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Nach einem Jahr zurück vom „Mars“

BERLIN – Nach der bislang längste Simulationsstudie zum Leben auf dem Mars freut sich Probandin Christiane Heinicke auf ganz banale Dinge.

Am Ende sind es die kleinen Dinge, auf die sich Wissenschaftlerin Christiane Heinicke nach einem Jahr «Mars-Misson» so richtig freut: frische Tomaten – und ein Bad im Meer. 365 Tage lang hat die 30-Jährige Geophysikerin aus Sachsen-Anhalt mit einem kleinen internationalen Team von der Außenwelt abgeschnitten in einer winzigen Forschungsstation am Hang des Vulkans Mauna Loa auf Hawaii gelebt. Raus in die karge Lavalandschaft auf 2500 Metern Höhe durften alle Forscher nur im Raumanzug. An diesem Sonntag geht das ungewöhnliche Experiment zu Ende. Es sollte zeigen, ob eine Crew so lange Zeit unter widrigen Bedingungen auf engstem Raum zusammenleben kann – Stichwort Gruppendynamik.

Unter ähnlich unwirtlichen Bedingungen wie auf dem Mars (Foto) lebten die Probanden für ein Jahr am dem Mauna Loa, die Erkenntnisse für die Raumfahrt sind immens. Foto: NASA/JPL / Wikimedia Commons (gemeinfrei)

Unter ähnlich unwirtlichen Bedingungen wie auf dem Mars (Foto) lebten die Probanden für ein Jahr am dem Mauna Loa, die Erkenntnisse für die Raumfahrt sind immens. Foto: NASA/JPL / Wikimedia Commons (gemeinfrei)

Christiane Heinickes Liste für ihr Leben in «Freiheit» ist lang: «Freunde und Familie wiedersehen, bei offenem Fenster schlafen, Fahrrad fahren, T-Shirts tragen, faul in der Sonne liegen, meine Haare wieder knall-lila färben», schreibt sie auf ihrem Blog. «Klingt alles banal? Genau das sind aber die Dinge, denen ich gerade mit Freudentränen in den Augen entgegen sehe.»

Drei Männer und drei Frauen ein Jahr im Container: Was auf den ersten Blick nach einem verschärften Big Brother-Experiment klingt, birgt für die Raumfahrt-Forschung unschätzbares Wissen. Denn falls sich wirklich Menschen zum Mars aufmachten – ein Fernziel mehrerer Raumfahrtnationen – könnte allein schon die Reise zum Roten Planeten bis zu einem Jahr dauern. Eine weitere Hürde wäre das Zusammenleben des Teams auf dem Nachbarplaneten, der durchschnittlich 228 Millionen Kilometer von der Erde entfernten ist. Es müsste in einer unwirtlichen Kraterlandschaft ohne Sauerstoff-Atmosphäre so lange ausharren, bis die Planetenkonstellation günstig für einen Rückflug ist. Das kann mehr als ein Jahr dauern.

Schon öfter haben Wissenschaftler für körperliche und soziale Raumfahrt-Tests zusammen in unwirtlichen Bergregionen gelebt. Die Studie der US-Weltraumbehörde Nasa und der Universität Hawaii gilt als die bislang längste Simulation, sagt Marco Frezzella, Sprecher der Technischen Universität Ilmenau in Thüringen. Dort hat Heinicke in Strömungsmechanik promoviert, bevor die Raumfahrt sie zu faszinieren begann.

Der kleine weiße Kuppelbau, in dem die Forscher auf Hawaii leben, hat gerade mal einen Durchmesser von elf Metern. Überall hängen Kameras, alle Bewohner tragen Sensoren, als Rückzugsort gibt es nur winzige Kabinen. Warme Mahlzeiten bereitet sich das Team mit Solarenergie, unter anderem aus gefriergetrockneten Lebensmitteln. Duschen darf jeder acht Minuten – pro Woche. Ausflüge nach draußen müssen lange vorher geplant werden. Und durch die Raumanzüge lassen sich Sonnen und Wind nicht spüren. Alle «Astronauten» wurden käsebleich.

Einfach war das alles nicht. Christiane Heinicke erinnert sich, wie die kleine Gruppe schon nach wenigen Monaten die immer gleichen Streitgespräche führte – wie in einer WG. Nur, dass es dabei um Außeneinsätze und Gefahren ging. Die Extremsituation habe alle Teilnehmer an ihre Grenzen geführt, berichtet die Geophysikerin. Bei manchen sei es um Reparaturen gegangen. Bei anderen um Geduld bei absurden Streitereien. «Aber am Ende des Tages haben wir uns immer wieder zusammengerauft.» Mit drei der sechs Kollegen will die deutsche Forscherin auch nach dem Ende der Mission auf jeden Fall Kontakt halten. Besonders die Höhlen-Erkundung im Lava-Gestein habe sie zusammengeschweißt.

Zu lernen gab es auch weniger Aufregendes: Dass die eigene Tomatenzucht kein durchschlagender Erfolg war, zum Beispiel. «Unsere selbst angebauten Stauden haben im ganzen Jahr vielleicht 20 kleine Tomaten abgegeben», berichtet Heinicke. «Ich freue mich jetzt riesig auf frisches Obst und Gemüse.» Geübt haben sich die Wissenschaftler auch in eingeschränkter Kommunikation mit der Außenwelt: Mehr als E-Mails gab es nicht. Denn vom Mars aus wären Telefonverbindungen zur Erde durch die große Entfernung kaum möglich.

Im Mars-Team war Christiane Heinicke für die Wassergewinnung aus Lavagestein zuständig. «Über das gesamte Jahr habe ich grob geschätzt 100 Liter aus einem Quadratmeter gewonnen», berichtet sie. Das sei auch auf dem Mars eine relativ einfache Möglichkeit, an Wasser zu kommen. Doch auf Hawaii folgte die Enttäuschung. «Es schmeckte furchtbar.» Am Ende hat Heinicke mit ihrer Ausbeute die Tomatenstauden gegossen.

In ihrer Freizeit hat die Wissenschaftlerin gelesen, Salsa getanzt, Französisch gelernt und Mundharmonika gespielt. Als eine der schönsten Erlebnisse hat sie das Geschenk zu ihrem 30. Geburtstag in Erinnerung. «Die erste Erkundung einer Lavahöhle. Und die anschließende Feier mit Sushi.» Sportlich sei sie nun auf jeden Fall fitter als am Anfang der Mission.

Ein Jahr soll die Auswertung aller Daten der Simulation dauern. Könnte die Gruppe zum Mars fliegen? «Uneingeschränkt ja», sagte Projektleiter Bryan Caldwell von der University of Hawaii in Manoa bereits zur Halbzeit-Bilanz im März.

Nach all ihren Erfahrungen hat sie Christiane Heinicke nun als Astronautin bei einer privaten Initiative beworben, die die erste deutsche Frau auf die Internationale Raumstation bringen will. Auch zum Mars würde sie reisen. Aber nur unter drei Bedingungen: «Wenn die Technik ausgereift ist, die richtigen Menschen dabei sind und es einen Rückflug zur Erde gibt.» (Ulrike von Leszczynski, dpa)

zum Bericht: Astronomie: Nasa-Sonde findet Belege für flüssiges Wasser auf dem Mars. Gibt es dort also auch Leben?

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