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Trotz Flüchtlingskindern und wachsenden Problemen mit Gewalt: Ministerium will bei Schulpsychologen sparen – Empörung

STUTTGART. Nach dem Massaker von Winnenden waren Schulpsychologen gefragt wie nie. Jüngst begingen junge Menschen in Bayern Gewalttaten, ein Schüler in  Baden-Württemberg plante einen Amoklauf. Dass man gerade jetzt dort Schulpsychologen einsparen will, stößt auf Unverständnis.

Immer öfter werden Schüler psychisch auffällig - die Schulen aber allzu oft mit dem Problem alleingelassen.. Foto: Jörg Klemme, Hamburg / pixelio.de (1)

Immer öfter werden Schüler psychisch auffällig – die Schulen aber allzu oft mit dem Problem alleingelassen.. Foto: Jörg Klemme, Hamburg / pixelio.de (1)

Trotz der jüngsten Gewalttaten Heranwachsender will die grün-schwarze Landesregierung von Baden-Württemberg nach Darstellung der Lehrergewerkschaft GEW bei den Schulpsychologen sparen. «Es ist ein Unding, dass wir nicht einmal die Hälfte der nach dem Amoklauf von Winnenden geplanten zusätzlichen Stellen besetzt haben und deren Zahl jetzt nochmals weiter nach unten gehen soll», sagte GEW-Landeschefin Doro Moritz in Stuttgart.

Auch der Verband der Schulpsychologen zeigte sich empört angesichts der immer größeren Herausforderungen durch Mobbing, Schulverweigerung und Flüchtlingsintegration. Das Kultusministerium wies die Vorwürfe zurück. Nach einem Erlass von Kultusministerin Susanne Eisenmann (CDU) sollen unbefristete Stellen zunächst nicht wiederbesetzt werden. In welchem Umfang das geschehen soll, geht aus der Verfügung nicht hervor.

Nach dem Amoklauf eines Schülers in Winnenden mit 16 Toten sollte die Zahl der Schulpsychologen an den Beratungsstellen im Südwesten auf 194 erhöht werden. An den 29 Beratungsstellen seien aber derzeit nur 144 davon besetzt, kritisierte Moritz. Grund seien Elternzeit, Krankheit oder Weiterbildung von Kollegen. Vertretungen seien schwer zu organisieren.

Nach Angaben des Schulpsychologenverbandes soll ein gutes Dutzend der Stellen gar nicht wieder besetzt werden. «Im Grunde genommen ist die Situation desaströs, weil ganz viele Beratungsstellen nicht so besetzt sind, wie sie es sein sollten», sagte Landeschefin Nina Großmann.

Nach Ansicht von Moritz spart die grün-schwarze Landesregierung an der falschen Stelle. «Auch mit Blick auf die Schuldenbremse darf man nicht an Maßnahmen sparen, die junge Menschen in schwierigen Lagen stabilisieren und damit für die Zukunft fit machen und so dem Staat Kosten ersparen.» Der Einsatz von Schulpsychologen sei keine Kür, sondern Pflicht.

Ministerium will bis Herbst entscheiden

Eine Sprecherin des Ministeriums erklärte, es sei richtig, dass die Kultusverwaltung Einsparauflagen von der Vorgängerregierung aus 2011 bewältigen müsse. Es gehe dabei um 28 Stellen bei den staatlichen Schulämtern, die bis 2020 abgebaut werden müssten. Bei diesen Behörden sind auch die Schulpsychologen angedockt. Bislang stehe jedoch noch nicht fest, ob, wie und in welchen Bereichen die Stelleneinsparungen tatsächlich erfolgen. Bis zum Herbst will das Ministerium darüber entscheiden.

Moritz betonte, Schulpsychologie beuge Gewalt an Schulen und in der Gesellschaft vor. «Zwar kann ein Schulpsychologe einen Amoklauf an einer Schule nicht verhindern, aber Schüler mit erkennbar psychischen Schwierigkeiten nachhaltig unterstützen und begleiten.» Nur mit von innen abschließbaren Türen lasse sich das Sicherheitsgefühl nicht steigern und das Risiko von Gewaltausbrüchen nicht minimieren, sagte Moritz. Kürzlich hatte ein 15-Jähriger einen Amoklauf an seiner Schule im Raum Ludwigsburg geplant.

Gewalt- und Amokprävention habe für die Landesregierung weiter einen zentralen Stellenwert, betonte die Sprecherin des Kultusministeriums. «Im Haushalt 2016 stehen für alle Maßnahmen in diesem Bereich Mittel in Höhe von rund 27 Millionen Euro zur Verfügung.»

Mit einem Schulpsychologen für rund 10.200 Schüler gehöre Baden-Württemberg schon jetzt zu den Schlusslichtern, klagte hingegen Gewerkschafterin Moritz. Das Land liege noch hinter Berlin, Bremen und dem Saarland mit einem Verhältnis von einem Psychologen auf 10.000 Schüler. Sogar in den USA kämen 500 bis 1000 Schüler auf einen Schulpsychologen. Großmann verwies auf einen Beschluss der Kultusministerkonferenz, nach dem ein Psychologe auf 5000 Schüler kommen soll. Demnach müsste das Ministerium die Zahl der Psychologen im Land verdoppeln statt Stellen abzubauen.

Die Experten müssten sich nicht nur um junge Menschen mit psychischen Problemen und Beratungsbedarf sowie deren Eltern kümmern, sondern auch Fortbildungen für Lehrer anbieten, erläuterte Moritz. «Die Schulen dürfen mit diesen Themen nicht alleine gelassen werden.» Die Lehrer wüssten oft nicht, wie sie die Flüchtlinge in den Vorbereitungsklassen integrieren sollten und bräuchten Fortbildung durch Schulpsychologen, fügte Großmann hinzu. Sie betonte: «Andere Bundesländer stocken auf, während unser Ministerium an uns sparen will, obwohl wir besonders viele Flüchtlingskinder erhalten haben.»

Die Vielfalt der Herausforderungen und die knappen Ressourcen gingen auch an den Schulpsychologen nicht spurlos vorbei. Großmann: «Es besteht die Gefahr, dass sich Burn-out-Fälle auch in der Schulpsychologie entwickeln.» dpa

Zum Bericht: Auffällige Schüler – ein Schulpsychologe zieht Bilanz: „Die Fälle werden schwieriger und komplexer“

6 Kommentare

  1. Da liest man nun überall von den sprudelnden Steuereinnahmen, aber „unten kommt nichts an“ ?!? Oder wieder „mehr Netto vom Brutto“ im Vorfeld der nächsten Wahlen. Notwendige Therapien können ja die „Mehr-Netto-Eltern“ selbst bezahlen.

    Auch das gehört zur Wiederherstellung der Attraktivität des Lehrerberufs (statt einfach nur Gehälter zu erhöhen), dass wir diese Unterstützung von den Schulpsychologen haben!

    Da sollte, könnte, müsste mal investiert werden. Aber gewaltig!

  2. Grundsätzlich ist es sehr wichtig, dass an Schulen sozialpädagogische und im Idealfall psychologisch geschulte Fachkräfte angesiedelt sind. Wie in Ba-Wü die Aufgaben verteilt sind, ist mir nicht bekannt. Bei uns im Grund- und Mittelschulbereich ist es so: Wir haben von Sozialarbeitern, die konkret an der Schule arbeiten, mehr. Sie arbeiten kontinuierlich mit verhaltensauffälligen Schülern.
    Anderes Personal kann man anfordern, muss aber mit längerer Wartezeit rechnen. Das sind Schulpsychologen, Beratungslehrer und der sonderpädagogische mobile Dienst. Diese alle können zusätzlich noch Lernschwierigkeiten diagnostizieren und beratend und manchmal fördernd (mobile Dienst) zur Seite stehen. Therapien werden von Schulseite her nicht gemacht, bei uns ist die Aufgabe der Schulpsychologen eine beratende meist auf Grundlagen von Tests. Bei uns sind Schulpsychologen gleichzeitig Lehrer.
    Ganz wichtig halte ich die flächendeckende und ausreichende Versorgung von Schulen mit Sozialarbeitern, die permanent in der Schule anwesend und ein dauerhafter Ansprechpartner für die Schüler sind.

  3. @ Sabine, ich habe noch nicht sehr viele Erfahrungen mit Schulpsychologen gemacht. Die bisherigen waren auch nicht so dolle, aber ich wollte das nicht verallgemeinern.

    Mir geht es vor allem darum, dass mehr in die „Begleitumstände“ unserer Arbeit investiert werden muss, um unseren Beruf attraktiver zu machen. Wer nicht Lehrer werden will, der will es ganz bestimmt nicht nicht 🙂 , weil wir zu wenig verdienen.

    Diese Erkenntnis sollte man endlich Raum greifen. Wünschte ich mir.

    • In den Lehrerberuf „stürmen“ ja heutzutage nur die Seiteneinsteiger, also Leute, die etwas studiert haben, womit sie aber kein Geld verdienen können – aus welchen Gründen auch immer. Die retten sich jetzt in den Lehrerberuf und denken, wie viele Eltern auch, das kann doch nicht so schwer sein.

      Nicht selten scheitern sie. Aber sie scheitern nicht am Gehalt und sie scheitern auch weniger am Unterrichtsstoff, sie scheitern – wenn sie schweitern – an den Schülern.

      Liebe Gewerkschaften, liebe Politiker – was tun wir dagegen !?!

  4. Mit unseren Sozialarbeitern habe ich gute Erfahrungen gemacht – außer, dass sie manchmal etwas „unterrichtsfremd“ argumentieren. Ich meine, sie raten uns zu einem Verhalten, mit dem man aber im Unterricht nicht bestehen kann. (Das mussten sie bei uns inzwischen wohl auch selbst erkennen. Ich habe ein bisschen „mitgeholfen“ dabei.) 🙂

    Aber für die Schüler sind sie in Konfliktsituationen sehr wichtig, finde ich!

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