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Meidinger: Immer mehr Fehler – Bildungspolitik vernachlässigt Rechtschreibung seit mehr als 20 Jahren

BERLIN. Der Vorsitzende des Deutschen Philologenverbandes, Heinz-Peter Meidinger, hat beklagt, dass die Rechtschreibleistungen von Schülern immer schwächer würden – auch an Gymnasien. Die Hauptursache sieht Meidinger aber darin, «dass wir es insbesondere bei den meisten Jungen mittlerweile mit einer Generation von Jugendlichen zu tun haben, die kaum mehr liest». Ohne intensives Lesen erwerbe man aber auch keine ausreichende Rechtschreibkompetenz, betonte Meidinger, selbst Leiter eines Gymnasiums in Bayern, gegenüber der «Neuen Osnabrücker Zeitung».

Setzt sich für bundesweite Standards für den Englisch-Unterricht an Grundschulen ein: Heinz-Peter Meidinger, Vorsitzender des Deutschen Philologenverbands. Foto: Deutscher Philologenverband

Setzt sich für eine Aufwertung der Rechtschreibung ein: Heinz-Peter Meidinger, Vorsitzender des Deutschen Philologenverbands. Foto: Deutscher Philologenverband

Der Bildungspolitik wirft Meidinger vor, den Rechtschreibunterricht in den Lehrplänen seit den 90er-Jahren systematisch zu vernachlässigen. Weil Rechtschreibung als Bildungsbarriere gelte, führe sie in manchen Bundesländern insbesondere in der Mittelstufe ein Randdasein. «Ich halte es für einen schweren Fehler, dass es Bundesländer gibt, in denen zumindest in bestimmten Jahrgangsstufen keine benoteten Rechtschreibdiktate mehr geschrieben werden dürfen», kritisierte Meidinger. In keinem anderen europäischen Land werde dem muttersprachlichen Unterricht in den Stundentafeln so wenig Platz eingeräumt. dpa

Zum Bericht: Streit ums Schreibenlernen nach Gehör kocht wieder hoch – Online-Petition fordert Verbot der Methode

17 Kommentare

  1. Schreiben nach Gehör, Abschaffung des Fehlerquotienten, politisch gewünschte viel zu hohe Abiturquote, angebliche LRS durch Gefälligkeitsgutachten aber auch SMS, Twitter, WhatsApp sind weitere Ursachen.

    Ach ja: Schule soll Spaß und kaum mehr Arbeit machen. Da ist pauken von Rechtschreibung nicht angesagt.

  2. Und dann liest man, die Rechtschreibreform sei schuld an den schlechten Rechtschreibleistungen! Dieser Artikel sagt, woran es wirklich hapert.

  3. mehrnachdenken

    Vielleicht haben wir deshalb die grandiosen Fehlleistungen bei Großprojekten wie dem Berliner Flughafen, Stuttgart 21 oder der Hamburger Elb-Philhamonie?
    Wie gut, dass die Deutschen nicht auch noch die olympischen Winter- oder Sommerspiele ins Land geholt haben. Da wären evtl. die nächsten EURO-Milliarden in geheimnisvollen Löchern verschwunden.

    „In keinem anderen europäischen Land werde dem muttersprachlichen Unterricht in den Stundentafeln so wenig Platz eingeräumt.“
    „muttersprachlicher Unterricht“? Darf Herr Meidinger diesen Ausdruck überhaupt noch in den Mund nehmen oder ist das schon „rechtes“ Vokabular? ?

  4. Wenngleich ich nicht mit allen Aussagen von Herrn Meidinger einverstanden bin, doch hier hat er im Prinzip Recht. Die Rechtschreibung braucht in der Sekundarstufe einen größeren Stellenwert. Im aktuellen bayerischen Gymnasallehrplan ist tatsächlich noch von Diktaten als Form der Rechtschreibüberprüfung die Rede. In der Grundschule haben wir inzwischen eine Form entwickelt bzw. ist diese bei uns angesagt, die die Rechtschreibung vielfältiger überprüft – Regelwissen, Fehlertexte, kleine Diktate usw. Das ist nicht weniger anspruchsvoll und zwingt zudem noch zur Denkarbeit.
    Insgesamt habe ich festgestellt, dass die Schüler im Laufe der letzten Jahre erschreckend sprachärmer geworden sind. Viele Wörter werden einfach nicht mehr verstanden. Man muss bei der Wortschatzarbeit inzwischen ziemlich weit unten ansetzen.
    Um möglichst viele Schüler zum Lesen anzuregen, helfen inzwischen leider nur noch gut entwickelte Konzepte in einer Schule oder eines Lehrers. Z.B. können Antolin, Vorlesewettbewerbe, das regelmäßige Besuchen einer Bücherei, wiederkehrende Buchvorstellungen, Lesenächte, Konzepte wie „Ich schenk dir ein Buch“ mit dazu beitragen, Lesemotivation zu stärken. Allein das Beklagen nützt nichts, man muss als Lehrkraft oder Schule etwas dafür tun.

    • Und dann gibt es Studien, die zeigen, dass man schreiben nicht durch Lesen lernt, sondern durch schreiben. Man muss es halt immer wieder üben. Üben, üben üben – aber das ist zur Zeit halt nicht gewollt.

      • Oh wei, so viele Rechtschreibfehler. Sorry.

      • Da widersprechen Sie dann Hernn Meidinger. Dieser meint, dass sich die Rechtschreibung durch Lesen verbessert.
        Meine Erfahrungen sind da gemischt. Helfen kann es auf jeden Fall, ist aber nicht zwingend der Fall. Vielleser können gute Rechtschreiber sein, müssen es aber nicht.
        Ich denke, da sind sich alle einig: Wer die Rechtschreibung (und auch das Lesen und das 1×1) durch Üben automatisiert hat, ist klar im Vorteil. Um weitergehende Aufgaben sowohl in Deutsch als auch in Mathematik zu bearbeiten können, müssen Grundkenntnisse automatisiert sein.
        Keiner will heutzutage ein stures Üben ohne ein Hintergrundverständnis. (Das war irgendwann einmal in grauer Vorzeit.) Allem voran geht das Verstehen/Durchdringen der Rechtschreibregeln (und auch das Herleiten des 1×1); das ist zudem in den Lehrplänen so verankert und erst einmal die Aufgabe der Grundschule. Danach kommt das Üben. Das muss noch in der Sekundarstufe inkl. Regelverständnis fortgesetzt werden, das kann die Grundschule nicht alles abdecken.

        • Für mich ist Üben Anforderungsbereich I (reine Reproduktion), Durchdringen und Verstehen gehen schon in den Anforderungsbereich III hinein. In den Abschlussprüfungen der Sek I und Sek II darf der Anforderungsbereich II zu etwa 50%, die Bereiche I und III zu jeweils etwa 25% verteilt sein (dickebank möge mich korrigieren). Wirkliches Regelverständnis in Mathematik kann man auch auf dem Gymasium nicht mehr bringen, weil zu viele Schüler nicht dazu in der Lage und / oder gewillt sind, sich in abstrakte Strukturen einzubringen. Auch deshalb hat die Landesregierung die abstrakten Strukturen weitgehend aus den Lehrplänen entfernt. Fehlerquotienten in den Sprachen wurden auch nahezu vollständig aus den Prüfungsanforderungen entfernt.

    • Schüler sollen doch beim Schreiben nicht denken müssen. Es muss automatisiert sein.

      • Also keine Lückentexte sondern richtige Texte.

        • Es kommt immer darauf an, was man mit einem Text erreichen/üben will. Typische Lückentexte um die Rechtschreibung zu üben sind mir in den letzten Jahren kaum mehr begegnet.

          • Wird die Rechtschreibung nicht mit jedem Text, den ein Kind schreibt geübt?

          • Das versteht sich von selbst. Je mehr Texte geschrieben werden, umso besser wird die Rechtschreibung geübt, vorausgesetzt die Schüler schreiben richtig ab bzw. wenden die richtige Abschreibstrategie an.

  5. Ich glaube gar nicht, dass heutzutage weniger gelesen wird. Es gab auch in meiner Schulzeit etliche Kinder, die nicht gerne lasen. Sie saßen dann nicht vorm PC, sie spielten lieber Fußball – wobei man ja am PC eher noch lesen muss als draußen beim Fußball.

    Ich glaube eher, dass all die spielerischen Formen, nach denen man heutzutage unterrichtet, ja, Spaß machen und auch nicht nichts bringen, aber sehr viel Zeit kosten und dadurch im Endeffekt weniger „bewirken“ als früher. Genauso wie das Abschreiben des ganzen Satzes, in dem ein Rechtschreibphänomen geübt wird, mehr bringt als das Einsetzen eines einzelnen Buchstaben in den gleichen Satz auf einem Arbeitsblatt.

    Wenn dann noch die Disziplinschwierigkeiten allüberall dazu kommen, mit der Lehrer heute mehr zu kämpfen haben als früher, dann sehe ich darin auch einen Grund, warum heutiger Unterricht weniger erfolgreich ist als früher. Das ist auch ein Grund!

    • Im Prinzip sind Methoden immer eine Antwort auf Gesellschaftsphänomene. In der Nachkriegszeit (ich schreibe hier vom Westen) wurde stures Abschreiben von Schülern nicht hinterfragt, sondern es war selbstverständlich. Genauso wie pauken, wenn man erfolgsorientiert dachte.
      In den 70/80iger Jahren war ein Arbeitsblatt mit Lückentexten einhergehend mit dem Overheadprojektor die große Neuerung, die vom sturen Abschreiben aus dem Buch und von der Tafel wegkam. Ebenso nahm die Partner- und Gruppenarbeit Einzug in die Schule. Der Spaß/Motivationsfaktor (Spaß im Sinne von Motivation, Lernfreude) wurde größer. Irgendwann hat man dann eingesehen, dass Arbeitsblätter mit Lücken nicht das Allheilmittel sind.
      Die Entwicklung ist nicht stehen geblieben. Heute haben wir eine große Methodenvielfalt, derer wir uns bedienen können und die den Unterricht abwechslungsreicher macht.
      Die Kunst des Lehrers ist es, die richtigen Methoden in Bezug auf Lernstoff und Klasse zu wählen, die in der aktuellen Situation motivieren und gleichzeitig den größten Lernerfolg versprechen. Abschreiben, wechselnde Sozialformen gehören da genauso dazu wie auch einmal spielerische Einheiten um den Unterricht aufzulockern.

  6. Am Anfang stand die Rechtschreibreform und dann ging es stetig bergab mit der deutschen Sprache, könnte man versucht sein zu sagen. Der bildungspolitische Sündenfall galt und gilt als unausgereifter, fehleingeschätzter Schnellschuß der mit anderen deutschsprachigen Ländern wie der Schweiz oder Österreich nicht abgesprochen war und von zahlreichen Philologen abgelehnt wurde. Ab einem gewissen Stichtag konnten Einwände nicht mehr geltend gemacht werden und die Kultusministerkonferenz erklärte die Ergebnisse als bindend. Zahlreiche Mitbürger blieben jedoch mangels Überzeugungskraft bei der alten Schreibweise und so kam es zu einer Gemengelage, die den Ausgangspunkt für noch massivere Beeinträchtigungen schuf. Eine Art Glaubensspaltung wie im 16. Jahrhundert in Religionsfragen, nur daß es mit der alten Schreibweise keinen Ablaßhandel gegeben hatte. Diese Verunsicherung wurde durch das Einströmen von echten oder Pseudoang-lizismen, unterstützt durch halbamtliche und amtliche Institutionen, wie zum Beispiel die Deutsche Bahn sowie die neuen Medien, massiv verstärkt.
    Nun hat sich die deutsche Sprache über viele Jahrhunderte entwickelt und verändert, wie andere Sprachen übrigens auch. Zum Beispiel das Französische, bei dem Kontinuitäten und Identifikations – muster dank der Akademie Francaise erhalten blieben. Diese, mit weitgehenden Befugnissen ausgestattete Institution, sorgte dafür, daß die Weiterentwicklung im überschaubaren linearen Bereich verblieb und keine unübersichtliche zentrifugale, auseinanderstrebende Richtung einnahm, wie dies der deutschen Sprache widerfuhr. Dies veränderte ihr Gesicht in historisch kürzester Zeit so sehr, daß sie den kommunikativen Konsens breiter Bevölkerungsschichten kaum noch aufrecht erhalten kann und so dem gesellschaftlichen Zusammenhalt auf dieser Ebene nicht stabilisiert.
    In Deutschland fehlen, im Gegensatz zu Frankreich, wirksame übergeordnete Instrumente die steuernd eingreifen können, wenn unüberschaubare Entwicklungen eintreten. Privaten Vereinen, wie zum Beispiel der VDS ( Verein Deutsche Sprache ), die sich gegen die jetzige Entwicklung stemmen, fehlt jegliche staatliche Unterstützung.
    Viele Menschen, die weltweit die deutsche Sprache erlernen wollen, klagen ihr Leid den in ihren Heimatländern angesiedelten Goethe – Instituten, und wundern sich über das ( ehemalige ) Land der Dichter und Denker.
     

    • Sie beklagen allgemein den Verfall der deutschen Sprache und machen – um es auf den Punkt zu bringen – die Rechtschreibreform und den Einfluss der englischen Sprache dafür verantwortlich. Außerdem beklagen Sie, dass es in Deutschland keine einflussreiche Insititution gibt, die über die Sprache wacht.
      Aus Ihrem Beitrag kann ich nicht eindeutig herauslesen, ob bzw. in wie fern Sie die Rechtschreibreform für die schlechteren Rechtschreibleistungen verantwortlich machen. Ich halte die Rechtschreibreform nicht für einen bildungspolitischen Sündenfall. Sie wollte die Rechtschreibung vereinfachen, wobei sie sich in meinen Augen bei der ersten Variante zu stark aus dem Fenster gelehnt hat. Die Nachbesserung war ein Kompromiss, nicht zufriedenstellend, weil er nun mehr Varianten zulässt. In der Zusammen- und Getrenntschreibung ist die Rechtschreibreform nicht gelungen. Allerdings hat die Rechtschreibreform zumindest im Gebrauch des ß mehr Regelhaftigkeit gebracht; gerade das Verbot des ß nach kurzem Vokal finde ich einen großen Fortschritt. Viele der Älteren, die die Rechtschreibung früher auswendig gelernt haben, haben jetzt natürlich das Problem, diese neue Regel richtig anzuwenden, weil es anders eingeübt ist. Bei den sturen Verweigerern habe ich eher das Gefühl, dass sie nicht bereit sind, sich überhaupt mit diesem Problem zu befassen, was in Ordnung ist. Wenn Schüler die Rechtschreibung von Grund auf lernen, dann wachsen sie damit auf und haben ein Problem weniger, nämlich das Auswendiglernen einer Vielzahl von Wörtern mit ß.
      Geht zwar jetzt vom Thema weg, aber dennoch zu den neuen Wörtern (nicht nur Anglizismen, sondern auch Wörter wie „geil“ usw.): Es ist schon lange her, aber mir fiel der Gebrauch zum ersten Mal so richtig bei den Radiomoderatoren auf. Ich glaube, dass dadurch die Entwicklung forciert wurde. Wer Jugendliche ansprechen will, wählt eine „coole“, nicht der Erwachsenwelt angepasste Sprache, auch in der Werbung. Was mich stört, ist, dass der Duden schnell dabei ist, neue Wörter aufzunehmen und diese dadurch salonfähig macht.
      Anglizismen: Anglizismen lassen auf der anderen Seite viele Dinge professioneller klingen, deswegen bedient man sich derer auch (Marketing, Monitoring, Management in allen Varianten usw.) . Da ist die Schule gefordert, solchen Begriffen den Mythos zu nehmen.

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