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Studie: Eltern von Ganztagsschülern sind zufriedener mit den Lehrkräften – Bedarf wird nicht gedeckt

GÜTERSLOH. Ist die Ganztagsschule besser fürs Kind? Viele Eltern in Deutschland sehen das so. Zumindest bewerten Mütter und Väter, deren Nachwuchs länger betreut wird, die individuelle Förderung deutlich positiver.

Im Ganztag - hier an einem Gymnasium in Nordrhein-Westfalen, das am Projekt "Ganz In" teilnimmt - können Schüler auch mal entspannt einen Comic lesen. Foto: Stiftung Mercator / flickr (CC BY 2.0)

Im Ganztag – hier an einem Gymnasium in Nordrhein-Westfalen, das am Projekt „Ganz In“ teilnimmt – können Schüler auch mal entspannt einen Comic lesen. Foto: Stiftung Mercator / flickr (CC BY 2.0)

Eltern von Ganztagsschülern sind deutlich zufriedener mit dem schulischen Angebot als solche von Kindern mit Halbtagsbetreuung. Das ist das Ergebnis einer am Montag vorgestellten Studie der Bertelsmann-Stiftung. Demnach bewerten 66 Prozent der Eltern an Ganztagsschulen in Deutschland die individuelle Förderung ihrer Kinder als positiv, bei Halbtagsschülern sind es nur 54 Prozent.

Der größte Unterschied zeigt sich bei der Frage, ob Lehrer mit unterschiedlichen sprachlichen Voraussetzungen der Schüler umgehen können. An den Ganztagsschulen bejahten dies 63 Prozent, bei den anderen nur 49 Prozent. Die fachliche Kompetenz der Lehrer loben 84 Prozent der Eltern – unabhängig von der Schulform.

Der Befragung zufolge würden 30 Prozent der Eltern von Halbtagsschülern ihr Kind auf eine Ganztagsschule schicken, wenn sie nochmals entscheiden könnten. «Ganztagsschulen sind der beste Rahmen für die individuelle Förderung der Schüler. Vorausgesetzt, die Qualität stimmt», sagt Jörg Dräger, Vorstand der Bertelsmann-Stiftung.

Offene und gebundene Variante

In Deutschland wird seit Jahren das Angebot an offenen und gebundenen Ganztagsschulen ausgebaut. Bei der offenen Variante besuchen einzelne Kinder Angebote am Nachmittag, bei der gebundenen Form lernen alle Kinder im Klassenverband den ganzen Tag über.

Im Schuljahr 2014/2015 waren bundesweit 59,5 Prozent der Schulen den ganzen Tag geöffnet. Ein Jahr zuvor waren es noch 57,9 Prozent. Allerdings sind die Ausbauzahlen je nach Bundesland höchst unterschiedlich, sie reichen von 35,8 Prozent in Baden-Württemberg bis 97,4 Prozent in Sachsen. Bundesweit hatten 2013/2014 35,8 Prozent der Schüler einen Ganztagsplatz, ein Jahr später waren es 37,7 Prozent.

Nach Auswertung der Wissenschaftler in Gütersloh reicht das Angebot aber nicht aus. 32 Prozent der Eltern von Kindern an Halbtagsschulen sagen, dass es in ihrer Nähe keinen Ganztagesangebot gibt. Dräger fordert deshalb einen Rechtsanspruch auf einen Platz an einer Ganztagsschule, um den Ausbau voranzutreiben.

Auch wenn die Eltern an Ganztagsschulen generell zufriedener sind, nicht alles läuft hier rund. Die Top 3 der Elternwünsche lauten: mehr Angebote für die individuelle Förderung (49 Prozent), bessere Personalausstattung (47) und einen besseren Informationsfluss zwischen Schule und Eltern (46). dpa

Zum Bericht: Von hui bis pfui – Ausstattung von Ganztagsschulen von Land zu Land extrem unterschiedlich

Ganztag: Der Süden hinkt hinterher

Nach dem «Bildungsmonitor 2016» sieht auch die Bertelsmann Stiftung in ihrer jüngsten Untersuchung Bayern und Baden-Württemberg als bundesweite Schlusslichter.

In Bayern besuchte nur jeder siebte, in Baden-Württemberg jeder fünfte Schüler (21,4 Prozent) in der Primar- und Sekundarstufe öffentlicher und privater Schulen eine Ganztagsschule. Der Bundesschnitt betrug laut der Studie 37,7 Prozent. Spitzenreiter ist Hamburg mit 88,3 Prozent.

Baden-Württembergs Kultusministerin Susanne Eisenmann (CDU) will den Ausbau der Ganztagsangebote vorantreiben. Sie plant dazu am 24. November und im kommenden Frühjahr ein Treffen mit kommunalen Schulträgern, Lehrern, Eltern und Direktoren. Bezogen auf die Zahl der Schulen in privater und öffentlicher Trägerschaft wies Baden-Württemberg einen Ganztags-Anteil von 35,8 Prozent auf – und liegt damit am unteren Ende des Rankings. Dagegen weist Sachsen einen Wert von 97,4 Prozent aus, im Bundesdurchschnitt sind es 59,5 Prozent..

Niedersachsen hat beim Ausbau von Ganztagsschulen hingegen inzwischen viele andere Bundesländer überholt. So hatten im Schuljahr 2014/15 landesweit 59,8 Prozent der Schulen (Primar- und Sekundarstufe I) einen Ganztagsbetrieb. Ein Jahr zuvor lag der Anteil der Ganztagsschulen zwischen Harz und Küste bei 56,4 Prozent. Nach Angaben von Niedersachsens Kultusministerin Frauke Heiligenstadt (SPD) besucht aktuell jeder zweite Schüler eine Ganztagsschule. Fünf Jahre zuvor war es nur jeder dritte.

Die Ministerin erklärte: «Niedersachsen hat deutlich aufgeholt, das gilt für die reine Anzahl an Ganztagsschulen, aber auch für die Qualitätsverbesserungen in den Schulen.» Mit der Zukunftsoffensive Bildung werden ihr zufolge für die Ganztagsschulen bis 2020 insgesamt rund 560 Millionen Euro bereitgestellt. «Unser Motto in Sachen Ganztag ist und bleibt: Klotzen, nicht kleckern», betonte Heiligenstadt.

Auch der Schulleitungsverband Niedersachsen sieht das Land beim Ganztag «auf einem deutlich positiven Weg». Niedersachsen habe vor allem bei der Ausstattung mit Schulsozialarbeitern wichtige Prioritäten gesetzt und auch Geld in die Hand genommen, sagte der Geschäftsführer des Verbandes, Holger Wirtz, auf Anfrage. «Schulsozialarbeiter müssen perspektivisch auch an Gymnasien eingestellt werden, und sie benötigen eine landeseinheitliche Besoldung», forderte er.

Der Vorsitzende des Landeselternrates Niedersachsen, Stefan Bredehöft, sprach sich für ein Zukunftskonzept für den Ganztag aus. «Er muss mehr sein als Betüddelung am Nachmittag ohne Lehrer», sagte der Elternvertreter. Schule sollte sich verstärkt für andere Berufsfelder öffnen, meinte Bredehöft. So könnten zum Beispiel auch Sport-Übungsleiter, Musiklehrer oder Handwerker zu den Angeboten am Nachmittag beitragen.

Aucn in Nordrhein-Westfalen gibt es immer mehr Schulen mit Ganztagsangeboten. Laut Studie stieg der Ganztags-Anteil im Schuljahr 2014/2015 auf 73 Prozent nach 71,7 im Vorjahr an. In Nordrhein-Westfalen nahmen im Schuljahr 2014/2015 44 Prozent der Schüler ein Ganztagsangebot war. Davon entfallen 28,5 Prozent auf die gebundene Form und 15,6 Prozent auf den offenen Ganztag. Ein Schuljahr zuvor waren insgesamt 41 Prozent aller NRW-Schüler an einer Ganztagsschule. Davon 26,4 Prozent in der gebundenen Form und 14,6 Prozent in der offenen Variante.

Hier gibt es Informationen zum nordrhein-westfälischen Projekt „Ganz In“.

 

3 Kommentare

  1. die Eltern dürften auch froh sein, dass ihre Kinder noch dazu weitgehend kostenlos beaufsichtigt werden.

  2. Liegt es vielleicht einfach nur daran, dass sie froh sind, dass „wir“ ihnen die Kinder die meiste Zeit des Tages abnehmen und die Kinder unter Aufsicht sind? 😉

  3. Erstaunlich – die Bertelsmann-Stiftung, die seit Jahren kapitalkräftig und mediengewaltig für Ganztagsschule agitiert, stellt eine Studie vor, derzufolge Ganztagsschule besser ist als Halbtagsschule.
    Ist die Studie repräsentativ? Wie groß ist die Grundgesamtheit?
    Gibt es schichtspezifische Unterschiede im GTS- oder HTS-Besuch, also auch im Antwortverhalten der Eltern? Wie war der Rücklauf?
    Wie bewerten die Kinder GTS?
    Was bewerten die Lehrer GTS?
    … und viele weitere offene Fragen, welche die Redaktion sicher gerne beantworten würde, wenn die Pressemitteilung die entsprechenden Informationen nur gäbe.

    Findet ein Wettrennen statt, hin zum Ziel der GEW: Ganztagsschulpflicht für alle? Der Süden „hinkt“ also (hinterher) bei GTS. Hinkt der Süden auch bei den Schülerleistungen hinterher? Ist Bremen eher hinten oder eher vorne?

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