Startseite ::: Politik ::: Wanka rät Ländern zum Durchhalten beim „Turbo-Abi“ – und erntet dafür einen Rüffel von Meidinger

Wanka rät Ländern zum Durchhalten beim „Turbo-Abi“ – und erntet dafür einen Rüffel von Meidinger

BERLIN. In der Debatte um das umstrittene «Turbo-Abitur» nach acht Jahren Gymnasium (G8) hat Bundesbildungsministerin Johanna Wanka (CDU) den Ländern zum Durchhalten geraten. «Ich finde die Entwicklung erstaunlich», sagte Wanka der «Rheinischen Post» (Donnerstag) zu dem Befund, dass immer mehr Länder wieder zum G9 und damit zum Abitur nach 13 Schuljahren zurückkehren. Als „völlig verfehlt, in der Sache falsch und überdies politisch unklug“ rüffelte der Vorsitzende des Deutschen Philologenverbandes, Heinz-Peter Meidinger, den Appell Wankas.

Sieht das Hin und Her bei G8 kritisch: Bundesbildungsministerin Johanna Wanka (CDU). Foto: Wissenschaftsjahr / flickr (CC BY 2.0)

Sieht das Hin und Her bei G8 kritisch: Bundesbildungsministerin Johanna Wanka (CDU). Foto: Wissenschaftsjahr / flickr (CC BY 2.0)

«In Sachsen gibt es G8 seit 1948, ich selbst habe so meinen Abschluss gemacht. Und die Pisa-Erfolge Sachsens geben dem System recht. Wichtig ist also Kontinuität», erklärte Wanka.  Ein ständiges Hin und Her binnen weniger Jahre verunsichere Schüler, Eltern und Lehrer. In der Bildungspolitik sei es wichtig, besonnen zu agieren. «Aber vor Wahlen kommen dann zu oft Befürchtungen hoch. Dabei wäre es gut, einmal begonnene Reformen auch durchzuhalten», sagte Wanka.

„Es ist schon bemerkenswert, dass eine Ministerin auf einem Feld, für das sie nicht im mindesten zuständig ist, nämlich in der Schulpolitik, sich anmaßt, den Bundesländern Ratschläge zu erteilen“, so meinte Meidinger nun heute in Berlin. Dass sie überdies in diesem Themenfeld wenig kompetent sei, zeige ihre Begründung für diesen Vorstoß, fügte Meidinger an. Als Argument für die Qualität von G8 die PISA-Erfolge des G8-Landes Sachsen anzuführen, gehe völlig an der Sache vorbei.

Der Verbandschef wörtlich: „PISA misst die Leistungen von 15-jährigen Schülerinnen und Schülern. Es erlaubt keinerlei Aussage über die Abiturleistungen nach acht oder neun Jahren. Durch die höhere Anzahl von Schulstunden, die G8-Schüler in der Mittelstufe haben, besitzen diese sogar einen Wettbewerbsvorteil bei PISA-Studien, der sich bei einer Messung beim Abitur wegen der dann insgesamt niedrigeren Stundenzahl in einen Nachteil verwandeln würde.“ Der Philologen-Chef verwies darauf, dass die Bundesländer, die derzeit entweder wieder zurück zu einer neunjährigen Schulzeit gehen oder eine Wahlfreiheit zwischen G8 und G9 ermöglichen wollen, nicht nur gute inhaltliche Gründe dafür haben, sondern sich auch einig wissen mit dem Willen einer übergroßen Bevölkerungsmehrheit.

Allerdings ist die Wende zurück zu G8 auch unter den Philologen nicht unumstritten: „Wir werden uns nicht für G 9 aussprechen. Wir sollten jetzt zwei bis drei Jahre warten, die Schulen anhören und dann entscheiden“, so erklärte NRW-Landeschef Peter Silbernagel noch im August gegenüber der „Rheinischen Post“. Die Ankündigung von NRW-Schulministerin Sylvia Löhrmann (Grüne), über die Zukunft von G8 einen neuen „Runden Tisch“ mit Eltern- und Lehrerverbänden einzuberufen, kritisierte er scharf: „Die neue Beratungsrunde zeigt, wie sehr sich die Politik durch Stimmungen und Meinungsmache treiben lässt, statt mutig Entscheidungen zu treffen.“ So fühlten sich die Schulen „an der Nase herumgeführt“. Agentur für Bildungsjournalismus / mit Material der dpa

Zum Bericht: G8/G9-Streit: Diskussion um Löhrmanns Vorschlag voll entbrannt – Bayerische Lehrer setzen ebenfalls auf individuelle Lernzeit

3 Kommentare

  1. …zum Anhören empfohlen: Professor Harald Lesch über das Schulsystem.
    https://www.youtube.com/watch?v=-q0Sm8Kldn0

  2. Ach Du Schande. Frau Wanka war vor einem halben Jahrhundert auf der EOS. Diese Schule war darauf ausgelegt, nur systemtreue Kaderkinder das Abitur zu ermöglichen. Anstatt Philosophie wurde Sozialismus gelehrt. Kritik war unmöglich, freie Berufswahl war praktisch unmöglich. Aber dafür hatte man bessere Chancen, wenn man danach zum Militär wollte. Da passt die damalige Wehrerziehung doch wunderbar rein. Dass die EOS als Repressions- und Diskrimierungswerkzeug geplant und eingesetzt wurde wunder da nicht mehr wirklich.
    Und Frau Wanka ist sich nicht zu schade, dieses seit Jahrzehnten überkommene Schulsystem mit dem aktuellen in Sachsen gleichzusetzen. Schließlich gab es ganz viel Kontinuität. Nein, gab es nicht.

    Wenn Frau Wanka wirklich will, dass die EOS wieder eingeführt wird, weil damit G8 so toll funktionierte, soll sie es bitte laut sagen. Wenn nicht, soll sie sich einfach nicht als Bundesbildungsministerin in Dinge einmischen, mit denen sie nichts zu tun hat.

  3. Meiner Meinung nach hat sich Frau Wanka, die sich bislang anders als ihre Vorgängerin weitgehend aus der Schulpolitik rausgehalten hat, nicht aus Eigenitiative in dieser Angelegenheit zu Wort gemeldet.

    Ich vermute, dass die HRK, Wirtschaftsverbände und auch CDU-Granden sie dazu bewegt haben, weil diese in Sachen „Festhalten am G8“ ihre Felle davon schwimmen sehen.

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