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Smartphone im Unterricht verboten? Von wegen – hier wird’s zum Lernmittel: Digital-Projekt bekommt den Deutschen Lehrerpreis

FREIBURG. Im Unterricht sind Handys verboten – in der Regel jedenfalls. An einem Freiburger Gymnasium dürfen die Schüler ihr Smartphone ausdrücklich benutzen: Es wird dort als Lernmittel eingesetzt. Das Projekt wurde gestern mit dem Deutschen Lehrerpreis ausgezeichnet.

Am Friedrich-Gymnasium in Freiburg wird auch schon mal auf dem Schulhof gerechnet - mit Smartphone. Foto: Deutscher Lehrerpreis

Am Friedrich-Gymnasium in Freiburg wird auch schon mal auf dem Schulhof experimentiert – mit Smartphone. Foto: Deutscher Lehrerpreis

In der Schule ist es eindeutig geregelt: Das Handy im Unterricht ist strikt verboten. Es wird gelernt – und nicht ins Telefon gesprochen, gechattet oder gesurft. Die Realität aber sieht anders aus, denn das Handy ist Jugendlichen zum ständigen Begleiter geworden, auch im Klassenzimmer. Das Friedrich-Gymnasium in Freiburg geht daher neue Wege: Das Smartphone wird Teil des Unterrichts. Wissenschaftler schauen, ob das Projekt funktioniert. Es hat bundesweit Pilotcharakter – und am Montag in Berlin einen «Deutschen Lehrerpreis 2016» für innovativen Unterricht erhalten.

«Es ist der Versuch, den Unterricht auf die Höhe der Zeit und näher an die Lebenswirklichkeit der Schüler zu bringen», sagt Patrick Bronner. Der 38-Jährige ist Physiklehrer an dem humanistischen Gymnasium in Freiburg. Gemeinsam mit Kollegen hat er das Projekt entwickelt mit dem Titel «Smartphones und Tablets im Unterricht?».

Der Physikunterricht hat sich seither radikal gewandelt: «Hefte raus», hieß es früher. Heute werden auf Geheiß des Lehrers Smartphones und Tablets gezückt. Mit ihnen versuchen sich Schüler an physikalischen Experimenten. So filmten sie mit dem Smartphone und einer Wurfmaschine den Flug von Schokoküssen und analysierten in einer App mathematisch die Flugkurve. Sie bestimmten auf einem Hometrainer über verschiedene Messverfahren mit dem Smartphone den menschlichen Puls. Und sie fingen per Handy-Video die Fahrgeräusche eines Autos ein und berechneten die Fahrgeschwindigkeit.

«Die Schüler erforschen eigenständig, welche Experimente mit dem Smartphone möglich sind – ergebnisoffen, es ist für uns alle Neuland», sagt Bronner. «Die Schüler zeigen, wie es geht.» Der Vorteil: Die Schüler seien motiviert, weil sie sich mit dem Smartphone auskennen. Dadurch seien sie bereit, sich auch dem Unterrichtsstoff zu widmen. Davon profitiere die Schule.

«Ich habe die Erfahrung gemacht, die vermutlich alle Lehrer machen», sagt Bronner. Während des Unterrichts greifen Schüler zum Handy: Ein Facebook-Check unter der Bank, schnell noch eine SMS und in WhatsApp wird während der Klassenarbeit über die richtige Lösung diskutiert. Auf die Pausen, so wie es sein sollte, blieb das Handy nicht beschränkt. «Wir wollten deshalb schauen, ob das Smartphone auch sinnvoll im Sinne des Unterrichts verwendet werden kann.» Das habe funktioniert. Das mobile Telefon sei eine sinnvolle Ergänzung, zumindest im Physikunterricht. Mit seinen zahlreichen fest eingebauten Sensoren und Funktionen sei es hierfür gut geeignet.

Doch einfach ist die Umstellung auf modernen Unterricht nicht, berichtet Schulleiter Stefan Gönnheimer. Zunächst musste die Schulordnung geändert werden. Denn die hatte das Handy im Unterricht verboten. Zudem gab es Vorbehalte. «Mit Eltern gab es Debatten zur sozialen Gerechtigkeit, da die Schüler eigene Smartphones für den Unterricht benötigen», sagt Bronner. Die Frage war, ob Schüler ausgegrenzt werden, die gar kein oder kein modernes Handy haben.

Doch es gab diese Probleme nicht, sagt Bronner: «Es ist in der Tat so, dass praktisch alle Jugendlichen über ein eigenes Internethandy verfügen.» Dies habe auch eine Untersuchung des Branchenverbandes Bitkom ergeben. Schon für die Zwölf- bis Dreizehnjährigen gehöre ein Smartphone zur Standardausstattung, sagt ein Sprecher des Verbandes. Der Verbreitungsgrad in dieser Altersgruppe liege bei 84 Prozent. Fast alle nehmen das Handy auch in die Schule mit.

Umstellen müssten sich die Lehrer, erzählt Bronner: «Nahezu jeder Schüler ist auf dem Gebiet der Smartphone-Nutzung eine Art Experte und den meisten Lehrern – mich eingeschlossen – hoffnungslos überlegen.» Lehrer müssten bereit sein, von Schülern zu lernen.

Wissenschaftlich begleitet wird das Projekt von der Pädagogischen Hochschule (PH) Freiburg. Das Friedrich-Gymnasium dient als Lehrbeispiel, wie Schulunterricht im Handy-Zeitalter modernisiert werden kann, heißt es. Lernen davon will auch Baden-Württembergs Kultusministerin Susanne Eisenmann (CDU). «Die Digitalisierung ist derzeit eines der zentralen Themen in der Bildung», sagt sie. Freiburg gehe «ohne Scheuklappen» vor und sei damit ein Vorbild. Von Jürgen Ruf, dpa

Zum Bericht: Das sind Deutschlands Lehrer des Jahres 2016 – Deutscher Lehrerpreis in Berlin verliehen

2 Kommentare

  1. Für Android-Smartphones gibt es auch sehr gute kostenlose grafikfähige Taschenrechner. Die integrierte Stoppuhr ist auch nicht von der Hand zu weisen …

    Die Schule dürfte bei weitem nicht die einzige sein, die Smartphones im Unterricht einsetzt, sie versteht es jedoch, das medial auszuschlachten.

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