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Azubis mögen ihre Ausbildung – aber oft nur den betrieblichen Teil. Die Berufsschule schneidet schlechter ab

KÖLN. Auszubildende sind zufrieden mit ihrem Betrieb, aber nicht mit ihrer Berufsschule. Zu diesen Ergebnissen kommt eine Untersuchung am Schmalenbach Institut der TH Köln.

Auszubildende bemängeln eine schlechte Abstimmung zwischen Betrieb und Berufsschule. Foto: Arbeitgeberverband Gesamtmetall / flickr (CC BY 2.0)

Auszubildende bemängeln eine schlechte Abstimmung zwischen Betrieb und Berufsschule. Foto: Arbeitgeberverband Gesamtmetall / flickr (CC BY 2.0)

Die Mehrheit der Auszubildenden in Deutschland ist zufrieden bis sehr zufrieden mit ihrer betrieblichen Berufsausbildung. Weniger gut schneiden dagegen die Berufsschulen ab. Nicht einmal die Hälfte der Auszubildenden ist mit dem dortigen Unterricht zufrieden. Sie bemängeln vor allem die fehlende Abstimmung der Unterrichtsinhalte mit der Tätigkeit im Unternehmen und den Prüfungsanforderungen. Zu diesen Ergebnissen kommt eine Untersuchung am Schmalenbach Institut der Fakultät für Wirtschafts- und Rechtswissenschaften der TH Köln. Befragt wurden bundesweit rund 1.350 Auszubildende aus den Bereichen Handel, Industrie und der Dienstleistungsbranche.

Ziel der quantitativen Befragung war die Erfassung der Auszubildendenzufriedenheit im dualen System der Berufsausbildung. Unter der Leitung von Christian Ernst, Professor für Betriebswirtschaftslehre mit den Schwerpunkten Berufsbildung und Personalführung, stand dabei der Vergleich der Lernorte Betrieb und Berufsschule im Mittelpunkt der Analyse.

Dreiviertel der Befragten (73 Prozent) sind zufrieden bis sehr zufrieden mit der betrieblichen Ausbildung. Die Atmosphäre der Auszubildenden untereinander und der Praxisbezug werden dabei besonders positiv bewertet. 76 Prozent sind der Meinung, dass das Unternehmen ein hohes praktisches Qualifikationsniveau sicherstellt. Auch die Erreichbarkeit der Ausbildungsleiter, die persönliche Betreuung und die Ausstattung des Arbeitsplatzes werden gut bewertet. Die Zufriedenheit sinkt jedoch markant mit der Länge der Ausbildung: Von den Azubis im ersten Ausbildungsjahr sind 79 Prozent zufrieden, im dritten nur noch 65 Prozent.

Viele Azubis hätten gern mehr Geld

Verbesserungsbedarf sehen viele Auszubildende lediglich bei der Vergütung. Hier sind nur 55 Prozent zufrieden, aber 20 Prozent ausdrücklich unzufrieden. Dabei fällt die monetäre Zufriedenheit in Industrieunternehmen mit 80 Prozent deutlich höher aus als in den anderen Branchen. Auch in Konzernen sind Auszubildende mit ihrer Vergütung zufriedener (70 Prozent) als in kleinen Unternehmen (39 Prozent). „Das ist nicht überraschend aufgrund der höheren Verbreitung tarifvertraglich geregelter Ausbildungsvergütungen in diesen Unternehmen“, kommentiert Studienleiter Ernst das Ergebnis.

Im Vergleich zur guten Qualität der Berufsbildung im Betrieb schneiden die Berufsschulen in der Wahrnehmung der Auszubildenden deutlich schlechter ab. Wirklich zufrieden sind lediglich 44 Prozent, 16 Prozent dagegen unzufrieden oder sogar sehr unzufrieden. Bemängelt werden vor allem die fehlende Abstimmung der Unterrichtsinhalte mit der Tätigkeit im Unternehmen und den Prüfungsanforderungen. Damit sind nur 42 Prozent zufrieden. Besonders die Auszubildenden in den Dienstleistungsunternehmen sind darüber unzufrieden. Allgemein werden auch die fehlende Aktualität des Lernstoffes und die mangelnde Motivation der Lehrerinnen und Lehrer kritisiert. Das Fachwissen des Lehrpersonals schneidet hingegen weniger schlecht ab.

Hospitationen von Berufsschullehrern in Betrieben

„Die fehlende Abstimmung der Unterrichtsinhalte zwischen den beiden Lernorten ist ein altbekanntes Problem, dass diese Analyse noch einmal bestätigt“, sagt Professor Ernst. Die kritisierte Motivation der Lehrerinnen und Lehrer, und damit die Art des Unterrichts, liegen aus seiner Sicht an strukturellen Versäumnissen der Lehrerausbildung und vor allem am schulischen Personalmanagement. „Wenn man dem Aderlass der Lehre nicht weiter Vorschub leisten will, müssen Berufsschulen und Unternehmen näher zusammenrücken.“ So könnten obligatorische Hospitationen der Berufsschullehrer in den Betrieben eingeführt  und Ausbilder vermehrt im Unterricht eingesetzt werden. Außerdem würden die Lehrkräfte gerade in schwierigen Berufsschulklassen pädagogisch zu sehr allein gelassen, so meint Ernst. Er empfiehlt eine Betreuung durch lernfeldorientierte Coaches, um den Unterricht didaktisch und methodisch weiterzuentwickeln. „Ebenso sollte die Reduzierung des Berufsschulunterrichts auf acht Wochenstunden kein Tabu in der Diskussion um eine Neuorientierung der Berufsschulen sein.“

Bundesweit wurden 1348 Auszubildende befragt. 46 Prozent der Befragten sind weiblich, 54 Prozent männlich. 81,1 Prozent waren zum Zeitpunkt der Analyse zwischen 18 und 23 Jahre alt. 35 Prozent befanden sich im ersten, 37 Prozent im zweiten und 27 Prozent im dritten Ausbildungsjahr. Mit 48 Prozent arbeitet die Mehrheit der Befragten im Handel, 26 Prozent in der Industrie bzw. dem produzierenden Gewerbe und neun Prozent in Dienstleistungsunternehmen. 26 Prozent der Teilnehmerinnen und Teilnehmer werden in Kleinunternehmen mit bis zu 50 Angestellten ausgebildet. Neun Prozent in Konzernen mit über 10.000 Angestellten. N4t

Zum Bericht: Wie lässt sich das Duale System retten? Deutscher Ausbildungsleiterkongress in Düsseldorf

4 Kommentare

  1. Der Aderlass der Lehre wird so lange bestehen bleiben, wie die Politik einer immer höhere Abiturientenquote als das erste Bildungsziel ansieht.

    Berufsschule ist so etwas wie Schule und folglich mit Arbeit verbunden, die nicht in erster Linie mit der Ausbildung zu tun hat. Dazu zähle ich insbesondere die allgemeinbildenden Fächer, die auch unterrichtet werden wie z.B. Englisch, Deutsch, Religion und (häufig) Mathematik.

  2. Die gehen halt nicht gerne in die Schule und lernen nicht gern. So viel ich weiß, haben Berufsschullehrer vorher den Beruf erlernt (oft), ich weiß nicht ganz genau. Aber an mangelndem Praxisbezug liegt es meiner Meinung nach nicht.

    • Nee, die verrottesten Schulgebäude, die ich kenne, sind in der Regel Berufsschulen.

    • Die berufsbezogenen Fachlehrer müssen eine betriebliche Ausbildung haben, die allgemeinbildenden Lehrer nicht unbedingt. Religion an der Berufsschule ähnlich unbeliebt und praxisrelevant sein wie an staatlichen Schulen auch.

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