit dem nervigen Schulkind, wenn es doch eigentlich besonders helle ist? Über Hochbegabtenförderung wird in der Bildungspolitik verstärkt nachgedacht. Eine Langzeitstudie zeigt: Spezielle Überflieger-Klassen sind oft sinnvoll, aber Isolierung ist kein Muss. Ein politischer Streit um die beste Förderung kocht nun hoch.

Können hochbegabte Schüler besser in Sonderklassen oder im Regelunterricht gefördert werdeen? Politiker streiten. Foto: Deraman Uskratzt / flickr (CC BY-NC 2.0)

Können hochbegabte Schüler besser in Sonderklassen oder im Regelunterricht gefördert werdeen? Politiker streiten. Foto: Deraman Uskratzt / flickr (CC BY-NC 2.0)

Zwei von hundert Schülern in Deutschland gelten mit ihrem Intelligenzquotienten von 130 oder mehr als hochbegabt. Einen ebenfalls klar überdurchschnittlichen IQ von 120 haben etwa zehn Prozent. Für Eltern und Lehrer, aber auch die Überflieger kann dies Segen oder Fluch sein. Oft wird herausragendes Lerntalent von Unterforderung im Unterricht, Leistungsverweigerung aus Langeweile und schwierigem Sozialverhalten überschattet. Was tun, wenn der Mini-Einstein als Zappelphilipp nervt?

Für solch problematische Kinder sind spezielle Förderklassen eine spürbare Hilfe, quasi der Königsweg durch eine ansonsten häufig triste Schulzeit, wie eine neue Langzeitstudie untermauert. Ein Dogma fürs Bildungssystem sind reine Hochbegabtenklassen demnach aber nicht. Denn eine isolierende Förderung ist kein Muss, es gibt auch im normalen Schulbetrieb Optionen bei der Begabtenförderung. Viele sehr intelligente Kinder kommen ohnehin überall klar – eben weil sie sehr intelligent sind.

«Wenn ein hochbegabtes Kind schon in der Grundschule mit seinem Verhalten schlecht zurechtkommt, hat es in einer Begabtenklasse bessere Chancen auf Erfolg. Wenn es in der Grundschule aber überhaupt keine Probleme gab, kommt es mit ziemlicher Sicherheit auch in einer Regelklasse zu Potte.» So fasst der Entwicklungspsychologe Prof. Wolfgang Schneider von der Universität Würzburg ein zentrales Ergebnis seiner vergleichenden Untersuchung bei anfangs etwa 1000, zuletzt noch rund 600 Schülern von Gymnasien in Bayern und Baden-Württemberg zusammen.

Die Studie dürfte auch all jene interessieren, die voriges Jahr in der Kultusministerkonferenz der 16 Bundesländer parteiübergreifend einen neuen Aufbruch für Hochleistungsschüler gestartet hatten. Zuletzt waren die rot-rot-grünen Ressortchefs im Februar und ihre Unions-Kollegen im Dezember freilich wieder auf konkurrierenden Tagungen zu dem bildungsideologisch vorbelasteten Thema unterwegs.

CDU/CSU legen den Schwerpunkt stärker auf eine Art Eliteförderung, ihr Ziel ist «mehr Chancengerechtigkeit» – diesmal für exzellente Schüler. Der Sprecher der rot-grünen Bildungsminister, Hamburgs Senator Ties Rabe (SPD), fühlt sich seinerseits durch die Langzeitstudie bestätigt: «Begabtenförderung muss zur Regelaufgabe in jeder Schule und in jeder einzelnen Klasse werden. Reine Begabtenklassen bieten für begabte Schüler keine Vorteile. Im Gegenteil: Solche gesonderten Klassen bergen die Gefahr, dass die Begabtenförderung in den Regelklassen unterbleibt und viele Schüler nicht ordentlich gefördert werden.»

In den Süd-Bundesländern – eines CSU-regiert, das andere grün-schwarz – sei der Hochbegabtenbereich ausgebaut worden, sagt Schneider im Interview. Und zwar «auf etwa 20 Klassen, in einer Größenordnung, die auch Sinn macht. Da könnten andere Länder durchaus noch nachziehen.» Der Wissenschaftler betont aber auch: «Man muss es nicht übertreiben. Nicht jedes Gymnasium braucht eine Begabtenklasse.» Besonders intelligente Schüler müssten nicht grundsätzlich unter sich bleiben – andere Förderwege könnten auch zum Ziel führen.

Vor drei Jahren, bei der ersten Präsentation von PULSS in Würzburg (Projekt für die Untersuchung des Lernens in der Sekundarstufe), klang das noch eindeutiger: «Spezielle Klassen für hochbegabte Schüler an Gymnasien haben ganz klare Vorteile. Überall dort, wo es genügend Bevölkerung gibt – also vor allem in Großstädten –, ist ihre Einrichtung empfehlenswert.» Besonders laut jubelte 2013 Bayerns CSU-Kultusminister Ludwig Spaenle: In Hochbegabtenklassen geförderte Schüler zeigten «im Vergleich zu überdurchschnittlich begabten Schülern in Regelklassen einen deutlichen Leistungsvorsprung», kommentierte der Minister seinerzeit die PULSS-I-Ergebnisse.

Das stimme auch weiterhin, sagt Psychologe Schneider heute, nach aktuellen Untersuchungen bis hinauf zur zehnten Gymnasialstufe. «Wir haben im Prinzip noch die gleichen Trends. Auch beim Klassenklima und der Anerkennung innerhalb der Klasse haben Begabtenklassen Vorteile gegenüber Regelklassen.» Hohe Eltern- und Lehrer-Zufriedenheit mit dem Unterricht in Förderklassen falle ebenfalls positiv ins Gewicht, so Schneider. Und es gebe Hinweise, «dass es in den Begabtenklassen in besonderer Weise gelingt, das Mathematik-Interesse von Mädchen anzusprechen».

Der Bildungsforscher – auch Leiter einer begabungspsychologischen Beratungsstelle in Würzburg – rät Eltern, beim «Verdacht» auf ein hochintelligentes Kind nicht lange zu warten. «Eine Abklärung relativ frühzeitig ist sehr sinnvoll – auch um zu vermeiden, dass da falsche Erwartungen geweckt werden und ein Kind am Ende nur überfordert wird. Also am besten vor dem Beginn der Schulzeit, wenn sich schon im Kindergarten eine hohe Begabung abzeichnet.»

Die für Schulbildung zuständigen Länder richten sich zunehmend auf solche «Kundschaft» ein. So hat Baden-Württemberg ein Landesgymnasium für Hochbegabte. In Berlin gibt es Profilklassen mit Förderschwerpunkten, sehr fähige Schüler dürfen früher aufs Gymnasium wechseln. Rheinland-Pfalz bietet Hochbegabtenschulen und Optionen, eine Klasse zu überspringen. Und Hamburg hat an allen weiterführenden Schulen einen Koordinator für das Thema. SPD-Senator Rabe sagt: «Wir haben die Fortbildung intensiviert und die Lehrerbildung auf Begabtenförderung stärker konzentriert.» Von Werner Herpell, dpa

Zum Bericht: Die Chemie-Olympiade wirft ein Licht auf unsere besonders begabten Schüler – vernachlässigen wir die?

41 Kommentare

  1. Das ist ein bisschen verwunderlich: Einerseits Inklusion – alle gemeinsam, weil sozial besser; andererseits doch wieder getrennt, weil dann gezieltere Förderung möglich? Ja, was denn nun?

  2. Sabine Wedemeyer

    Das eine schließt das andere nicht aus. Wichtig ist die Erkenntnis, dass auch begabte Kinder der Förderung bedürfen. Dies stellt die Basis für einen begabungs-(gerechten) Unterricht dar. Die Umsetzung kann auf unterschiedliche Art erfolgen: Binnendifferenzierung, Enrichment und Akzeleration. Eine weitere Voraussetzung ist, dass die Lehrkräfte für dieses Thema aufgeschlossen und entsprechend qualifiziert sind. Wie das gehen kann, zeigt das Bundesland Sachsen. Dort haben sich 21 Gymnasien im Bereich der Begabtenförderung weitergebildet. Dies kommt übrigens allen Kindern zu Gute, denn die Qualität des Unterrichts ändert sich durch die Qualifizierung.

    http://karg-stiftung.de/content.php?nav_id=304

  3. Ich kann das Wort Binnendifferenzierung nicht mehr hören. Warum steckt man die Schüler noch in eine Klasse, wenn doch für jeden sein eigener Unterricht gefordert wird? Meine These: Individualisierung führt zur Entsolidarisierung.

    • Binnendifferenzierung ==> siehe Gebrüder Grimm – bedeutet:

      Die Guten ins Töpfchen, die Schlechten ins kröpfchen.“

      Ersteres bedeutet: Ran an die Fleischtöpfe;
      letzteres: Ab in die bürokratische Mühle der ARGE oder des Fachbereiches Soziales – Hilfen zum Lebensunterhalt.

      Mehr Binnendifferenzierung braucht es doch nicht – und so schwer ist das wirklich nicht.

    • So ein Quatsch. Schonmal ein Kind gesehen, dass am Lerntempo, an Unverständnis des Umfelds usw. scheitert. Menschen die den Einheitsunterricht fordern, gern auch Lehrer „ich kann mich ja nicht um jeden kümmern, ich habe 26 Schüler“ halte ich gerne vor. Angenommen Sie sind Sportlehrer und haben ein körperliches Behindertes Kind in der Klasse, kommt da auch das Argument, „stell dich nicht an, wir machen jetzt Hochsprung, und das gilt für alle.“ Wir sind Individuen und gehören individuell gefördert, kein Problem bei Förderschulen, Haupt- Real und Gymnasien, aber eben auch bei Hochbegabten.

  4. Ja man will Gemeinschaftsschulen, wo alle von der ersten bis zur letzten Klasse zusammen sind. Das Zusammensein soll sich aber nur auf den Raum beschränken, denn unterrichtet werden soll jeder Einzelne in seinem eigenen Tempo, also durch Individualisierung und Binnendifferenzierung. Wenn ich die mit IQ 85 und die mit IQ 115 zusammen unterrichten soll, geht das nach hinten los, auch für die mit IQ 100.

    Wie wärs wenn ich die Schüler einfach gleich trenne? Es müsste verschiedene Kurse für unterschiedlich leistungsfähige Schüler geben. Auch verschiedene Schularten wären denkbar. Oder gibt es so etwas etwa schon??

    • Das hat ja selbst die CDU gerafft, das wird zu teuer in jedem Ort ein mehrgliedriges Schulsystem aufrecht zu erhalten. Das ist doch der Grund für den PRIMUS-Schulversuch in NRW, es gibt so die Möglichkeit in Kleinkleckersdorf eine Schule von Klasse 1 bis 10 zu betreiben, die eine ausreichende Schülerzahl – round about 200 bis 230 SuS – hat

      • in Kleinkleckersdorf kann das gelingen, wo Omma dem Rrudi eins hinter die Löffel gibt, wenn er nich spurt. Auch unter einem organisatorischen Dach kann es Klassen verschiedener Niveaus geben. Aber in Städten mit genügend vielen Schülern ist das Zusammenlegen divergenter Begabungen nicht notwendig. Hier könnte es Gymnasium, Realschule und (wenn alle SPD und Grün wählenden Eltern ihre Kinder dorthin schickten) auch Gesamtschule geben, friedlich nebeneinander.

  5. Man sollte nicht vergessen, dass auch Hochbegabte eine soziale Erziehung benötigen, um im Leben bestehen zu können. Aus diesem Grund ist es wichtig, dass sie nicht in einem Elitenpulk dem Regelleben entzogen werden. Förderung ist gut, aber die Herausforderung als Mitglied der Gesellschaft muss trotzdem gewährleistet sein.

    • Das ist ein ganz wichtiges Argument. Das kann man nur dick unterstreichen. Neulich musste ich so ein Beispiel erfahren, wie die Entwicklung vom Kind zum Erwachsenen weiterging – Klassen übersprungen, fachlich hervorragend, die soziale Kommunikation sehr unbeholfen, einmal gelinde ausgedrückt.

      • Das Sheldon-Cooper-Syndrom aka Asperger hat seine Vor- und Nachteile …

        • Ja, dies wurde aber noch verstärkt, indem das Kind durch mindestens 2 Klassenübersprünge in Klassen kam, für die es viel zu jung war und so gut wie keinen Kontakt zu Gleichaltrigen hatte. Damals wurde kein Asperger oder Ähnliches diagnostiziert, weil dies zu jener Zeit noch nicht so publik war und es nur um die Hochbegabung ging.

          • Wir machen seit 11 Jahren Hochbegabten Beratung, und bei solchen Argumenten klappen mir jedes mal die Fußnägel hoch…sorry.
            Nehmen wir mal an, ein junger Mann glaubt im falschen Körper geboren zu sein. Er fühlt sich als Frau, ist psychisch gefestigt und wünscht sich die OP zur Frau. Würden Sie da argumentieren, der gehört mal in einen gescheiten Fußballverein, da treiben ihm die Kerle schon die Flausen aus? So ähnlich geht es Hochbegabten. Das sind Menschen deren Intellekt älter ist als die körperliche Entwicklung. Genau genommen ist es das, was bei einem IQ Test bei einem Kind getestet wird. Welche Reife hat es im Vergleich zu gleichaltrigen. Mein Sohn hat zwei Klassen übersprungen eben weil er intellektuell weiter ist. Sein Freundeskreis ist im Schnitt 2-3 Jahre älter (inkl. seiner Freundin) eben weil er mit Gleichaltrigen nicht soviel anfangen kann. Außer wenn er immer wieder von Menschen wie ihnen in diese Gruppe gezwungen wurde.

          • Na ja, bis es zum Überspringen einer Klasse kommt, reden heute ganz viele mit, z.B. Schulpsychologen. Ein Lehrer ist bei dieser Entscheidung nicht unbedingt der Dreh- und Angelpunkt. Mir ging es bei der Antwort darum, zu bestärken, dass es noch etwas anders gibt als die intellektuelle Hochbegabung, nämlich eine soziale Intelligenz. Die sollte man nicht vergessen.
            So viele richtig Hochbegabte hat man ja nicht – sie sollen ja nur 2 Prozent der Bevölkerung ab dem IQ 130 ausmachen – doch hat man sie einmal, ist es nicht selten zu beobachten, dass es Hochbegabten an sozialen Zugangsweisen fehlt.

      • Das ist aber bei den wenigsten Hochbegabten der Fall. Die meisten Hochbegabten sind in allen Bereichen überdurchschnittlich begabt – auch in sozialer Hinsicht.

        • Ja, so steht es auch in Wikipedia, was mich wundert. Ich habe im Laufe meines Lehrerlebens gegenteilige Erfahrungen gemacht, allerdings war es vor allem bei Jungs der Fall (hier hatte ich ein paar wenige getestete, die allerdings meist knapp um die 130 waren). Was stimmt, ist, dass nur Jungs auffallen, Mädchen, die vielleicht hochbegabt gewesen sein könnten, die hatten ein gutes Sozialverhalten. (Kein einziges Mädchen, das mir durch eine sehr gute Auffassungsgabe aufgefallen ist, hatte Probleme im Sozialverhalten.)

  6. @Pälzer: Das finde ich auch. Hier ist es (zum Glück) auch (noch) so.

  7. Freilich wird wird in Würzburg ein gegenüber normalen Klassen gigantischer Aufwand getrieben.
    Jede Klasse mit nur 22 Schülern, besonders vorbereiteten Lehrern, Lernwerkstatt- und Pull-Out-Projekten sowie Trainings der sozialen Kompetenz wir gegenüber der Standardklasse besser abschneiden.

    Also hat das weder mit Hochbegabung noch mit der Notwendigkeit von Spezialklassen zu tun, sondern es zeigt nur, dass die Förderung von Schülern erfolgreich ist, wenn man sie mit entsprechenden (Finanz-)Mitteln ausstattet. Wenn die Politiker aus der PULSS diesen Schluss ziehen und endlich ausreichende Mittel den Schulen zur Verfügung stellen, dann hat sich der Aufwand nicht nur für die paar Hochbegabten sondern für alle wirklich gelohnt.

  8. Patrick Thalacker

    So sieht also soziale Selektion 2016 aus: Hochbegabte in Großstädten werden in speziellen Schulen oder Klassen gefördert, das doofe Landvolk soll sehen wo es bleibt, falls die Eltern nicht willens oder nicht in der Lage sind, den hochbegabten Nachwuchs ins Internat zu schicken.

    • unter den hiesigen Lehrern gibt es die Überzeugung, dass auf dem Land die Kinder (im Mittelwert) bräver seien , der Unterricht darum leichter und erfolgreicher sei und somit „das Land“ einen Wettbewerbsvorteil habe. Meine Datenbasis ist zu schmal für eine signifikante Aussage, aber erste Erfahrungen deuten in die selbe Richtung.

      • Patrick Thalacker

        Das, was als Binnendifferenzierung oder individuelle Förderung im Regelunterricht verkauft wird, ist aber in keinem Fall gleichwertig mit der Förderung in eigenen Klassen oder Schulen. Und wenn es diese eben nur in Großstädten gibt, besteht durchaus die Gefahr, dass Hochbegabte auf dem Land nicht adäquat gefördert werden und ein entsprechendes Stadt-Land-Gefälle entsteht. Wenn es in der Stadt einen größeren Anteil an problematischen Schülern gibt, wie Sie annehmen, dann bestünde jedoch der Handlunsbedarf meines Erachtens eher darin, hierauf geeignete Antworten zu finden.

      • @Pälzer: Trotzdem wollen viele Junglehrer lieber in eine Großstadt als aufs Land. Bei uns sind Heidelberg, Freiburg, Stuttgart und Karlsruhe beliebter als Bad irgendwas….

        • Weil die soziale Bindungen haben. Was sollen die Junglehrer denn machen, wenn die Freundin einen Job bei BASF in Ludwigshafen im „feindlichen Ausland“ hat?
          Entweder länderübergreifenden Versetzungsantrag oder Schule in Mannheim suchen.

          Selbst wenn die Freundin beim Daimler schafft oder bei Porsche oder Bosch oder in einem Landeskrankenhaus oder sonstigen Landesbehörde arbeitet, bleibt nur eine Stelle in den genannten größeren Städten.

          Die Zeiten, in denen die Ehefrauen der Junglehrer brav zuhause die Kinder versorgten und sich allenfals ehrenamtlich in Umfeld betätigten, sind tempi passati. – Und die Höhe der Grunzschullehrerbezüge ist auch für Familien nur dann zumutbar, wenn ein zweites Einkommen hinzukommt.

          • Ja, das ist alles verständlich… Trotzdem, miit Familie wohnt es sich auf dem Land auch nicht schlecht und die Schulen sind nicht zu verachten. (Obwohl wir wahrscheinlich wieder mit Minusstunden starten müssen).

          • Nur nutzt es niemandem. Bedeutet nämlich de facto ist der eine Elternteil alleinerziehend, da der andere unter der Woche nicht zuhause ist.

            Die Zahl der SuS auf dem platten Land schrumpft selbst im einwohnerstarken NRW. Viele ehemals selbständige Grunzschulen sind nur noch Teilstandort einer anderen Grundschule. Diese Teilstandorte haben dann drei Klassen, die jahrgaangsübergreifende Eingangsklasse, das 3. und das 4. Schuljahr. Hierfür gibt es dann 3,5 Vollzeitlehrkräfte, keinen Hausmeister und keine Sekretärinnenstunden. Zu den Gesamtlehrkräftekonferenzen darf man dann erst ein wenig durch die landschaft karren, Gespräche mit der kommissarischen Schulleitung am anderen Standort können nur per Telefonkonferenz abgehalten werden, nebenbei müssen die Aufgaben eines Konrektors mit übernommen werden usw. ussf.

            Machbar ist das allenfalls, wenn man Eltern und/oder Schwiegereltern mit am Wohnort hat, die das Tagesgeschäft einschließlich Kinderbetreuung übernehmen. Dann kann man das „Dorfschullehrerlein“ spielen und den Ehepartner zur Arbeit pendeln lassen.. Spätestens wenn der Nachwuchs dann auf das Kreisgymnasium geht und den Schulbus um 6:40 Uhr nimmt, ist das Landidyll am arsxx; der Nachwuchs ist ganztägig außer Haus, der Ehepartner hat ’ne Stadtwohnung und man selbst ist der Nabel der Welt in seinem Grundschulimperium am Rande der westlichen Zivilisation in Bad hinterm Wald.

  9. getrennter Unterricht von der Regelklasse oder ein Drehtürmodell mit teilweisem Unterricht in einer höheren Klasse ist für die Mehrheit der Hochbegabten die idealste Lösung. Es geht nicht darum, sie als Elite zu deklarieren, sondern auch ihnen damit die Möglichkeit der Entwicklung zu geben. Denn was viele nicht wissen, ist, dass es auch häufig zu Schwierigkeiten in der Kommunikation zwischen Normal- und Hochbegabten kommt. Hochbegabte haben andere Denkstrukturen, sie denken nicht nur schneller, sondern auch komplexer, vielschichtiger und detaillierter. Zudem gehören die Hochbegabten zu der zweitgrößten Gruppe, die keinen Schulabschluss machen. Das wissen wahrscheinlich die wenigsten. Jeder denkt, dass Hochbegabung ein Segen ist, was es aber definitiv nicht ist. Und während Nachhilfe für schlechte Schüler steuerlich abgesetzt werden kann, ist die Förderung von Hochbegabten NICHT steuerlich absetzbar. Wo ist hier die Gerechtigkeit?

  10. Wir sind vor 6 Jahren u.a. wegen der Hochbegabtenförderung nach BaWü gezogen. Unter dem Arm ein Stapel von unabhängigen Gutachten bzgl. der Begabung unseres Sohnes. Dabei sind mir zwei Dinge aufgefallen.

    1. um einen der Plätze in einer Hochbegabtenklasse zu bekommen, muss das Kind nochmals vom Schulpsychologischen Dienst getestet werden. Alle Gutachten aus anderen Bundesländern werden nicht anerkannt. Die Psychologe geben selber zu, sich mit Hochbegabung nicht auszukennen. Es wird auch kein allgemein anerkannter Test genutzt, sondern ein speziell für den Schulpsychologischen Dienst BaWü entwickelter. Dieser Test, testet alles Mögliche, nur keine Hochbegabung. Genau genommen wird eine Art Leistungsbereitschaft getestet. Dies führt dazu das eher Kinder den Test bestehen die sehr fleißig, aber eben nicht unbedingt hochbegabt sind. Die Durchfallquote ist bei diesem Test sehr hoch, so dass in mehreren Jahren gar keine Hochbegabtenklasse zustande kommt obwohl genug Anmeldungen bestehen und das Geld bereit steht. Da schießt sich die Verwaltung irgendwie selbst ins Knie.

    2. Nach langen hin und her hätte unser Sohn dann doch in eine sog. Hochbegabten Klasse kommen könne. Mit Schrecken stellte ich dann fest, das es innerhalb dieser Klasse keinerlei Förderung gab, das kein Lehrer speziell für Hochbegabung ausgebildet war, und sich im Gespräch auch schnell herausstellte, dass nicht einmal der Klassenlehrer sich sonderlich für das Thema interessierte oder auch nur Ansatzweise einige Begriffe aus dem Thema kannte (was ist denn ein Underachiever).

    Hochbegabtenförderung in BaWü zumindest in unserem Landkreis, ist eine Mogelpackung.

  11. In Bayern führen die Hochbegabtenklassen zu einer großen Bildungsungerechtigkeit innerhalb der jeweiligen Schulen. Während die Hochbegabtenklassen bereits am Anfang, also in der 5. Jahrgangsstufe, fast nie über 20 Schüler/innen aufweisen, wird die Differenz zu den Regelklassen im Lauf der Jahre immer noch größer. An unserer Nachbarschule, einem Gymnasium mit Hochbegabtenzug, weisen die Regelklassen im Durchschnitt 10 Schüler/innen mehr auf als die Hochbegabtenklasse. Die werden durch den ein oder anderen Abgang immer kleiner, während, um mit dem Budget auszukommen, die anderen Klassen immer größer werden (müssen).

    Beispiel: 8a (29), 8b Hochbegabtenklasse (13), 8c (31), 8d (30). Dass da die Eltern in den überfüllten Regelklassen sauer werden, kann man nachvollziehen.

    Ich bin für Hochbegabtenförderung, aber erstens in den Regelklassen durch zeitweises Zusammenfassen bei Pluskursen und Zusatzangeboten und zweitens nicht auf Kosten des Durchschnittsschülers.

    Angesichts des finanziellen Aufwands, der da getrieben wird (erheblich bessere Lehrerversorgung, mehr Stunden) ist der durch die PULSS-Studie herausgefundene kaum signifikante positive Effekt der Hochbegabtenklassen lächerlich.

    • Umgekehrt führt aber auch die Gleichmacherei zu seiner Bildungsungerechtigkeit innerhalb der Schulen, nämlich bei den wirklich guten Schülern, die mangels Kapazität der Lehrer kein Futter bekommen und kognitiv verkümmern. Die Ungerechtigkeit fällt nur nicht so auf, weil die Anzahl(wirklich) guter Schüler im Vergleich zu den schwachen Schülern deutlich kleiner ist. Vielleicht ist die Neigung der Hochbegabten (bzw. deren Eltern), dagegen zu protestieren auch geringer als bei den „normalen“ Schülern (bzw. deren Eltern).

      Sie haben aber insgesamt recht, dass die bessere Leistung der Hochbegabtenklassen einerseits der Hochbegabung, andererseits aber auch der deutlich besseren Schüler-Lehrer-Relation geschuldet ist.

    • Dazu muss man sagen, dass die Auswahlkritierien zur Teilnahme an einer Hochbegabtenklasse sehr streng sind und wer die ganzen Prüfungen und Probetage schafft, ist dann wirklich an der Hochbegabtenklasse gut aufgehoben. Sehr gute Leistungen heißt nämlich nicht gleichzeitig Aufnahme in die Hochbegabtenklasse. So wie ich bei einem meiner ehemaligen Schüler mitbekommen habe, ist es dort so, dass auch die psychologische Betreuung zu den von Conny erwähnten Zusatzangeboten einen Stellenwert hat und ebenfalls auf das Sozialverhalten gesteigerten Wert gelegt wird. Für mich hat das, was in diesen Klassen angeboten wird, sehr passgenau geklungen. Außerdem sind diese Klassen ja in einem normalen Gymnasium integriert und das finde ich besser als reine Hochbegabtenschulen. Wenn man dann noch die Lehrer, die dort unterrichten, besonders und qualitativ gut fortbildet, dann finde ich das eine gute Sache. Auf jeden Fall eine bessere Lösung wie das Überspringen von Klassen!

      • So streng sind die Auswahlkriterien zumindest in Bayern auch nicht. Zwar muss jedes Kind, das in die Hochbegabtenklasse will oder besser gesagt von den Eltern aus soll, eine Art Eignungstest/IQ-Test machen, aber wenn die vom Ministerium vorgeschriebene Mindestschülerzahl von 20 nicht erreicht wird, wird munter nachgetestet, bis die Zahl passt. Geschieht an den beiden Gymnasien, die Hochbegabtenzüge haben und die ich kenne, im Durchschnitt jedes zweite Jahr. Der bestens mit Stunden ausgestattete Hochbegabtenzweig soll doch auf keien Fall sterben.

        • Okay, vielleicht sind Sie als Gymlehrer näher oder ist das den regionalen Unterschieden geschuldet. Wir haben ein Gymnasium in der Nähe mit dem Hochbegabtenzug. Von unserer (großen)Grundschule haben es bisher mehr Schüler nicht geschafft wie welche, die die Aufnahmeprüfung bestanden haben. So wie ich bei meinem Schüler mitbekommen habe, war in dem Jahr die Anzahl der Bewerbungen über doppelt so hoch wie Plätze frei waren. Nach jeder Prüfungseinheit fielen wieder Schüler raus.

  12. Zitat aus dem Text:
    „Oft wird herausragendes Lerntalent von Unterforderung im Unterricht, Leistungsverweigerung aus Langeweile und schwierigem Sozialverhalten überschattet. Was tun, wenn der Mini-Einstein als Zappelphilipp nervt?“

    Nach meinen Informationen beträgt der Anteil der Underachiever bei den Hochbegaben gerade mal ca. 10 %.
    Also sollte eine Schule mit 1000 Schülern bei 2 % Hochbegabten 20 Hochbegabte haben, insgesamt also 2 Underachiever.

    • Wie groß ist wohl der Anteil der Hochbegabten unter den Zappelphilipps? 10 %, 1 % ? Sicher nicht sehr hoch.

      • Patrick Thalacker

        Es geht nicht nur um Hochbegabte, die dann diagnostizierbare Störungen wie ADHS entwickeln oder zu Underachievern werden.
        Es geht auch
        – um die, die wegen Unterforderung im Unterricht abschalten und trotzdem in jeder Klassenarbeit eine Eins schreiben,
        – um die, die aus Langeweile im Schulbuch weiterblättern und den Lernstoff dann schon draufhaben, wenn er im Unterricht für alle drankommt (was einen Lehrer auch zur Verzweiflung bringen kann – ich spreche da aus der Erfahrung beider Perspektiven),
        – um die, die keine Underachiever sind, aber eben ihr Potenzial nicht entwickeln, etc.

      • Patrick Thalacker

        und, ich vergaß,
        – um die, die wegen ihrer Hochbegabung als „Lehrers Liebling“ gelten und deswegen in der Klasse zum Außenseiter werden,
        – um die, die dann (zusätzlich) noch vom Lehrer gedeckelt werden, weil sie eben schon immer um zwei Ecken weiter denken und vielleicht etwas zu vorlaut sind.

  13. @dickebank: Dann habe ich noch Glück. In unserem 5000-Seelen-Dorf gibt es neben anderen Schulen auch ein 5zügiges Gymnasium… Aber mal im Ernst: Gestern kam eine Meldung, dass BaWü zum neuen Schuljahr soviele Lehrer eingestellt habe wie noch nie. Aber nicht bei uns. Und Chemielehrer wird es am hiesigen Gymnasium auch wieder keine/zu wenig geben…

    • Die Zahl der Neueinstellungen sagt doch nichts aus. Die Neueinstellungen können ohne Weiteres bei 2000 Junglehrern liegen, was nutzt das, wenn im gleichen Zeitraum 2500 Altgediente in den Ruhestand versetzt werden. Wer jetzt in Altersteilzeit (passive Phase) geht und somit Abschied vom aktiven Dienst nimmt, ist mindestens 63 Jahre alt. Mit Wehrdienst oder Erziehungszeiten, der Anrechnung des Studienzeit nach dem Vorexamen, dem Vorbereitungsdienst und sonstigen Anrechnungszeiten kommen viele der Altgedienten auf annähernd 40 Jahre Dienstzeit, sie sind also in den 70ern in den Dienst getreten. Und diese Personengruppe ist groß, kein Wunder wenn die Zahl der Bewerber derzeit geringer ist als die der angebotenen Stellen. Genehmigte Planstelle heißt ja noch lange nicht, dass es auch einen passenden Bewerber gibt

      Ihr Beispiel eines 5000-Seelen-Dorfes zeigt allenfalls eines, ein solches „Dorf“ kann durchaus eine regionale Bedeutung für das Umland haben. Ein 5000-Einwohner-Dörfchen zwischen Düsseldorf, Essen und Wuppertal hingegen ist ein Nichts – allenfalls ein Ortsteil eines 50000-Einwohner-großen Kleinstädtchens.
      Mosbach hat für den Neckar-Odenwald-Kreis eine zentrale Bedeutung, eine Kommune gleicher Größe ohne Landratssitz in der Nähe von Stuttgart oder Karlsruhe hingegen ist Provinz.

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