Startseite ::: Leben ::: Wie viel Verständnis brauchen wir für Hitler? Ernst Nolte, Geschichtswissenschaftler, Gymnasiallehrer und Schlüsselfigur des Historikerstreits, ist tot

Wie viel Verständnis brauchen wir für Hitler? Ernst Nolte, Geschichtswissenschaftler, Gymnasiallehrer und Schlüsselfigur des Historikerstreits, ist tot

BERLIN. Darf man die Ermordung von sechs Millionen Juden durch die Nazis mit einer anderen Gräueltat vergleichen? Um die Frage kreiste der deutsche Historikerstreit. Der Geschichtswissenschaftler und Gymnasiallehrer Ernst Nolte, der ihn lostrat, ist jetzt gestorben.

Unbestritten ein Standardwerk: Noltes "Der Faschismus in seiner Epoche". Foto: Wikimedia Commons

Unbestritten ein Standardwerk: Noltes „Der Faschismus in seiner Epoche“. Foto: Wikimedia Commons

Es war eine der brisantesten Debatten seit Gründung der Bundesrepublik: Vor 30 Jahren löste der Geschichtswissenschaftler Ernst Nolte den deutschen Historikerstreit aus. Für Empörung sorgte vor allem seine These, die Ermordung der europäischen Juden durch Nazi-Deutschland habe ihren Ursprung in den Verbrechen der sowjetischen Kommunisten.

Der Professor der Freien Universität Berlin verharmlose die Nazis und begebe sich in die Nähe der Holocaust-Leugner, lautete damals der zentrale Vorwurf. Am Donnerstag ist Nolte nach kurzer Krankheit mit 93 Jahren in Berlin gestorben, wie seine Familie der Deutschen Presse-Agentur bestätigte.

Seine Behauptungen gelten in der Historiker-Zunft inzwischen als widerlegt. Dennoch hielt der Zeitgeschichtler auch in späteren Veröffentlichungen an seinen Thesen fest und isolierte sich damit in der Fachwelt zunehmend. Im Jahr 2000 lehnte es die damalige CDU-Vorsitzende Angela Merkel ab, anlässlich der Verleihung des Konrad-Adenauer-Preises durch die Deutschland-Stiftung die Laudatio auf den umstrittenen Wissenschaftler zu halten.

„Vergangenheit, die nicht vergehen will“

Auslöser des Historikerstreits war 1986 Noltes Artikel in der «Frankfurter Allgemeinen Zeitung» unter dem Titel «Vergangenheit, die nicht vergehen will». Hitler sei eine Reaktion auf Lenin gewesen, führte er dort aus. «War nicht der „Archipel Gulag“ ursprünglicher als „Auschwitz“? War nicht der „Klassenmord“ der Bolschewiki das logische und faktische Prius (Vorausgegangene) des «Rassenmords» der Nationalsozialisten?» Befremdlich war für viele auch, wie stark Nolte die führende Rolle von Juden innerhalb der Bolschewiki betonte.

Der Philosoph Jürgen Habermas bezichtigte den Kollegen in der «Zeit» daraufhin unter dem Titel «Eine Art Schadensabwicklung» des Revisionismus. Mit der Deutung des Nationalsozialismus als Antwort auf die bolschewistische Bedrohung mache Nolte Hitlers Verbrechen «mindestens verständlich». Der «Spiegel»-Herausgeber Rudolf Augstein warf dem Wissenschaftler vor, das Bürgertum, die Generalität und den Massenmörder Hitler zu entlasten.

Stand im Mittelpunkt von Noltes Forschungsarbeit: Hitler (hier beim Üben von Rednerposen). Foto: Wikimedia Commons

Stand im Mittelpunkt von Noltes Forschungsarbeit: Hitler (hier beim Üben von Rednerposen). Foto: Wikimedia Commons

Nolte blieb unbeirrt. In einem Interview des «Spiegel» etwa sagte er 1994, er könne nicht ausschließen, dass die meisten Holocaust-Opfer nicht in den Gaskammern, sondern durch Seuchen und Massenerschießungen getötet wurden. Im Ergebnis, erklärte schließlich der Historiker Heinrich August Winkler, habe die Auseinandersetzung um Noltes Thesen einen Wandel in der politischen Kultur beschleunigt und die «vorbehaltlose Öffnung» der Bundesrepublik gegenüber dem Westen gefestigt.

Der Historiker selbst sah sich durch die Vorwürfe seiner Kollegen ungerecht behandelt. Nicht er habe sich zu einem radikalen Rechten entwickelt, vielmehr sei die deutsche Öffentlichkeit nach links gerückt, argumentierte er. Auch in seinen späteren Büchern über die Weimarer Republik und Europa ging er weiter der Frage nach: Wie war Hitler möglich? Für ihn blieb gültig, dass Nationalsozialismus und Kommunismus die Kontrahenten eines «Europäischen Bürgerkrieges» waren, wie er es bereits in seinem 1987 unter diesem Titel erschienenen Buch beschrieben hatte.

Trotz der Verwerfungen galt der in Witten an der Ruhr geborene Sohn eines Volksschuldirektors – der selbst 20 Jahre lang als Lehrer an altsprachlichen Gymnasien wirkte, bevor er zum Professor berufen wurde – als einer der führenden deutschen Historiker der Nachkriegszeit. Seine Habilitationsschrift «Der Faschismus in seiner Epoche» (1963) ist noch heute ein Standardwerk. Als einer der ersten warf er die Frage auf, was den Nationalsozialismus ausgelöst hat. Dabei brach er mit der im Kalten Krieg maßgeblichen Totalitarismustheorie, die Kommunismus und Faschismus als Unterdrückungssysteme gleichsetzte. Er erkannte dem Nationalsozialismus eine besondere Qualität als Herrschaftsform zu – als Teil der gesamteuropäischen Geschichte.

Die Studie verschaffte Nolte, der ursprünglich wie sein Vater im Schuldienst arbeitete, große Anerkennung. Als Seiteneinsteiger bekam er einen Lehrauftrag für Neue Geschichte an der Universität Köln und später einen Lehrstuhl in Marburg. 1973 wechselte er an die Freie Universität Berlin, wo er bis zu einer Emeritierung 1991 am Friedrich-Meinecke-Institut lehrte. In den Hochzeiten des Historikerstreits wurden seine Seminare immer wieder durch Protestaktionen von Studenten gestört.

Verbittert habe ihn die Auseinandersetzung nicht, sagte er 2006 der Tageszeitung «Die Welt». Schließlich verstehe er sich streng genommen auch nicht als Historiker, sondern als Geschichtsdenker. «So möchte ich gesehen werden. Und ich glaube, dass mein Lebenswerk, wenn es als Ganzes wahrgenommen wird, diese Bezeichnung rechtfertigt. Von Esteban Engel, dpa

Zum Bericht: Streit um «Mein Kampf»: Philologen wollen eine kritische Ausgabe für jede weiterführende Schule

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