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Immer noch fallen viele Schüler mit Legasthenie und Dyskalkulie durchs Raster – Ministerpräsident Ramelow weiß das: Er ist selbst betroffen

BERLIN. Die Deutsche Kinderhilfe und der Bundesverband Legasthenie und Dyskalkulie (BVL) möchten mit einer Kampagne die schulischen Rahmenbedingungen für Kinder mit Legasthenie und/oder Dyskalkulie verbessern – dazu wird der 30. September zum „Tag der Legasthenie und Dyskalkulie ausgerufen“. Noch immer würden betroffene Kinder zu wenig schulisch unterstützt und „aussortiert“, hieß es nun auf einer Pressekonferenz.  Thüringens Ministerpräsident Ramelow verwies dabei auf persönliche „bittere“ Erfahrungen.

Seine Legasthenie wurde erst mit 19 diagnostiziert: Thüringens Ministerpräsident Bodo Ramelow. Foto: DiG / TRIALON / Wikimedia Commons (CC BY 3.0)

Seine Legasthenie wurde erst mit 19 diagnostiziert: Thüringens Ministerpräsident Bodo Ramelow. Foto: DiG / TRIALON / Wikimedia Commons (CC BY 3.0)

Rainer Becker, Vorstandsvorsitzender der Deutschen Kinderhilfe, sieht aufgrund von fehlenden schulischen Rahmenbedingungen und mangelhafter Umsetzung des Rechts auf inklusive Bildung die Bildungschancen von Kindern mit Legasthenie und Dyskalkulie noch immer erheblich beeinträchtigt. „Obwohl jedes unserer Kinder schon allein aus ethischen Gründen mit einbezogen werden müsste und wir darüber hinaus ihr Potential auch aus wirtschaftlichen Gründen nicht verschenken dürften, wird in unserem Bildungssystem, trotz erklärter Inklusionsabsichten, überwiegend immer noch Exklusion – also Ausschluss – praktiziert“, sagte er.

Prof. Dr. Michael von Aster, Chefarzt der Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie der DRK Kliniken in Berlin, machte in seinem Eingangsstatement deutlich, dass Kinder, deren Legasthenie oder Dyskalkulie zu spät erkannt wird, häufig an psychosomatischen Folgeerkrankungen leiden. „Frühes Erkennen, sorgfältiges Diagnostizieren und individualisiertes und schulnahes Fördern hilft, chronisches Schulscheitern zu verhindern und damit die Chancen für eine gelingende Bildungs- und Persönlichkeitsentwicklung zu verbessern“, sagte er.

Thüringens Ministerpräsident Bodo Ramelow (Linke) pflichtete dem bei und sagte: „Ganz wichtig ist dabei – das weiß ich aus eigenem Erleben –, die Diagnose so früh wie möglich zu stellen. Denn es ist bitter, wenn man Legastheniker ist, dies aber nicht weiß und man das lange Zeit als Dummheit ausgelegt bekommt. Aber – das kann ich rückblickend auch sagen – es hat mich stark gemacht, weil ich meinen Weg gehen musste mit diesem Stigma.“

Wie die „Welt“ berichtet, wuchs Ramelow als jüngstes von vier Kindern in armen Verhältnissen auf. Der Vater starb früh, die Mutter musste nachts in der Großküche eines Hotels arbeiten, um die Familie durchzubringen. Die Schule beendete er zunächst mit einem Hauptschulabschluss. Er sei „hoch intelligent, aber stinkend faul“, bescheinigten ihm die Lehrer. In Wirklichkeit ist Ramelow Legastheniker. Aber die Lese-Rechtschreib-Schwäche wurde erst erkannt, als er mit 19 einen zweiten Anlauf auf der Berufsaufbauschule unternahm. Ramelow: „Ich hatte eine totale Schreibblockade, konnte nicht einmal mehr meine üblichen Hieroglyphen schreiben.“ Er ging zur Lehrerin, die ihn zum Schulpsychologen schickte. Und der diagnostizierte – endlich – Legasthenie.

Ramelow betonte die Wichtigkeit, für jedes Kind die passende Förderung zu finden, denn Lernschwierigkeiten wie Legasthenie und Dyskalkulie kämen in unterschiedlichen Ausprägungen vor, und diese gelte es zu berücksichtigen. So ist ein gemeinsam mit den Lehrern, Eltern und gegebenenfalls der Jugendhilfe erarbeiteter individueller Förderplan ein geeignetes Instrument, um Schülerinnen und Schüler zu unterstützen. „Dabei können auch der Einsatz technischer Hilfsmittel, das Erbringen von Leistungsnachweisen in mündlicher statt schriftlicher Form oder der zeitlich begrenzte Verzicht auf Noten Maßnahmen zur Herstellung von Chancengleichheit beziehungsweise zur Förderung sein“, sagte der Ministerpräsident.

Eltern fühlen sich allein gelassen

Dass eine frühe Diagnose viel Leid ersparen kann, weiß auch Knut Janßen, Vater von zwei betroffenen Kindern. „Könnten wir die Zeit zurückdrehen, so wäre es unser größter Wunsch, dass die Legasthenie früher erkannt wird. Es tut weh zu erleben, wie ein Kind an den Unterricht angepasst werden soll, wo doch eigentlich der Unterricht an das Kind angepasst werden muss“, sagt Janßen. Eltern fühlen sich bis heute allein gelassen. Das, was Schule nicht leisten könne, müsse außerschulisch nachgeholt werden, sofern Eltern dazu überhaupt fachlich und finanziell in der Lage seien. Kinder aus bildungsfernen Haushalten treffe es besonders hart, und sie erreichten oftmals keinen Schulabschluss.

Politisch bekommt die Situation für Familien eine besondere Bedeutung. Die schulrechtlichen Regelungen sind in jedem Bundesland anders gestaltet und die Bildungsperspektiven in Folge dessen sehr unterschiedlich. „Das führt sogar soweit, dass es zum Beispiel für die Dyskalkulie in sieben Bundesländern noch gar keine Regelung gibt. Familien müssten eigentlich bei der Arbeits- und Wohnortsuche darauf achten, in welches Bundesland sie mit ihrem Kind ziehen, um es schulisch abzusichern“, beklagt Tanja Scherle vom Vorstand des . Bundesverbands Legasthenie und Dyskalkulie (BVL).

Wünschenswert wäre, dass in den Schulen flächendeckend qualifiziert gefördert wird, damit alle Kinder schnelle und direkte Unterstützung bekommen. „Alle Schülerinnen und Schüler brauchen eine individuelle Förderung durch qualifizierte Pädagogen oder Therapeuten sowie einen Nachteilsausgleich und Notenschutz bis zum Schulabschluss, um einen begabungsgerechten Schulabschluss zu erreichen“, forderte Scherle. Als Pädagogin sieht sie auch eine besondere Herausforderung in der Qualifizierung von Pädagogen. Eine flächendeckende Weiterbildung finde bis heute nicht statt. Prinzipiell müsse beim Lehramtsstudium kein Kurs zu den Teilleistungsschwächen Legasthenie und Dyskalkulie belegt werden. Dies bedeute, dass durchaus nicht jede Lehrkraft über die Ursachen, Auswirkungen und notwendigen Unterstützungsmaßnahmen informiert sei – und so, trotz großem persönlichen Engagements, nicht nachhaltig fördern könne. News4teachers

Zum Bericht: Legasthenie-Verband: Neue Schulgesetze müssen für mehr Chancengleichheit sorgen

12 Kommentare

  1. Noch eine Aufgabe um die sich ein Lehrer mal einfach so nebenbei kümmern soll? Immer her damit.Nicht das der Lehrer noch Langeweile hat.

    • Ich gehöre nicht zu denen, die Lehrern beliebig neue Aufgaben aufdrücken möchten. Aber Lehren ist doch ihr Kerngeschäft – und wenn es Hindernisse gibt, die einen Teil ihrer Schülerschaft daran hindern, Leistungen zu zeigen und Kompetenzen zu entwickeln, dann sollte es Lehrer schon interessieren, wie sich diese Hindernisse beseitigen oder zumindest vermindern lassen. Ein guter Arzt verschreibt doch auch nciht nur Pillen ohne zu fragen, wie’s dem Patienten damit geht. Genauso wenig wird ein guter Lehrer vor sich hin dozieren, ohne zu fragen, welche Wirkung er bei seinen Schülern damit erzielt.

      • interessieren wird sich jeder gute Lehrer, aber wir wissen doch: es läuft darauf hinaus, dass wir so nebenbei auch diese Fachkenntnisse, für die es auch eigene Studiengänge gibt, noch erwerben und Dyskalkulie und Legasthenie kurieren, zumindest kompetent die richtige Fachfrau empfehlen sollen. Überlastungsanzeige!

      • „wenn es Hindernisse gibt, die einen Teil ihrer Schülerschaft daran hindern, Leistungen zu zeigen und Kompetenzen zu entwickeln, dann sollte es Lehrer schon interessieren, wie sich diese Hindernisse beseitigen oder zumindest vermindern lassen. “

        Wenn ein Schüler nicht lernen kann, weil zu Hause bei ihm ein Wasserrohrbruch war, fahre ich ja auch nicht zu ihm, um das Rohr zu reparieren. Ich bin nämlich kein Klempner.

        Deswegen sollte alles schön im Rahmen bleiben.

  2. Ohne glaubhaften Testmethoden gehe ich bei Legasthenie und Dyskalkulie erst einmal von nicht gelernt statt nicht gekonnt aus. Die Germanisten haben meiner Meinung nach keine glaubhaften Tests, weil es viel zu viele LRS-Fälle mit psychologischen Stempel als die plausiblen 2-3% eines Jahrgangs gibt. Da machen es die Mathematiker besser, zumal Dyskalkulie (in NRW) kein Anlass für einen Nachteilsausgleich ist.

    • Bei Dyskalkulie von „nicht gelernt“ ausgehen? Gerade Dyskalkuliker müssen alles auswendig lernen, weil sie nur schwer ein Zahlenverständnis aufbauen. Die Gehirnforschung kann das belegen. Deswegen verstehe ich überhaupt nicht, dass Dyskalkuliker nicht die Möglichkeit erhalten, mehr Zeit zu bekommen um in gewissen Zahlenräumen zu rechnen. Wichtig wäre dort eine frühzeitige Diagnose und Förderung in der 1. und 2. Klasse, da wäre dann einiges zumindest zu verbessern. Je früher, desto besser und erfolgreicher. Eine geschulte Lehrkraft kann den Verdacht auf Dyskalkulie in der Grundschule erkennen. Ein Test durch Profis wird zur Sicherheit herangezogen. Nur gibt es leider keine zusätzliche Förderstunden, die diese Schüler brauchen könnten und die Dyskalkulietherapeuten sind dünn gesät. In der Dyskalkulie gibt es Therapieerfolge, wenngleich das auch ein mühsames Geschäft ist.
      http://www.bvl-legasthenie.de/dyskalkulie.html

      • P.S.: Fleißige Dyskalkuliker mit größerer Merkfähigkeit fällt es u.U. leichter, das 1×1 auswendig zu lernen als sich sicher im + und – Bereich kopfrechentechnisch zu bewegen. Doch wird auch das 1×1 wegen des geringen Zahlenraumverständnisses ihnen immer schwer fallen, weil dieser Zugangsweg sozusagen ziemlich verbaut ist. Sind die schriftlichen Rechenverfahren eingeführt, dann geht es wieder ein bisschen leichter, weil sie da ja dann im Stellenwertsystem rechnen können.

      • sie vertauschen ursache und wirkung. ich gehe bei schwachen rechnern erst mal von nicht gelernt aus und es dauert bis ich das nicht gekonnt akzeptiere, was aber auch noch weit von echter dyskalkulie entfernt ist. echte dyskalkulie habe ich noch nie erlebt. sie unterstellen mir, dass ich nicht weiß, dass dyskalkuliker rechenschwierigkeiten besitzen.

    • Bei der Legasthenie kann ich Ihnen teilweise zustimmen. Auch da ergibt sich für mich kein klares Bild. Die Tests testen nur die Störung (Scwhäche), aber nicht die Ursache. Aber letztendlich ist es eine Störung/Schwäche, die angegangen werden muss. Wenn aber Tests nur gemacht werden, dass Erleichterungen da sind und nichts dafür zur Verbesserung getan wird, dann ist das zu wenig. Eine hausgemachte Lese- oder/und Rechtschreibschwäche(störung) durch zu wenig normales standardmäßiges Üben (also kein stundenlanges Üben) kann durch Übungseffekte und Durchhaltevermögen um einiges verbessert werden. Je früher desto besser. Wer ein echtes Defizit hat, dem geht es ähnlich wie den Dyskalkulikern. Nach meiner Erfahrung hat frühzeitiges Erkennen und Üben selbst bei diagnostizierten Legasthenikern hauptsächlich im Lesen Erfolge gebracht. Ehrlich gesagt, habe bei den Testergebnissen meine Zweifel gehabt, weil man ja bei Legasthenikern davon spricht, dass sich dort kaum etwas verbessern soll. Entweder waren die Tests zu locker genormt oder ist die Definition überholt. (In By unterschied man bisher zwischen einer Schwäche und einer Störung. Eine Störung sei immerwährend, eine Schwäche aufholbar. Die Legasthenie ist eine Lese- und Rechtschreibstörung.)

      • Liebe/r ysnp,

        Sie liefern mit Ihrem Know-how gerade ein wunderbares Beispiel dafür, wie eine Grundschul-Lehrkraft (sind Sie doch, oder?) viele Kollegen aus den weiterführenden Schulen pädagogisch locker abhängt – und damit einmal mehr den Schlechterverdienst von Grundschullehrkräften fragwürdig erscheinen lässt. Der wird ja gerne mit dem angeblich niedrigeren fachlichen Niveau in der Primarstufe begründet. Sie zeigen mit Ihren Posts hier aber, dass der pädagogische Anspruch das oftmals bei weitem ausgleicht. Wie viele Kollegen aus weiterführenden Schulen haben sich schon so intensiv mit Legasthenie und Dyskalkulie beschäftigt? Bravo.

        • Aber, aber, Anna, schwören Sie nicht sonst immer auf alles, was die „Wissenschaft“ sagt, also auch auf „wissenschaftlich“ erarbeitete Tests und überhaupt alles, was von sog. Experten kommt, die das beschränkte und viel zu subjektive Erfahrungswissen der Lehrer als unzureichend bis falsch und nicht zuletzt auch als konservativ und fortschrittsfeindlich ausweisen?
          Bei Ihrem in ein Lob gekleidetes Plädoyer für eine Annäherung der Gehälter mit dem vermutlichen Ziel eines Einheitsgehalts im Hinblick auf erwünschte Gemeinschaftsschulen überall und Abschaffung der gymnasialen Schulform scheinen Sie sich von Ihrem sonstigen Wissenschafts-Credo mal kurzfristig trennen zu wollen.
          Obwohl ich Ihr Lob für den Kommentar von ysnp teile, halte ich es doch für vergiftet, weil es zu Ihren sonstigen Meinungsäußerungen nicht passt.

        • Liebe Anna,
          (und auch ketzer) vielen Dank für Ihr Feedback. Ihre Vermutung ist richtig. Ich arbeite in der Grundschule (By), habe dort zumeist 3./4. Klassen als Klassenleitung und unterrichte nahezu alle Fächer in meiner Klasse.

          P.S.: Ich nehme den Kommentar so an, wie er geschrieben ist.

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