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Fachleute ohne pädagogische Ausbildung: Tausende Seiteneinsteiger strömen in die Schulen – ein Problem?

BERLIN. Der Lehrermangel macht’s möglich: Bundesweit werden in diesen Tagen Tausende von Seiteneinsteigern in den Kollegien begrüßt – Fachleute also ohne pädagogische Ausbildung. „Wir stellen einfach Menschen vor Schulklassen“, so heißt es kritisch bei der GEW. Durch die fehlenden Kenntnisse der neuen Kollegen drohten für die angestammte Lehrerschaft zusätzliche Belastungen, heißt es.

Aus dem Labor ins Klassenzimmer - geht das mal eben so? Foto: Maia Weinstock / flickr (CC BY-NC-SA 2.0)

Aus dem Labor ins Klassenzimmer – geht das mal eben so? Foto: Maia Weinstock / flickr (CC BY-NC-SA 2.0)

Das neue Schuljahr beginnt nach und nach in den Bundeländern – und wie jedes Jahr begrüßen die Schulleitungen landauf, landab viele neue Kolleginnen und Kollegen, die die frisch in den Ruhestand verabschiedeten ersetzen sollen. Derzeit ist allerdings manches anders als sonst: Nicht nur, dass zahlenmäßig an den meisten Schulen mehr neu hinzukommen als ausgeschieden sind – die bundesweite Einstellungsoffensive im Zusammenhang mit den Flüchtlingskindern macht sich quantitativ bemerkbar. Auch sind viele der Neuen älter, als es Berufseinsteiger wären. Das sind sie auch nicht: Bundesweit starten in diesen Tagen Tausende von sogenannten Quer- oder Seiteneinsteigern in den Lehrerberuf, also Menschen ohne pädagogische Qualifikation. So groß die Freude über den neugewonnenen Kollegen im Einzelfall auch sein mag – angesichts der Fülle solcher Fälle wächst die Kritik.

Zahl der Nicht-Pädagogen vervierfacht

Beispiel Berlin: Am Montag haben in der Bundeshauptstadt 1.900 neue Lehrkräfte ihre Arbeit aufgenommen. Die gute Nachricht: Bildungssenatorin Sandra Scheeres (SPD) ist es wider Erwarten gelungen, den von den Schulen angemeldeten Bedarf zu decken. Aber: Rund 670 dieser neuen Lehrer sind Seiteneinsteiger – so viele wie noch nie zuvor unter den alljährlichen Neueinstellungen. Innerhalb von vier Jahren hat sich die Zahl der eingestellten Nicht-Pädagogen damit vervierfacht.

Sie sollen in Vollzeit 19 Stunden pro Woche unterrichten – und berufsbegleitend 18 Monate lang ihr pädagogisches Rüstzeug erwerben. Wird das funktionieren? „Es wird zunehmend schwierig, an Universitäten und in Schulen die Kapazitäten bereitzustellen, um diese Quereinsteiger weiterzubilden“, mahnt  Dieter Haase vom Berliner Gesamtpersonalrat gegenüber der „Berliner Zeitung“. Auch Tom Erdmann, Vorsitzender der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW), zeigt sich skeptisch.  „Inzwischen sind bereits 15 Prozent aller Berliner Lehrkräfte Quereinsteiger“, sagt Erdmann der Berliner „Morgenpost“. Die meisten seien zudem an Schulen in sozialen Brennpunkten eingestellt worden, da diese Bildungseinrichtungen große Schwierigkeiten hätten, genügend Pädagogen zu bekommen. Erdmann bezeichnete diese Tatsache als äußerst problematisch. „Den Quereinsteigern fehlt die pädagogische Ausbildung, um mit besonders herausfordernden Kindern umzugehen“, sagte er. Und betont: Oberstes Ziel müsse sein, Fachpädagogen einzustellen. Quereinsteiger könnten zwar eine Bereicherung für die Schulen sein, das dürfe aber nicht zur Entwertung der vollen Lehrerausbildung führen.

In Sachsen ist die Quote der Seiteneinsteiger unter den neuangestellten Lehrern sogar noch höher als in Berlin. Im Schnitt seien 45 Prozent der freien Stellen mit Quereinsteigern wie diplomierten Naturwissenschaftlern besetzt worden, erklärte Kultusministerin Brunhild Kurth (CDU). „Auf dem Arbeitsmarkt finden wir nicht die Lehrer, die wir benötigen – weder in Quantität noch in Qualität“, betonte die Ministerin. Im Vergleich zum Vorjahr habe sich die Situation auf dem heiß umkämpften Lehrermarkt noch einmal verschärft.

Zweiklassensystem?

Das bekommt auch Brandenburg zu spüren. Die Zahl der Seiteneinsteiger an brandenburgischen Schulen wird in diesem Jahr weiter steigen, meldete unlängst die „Märkische Oder-Zeitung“. Auch wenn es noch keine verlässlichen Zahlen gebe, meldet die GEW bereits: Der Trend der vergangenen Jahre werde sich fortsetzen – im vergangenen Schuljahr waren rund ein Drittel der neuen Lehrkräfte Seiteneinsteiger.

GEW-Landeschef Günther Fuchs erklärt laut Bericht, dass es angesichts des akuten Lehrermangels ohne Quereinsteiger nicht gehe. Aber: „Wir stellen einfach Menschen vor Schulklassen.“ Durch die fehlenden Pädagogikkenntnisse der neuen Kollegen entstünden für die angestammte Lehrerschaft zusätzliche Belastungen, warnt der Gewerkschafter. Da den Seiteneinsteigern zudem oft ein zweites Unterrichtsfach fehle, sei eine dauerhafte schlechtere Bezahlung und damit ein Zweiklassensystem in den Lehrerzimmern programmiert.

Auch Niedersachsen hat in diesem Jahr die Rekordzahl von 223 Quereinsteigern als Lehrer an den verschiedenen Schulformen eingestellt – doppelt so viele wie in den Vorjahren. Für die Bewerber gäbe es „keinen typischen Werdegang“, so erklärt Kultusministerin Frauke Heiligenstadt (SPD) gegenüber der Oldenburger „Nordwest-Zeitung“. Aber viele hätten bisher als wissenschaftliche Mitarbeiter an Universitäten gearbeitet und würden künftig Naturwissenschaften unterrichten. Manche Dolmetscher und Übersetzer würden bald Sprachunterricht erteilen.

Sachsens Kultusministerin Kurth sieht sich angesichts wachsender Kritik ebenfalls dazu veranlasst, auf die fachliche Qualifikation der Quereinsteiger hinzuweisen. „Das sind Fachleute, die aus ihrem Berufsleben eine andere Facette in den Unterricht einbringen“, betont sie – und bittet darum, Seiteneinsteiger nicht als Lehrer zweiter Klasse abzutun: „Diejenigen, die gern mit Kindern und Jugendlichen arbeiten, kommen auch gut im Unterricht zurecht.“ Es gebe allerdings auch einige, die nach einer Zeit feststellten, dass der Lehrerberuf nicht der richtige für sie sei. Man habe daraus bereits erste Lehren gezogen. Die Seiteneinsteiger würden nun in der Anfangsphase intensiver begleitet. Agentur für Bildungsjournalismus

Zum Bericht: Sind Seiteneinsteiger die schlechteren Lehrer? GEW warnt vor sinkendem Unterrichtsniveau

 

Gastkommentar

Die Berliner „Morgenpost“ kommentiert das Thema Seiteneinsteiger kritisch:

„Lehrer sollen den Schülern heute ja längst nicht mehr nur Wissen vermitteln, sondern vor allem auch soziale Kompetenzen. Sie müssen zudem in der Lage sein, mit sehr heterogenen Schülern umzugehen. Schließlich lernen bereits fast 60 Prozent der Kinder mit sonderpädagogischem Förderbedarf in den Regelklassen. Um diese Herausforderungen zu meistern, ist eine solide Ausbildung unumgänglich. Nicht umsonst müssen inzwischen alle künftigen Lehrer zehn Semester lang studieren. Quereinsteiger aber lässt man gleich ins kalte Wasser springen. Sie müssen vom ersten Tag an unterrichten. Ihre pädagogische Ausbildung erfolgt nebenher und oft auch noch das Studium eines zweiten Faches. Das kann gut gehen. Oft geht es aber zulasten der Schüler, des Kollegiums und der Betreffenden selbst.“

6 Kommentare

  1. Wie sagt Carlo Ancelotti in seinem Buch Quiet Leadership:
    „Wenn man Trainer wird, nachdem man gerade erst seine aktive Karriere beendet hat, besteht das Problem vor allem darin, dass man meint, alles zu wissen. In Wirklichkeit weiß man nichts.“

  2. „Man habe daraus bereits erste Lehren gezogen. Die Seiteneinsteiger würden nun in der Anfangsphase intensiver begleitet.“
    Laut Ausschreibung des sächsischen KM haben zwei mal zwei Dutzend quereingestiegene Lehrer die Möglichkeit, sich an 4 x 2,5 Tagen, verteilt über zwei Jahre zu qualifizieren.
    Noch vor zwei Jahren wurden studierte Lehrer, die „nur“ schulartfremd eingesetzt waren 5 x 5 Tage weitergebildet..

  3. Diejenigen, die gern mit Kindern und Jugendlichen arbeiten, kommen auch gut im Unterricht zurecht.“ Es gebe allerdings auch einige, die nach einer Zeit feststellten, dass der Lehrerberuf nicht der richtige für sie sei“

    Ich kenne eine Menge arbeitsloser Mütter, die Kinder lieben und vormittags weitgehend Zeit hätten für nen Minijob. Viele haben sogar irgendetwas für Schule halbwegs brauchbares studiert. Ich verstehe ehrlich nicht, wozu wir noch Lehrer studieren lassen.

    Ich bin auf Plan B gespannt, wenn die Seiteneinsteiger reihenweise vor Gericht stehen, weil die fünf in Musik diskutiert werden muss, oder weil der Dr Seiteneinsteiger – und ich übertreibe absichtlich und nehme ein völlig irrsinniges Beispiel – Schüler eine Strafarbeit machen lässt und sich beim Einsammeln in die Tür setzt.

    • papperlapapp

      Das wird bald viel entspannter werden, wenn Sportlehrer ausgeschiedene Ausbilder von der Bundeswehr werden. Aufgrund ihres vorherigen Engagements sollten die auch bestens für den Politikunterricht geeignet sein.

      Ich würde auch die unzähligen Jurabsolventen mit in die Schulen nehmen, um Geschichte, Philosophie oder Politik unterrichten zu lassen.

      Es gibt doch unzähligen Studiengänge, die an sich keinerlei Nachfrage in der heutigen Gesellschaft erregen.

      • Und wo ist das Problem, ernsthaft?

        Ich kenne viele (ehemalige) Soldaten, die während ihrer Dienstzeit das Lehramtsstudium zum Ende ihrer Dienstzeit absolvieren dürfen/durften. Vertraut man auf die Aussagen Berater des Berufsförderungsdienstes der Bundeswehr (BFD), dann ist die Lehramtsausbildung bei ausscheidenden Soldaten (mit entsprechender Zugangsqualifikation) sogar eine der oft geförderten Bildungsmaßnahme und so bin ich somit keine Ausnahme. Als ich damals zu meinen BFD-Berater ging, kam auch gerade ein anderer Lehramtsstudent aus dessen Büro.

        Selbst mein alter Lehrer war einmal Soldat, mein Prof. an der Hochschule hatte an der Bundeswehruni Pädagogik studiert, ein Kollege an der Schule hat ebenso über den BFD auf Lehramt studiert usw. usf.

        Ich weiß, diese Leute sind somit keine Seiteneinsteiger, aber die Lebenserfahrung prägt dann eben doch (gerade weil diese Leute nicht selten einen nicht so geraden Bildungsweg haben (Berufsausbildung->Bundeswehr->Weiterbildung neben dem Dienst z.B. Abitur->Studium) ). Ich empfand es schon immer ziemlich lächerlich, wenn LehrerInnen den SuS irgendwas über Berufsorientierung und das Leben allgemein erzählen wollen, aber außer Schule-Uni-Schule noch nichts vom Berufsleben und der Welt erlebt haben.

        Die Schule kann daher nur von den Seiteneinsteigern (die nicht auf Lehramt studiert haben) profitieren und, wenn ich das mal mit meinem Lehramtsstudium vergleiche, ich hatte auch keine Ausbildung, die mich auf den Schulalltag vorbereitete. Die wenige „akademische Ausbildung“ im Bereich Pädagogik und den Erziehungswissenschaften kann man eh in die Tonne kloppen, ehrlich. Absolut praxisuntaugliches Blabla. Praxis an „meiner“ Schulform, Gymnasium, bestand in 5 Jahren Ausbildung nur aus 1 x 4 Wochen Praktikum.

        Ich gehe soweit zu sagen, dass, wenn das Lehramtsstudium nicht grundlegend reformiert werden sollte, es keine Daseinsberechtigung mehr hat und abgeschafft werden könnte. Jeder Absolvent einer Hochschule ist genauso gut oder schlecht auf das Referendariat vorbereitet wie jeder Alumni eines Lehramtsstudienganges.

        Mit dem Referendariat sieht das schon wieder ganz anders aus. Gerade dieses sollte man nicht umgehen können und sollte für alle gleich obligatorisch sein (allerdings scheint hier Intransparenz bei die Benotung/Bewertung durch die Fachleiter einmal überarbeitungsbedürftig zu sein, um die Referendare mehr gegen Missbrauch zu schützen (ich bin froh, dass ich manche gehörte Horrorgeschichten so nicht erleben musste) ).

  4. @ Michael Meier, das mit dem Referendariat sehe ich ebenso. Das ist der wichtigste Teil der Lehrerausbildung.

    Quer- bzw. Seiteneinsteiger mit abgeschlossener (!) Lehrerausbildung, die zeitweilig außerhalb der Schule tätig waren, sind tatsächlich ein Glücksfall für den Lehrerberuf. Nur wie sollte man „machen“, dass alle Lehrer diese außerschulische Erfahrung machen?

    PS: Ich wünschte mir das umgekehrt auch für die Politik. Niemand sollte Politiker werden, der nicht zuerst ein paar Jahre ein ganz normales Arbeitsleben geführt hat. Diese Anbiederung an die Jugend (immer früher wählen lassen; immer jüngere Berufspolitiker) halte ich für einen völlig falschen Weg.

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