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„Wir sind die Mülleimer“: Lehrer beklagen immer schlechteres Verhältnis zu den Eltern

OSNABRÜCK. Ist das Verhältnis von Lehrern und Eltern auf dem Tiefpunkt? „Lehrer sind zum Mülleimer der Gesellschaft geworden“ – von Vätern und Müttern müssten sich Lehrkräfte mitunter ätzende Kritik anhören, sagt aktuell Richard Lauenstein, Vorstandsmitglieder der GEW Niedersachsen gegenüber der Neuen Osnabrücker Zeitung (NOZ) Kein ganz neuer Befund: Selbst Banalitäten wie der Sitzplatz des Kindes in der Klasse sind für manche Väter und Mütter mittlerweile Anlass, mit dem Anwalt zu drohen, hatte unlängst Hans-Peter Etter, Leiter der Rechtsabteilung des Bayerischen Lehrerinnen- und Lehrerverbands (BLLV) in einem Gastbeitrag auf News4teachers berichtet.

Wütende Väter und Mütter machen Lehrern mitunter das Leben schwer. Fotos: *n3wjack's world in pixels / flickr (CC BY-NC-SA 2.0) / Floyd Brown / flickr (CC BY-NC-SA 2.0)

Wütende Väter und Mütter machen Lehrern mitunter das Leben schwer. Fotos: *n3wjack’s world in pixels / flickr (CC BY-NC-SA 2.0) / Floyd Brown / flickr (CC BY-NC-SA 2.0)

Das Verhältnis zwischen Eltern und Lehrern sei sehr belastet, meint GEW-Vorstand Lauenstein laut NOZ. Eine wesentliche Ursache dafür seien überhöhte Anforderungen an die Lehrer. Sie sollten neben dem Unterricht auch noch die komplette Erziehung übernehmen – was sie überfordere. Dafür aber brächten die Eltern nur wenig Verständnis auf. „Die Eltern denken häufig, es sei leicht als Lehrkraft. Aber alle Defizite der Gesellschaft werden auf die Lehrer drauf gepackt. Sie sind dadurch an der Grenze der Belastbarkeit“, so sagt Lauenstein laut Bericht.

Ein Befund, der vom Verband Niedersächsischer Lehrkräfte (VNL) geteilt wird. Eltern würden immer häufiger mit einem juristischen Nachspiel drohen – etwa wenn ihnen die Noten ihrer Kinder nicht passten. „Die Hemmschwelle, Lehrer mit einem Anwalt einzuschüchtern zu versuchen, ist viel niedriger als früher“, sagt VNL-Vorsitzender Manfred Busch gegenüber dem Blatt. „Der Umgang mit den Lehrerinnen und Lehrern ist im Allgemeinen rauer geworden. Entscheidungen, Verfügungen, Aufsichtspflichtverletzungen, Erziehungsmaßnahmen, Noten, Zeugnisse und vieles mehr werden kritisch hinterfragt. Von dieser bestimmten Sorte Eltern aber eben gerne auch mit freundlichen Grüßen vom Anwalt“, so hatte BLLV-Jurist Etter geschrieben.

Das Problem wird auf Seiten der Eltern durchaus erkannt. „So kann es nicht weitergehen, es muss etwas passieren“, so zitiert die NOZ Stefan Bredehöft, den Vorsitzenden des Landeselternrates Niedersachsen. Die Verantwortung für das „durchwachsene“ Verhältnis trügen allerdings beide Seiten. Während Eltern zu selten das Gespräch mit den Lehrern suchen würden, seien diese wiederum oftmals überfordert mit den neuen Anforderungen, die an sie gestellt werden, sagt Bredehöft. „Beide Seiten reden nicht offen miteinander“, so sagt er laut Bericht.

Unsicherheiten auf beiden Seiten

Bundeselternratsvorsitzender Michael Töpler erklärte im News4teachers-Interview: „Ich glaube schon, dass es in den letzten Jahren etwas schwieriger geworden ist. Es gibt Unsicherheiten auf beiden Seiten.“ Lehrkräfte sähen sich enormen Herausforderungen gegenüber und fühlen sich dafür oft genug nicht genug wertgeschätzt. Und Eltern verstünden nicht immer, was in der Schule passiert. Töpler: „Eltern orientieren sich an dem, was sie kennen. Neuerungen stehen sie oft skeptisch gegenüber. Dazu kommen Ängste, die mit der Globalisierung zusammenhängen: Können unsere Kinder beispielsweise später den Wettbewerb mit Koreanern bestehen, die angeblich 20 Stunden am Tag lernen? Früher war sicher: Wer studiert, wer eine gute Bildungskarriere macht, bekommt auch einen guten Arbeitsplatz. Heute erscheint gar nichts mehr sicher.“

Auch VNL-Chef Busch sieht im wachsenden Druck von außen eine wesentliche Ursache für das zunehmend gereizte Klima. „Ein guter Schulabschluss bestimmt häufig den weiteren Verlauf des Lebens. Der Leistungsdruck ist daher viel größer geworden. “ Eltern wollten ja nur das Beste für ihre Sprösslinge. Viele von ihnen gerieten aber in Panik, wenn ihre Kinder mit schlechten Noten nach Hause kämen – und würden dann den Lehrern die Schuld daran geben. News4teachers

Zu unsererKolumne: War das ein Vorwurf? Frau Weh versucht sich bei der Elternarbeit in Diplomatie

 

21 Kommentare

  1. Auch das ist ein Punkt, wo man mal um „die Wiederherstellung der Attraktivität“ des Lehrerberufs ringen könnte, sollte, müsste.

    Was haben Gewerkschaften und Politiker da anzubieten?

    Man hat wirklich den Eindruck, gute Gehälter sollen uns nur dazu bewegen, alle Mängel weiter stillschweigend zu ertragen.

    An die wirklichen Probleme geht keiner ran, sage ich mal zugespitzt. 🙁

    • wobei die Politik mal mit der Einführung wurklich guter Gehälter und Arbeitsbedingungen anfangen könnte, was mit der Bereitstellung aller erforderlichen Materialien am Arbeitsplatz zur Berufsausübung beginnt.

    • @sofawolf
      Sie sagen: „Man hat wirklich den Eindruck, gute Gehälter sollen uns nur dazu bewegen, alle Mängel weiter stillschweigend zu ertragen. “
      So ist es! Aber wären Sie Gewerkschaftler oder Politiker, würden Sie dann nicht auch zu diesem Mittel der Ruhigstellung greifen, zumal Lehrer der Frage ihres Gehalts offensichtlich höchste Priorität einräumen?
      Jedenfalls ist das mein Eindruck, wenn ich die unzähligen Kommentare dazu lese.
      Ich würde wahrscheinlich auch denken: Lehrer sehen gern über vieles hinweg und lassen sich ideologisch gut leiten. Hauptsache, die Bezahlung stimmt.

      • Hier wird nicht erwähnt, dass Lehrer aller Schularten generell ein Problem mit dem Gehalt haben. (Oder hat sich hier schon einmal ein Realschul- oder Gymnasial- oder Förderschullehrer darüber beschwert? Mir ist auf jeden Fall kein Beitrag darüber bekannt.)
        In den Beiträgen geht es um einen anderen Schwerpunkt. Es wird darauf hingewiesen, dass Lehrer aller Schularten ungleich bezahlt werden und es wird für eine gleiche Bezahlung von Lehrern aller Schularten plädiert. Darüber werden Argumente ausgetauscht.
        Das hat nichts mit den Missständen in den Schulen zu tun. Darüber wurde in anderen Diskussionsbeiträgen ebenfalls schon geschrieben.

        • Auch das Einkommen der OStD am Gymnasium ist gemessen an der Verantwortung (Leitung eines Betriebes mit oft genug über 1000 Mitarbeitern) ein schlechter Witz. In der freien Wirtschaft sind solche Firmenchefs Einkommensmillionäre, Schulleiter verdienen maximal 90000€ im Jahr, der Beamtenstatus macht da nicht mehr viel aus.

          • Na und, ein LRSD bekommt ja auch nicht mehr. Auf der Ebene bekommt man eben nicht mehr als ein Oberstleutnant bei Y-Tours. Da muss man schon Brigadegeneral werden, um in die B-Tabelle zu rutschen. Und das Wunderbare nebenbei, man hätte dnn auch Chauffeur, ordentlich besetzten Stab und bei Bedarf einen Helicopter zur Verfügung. Geld ist eben nicht alles.
            Jede Kompanieschreibstube ist personell (zahlenmäßig) besser aufgestellt als das Sekretariat einer weiterführenden Schule mit mehr als 600 Eleven. – Und selbst eine gefechtsstarke Kompanie hat weniger leute.

          • So geht es allen im öffentlichen Dienst, wenn man die Verantwortung mit dem Gehalt vergleicht.
            Wer eine eigene Firma hat, trägt das Risiko des Scheiterns bis hin zur Existenzkrise, nicht nur seiner eigenen, oft nimmt er die Mitarbeiter mit. Es gibt genug Firmen, denen es nicht gut geht. Wenn ihm die Firma selbst gehört und er macht gute Gewinne, kann man ihm schlecht vorschreiben, was er mit dem Geld machen soll.
            Von daher ist die Verantwortung eines Schulleiters berechenbarer.

  2. Ein weiterer Punkt sollte in dieser Diskussion mal erwähnt werden: Die mangelnde Rückendeckung durch den Dienstherren. Viele Schulleiter und auch das Ministerium haben offenbar eine Heidenangst vor Prozessen, obwohl ich glaube, dass man viele gewinnen würde.

  3. Was für ein „gutes Gehalt“ ist hier gemeint?
    Wenn ich von meinem Sold alles abziehe was ich auch in rein schulische Dinge wie Materialien etc investiere, ist das maximal ein durchschnittliches Gehalt!

  4. Wer als Lehrer/in meint, sein Gehalt wäre zu hoch, kann jederzeit was spenden (damit er ein besseres Gewissen hat und nicht mehr denkt, er habe diesen Beruf nur aus Geldgründen gewählt). Das gilt übrigens auch für Pensionäre.

    • Wen meinen Sie mit Lehrer? Die verbeamteten Lehrkräfte der Primar- und Sekundarstufe I, die immerhin noch 73 Prozent ihrer aktiven Bezüge erhalten oder die tarifbeschäftigten Lehrkräfte aller Schulformen mit einem Rentenniveau von 43 Prozent.

  5. Ich meinte eigentlich alle. Meine 18jährige Tochter macht gerade einen Ferienjob bei Daimler und hat einen besseren Stundenlohn als ich. Halbe Stunde Einarbeitungszeit.

  6. Nee, dickebank. Ich habe meinen absoluten Lieblingsberuf. Nur jedesmal wenn sofawolf davon anfängt, dass wir überbezahlt sind, sage ich was dagegen.

    • Also wenn Lehrer Ihr Lieblingsberuf ist, dann ist das quasi so eine Art Hobby von Ihnen. – Also da dürfen Sie natürlich kein Gehalt, höchstens eine Aufwandsentschädigung erwarten:)

  7. Oach, vielleicht sollte ich noch was abgeben. Jedesmal, wenn ich die Lütten morgens sehe, gehts mir besser. Muss man das melden?

    • … nur wenn man ’ne Beitragsermäßigung bei der privaten Krankenzusatzversicherung aushamdeln will. Die Beihilfe hat diesen Umstand eh schon eingepreist, die kompensiert damit die Mehraufwendungen für Burnout.

  8. Burnout kann man natürlich schon kriegen…wegen…der im schulischen Alltag gegebenen Rahmenbedingungen usw. Jede Schulart hat da wohl spezifische.

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