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Streit um Turbo-Abi in NRW schwelt weiter – Kraft: „Es ist leidig, ständig Strukturdebatten zu führen“

DÜSSELDORF. Abitur nach acht oder neun Jahren Gymnasium – oder ganz anders? Die Frage bewegt die Gemüter in NRW. Regierungschefin Kraft will sich noch nicht festlegen – und ihre SPD ist uneins.

In der Debatte um eine Abkehr vom «Turbo-Abitur» nach acht Jahren legt sich Ministerpräsidentin Hannelore Kraft nicht fest. «Es ist eine sehr intensive Debatte, die geführt wird. Und ob das zu Veränderungen führt, wird man sehen», sagte die SPD-Politikerin am Freitag in Düsseldorf. Beim SPD-Parteitag in Bochum in zwei Wochen sollen die Delegierten über eine Rückkehr zu G9 und über andere Modelle diskutieren und auch abstimmen, sagte die Landesparteivorsitzende.

Eine endgültige Entscheidung müsse dort aber noch nicht getroffen werden. Es gebe einen weiteren Parteitag Anfang kommenden Jahres, auf dem das Programm für die Landtagswahl im Mai 2017 beschlossen werden soll. Wann es «welche Konkretisierungsstufe» gebe werde, «da sind wir noch im Prozess».

Es sei falsch gewesen, dass die schwarz-gelbe Vorgängerregierung die Sekundarstufe I verkürzt habe, bekräftigte Kraft. Das habe zu Unterrichtsverdichtungen in den Klassen 5 bis 9 geführt. «Auch aus meiner persönlichen Wahrnehmung war das damals ein gravierender Fehler.» Daher habe Rot-Grün nachträglich Verbesserungen in Gang gebracht. SPD und Grüne hatten ursprünglich eine verkürzte Oberstufe angestrebt, erinnerte Kraft.

Nimmt viel Geld in die Hand: NRW-Ministerpräsidentin Hannelore Kraft. Foto: Sajak / Wikimedia Commons (CC BY-SA 3.0)

NRW-Ministerpräsidentin Hannelore Kraft will eine längere Sekundarstufe I. Foto: Sajak / Wikimedia Commons (CC BY-SA 3.0)

Landtagspräsidentin Carina Gödecke hatte jüngst in einer Debatte mit Schülern über das ungeliebte G8 gesagt: «Wir Erwachsenen versündigen uns an euch.» Kraft wollte die Äußerung ihrer SPD-Parteifreundin nicht kommentieren. Es gebe ein «Für und Wider in der Bevölkerung» und deutlich auch bei den Sozialdemokraten. Sie verwies auf den erneuten Runden Tisch, zu dem Schulministerin Sylvia Löhrmann (Grüne) demnächst einladen werde.

Zwar müsse man nun wieder in diese Strukturdebatte eintreten, eine Entscheidung darüber allerdings «in aller Ruhe» treffen, betonte Kraft. Es sei aber zum Leid von Schülern, Eltern, Lehrern und Schulen, wenn man «ständig» Strukturdebatten führe.

Die Bürgerinitiative «G-ib-8» hatte die Parteien im Düsseldorfer Landtag jüngst aufgefordert, G9 bis Dezember per Gesetz zu beschließen, so dass die Schulen sich zum Schuljahr 2017/18 von G8 wieder auf G9 umstellen könnten. dpa

14 Kommentare

  1. Das ist schon witzig. Jahrzehntelang haben insbesondere sozialdemokratisch geführte Landesregierungen eine Strukturreform nach der anderen den Schulen übergestülpt und jetzt, wo sie selbst Druck kriegen, sind sie plötzlich Strukturreformen leid.
    Ich darf daran erinnern, dass. seit in NRW vor wenigen Jahren der angebliche Schulfrieden verkündet wurde, weit über 100 Schulen in Gesamtschulen umgewandelt wurden. Sind das keine Strukturreformen?

    • Man vergesse nicht die Sekundarschulen, die es auch erst seit fünf Jahren gibt. Aber nein, mit Struktur hat das überhaupt nichts zu tun.

      • Sekundarschulen sind keine strukturelle Veränderung, sie sind lediglich das integrierte Pendant zu den kooperativen Geminschaftsschulen, die von der CDU/FDP initiert und als Schulversuch weiterbetrieben werden. Dass die CDU sich für kooperative Gemeinschaftsschulen stark gemacht hat, obwohl sie am heftifsten die KOOP-Schulen bekämpft hat, ist ohnehin blanker Hohn.

        Sekundarschulen sind integrierte Gesamtschulen ohne eigene gymnasiale Oberstufe, entsprechen also einer Schulform, die längst etabliert ist.

        Es ist auch keine Gesamtschule umgewandelt worden; die Zahl der Gesamtschulen hat sich allerdings erhöht. Dies ist zum einen daraufhin zu führen, dass viele Eltern in der GeS eine Chance auf ein G9 sehen und überall dort wo mindestens 4 Klassen für eine geplante GeS zusammen gekommen sind. diese nicht als Sekundarschule an den Start ging, vor allem wenn erwartbar in den Folgejahren die Schule ebenfalls mind. 4-zügig geführt werden kann.

        • Aha. Sekundarschulen gab es vorher nicht. Und es sind Gesamtschulen, nein halt, doch nicht, da es keine Oberstufe gibt. Aber trotzdem irgendwie schon etabliert, weil die ziemlich unterschiedliche Schulform das schon ist. Hauptsache, sie sind keine strukturelle Veränderung, auch wenn Frau Löhrmann das komplett anders sieht. Schon weil die Sekundarschulen eben _nicht_ bis zum Abi führen, sondern normalerweise eine Möglichkeit bieten sollen, nach 10 Jahren auf die Oberstufe eines Gymnasiums wechseln zu können. Was auch bedeutet (und in der Realität genau so zu finden ist), dass es an Sekundarschulen nur recht wenige Schüler mit uneingeschränkter Gymnasialempfehlung gibt – schon die mit einer eingeschränkten Empfehlung sind da nicht wirklich zahlreich vertreten. Wie kann man da nur strukturelle Unterschiede zur Gesamtschule sehen.

          • Sekundarschulen sind keine strukturelle, allenfalls eine organisatorische Veränderung. Deshalb sind bei der schulfachlichen aufsicht GeS SekS und GemS im gleichen Dezernat angesiedelt. Alle drei Schulformen isnd „Schulen des längeren gemeinsamen Lernens“.
            Wie schon erläutert besteht der Unterschied darin, dass die GemS ein von der CDU/FDP initierter Schultyp ist, der HS und RS unter einem Dach respektive einer Leitung vereint. Nachdem Regierungswechsel wurden diese GemS als Schulversuch genehmigt.
            Die SekS wurden als integrierte Schulen analog zu den GeS konzipiert und von Rot/Grün an den Start gebracht, wo die Eltern und Schulträger dieses wollten. Der Unterschied zu den GeS ist in der Abhängigkeit von der Schülerzahl zu sehen. Eine GeS kann erst bei gesicherter 4-zügigkeit (mind. 110 SuS) an den Start gehen. Für eine SekS reichen schon 3 Züge (mind. 75 SuS) aus. Da im Regelfall an einer GeS ca. 30% den Übertritt in die GOSt schaffen, kommt eine ausreichende Schülerzahl für die Oberstufe (rund 35 SuS + Externe) zusammen. Bei den SekS ist bei gleichem Prozentsatz die Zahl der SuS, die einen FOR-QE erhalten, so gering, dass die Bildung einer eigenen Oberstufe zu aufwendig wäre. Deshalb sind die SekS per Gesetz angewiesen mit der GOSt eines GY, einer GeS oder eines BK zu kooperieren.

            Die SekS sind sozusagen als „GeS light“ konzipiert.

  2. Komisch, die CDU/FDP-Koalition unter Rüttgers hat die Einführung des G8 in die Wege geleitet und bei den anschließenden Verhandlungen über die Umsetzung in NRW verhindert, dass die GOSt auf zwei Jahre beschränkt wird. Dieses ist auf rein parteitaktische Gründe zurückzuführen, die GOSt in NRW sollte sowohl an GY als auch GeS und BK gleich lang sein. Gegen die Warnungen aus Lehrer-, Elternverbänden und Fachleuten – Erziehungswissenschaftller, Psychologen etc. hat man auf Druck der Wirtschaft das G8 angestrebt, bei dem die Sekundarstufe I an GY um ein Jahr verkürzt worden ist. Ein Wechsel zwischen den Schulformen sollte so verhindert werden. Dass das Schulgesetz NRW eideutig das Ende der Schulzeit festlegt auf das Ende des Schuljahres, in dem ein Schulpflichtiger das 18. Lebensjahr vollendet, wurde schlichtweg ignoriert und erst später von Rot-Grün nach gebessert. Ebenso wie die regelung, dass bei Beendigung der Vollzeitschulpflicht nach neun Schulbesuchsjahren allenfalls der HA und nicht der HSA verliehen werden darf. CDU und FDP wollten um jeden Preis einen möglichen Wechsel vom GY an eine GeS oder ein BK verhindern, denn wer die Sekundarstufe an einem GY nach Klasse 9 abschließt, kann nur eine Ausbildung machen oder in die Oberstufe wechseln. Da er die SekI abgeschlossen hat, kann er nicht in die SekI einer anderen Schulform wechseln.

    Industrie und Elternvertreter sind diesen Weg mitgegangen, bis sie gemerkt haben, dass die 17-jährigen Abiturienten weder als Studienanfänger noch als Berufseinsteiger die entsprechenden Skills mitbrachten und hat diese Jahrgänge fallen lassen. Die Jugendlichen haben im Gegenzug das gewonnene Jahr als Bufdi, als FSJler oder als Backpacker verbracht, um volljährig zu werden. Die Elternverbände haben die „Entrümpelung“ der lehrpläne angestrebt und wollen nun mit den abgespeckten Lehrplänen zurück ins G8. Die Kommunen, die den entfallenen Jahrgang dringend für das Resourcenmanagement brauchten, stehen zukünftig vor dem Problöem zusätzlichen Schulraum zu errichten, was sie aber nur mit Hilfe des LAndes bezahlen können.

    Das Thema ist noch lange nicht durch – und unnötig wie ein Kropg, ließ doch das „alte“ Schulgesetz schon das individuelle Überspringen einer Klasse oder die Einrichtung von „Springerklassen“ zu.

    • Ich denke, den aktuellen Lehrplan NRW kann man auch in 6+2 statt 5+3 Jahren schaffen. Dazu müsste man nur die ehemaligen Sek I-Inhalte der EF in Stufe 10 (Sek I) schieben und den Rest der EF, mit gutem Willen die Hälfte, in die Qualifikationsphase (Sek II). Die acht Wochen Abiturwiederholung nach den Weihnachtsferien kann man auch verkürzen. Gleichzeitig hat man die Sek I etwas entspannt, weil in der Summe weniger Stoff in mehr Schuljahren. Man muss nur wollen …

      • Es wäre ja vieles einfacher, müsste im Doppeljahrgang 5/6 – egal an welcher Schulform – nicht so viel nachgearbeitet werden. Das ist kein Vorwurf an die Grundschullehrkräfte, die müssen eben auch mit den Voraussetzungen arbeiten, die die sechsjährigen I-Dötze mitbringen. Und hier hapert es bei vielen, da die Eltern im vorschulischen Bereich schlichtweg nicht mehr die Voraussetzungen bei ihren Kindern anlegen, die für einen Schulbesuch zwingend vorausgesetzt werden müssten. Da dies aber ist, wie es ist, muss der Staat in die vorschulische, frühkindliche Erziehung investieren und mit einer Kindergartenpflicht ab dem 3. Lebensjahr gegensteuern. Es kann nicht sein, dass Fünftklässler nicht in der Lage sind Formen auszuschneidenoder auszumalen …
        Wären diese Kompetenzen – ich meine natürlich Fähigkeiten und Fertigkeiten – bereits gesichert im Kindergarten angelegt worden, würde den GS voraussichtlich stark geholfen sein und sie könnten sich auf die eigentliche Aufgabe, Lesen, Schreiben und Rechnen lernen focussieren.

    • @dickebank: „Die Elternverbände haben die “Entrümpelung” der lehrpläne angestrebt und wollen nun mit den abgespeckten Lehrplänen zurück ins G8. Die Kommunen, die den entfallenen Jahrgang dringend für das Resourcenmanagement brauchten, stehen zukünftig vor dem Problöem zusätzlichen Schulraum zu errichten, was sie aber nur mit Hilfe des LAndes bezahlen können.“

      Könnten Sie das ausführen? Wirklich interessant ist hier wohl nur ein Elternverband: die Landeselternschaft der Gymnasien in NRW. Glauben Sie mir, die sind die schärfsten Kritiker einer „Entrümpelung“, „Verschlankung“ oder sonstwas, wenn dadurch Stoff oder Lehrpläne gekürzt werden (Modernisierung, also Änderung/Austausch ist was anderes.

      Und zu den Räumen: Warum soll es zusätzlichen Schulraum brauchen? Wenn G9 2017 eingeführt wird, haben wir in acht Jahren durch den zusätzlichen Jahrgang 12,5% mehr Schüler auf den Gymnasien. Vorher ändert sich genau nichts – außer es können noch die Klassen 6-7 wechseln. Aber das macht nichts. Die Schulen haben die Räume. Schließlich gab es 2011 12,4% mehr Gymnasiasten als heute. Das ist gerade fünf Jahre her, die räumlichen Umstellungen wegen Langtag usw. waren da schon lange erledigt. Ich traue den Schulträgern zu die Lücke von 0,1% in acht Jahren schließen zu können. Wobei die wohl gar nicht erst entstehen wird, schließlich gehen die Schülerzahlen auf den Gymnasien durch den demographischen Wandel stetig zurück. Vielleicht müssten die Schulen nicht mal die Schüssel zu den aktuell nicht mehr genutzten Räumen suchen…

      • Weil die Räume an den GY in der Zwischenzeit einer Verwendung zugeführt worden sind, die Übertrittszahlen an die GY trotz demographischer Entwicklung absolut steigen, es ein Zurück zum Halbtag nicht geben wird etc.

        Es gibt einen Haufen Gründe, warum die Kommunen zusätzliche Investitionen tätigen müssen, wenn die GY in NRW zum G9 zurück kehren.

        In den Bundesländern, in denen derzeit bereits die Varianten G8 und G9 neben einander im Angebot stehen, gibt es für beide Zweige die gleichen Lehrpläne. Glauben Sie wirklich, dass das in NRW geändert werden würde?

        Die Zahl der Schüler an städtischen GY sinkt im Vergleich zu den Ersatzschulen gleicher Schulform in kirchlicher Trägerschaft. Dies ist allerdings Folge der demographischen Entwicklung.

        • Ach, machen Sie es einem einfach. Die Übertrittszahlen steigen also? Obwohl es immer weniger Schüler gibt, soll bei gleichbleibender Übergangsquote die Anzahl der Gymnasiasten steigen? Sehen wir einfach mal davon ab, dass das mathematisch Unsinn ist, es gibt doch offizielle Zahlen. Nehmen wir die letzten Jahre seit 2011, soweit es öffentliche Statistiken gibt.

          Übergänge auf das Gymnasium (Jahr / Gesamt / Quote)
          2011 / 69.295 / 41,0%
          2012 / 66.476 / 41,8%
          2013 / 67.515 / 41,8%
          2014 / 64.116 / 41,6%
          2015 / 65.026 / 41,3%

          Wow. Welche Steigerung. Im Jahr 2015 kamen pro Gymnasium grob 1,3 Schüler in die 5. als im Jahr davor, aber sonst sanken die Zahlen kontinuierlich.

          Und wenn Sie schon behaupten, dass es einen „Haufen Gründe“ für zusätzliche Investitionen gibt, könnten Sie dann einen nennen? Da ich die Situation an den G9-Versuchsgymnasien kenne und weiß, was das dort gekostet hat, bin ich wirklich interessiert.

          • Wirklich einfach:

            „Die Zahl der Schüler an städtischen GY sinkt im Vergleich zu den Ersatzschulen gleicher Schulform in kirchlicher Trägerschaft. Dies ist allerdings Folge der demographischen Entwicklung.“

            Wirklich alles gelesen? – Und auch sinngemäß erfasst?

          • Gehen Sie einfach davon aus, dass ich das sicher gelesen habe. Bei Ihnen bin ich mir nicht so sicher….

            Schulerinnen und Schüler an Ersatzschulen nach Schulformen (Zahlen für Gymnasien):
            2011: 97.064
            2012: 95.853
            2013: 88.735
            2014: 88.389
            2015: 87.909

            Oha, die sind ja rückläufig, sogar nachdem der letzte G9-Jahrgang die Schulen verlassen hatte! Wie war nochmal Ihr Argument? Falls Sie darauf hinaus wollen, dass es besonders um „kirchliche Trägerschaft“ geht, dann können Sie bestimmt dazu Zahlen liefern.

        • By the way: ich traue den Schulen zu es in acht Jahren zu schaffen, die Räume wieder wie ursprünglich vorgesehen zu verwenden. Denn auch wenn viele suggerieren wollen, dass das alles sofort mit G9-Einführung erledigt werden muss: Die Räume werden wirklich erst im Jahr 2025 benötigt.

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