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Wissenschaftler im Interview: „Inklusionsquoten zu feiern, ist eine billige Lösung“

DORTMUND. Prof. Dr. Uwe Becker von der Evangelischen Fachhochschule Rheinland-Westfalen-Lippe (Bochum) ist einer der renommiertestes Experten für das Thema Inklusion. Er ist Autor des Buches „Die Inklusionslüge. Behinderung im flexiblen Kapitalismus“. News4teachers.de sprach mit ihm.

N4T:  Es gibt keine Exklusion aus der Gesellschaft, heißt es in Ihrem Buch „Die Inklusionslüge“. Wofür brauchen wir dann Inklusion?

Becker: Man muss unterscheiden zwischen den konkreten und unbedingt zu unterstützenden Anliegen der UN-Behindertenrechtskonvention (UNBRK) und dem theoretischen, soziologischen Konstrukt von Inklusion und Exklusion. Der UNBRK geht es um die vollumfänglich gesellschaftliche Teilhabe von Menschen mit Behinderung. Inklusion in diesem Sinne meint daher die offene Zugänglichkeit zu allen gesellschaftlichen Teilhabemöglichkeiten.

Das betrifft die Kultur, den Sport, die Passierbarkeit des öffentlichen Raums, die freie Wohnungswahl, die Entscheidung über die Wohnform und vieles mehr. Hier behindern viele Faktoren immer noch den Zugang für Menschen mit Behinderung. Sie sind diesbezüglich oft massiv ausgegrenzt und insofern steht hier eine Reihe von Veränderungen, von öffentlichen Investitionen und Abbau von Barrieren an. Aber natürlich bewegen sich Menschen mit Behinderung, wenn sie auf diese Barrieren stoßen, nicht außerhalb der Gesellschaft, sondern sie stoßen auf Ausgrenzungsdynamiken innerhalb der Gesellschaft, worauf nun die soziologische Kritik hinweist.

Exklusion in diesem Sinne verstanden ist ein innergesellschaftlicher Ausgrenzungsprozess, der zudem durch genau die Instanzen und Institutionen verursacht wird, die so freundlich zum „Mitmachen“ einladen. Nehmen wir das Schulsystem. Überspitzt gesagt „laden“ wir Kinder mit Behinderungen ein, in einem konkurrenzbasierten, auf Leistung konzentrierten und nach Leistung dreigliedrig differenzierten System mitzumachen. Dieses System hat doch jetzt schon eine ausgesprochen selektive, ausgrenzende und auch wenig toleranzfähige Logik. Wenn hier „Inklusion“ vollzogen werden soll, dann muss Schule, kurz gesagt, neu gedacht, ganz anders mit Ressourcen ausgestattet und auch pädagogisch erneuert werden. Hier einfach „Inklusionsquoten“ abzufeiern, also die Anzahl der Kinder mit Behinderung, die im Regelschulsystem unterrichtet werden, ist eine im wahren Sinne billige Lösung.

N4T: Inklusion kostet. Sie zeigen den Gegensatz zwischen den Sonntagsreden der Politik und dem gleichzeitigen Beharren auf finanziellen Vorbehalten bei der konkreten Ausgestaltung von Inklusion auf. Wie kann Inklusion unter diesen Vorzeichen funktionieren?

Becker: Wir müssen aufpassen, dass die politischen und rechtlichen Ansprüche, die die UN-BRK stellt, nicht bagatellisiert werden. Auffällig ist jedenfalls zunächst einmal, dass alle Maßnahmen, die im Bundesaktionsplan und den Landessaktionsplänen zur UN-BRK gelistet werden, unter dem Vorbehalt der Finanzierung stehen.

Die UN-BRK bietet eben zunächst einmal kaum eine rechtliche Grundlage für individuell einklagbare Rechtsansprüche. Die müssten erst noch geschaffen werden. Insofern droht die Gefahr, dass politisch wirksame Maßnahmen ersetzt werden durch den Appell an die Zivilgesellschaft, sich für eine Kultur der Anerkennung oder der Achtsamkeit einzusetzen.

Richtig ist, dass der alltägliche Umgang von Menschen mit und ohne Behinderung bei uns nicht selbstverständlich ist. Aber diese Kultur des Miteinanders, der gelebten Diversity, kann nicht Rechte und die durch Rechtssetzung garantierten Finanzierungsansprüche für Menschen mit Behinderung ersetzen. Die Politik ist auf allen Ebenen gefordert, finanzielle Mittel zur Verfügung zu stellen, beispielsweise um den öffentlichen Nahverkehr, die städtische Infrastruktur, die Schulgebäude, die Wohnquartiere so zu gestalten, dass Menschen mit Behinderung nicht an den Barrieren scheitern. Allein die freie Wohnorts- und Wohnformwahl der Betroffenen wird nicht selten durch den Hinweis der Kostenträger auf den „Mehrkostenvorbehalt“ eingeschränkt. Manche Befürworter der „Inklusion“ bei den Kostenträgern dachten gar, dass „Inklusion“ ein Einsparprojekt sei.

N4T: Welches Bild ist geeignet, um den Zustand der Inklusion in Deutschland zu beschreiben?

Becker: Bezogen auf die Schulpolitik würde ich den Zustand als „Inklusionstrichter“ bezeichnen. Oben kommen viele rein, aber unten nur wenige durch. 67 Prozent der Kinder mit Behinderung sind in einer ganz regulären Kindertagesstätte, nur 47 Prozent kommen in eine Regelgrundschule, nur noch 29,9 Prozent aber in die Sekundarstufe I und davon nur zehn Prozent an Realschulen und Gymnasien an. Die Situation im dualen Ausbildungssystem und den Berufskollegs ist noch viel katastrophaler, und der Übergang in den Arbeitsmarkt ist dann die nächste Hürde, die immer weniger nehmen können. Früher oder später machen also die meisten Kinder und Jugendlichen die Erfahrung, aus dem System gekickt zu werden, nicht dazu zu gehören. Das sind „Inklusionsprozesse“ mit verzögerten, aber erheblich demoralisierenden „Exklusionseffekten“ für die Betroffenen.

Prof. Dr. Uwe Becker

Prof. Dr. Uwe Becker

N4T: Bei aller Kritik: Wie kann Inklusion im Regelschulsystem denn funktionieren?

Becker: Das ist voraussetzungsvoll. Die praxisnahen Forderungen der Befürworter, also derer, die etwas wollen, derer, die im Projekt der Inklusion auch eine riesige Chance sehen, sind evident: Deutlich kleinere Schulklassen, zusätzlich zum regelschulpädagogischen Personal auch verlässlich und kontinuierlich sonderpädagogische, pflegerische und psychologische Fachkräfte, eine eindeutig renovierte und optimierte Infrastruktur, Gebäude mit barrierefreien Zugängen, Aufzügen, Therapie- und Rückzugsräumen, angemessenen sanitären Anlagen, akustischer Raumgestaltung usw.

Perspektivisch gehören dazu natürlich auch veränderte Curricula, Fort- und Weiterbildungsmöglichkeiten des Lehrpersonals und schließlich, sicher nicht unumstritten, ergänzend zur Leistungszentrierung des Bildungssystems eine empathische, personen- und entwicklungsbezogene Pädagogik.

Mit großem Interesse habe ich in der, von Forsa im Auftrag des VBE, durchgeführten Umfrage unter Lehrkräften gelesen, dass nicht die Heterogenität in den Klassen an sich beklagt wird, sondern eher die Tatsache, dass diese von einer einzigen Lehrperson allein gemeistert werden soll. Der Ruf nach multiprofessionellen Teams, nach deutlich kleineren Klassen und nach begleitender Supervision ist doch bei den meisten Lehrerinnen und Lehrer dem konstruktiven Willen geschuldet, die Inklusions- und Integrationsherausforderungen anzunehmen.

N4T: Was wünschen Sie der Inklusion für die Zukunft?

Becker: Dass die Debatte darüber ehrlicher geführt wird und wir wesentlich intensiver über die inklusionspolitische Wahrheit diskutieren. Und das bedeutet auch, dass wir viel radikaler danach suchen müssen, wie sich diese maßgeblich auf Leistung und Marktkonkurrenz gegründete Gesellschaft verändern muss.

Mehr Informationen

Professor Uwe Becker ist Hauptreferent auf der Herbsttagung des „Deutschen Lehrertags“ der Lehrergewerkschaft VBE. Dort widmen sich viele Workshops dem Thema „Inklusion“ aus unterschiedlichen Perspektiven. Der größte bundesweite Fortbildungstag für Lehrerinnen und Lehrer findet am 18. November 2016 in Dortmund statt und steht unter dem Motto „Baustelle Inklusion/Integration – Herausforderung oder Zumutung“.

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