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Teamarbeit an Schule: Belastung und Entlastung zugleich

Wissenschaftler und Praktiker diskutieren kollegiale Zusammenarbeit. Gute Kooperationen brauchen Mut und Geduld

Viele Herausforderungen in Schulen sind im Team besser zu meistern. Das gilt für die Integration von Flüchtlingskindern ebenso wie für die Inklusion. Aber auch die eigene Motivation und Gesundheit werden durch Teamarbeit gestärkt. Lehrer werden deshalb immer mehr dazu aufgerufen, nicht als Einzelkämpfer zu agieren, sondern im Kollegium zusammenzuarbeiten. Doch zwischen Wunsch und Realität klaffen oft noch große Lücken.

Wie Lehrer sinnvoll im Team zusammenarbeiten – auch wenn die Zeit knapp, der Widerstand einiger Kollegen groß und die Rahmenbedingungen schwierig sind –, darüber diskutierten in Berlin Lehrer, Rektoren und Wissenschaftler auf der öffentlichen Auftaktveranstaltung der diesjährigen Sommer-Uni der Cornelsen Stiftung Lehren und Lernen.

„Teamarbeit ist die Voraussetzung für erfolgreiche Innovationen in der Schulentwicklung und für eine gute Schulqualität“, sagte Martin Rothland, Erziehungswissenschaftler an der Universität Siegen, in seinem Einführungsvortrag. Er erforscht empirisch, wie Lehrer kollegial zusammenarbeiten. Die Unterrichtsqualität steige, wenn Lehrkräfte ihre Kompetenzen bündeln, so Rothland. Wer von der Teamarbeit auch eine messbare Verbesserung der Schülerleistungen erwartet, der wird enttäuscht. „Das überrascht aber nicht“, erklärte der Forscher, „denn der Übertragungsweg von der Zusammenarbeit der Lehrer bis zum individuellen Lernerfolg der Schüler ist einfach zu lang, um hier einen eindeutigen Zusammenhang nachweisen zu können.“ Unbestritten sei aber, dass Teamarbeit relevant sei für das Lernergebnis der Schüler. Außerdem stärke sie die Lehrergesundheit und helfe so, dem Burnout vorzubeugen.

Podium

Dennoch bestimme das Prinzip „Türen zu und jeder für sich“ nach wie vor den Alltag in vielen Schulen. Selbst unter Lehramtsstudenten gebe es viele, die nach der Devise arbeiten möchten: „In meinen Unterricht redet mir niemand hinein“. Rund ein Drittel der Lehrer und auch der Studenten arbeite lieber autonom als im Team. Dabei gelte: Je höher die Bildungsstufe, desto ausgeprägter ist das individuelle Arbeiten. Rothland spitzte zu: „Bei männlichen Lehrern an Gymnasien ist die Neigung zur Teamarbeit am geringsten.“

Dabei zeige die Empirie, dass Teamarbeit oft ganz unterschiedlich interpretiert werde: Für viele bedeute sie vor allem den Austausch von Unterrichtsmaterialien. Intensivere Kooperationen wie etwa die gemeinsame Planung von Unterrichtseinheiten seien hingegen seltener. Und die „Königsklasse“ der Teamarbeit, die Kokonstruktion und damit ein über weite Strecken gemeinsam gestalteter Prozess von der Planung bis zur Umsetzung, sei noch rarer besetzt, so Rothland.

Auch unter den Zuhörern in dem trotz Sommerferien gut gefüllten Hörsaal war die Bandbreite der Erfahrungen groß: Während klar bekräftigt wurde, dass man mit Heterogenität und Inklusion nur im Team erfolgreich umgehen könne, kam auch der Frust darüber zum Ausdruck, dass systematische Ansätze zu mehr Lehrerkooperation erstickt werden, weil es noch nicht einmal genug personelle Kapazitäten gibt, um den regulären Unterricht zu sichern. Auch die Barrieren in manchen Lehrerköpfen, loszulassen, Kompetenzen abzugeben, zu teilen und nicht alles alleine machen zu wollen, seien mitunter ein Problem.

Den Schülern ein Vorbild sein

Daniela Körber, langjährige Schulrektorin und heute Schulrätin in Solingen, kennt die praktischen Hürden. Sie ermuntert dazu, die Spielräume, die es trotzdem gibt, auch auszureizen. „Denn wir brauchen die Impulse aus dem Team für die Schulentwicklung und für die Lehrergesundheit.“ Da die Fähigkeit zur Teamarbeit auch von den Kindern und Jugendlichen gefordert werde, bräuchten sie dafür Vorbilder: ihre Lehrer. Körber hat in ihrer Zeit als Schulleiterin verschiedene Formen der Teamarbeit etabliert und dabei die Erfahrung gemacht: „Die Kollegen wollten danach nicht mehr zur alten Arbeitsweise zurück.“

Michael Lämmerhirt, geschäftsführender Leiter des Arbeitsbereichs Bildungsmanagement an der Universität Halle, denkt ähnlich: „Es gibt eigentlich keine Strukturen in Schulen, die Teamarbeit verhindern.“ Innovative Köpfe in den Schulleitungen gelinge es immer wieder, trotz Geld- und Personalknappheit gute Bedingungen für erfolgreiche Teamarbeit zu schaffen. „Die kann man aber nicht nur von oben anordnen – sie muss auch von unten wachsen.“

Wolf Rüdiger Feldmann, im Beirat der Cornelsen Stiftung Lehren und Lernen, räumte mit der Wunschvorstellung auf, dass Teamarbeit den Lehreralltag dauerhaft entlasten könne: „Kooperation bedeutet nicht weniger Arbeit, auch langfristig nicht.“ Aber: „Sie führt zu mehr Arbeits- und Lebenszufriedenheit, weil sie motiviert und bessere Lehrergebnisse bringt.“ Dafür brauche es das Engagement und den Mut, mit Innovationen die Grenzen zu testen – und dafür auch mal einen Rüffel der Schulaufsicht zu riskieren.

7 Kommentare

  1. Lehrer sollten sich nie als Konkurrenten, sondern als Teamplayer verstehen.
    Obige Aussagen zum Teamwork kann ich so aus eigener Erfahrung bestätigen. Teamwork macht den Unterricht qualitativ besser, weil mehr Ideen zusammenkommen und deshalb didaktisch und methodisch besser unterrichtet werden kann. Zeitersparnis ist es keine; teilt man sich die Herstellung evtl. Arbeitsmaterialien auf, verbraucht man auf der anderen Seite wieder mehr Zeit zur Besprechung. Wenn man zusammen Arbeiten entwirft, dann muss man sich wieder wegen Korrekturabsprachen treffen. Je größer und unterschiedlicher das Team umso weniger zielgerichteter kann man arbeiten, weil man dann viele Ideen unter einen Hut bringen muss. Ein Problem ist auch, gemeinsame Besprechungszeiten zu finden, weil die Unterrichtszeiten unterschiedlich sind.
    Am effektivsten halte ich intensive Teamarbeit zu zweit, maximal zu dritt und in größeren Abständen Austausch mit allen, die mit dem Fach befasst sind oder auf einer Jahrgangsstufe arbeiten. Außerdem muss die Chemie der Beteiligten ungefähr stimmen. Teamarbeit lohnt sich auf jeden Fall, weil die Unterrichtsqualität und alles, was mit Unterricht zusammenhängt, steigt.

    • „Am effektivsten halte ich intensive Teamarbeit zu zweit“
      Das sehe ich genauso, sowohl bei Lehrern als auch Schülern. Auch die Gruppenarbeit von Schülern funktioniert meiner Erfahrung nach am besten zu zweit.

      • mehrnachdenken

        Gruppenarbeit zu zweit? Heißt das nicht Partnerarbeit? Ich habe gelernt, dass wir per soziologischer Def. ab drei Personen von einer Gruppen sprechen.
        Nichts für ungut, grins.

        • Interessant; es gibt also keine Klassenleitungsteams sondern allenfalls Klasenleitungspartner …

          Da die Schulleitung die Klasenleitungen festlegt, sind das dann „eingetragene Parnerschaften“?

          • Bei gleichgeschlechtlichen Klassenleitungsteams auf jeden Fall ;-).

            Und jetzt mal ohne Quatsch: Vor 10 Jahren waren bei der Referendariatsausbildung Einzel- und Partnerarbeit verpönt. Viel angesagter waren die Kugellager-Lernzirkel-Methoden um der Methode wegen-Methoden. Dass die Schüler dann in derselben Zeit viel weniger schaffen wird durch die erheblich höhere Vorbereitungszeit kompensiert. Das ist heutzutage (glücklicherweise) nicht mehr so extrem. Aktuell muss die Methode einen Mehrwert bieten, die über die Methode selbst hinausgeht.

          • Darf’s ein bischen Kluschieterei sein?

            Der doppelt gelagerte Stuhlkreis oder auch Stuhlgang ist eine Methode. EA oder PA oder GA sind Sozialformen und eben keine Methoden, bäh:)

            (Stand: Vorbereitungsdienst Schuljahr 2004/05 bis 2005/06)

            Der Abschlussbewertung stimme ich zu; es ist ebenfalls meine Beobachtung, dass Methode umm der Methode willen heute nicht mehr gut ankommt. Die Methodenvielfalt wird maximal dahingehend erörtert, ob nicht mit einer anderen Methode das gleiche Ziel bzw. der gleiche Lernzuwachs bei den SuS hätte erreicht werden können.

          • mehrnachdenken

            Partner- und Gruppenarbeit gehörten bereits in meiner Studienzeit in den 70er Jahren zu den Sozialformen.

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