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Gymnasium probt Geschlechtertrennung im Physik-Unterricht, um Mädchen zu fördern – und erntet Kritik

ZWEIBRÜCKEN. Seit einem Jahr lernen Mädchen und Jungen an einem pfälzer Gymnasium getrennt voneinander Physik. Das soll bei den Mädchen mehr Begeisterung fürs Fach wecken. Ein Erfolgsmodell? Die Schule bekommt viel Kritik zu hören.

Lassen sich Mädchen besser für die Naturwissenschaften begeistern, wenn sie ohne Jungen lernen? Foto: Mario Seidler / flickr (CC BY-NC 2.0)

Lassen sich Mädchen besser für die Naturwissenschaften begeistern, wenn sie ohne Jungen lernen? Foto: Mario Seidler / flickr (CC BY-NC 2.0)

Am Anfang stand für Michael Scheffe eine simple Beobachtung. «In unserem Physik-Leistungskurs in der Oberstufe sitzen 17 Jungs und gerade mal ein Mädchen. Das Mädchengymnasium nebenan bekommt jedes Jahr einen Kurs mit mindestens zehn Schülerinnen zusammen», erzählt der Physiklehrer am Hofenfels-Gymnasium in Zweibrücken. Dabei seien die Physik-Noten der Mädchen in der Mittelstufe nicht schlechter als die der Jungs. Trotzdem wählt kaum eine den Leistungskurs. «Das hat uns gewundert.»

Scheffe hat deshalb ein Projekt initiiert, bei dem Jungen und Mädchen in getrennten Klassen in Physik unterrichtet werden. Zwei 7. Klassen wurden zu Beginn des vergangenen Schuljahrs zusammengelegt und für den Physikunterricht in eine je 25 Jugendliche umfassende Mädchen- und Jungengruppe geteilt. Zwei weitere Klassen sollen die Kontrollgruppe des Versuchs bilden. «Es geht nicht darum, dass die Mädchen besser werden – die sind schon gut», erklärt Scheffe. Sie sollten Spaß an dem Fach gewinnen, wenn sie nicht mehr das Gefühl hätten, hinter den Jungs zurückstecken zu müssen.

Und funktioniert’s? Nach dem ersten Jahr ist Scheffe skeptisch. «Mein erster Eindruck ist, dass kaum ein Unterschied zu spüren ist.» Darauf deuteten auch erste Befragungen der Hochschule Kaiserslautern hin, die das Projekt wissenschaftlich begleitet. Zu Beginn und zum Ende des Schuljahrs wurden beide Gruppen – die getrennte und die gemischte – zu ihrer Motivation für Physik befragt. Ergebnis laut Scheffe: Die Mädchen sind deutlich weniger interessiert als die Jungs, egal in welcher Gruppe sie unterrichtet werden.

Katharina Weisel von der Hochschule Kaiserslautern betont, dass es für wissenschaftlich belegbare Ergebnisse noch zu früh sei. «Wir müssen die weiteren Erhebungen abwarten.» Das Projekt ist noch auf drei weitere Jahre angesetzt. Generell biete getrennter Unterricht Mädchen die Möglichkeit, sich unabhängig von Geschlechterstereotypen mit dem Fach anzufreunden. «Hier werden sie stärker gefordert, selbst aktiv zu werden. Jungen den Vortritt zu lassen, beispielsweise bei Versuchsdurchführungen, ist in diesem Kontext gar nicht erst möglich», sagt Weisel.

Getrennter Unterricht ist indes kein ganz neues Thema. Der Flensburger Bildungsforscher Jürgen Budde hat mehrere Untersuchungen durchgeführt. Er sieht die Trennung von Jungen und Mädchen eher kritisch: «Mit der Geschlechtertrennung schraubt man an einem sehr unterrichtsfernen Kriterium.» Viel entscheidender sei die Veränderung des Unterrichts und seines Inhalts selbst. «Wichtig ist ein differenzierter Unterricht der auf unterschiedliche Schüler unterschiedlich eingeht», erklärt Budde. Für die begrenzten Effekte lohne sich der Organisationsaufwand für die Trennung nicht.

Stereotype noch verfestigt?

Eine Gefahr sieht Budde darin, dass durch die Trennung von Mädchen und Jungen bestimmte Rollenbilder und Stereotype sogar noch gefestigt werden können. Der Forscher macht ein Beispiel: Teilt man eine Deutsch-Klasse und liest mit den Jungen ein Buch über Fußball, trifft man zwar das Interesse vieler Jungen. «Aber denen, die es nicht interessiert, wird damit suggeriert, du musst dich aber für Fußball interessieren, weil du ein Junge bist», sagt Budde. Im Fall des getrennten Physikunterrichts könne bei den Mädchen das Signal ankommen: Ihr seid einfach nicht gut genug und braucht eine Extra-Klasse.

Physiklehrer Scheffe legt deshalb Wert darauf, dass es beim Niveau des Unterrichts keinen Unterschied zwischen den Gruppen gibt. «Wir machen kein Physik light für Mädchen.» Zu Beginn des Projekts hätten sich sogar Schülerinnen über den getrennten Unterricht beschwert. Da habe noch die Meinung vorgeherrscht: Physik macht ohnehin keinen Spaß, ob mit oder ohne Jungs. Inzwischen hätten alle die Intention verstanden. «Ich bin der Meinung, es läuft gut.»

Die Landesschülervertretung (LSV) lehnt das Projekt ab. «Gerade in der Schule und besonders zur Zeit der Pubertät in der Mittelstufe entwickeln Jungen und Mädchen rollentypisches Verhalten, was durch geschlechtergetrennten Unterricht nur verstärkt wird», erklärte LSV-Vorstandsmitglied Mona Kaczun.

Scheffe hält die Gefahr sich verfestigender Rollenbilder dagegen für beherrschbar. «Wenn einem bewusst ist, dass es Gefahren gibt, kann man sich davor hüten.» Er halte die Geschlechtertrennung auch nicht für ein Allheilmittel. «Wir verfolgen keine Ideologie, wir sind einfach nur neugierig.» Von Simon Ribnitzky, dpa

Zum Bericht: Studien-Ergebnis – Jungen und Mädchen haben zum Teil einen anderen Wortschatz

22 Kommentare

  1. Ich finde es bezeichnend, dass sich wieder einmal alles nur um das weibliche Geschlecht dreht. Es interessiert nicht, dass Jungen wesentlich öfter überhaupt keinen Schulabschluss schaffen und von den Schreib- und Leseproblemen reden wir noch nicht einmal. Es wird dringend Zeit für eine Jungenforschung.

    • Muss es wieder Forschung sein mit teuren Studien, wenn doch mit bloßem Auge ersichtlich ist, welche Probleme die Jungs haben und dass sie durch den Gender-Wahn und eine völlig einseitige und übertriebene Frauen- bzw. Mädchenförderung maßlos vernachlässigt werden?
      Studien könnten sogar in die Irre führen und Falsches behaupten, wenn sie einen ideologischen Hintergrund haben und ihre Auftraggeber oder Macher weiterhin das arme weibliche Geschlecht als allein förderungs- und hilfsbedürftig ansehen und das männliche als noch immer dominant und bevorteilt.
      Dass es inzwischen in vielen Lebensbereichen genau anders herum ist, wird doch bewusst ignoriert und verschwiegen. Nicht zuletzt wegen einer Flut an Pseudo-Studien, die nicht nur im Bildungsbereich die Meinung des Volkes manipulieren und dirigieren.
      Nein, bitte weniger Studien und mehr Scharfblick und Bewusstsein für die Lebensrealitäten! Sie sollten wieder mehr im Mittelpunkt sachlicher Überlegungen stehen.

      • Da sie wunderbar alles richtig zusammengefasst haben, brauche nicht weiter darauf eingehen.
        Der Begriff „Forschung“ wurde in der Hinsicht tatsächlich falsch verwendet, stattdessen sollte man eher von Förderung bzw. Berücksichtigung reden.

      • Liebe Nathalie, Sie sprechen mir aus der Seele. Ich verlasse mich auch immer weniger auf „Studien“ und komme einer Leseempfehlung meist nur noch nach, wenn ich ein halbwegs vertrauenswürdiges Bild von dem Empfehlenden habe.
        Ansonsten sind für mich Studien mehr und mehr Werbeträger und Glaubensmacher.

        • das macht mich richtig betroffen —

          Hier erinnere ich mich an die sehr alte Diskussion von Anfang der 80er Jahre (übrigens zum exakt gleichen Thema!), die wir damals vehement geführt haben oder um es mit Martin Wagenschein oder Walter Jung zu sprechen:

          „Wenn man sich nach den Mädchen richtet, dann ist das auch für die Jungen richtig. Umgekehrt gilt das aber aber nicht.“

          Und diese beiden Personen haben nun wirklich nichts mit Werbeträgerei o.ä. zu tun – aber sie haben „Studien“ durchgeführt und schon damals erkannt, dass es eher um Inhaltswahl bzw. Methodik geht und nicht um Trennung.

      • Ein aberwitziges Plädoyer für Wissenschaftsfeindlichkeit – klar, für Schlaumeier wie Sie, Nathalie, ist alles ‚“mit bloßem Auge erkennbar“. Und heraus kommen Platitüden vom Stammtisch. Empfehlen Sie Ihrem Arzt auch, so vorzugehen – und Studien und wissenschaftliche Erkenntnisse links liegen zu lassen und Ihre Krankheit schamanisch zu besingen?

        In welchen Lebensbereichen werden denn Frauen bevorteilt – das möchte ich gerne mal wissen. In messbaren Kategorien wie Professorenstellen, Vorstandsposten und Einkommen nicht, das ist nachweisbar. Und auch bei den Naturwissenschaftlern sind Frauen deutlich unterrepräsentiert, obwohl sie doch wohl kaum mathematisch-naturwissenschaftlich minderbegabt gegenüber Männern sind. Oder gehört das auch zu Ihren Erkenntnissen, die „mit bloßem Auge erkennbar“ sind – dass Frauen in manchen Bereichen halt ein bisschen blöder sind. Wer das glaubt, der braucht tatsächlich keine „teuren Studien“. Dem ist eh nicht mehr zu helfen.

        • „Aberwitzig“ sagen Sie, ich würde sagen: realistisch und klug beobachtet.
          Mir fällt auch auf, dass linksorientierte Meinungsmache sehr viel häufiger über sog. Studien stattfindet und somit an die Wissenschaftsgläubigkeit der Menschen appelliert als andere politische Lager.
          Allein schon die „Gender-Studien“ und die „Gender-Wissenschaft“ laufen für mich begrifflich unter falscher Flagge und haben herzlich wenig mit seriöser Forschung zu tun. Sie sind nichts anderes als ein ideologisch aufgeblasener Heißluftballon, der aus himmlischen Höhen die Lehre von den tausend verschiedenen menschlichen Geschlechtern verkündet oder die Notwendigkeit neuer Anreden und komplizierten Sprachgebräuche verbreitet, die auf eine Sprachverhunzung hinauslaufen. Weitere heilige Kühe der „Genderwissenschaft“ erspare ich mir zu nennen.

          • Und mir fällt auf, F. H., dass Rechtspopulisten zunehmend versuchen, die Dummheit mancher Menschen zu nutzen, um sich (und möglichst vielen Wählern) die Welt so zu biegen, wie’s ihnen gefällt. Wissenschaftliche Erkenntnisse werden nur dann akzeptiert, wenn sie ins eigene beschränkte Weltbild passen – ansonsten als Forschergequatsche, das eh kein normaler Mensch versteht, oder als korrupte Interessenhuberei abgetan. Siehe Klimawandel im Wahlprogramm der AfD.

            Wer entscheidet denn, was „gute“ und was „schlechte“ Wissenschaftsthemen sind – Sie? Die Rechtspopulisten? Und was passiert, wenn die mal eine Regierung stellen – bestimmt die dann, was Wissenschaftler forschen dürfen und was nicht? Das hatten wir schon mal.

            Das Gleiche gilt dann wohl auch für die Kunst, oder? Auch für die Medien, oder?

            Mal im Ernst: Sind Sie Lehrer? Ist ja keine ganz abwegige Frage in einem Forum, das sich vorwiegend an Pädagogen richtet. Sollten Sie’s sein, spreche ich Ihnen die Eignung für den Beruf ab – Wissenschaftsfeindlichkeit und Wissensvermittlung vertragen sich nicht.

          • @Bernd
            Das Gute ist ja, dass hier kaum jemand/niemand etwas auf ihre Meinung gibt. Sorry, dass ich so ehrlich sein muss, aber wer andere Meinungen so wenig wie sie toleriert, der muss das einstecken können.

        • Spontan fallen mir da Frauenquoten, Benotungen, Förderprogramme, Frauenstudiengänge, Unterhaltsrecht, Sorgerecht, Strafrecht usw. ein

        • „In messbaren Kategorien wie Professorenstellen, Vorstandsposten und Einkommen nicht, das ist nachweisbar.“

          Und die Diskriminierung/Benachteiligung ist jetzt genau wo? Wenn weniger Frauen Bock haben 60h und mehr zu arbeiten, dann klappt es nun einmal nicht mit dem Vorstandsposten. Wenn Frauen keine Lust auf Physik haben, dann gibt es eben weniger Naturwissenschaftlerinnen. Wo sind denn die Förderprogramme für männliche Lehrer, Ärzte, Tierärzte, also den Bereichen, bei denen Männer benachteiligt werden?

          Und Frauen verdienen nicht einen Cent weniger als Männer. Wer heute noch an das Märchen des unbereinigten Gender Pay Gaps glaubt, der zeigt nur, dass er absolut keine Ahnung hat oder ein sjw ist.

        • Bei Spiegel-Online gibt es eine Rubrik, wie man mit Statistiken kreativ umgehen kann.

          Zum Beispiel:
          http://www.spiegel.de/wissenschaft/mensch/taschengeld-gibt-es-wirklich-einen-gender-pay-gap-a-1100475.html

          • Komisch! Ich verstehe Ihren Beitrag in diesem Kontext nicht. Was diese beiden Brüder da machen ist ja recht interessant, aber was hat es mit diesem Forum zu tun? Bitte helfen Sie mir.

            Wenn Sie viele der letzten Beiträge einfach mal ausblenden (aus welcher Perspektive auch immer) geht es hier doch darum, wie Nawi-Unterricht (im Speziellen Physik) so gestaltet werden kann, dass er z.B. für Mädchen attraktiver erscheint. Dazu gibt es seit gut 35 Jahren viele „belastbare“ Studien (jenseits vom Taschengeld, siehe Ihr Beispiel als Beispiel!).
            Warum werden hier in diesem Forum eigentlich kaum/keine inhaltlichen Diskussionen geführt? Meine Betroffenheit „mit LuL“ nimmt zu. Leider.

          • War zum Beitrag
            Wer das glaubt, der braucht tatsächlich keine “teuren Studien”. Dem ist eh nicht mehr zu helfen.

            gemeint

          • Jegliche inhaltlichen Diskussionen erübrigen sich doch. Was die Bildungspolitiker wollen, wird gemacht, egal wie sinnvoll oder auch sinnlos es ist.

          • @beobachter
            Zu Ihrer Frage: „Warum werden hier in diesem Forum eigentlich kaum/keine inhaltlichen Diskussionen geführt?“
            Ich finde, dass hier sehr wohl inhaltliche Diskussionen geführt werden. Vielleicht beruht unser Meinungsunterschied auf Differenzen in der Geschmacksrichtung, so dass Sie geäußerte Ansichten als inhaltsleer ansehen und ich als inhaltsvoll.
            Für mich gibt es keinen Grund zur Betroffenheit „mit LuL“, auch wenn die geäußerten Meinungen nicht immer auf meiner Wunschlinie liegen.

  2. Nur Trennung nach Jungen und Mädchen? Was ist mit den anderen 14 Geschlechtern? Bekommt jedes Geschlecht eine eigene Klasse? Dann hätte man auch gleich individualisierten Unterricht für jeden Schüler….2 Fliegen mit einer Klappe.

    Ich kann mir schon vorstellen, dass eine Trennung Vorteile hat. So sind die Jungs weniger abgelenkt wenn ein Mädchen an der Tafel schreibt. Auch würden dann weniger Zettel im Unterricht durch die Bankreihen fliegen.

    Trennung der Geschlechter in der Schule gabs doch schon mal…die guten alten Zeiten kommen langsam wieder.

  3. Zu meiner Gymnasilazeit waren die 164 SuS meines Jahrgangs 7 Jahre lang in Jungs – und Mädchenklassen getrennt. Es kam danach die Kursstufe mit Leistungskurswahl und nur 1 Mädchen hat Physik Leistungskurs gewählt, sie ist auch Dipl.- Physikerin geworden. Die Geschlechtertrennung hat da auch nichts gebracht.
    Es war ziemlich furchtbar. Was ist schlimmer? Eine Klasse mit 30 pubertierenden Jungs oder eine Klasse mit 30 „zickenden“ Mädels?

  4. Vor vielen Jahren habe ich mit einer Kollegin einen Versuch gestartet:
    In einer Doppelstunde, in der wir pro Stunde nur eine Hälfte der Klasse unterrichteten, differenzierten wir nach Geschlecht.
    Ergebnis:
    Die Mädchen gingen in Mathematik mehr aus sich heraus, die Jungen redeten in Englisch mehr.
    Hat sich also bewährt.
    rfalio

    Leider zu selten möglich.

  5. für die Kolleginnen und Kollegen, die sich für etwas „tiefergehende“ wissenschaftliche Studien interessieren – hier eine aktuellere Quelle:

    http://www.uni-kassel.de/upress/online/frei/978-3-89958-974-0.volltext.frei.pdf

    Rita Wodzinski fasst m. E. den aktuellen Stand der Nawi-Dikaktik sehr gut zusammen.

    • Tiefgang über die Ideologie im Genderwahn gibt es im Tagungsband en masse …

      • Ach, dann lesen Sie doch bitte den von mir angesprochenen Beitrag von Rita Wodzinski. Dieser fasst doch nun wirklich profund den „Forschungsstand“ von ca. 1990 bis 2010 sehr gut zusammen.
        Hier erfahren Sie etwas zum Interessensbegriff, zum Image der Physik und zum Einfluss der Lehrkräfte. Ich sehe hier keinen „Genderwahn“. Und wenn Sie neugierig geworden sind, dann empfehle ich Ihnen einzelne Beiträge, die in der Literaturliste aufgeführt sind.

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