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Kolumne: Frau Weh nimmt Abschied von Ramon, ihrem schwierigsten Schüler

DÜSSELDORF. Unsere Kolumnistin Frau Weh hatte ein Jahr lang ein sehr schwieriges Kind in Ihrer Klasse. Sie hatten Routinen gefunden, aber jetzt funktionieren sie nicht mehr. Die Mutter meldet den Jungen von der Schule ab. Ein trauriger Abschied.

Ich trage keine Schuld, aber ich trage Verantwortung. Etwas ist passiert in den Sommerferien. Was genau, entzieht sich meiner Kenntnis. Sechs Wochen sind eine lange Zeit. Eine zu lange Zeit, in der wichtig gewordene Routinen auf einmal wegbrechen. Vielleicht liegt es daran, dass die Beziehung zwischen Ramons Mutter und ihrem neuen Freund auseinandergegangen ist. Mit lauten Worten und dem Geräusch zerbrechenden Geschirrs, das an Küchenwänden zerschellt.

Vielleicht liegt der Grund darin, dass die Krankenkasse den Verlängerungsantrag für seine Therapie abgelehnt hat. Genau zu dem Zeitpunkt, in dem das Jugendamt ihn aus der vertrauten Tagesgruppe entlässt, weil der zuständige Psychologe den Bedarf nicht weiter bescheinigt. Irgendwas mit Budget steht einer Verlängerung entgegen. Vielleicht haben diese Dinge sich tief drinnen in der kindlichen Psyche abgesprochen und verbündet, um wieder zu zerstören, was in den letzten Monaten zaghaft gewachsen ist: minimales Vertrauen in die Welt und die Menschen drumherum.

In Ramons Fall hat der gute Wille nicht ausgereicht. Foto: Foto: Hcky So / flickr (CC BY-NC 2.0)

In Ramons Fall hat der gute Wille nicht ausgereicht. Foto: Foto: Hcky So / flickr (CC BY-NC 2.0)

Jetzt erkenne ich das Kind nicht mehr hinter der übergroßen Wut, die den einen finalen Ausbruch anzukündigen scheint in vielen kleinen und mittelgroßen Momenten. Fensterscheiben, Schulbänke, Spielgeräte gehen zu Bruch. So wie mein Leben, scheint das Kind stumm zu schreien, wenn Ramon mir wieder und wieder vorgeführt wird von den erbosten Kolleginnen, die das Pech hatten, an genau einem solchen Tag in der Aufsicht eingeteilt zu sein. Vergessen sind Antiaggressionstraining und über Monate antrainierte Krisenkommunikation. Ramon schlägt, tritt, ist außer sich. Es fällt mir schwer ihn zu erreichen. Oft bleibt mir nur die stumme Geste zur Leseecke, dem Rückzugsort so vieler Krisenmomente.

Ich möchte verstehen und kann es nicht. Ich möchte helfen und weiß nicht, wie das noch gehen soll. Der Zustand ist unhaltbar und nun scheint der Punkt ohne Wiederkehr erreicht zu sein. Dann – nach Klassenkonferenzen und Dringlichkeitsgesprächen – reicht die Mutter die Schulabmeldung ein. Sie fühle sich nicht unterstützt und ihr Sohn sei ohne Frage hier nicht gewollt. Würden wir uns auf der Straße und nicht im Büro befinden, es würde sich anfühlen wie angespuckt zu werden.

Ramon weint. Er will nicht von hier weg. Die Arme kann ich noch öffnen, in die er sich flüchtet, als ich ihm eine ordentliche Verabschiedung verspreche. So richtig, mit Kuchen und Abschiedsgeschenk. Ich trage keine Schuld, aber ich trage Verantwortung. Schwer liegt sie auf meinen Schultern. So viel Kraft, so viel Zeit. Wofür?

Die kleine My ist das digitale Ich von Frau Weh. (Foto: Privat)

Die kleine My ist das digitale Ich von Frau Weh. (Foto: Privat)

Die Drittklässler verstehen das Warum nicht. Aber sie malen und schreiben zum Abschied. Dies tun sie ehrlicher als die Eltern, die plötzlich Verständnis und Mitgefühl für ein Kind aufbringen, welches sie im vergangenen Jahr als ständige Bedrohung angesehen haben. Auf dem Abschiedsgeschenk der Drittklässler lese ich Sätze wie „es war nicht immer einfach mit dir befreundet zu sein, aber wir haben das hinbekommen“. Es gibt Tränen und Kuchen, Limo und gute Wünsche zum Abschied. Dazu Musik und Hausaufgabenfrei. Noch einmal soll sich Schule an diesem Ort schön und geborgen anfühlen.

„Es ist doch besser so!“, meint eine Kollegin, als ich mich nach dem Unterricht still auf meinen Platz im Lehrerzimmer setze. Besser wäre es von Anfang an gewesen, denke ich.

Schuld und Verantwortung. Wer kann da schon so genau die Grenze ziehen?

Witz, Charme und einen tiefen Blick in die Seele einer Grundschullehrerin erlaubt Frau Weh auf ihrem Blog “Kuschelpädagogik” und auf www.news4teachers.de. Frau Weh heißt im wahren Leben nicht Frau Weh, aber ihre Texte sind häufig so realitätsnah, dass sie lieber unter Pseudonym schreibt.

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11 Kommentare

  1. Mögliche Reaktion der ‘finnischen Gemeinschaftsschule für alle’auf Ramon: Einzelunterricht mit einem ‘Teacher for special education’, langsame Annäherung an Unterricht in einer Gruppe.
    Einsatz von Assistenzlehrpersonen; Sozialarbeiterin unterstützt die Mutter. Enge Zusammenarbeit von Schule und Familie. Bestimmt keine Überforderung der Klassenlehrperson und der Mitschüler/innen.
    Finnische Grundhaltung: Die Schule hat flexible Wege und Lösungen zu finden, zugunsten des sehr schwierigen Knaben. Und das möglichst rasch. Ohne zeitaufwendige Verfahren. Ohne Diskriminierung und Stigmatisierung. Dazu hat es an jeder Schule Fachkräfte, die gemeinsam Lehrpersonen unterstützen und wo nötig, entlasten. Hauptauftrag der Lehrpersonen: Unterrichten.
    Verantwortung wird aufgeteilt. Es muss sich niemand profilieren. Mit ein Grund, warum Finnland praktisch keine erschöpfungsbedingten Ausfälle von Lehrpersonen kennt (Burnout).

    • Wenn das dort tatsächlich so abläuft, hört sich das ja fast paradisisch an.

      • Ein interessanter Vergleich pädagogischer Alltagspraktiken in Deutschland und Finnland findet sich bei Wiebke Hortsch, Sprachliche Bildung im Elementar-und Primarbereich, Forschung Klinkhardt, 2015.

        • Das ist ja das grundsätzliche Problem im deutschen Schulsystem, der Unterricht ist letztendlich als Klassenunterricht mit einer Lehrkraft konzipiert. Die Klassen sind so voll gestopft, dass für zusätzliches Assistenzpersonal kein Platz. Es gibt weder personelle oder räumliche Ressourcen, um einzelne SuS aus dem Unterricht zu nehmen und gleichzeitig der allumfassenden aufsichtspflicht nachzukommen. Neben den fehlenden Sonder- und Sozialpädagogen fehlen Erzieher, Krankenschwestern, Schulpsychologen, Verwaltungspersonal sowie sonstige Assistenzen.

          Die Aufgabenkataloge für Klassenleitungen sind überbordend, kein Wunder, wenn viele unter den Belastungen zusammenbrechen. Im Regelfall gibt es für die vielfältigen Aufgaben von Klassenleitungen keine oder so gut wie keine Entlastung. All diese Aufgaben sind zusätzlich zum Wochenstundendeputat zu erledigen, wobei der Punkt Gelder einzutreiben (Elternbeiträge) am wenigsten mit dem Lehrerberuf zu tun hat. Den meisten Schulen wäre ja schon geholfen, wenn die Stellen für Schulsekretärinnen großzügiger bemessen wären.

      • Ich habe mir sagen lassen, dass in Finnland keine echte Inklusion stattfindet, weil die Kinder mit schwereren Behinderungen zwar unter demselben Dach gut betreut und beschult würden, aber nicht inklusiv, sondern meist getrennt von den anderen. Das würde auch nicht als „Diskriminierung und Stigmatisierung“ angesehen, sondern als Weg der Vernunft, der allen zugute käme.
        Vorsicht mit ständigen Neuauflagen der phantastischen Schulgeschichten aus Finnland!

        • Aus Kostengründen wird in D aber das Modell Binnendifferenzierung groß geschrieben.

          • Stimmt!!
            Und das nicht funktionierende Sparmodell wird dann mit einem humanitären Moralsiegel verkauft, das Kritiker als behindertenfeindlich stigmatisiert und somit als kaltherzig und unanständig von der Diskussion „ausgrenzt“.

        • ‚Ich habe mir sagen lassen‘
          Ich bedaure sehr, dass im deutschsprachigen Raum eine Art Hassliebe gegenüber dem finnischen Schulsystem beobachtet werden kann. Empfehlung: Schul-und Unterrichtsbesuche an finnischen Schulen, auf verschiedenen Stufen, im Süden und im Norden des Landes. Aus ‚fantastischen Schulgeschichten‘ wird dann gelebte, konstruktive, selbstkritisch hinterfragte Realität.

        • In diesem Beitrag geht es ja gar nicht um ein schwerst-mehrfach behindertes Kind, sondern um eines mit Problemen im sozial-emotionalen Bereich. Und DIE sind im deutschen System in jedem Fall inklusiv zu beschulen, da es in etlichen Regionen und/oder Bundesländern gar keine Schulen mehr für diese SuS gibt.

          Das Schwarz-Weiß-Denken zur Inklusion (komplette Inklusion = alle Kinder gleich welcher Beeinträchtigung sind einbezogen) hilft nicht weiter, wenn man täglich die unterschiedlichsten Kinder zu beschulen hat.

          Im übrigen dürfte man dem Unterricht von Kindern unterschiedlicher Beeinträchtigungen (Lernen, Sozial-Emotional, Sprache, ggf. Motorik, Hören, o.a.) sowie Auffälligkeiten oder Krankheitsbildern (Legasthenie, Dyskalkulie, ADHS, Autismus, Mutismus, Diabetis, Herzschwäche etc.) in einem Klassenraum durch eine Lehrkraft ohne weitere Ressourcen nicht als „Inklusion“ bezeichnen.
          Die Anpassung eines Systems hin zur Inklusion kann doch nicht darin bestehen, dass sich die Lehrkraft angesichts ihrer Aufgaben zerreißt und alle anderen es hinnehmen, wie es ist, solange es keine Schwerverletzten gibt.
          Manches halte ich inzwischen für grob fahrlässig … und zwar nicht seitens der Lehrkräfte, sondern derer, die zusätzliche Hilfen und Kostenübernahmen verweigern.

          Darum muss aber die Sache „Inklusion“ an sich nicht falsch sein. Dennoch finde ich die Umsetzung, wie sie zur Zeit erfolgt, nicht gut und für das Ansinnen, die Inklusion zu fördern, eher schädlich.

          Die Lehrkräfte, die es dennoch tagtäglich umsetzen und sich um die Kinder kümmern und Wege suchen, leisten Herausragendes, obwohl sie viel zu häufig allein stehen. (siehe z.B. Beiträge von Frau Weh)
          Ohne zusätzliche Unterstützung kann es trotz aller Bemühungen auch misslingen und geht zu Lasten aller Beteiligten.

  2. Ich würde gerne bei den nächsten Wahlen mein Kreuzchen bei der Partei machen, die die angesprochenen Probleme löst, aber es gibt sie schlicht und einfach nicht. In Sachen Bildung unterscheiden sich die Parteien und ihre jeweiligen Individuen nur durch ihr Maß an Inkompetenz, Ignoranz, Sparwillen und verbaler Ausgrenzung der Kritiker ihrer Politik.

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