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Wildes Wende-Manöver: von Fans zu Feinden des G8 – die Landeselternschaft der Gymnasien NRW

DÜSSELDORF. Dazuzulernen ist nichts Schlechtes. Auch seine Meinung zu überdenken und nach Erfahrungen zu neuen Einsichten zu gelangen, ist durchaus ehrenwert. Was muss man aber von einer  aber von einer politischen Gruppe halten, die seit Jahrzehnten einflussreich Lobbyismus in eigener Sache betreibt, dann ihre Haltung in einer zentralen Frage um 180 Grad ändert – und plötzlich kompromisslos gegen eine Politik zu Felde zieht, die sie selbst mit verursacht hat?

Die Rede ist von der Landeselternschaft der Gymnasien Nordrhein-Westfalen – einem der wohl größten und schlagkräftigsten Elternverbände in Deutschland. Die Landeselternschaft legt gerade eine atemberaubende Volte hin: vom Interessenverein pro G8 zum erbitterten Gegner des „Turbo-Abiturs“. Heute steht in Düsseldorf ein Runder Tisch über die Zukunft des Gymnasiums in Nordrhein-Westfalen an.

Die Landeselternschaft der Gymnasien NRW hat eine bemerkenswerte Wende vollzogen. Illustration: Wikimedia Commons

Die Landeselternschaft der Gymnasien NRW hat eine bemerkenswerte Wende vollzogen. Illustration: Wikimedia Commons

Im G8/G9-Streit in Nordrhein-Westfalen wollen die Gegner der auf acht Jahre verkürzten Gymnasialschulzeit nicht nachgeben und auch keine Kompromisslösung. „Für uns gibt es kein ‚G8-Flexi‘ oder ähnliche unsinnige Modelle“, teilte Dieter Cohnen von der Landeselternschaft der Gymnasien vor dem Runden Tisch mit Schulministerin Sylvia Löhrmann (Grüne) am Dienstagnachmittag mit. Mit „unsinnig“ meinte Cohnen offenbar das von Löhrmann ins Gespräch gebrachte flexible Gymnasium mit individuellen Lernzeiten. Die kräftige Wortwahl nennt man wohl Chuzpe: Die Landeselternschaft macht damit keinen Hehl daraus, dass sie eine vollständige Rückkehr zum Abitur nach neun Jahren fordert. Und das schon zum Schuljahr 2017/18. Basta.

Vor sechs Jahren: „Endlich Ruhe“

Noch vor sechs Jahren klang das komplett anders – obwohl auch damals schon Probleme mit der verkürzten Schulzeit in Nordrhein-Westfalen diskutiert wurden. „Wir möchten endlich Ruhe in der Schulpolitik“, forderte Gabriela Custodis, die damalige Vorsitzende der Landeselternschaft, gegenüber dem „Focus“.

Statt zwischen G8 und G9 hin und her zu wechseln, sollte man sich lieber darauf konzentrieren, das achtjährige Gymnasium zu verbessern, schließlich hätten die Schulen schon sehr viel investiert. Nicht immer lasse sich Stress auf die verkürzte Gymnasialzeit zurückführen, sagte Elternvertreterin Custodis: „Hier muss man ganz individuell gucken, woran es liegt und die Schulprobleme nicht pauschal immer auf das G8 abwälzen.“ Das war 2010, und Custodis hatte allen Grund, sich schützend vor das G8 in bestehender Form zu stellen.

Gemeinsam mit dem Philologenverband NRW, der in Nordrhein-Westfalen noch immer G8 vertritt, und der Direktorenvereinigung NRW war die Landeselternschaft maßgeblich an der Ausgestaltung der Schulzeitverkürzung beteiligt, wie aus einem Schreiben des damaligen Staatssekretärs aus dem Schulministerium, Günter Wienands (CDU), hervorgeht.

Und diese konkrete Ausgestaltung ist es, die bis heute Probleme in den Gymnasien verursacht. NRW-Ministerpräsidentin Hannelore Kraft (SPD) stellte unlängst fest, bei der Einführung des Turbo-Abis im Jahr 2005 habe die damals regierende CDU-FDP-Koalition unter Jürgen Rüttgers einen „gravierenden Fehler“ gemacht. Was Kraft meint: Schwarz-Gelb hatte damals durchgesetzt, dass die Sekundarstufe I um ein Jahr verkürzt wird. Die drei Jahre Oberstufe hingegen blieben unangetastet. Ausgerechnet bei den Jüngeren führe dies nun zu einer „Verdichtung“ des Lernstoffes und zu all den Problemen mit G8, sagte Kraft laut WDR.

Für die Landeselternschaft der Gymnasien NRW ist ihre damalige Beteiligung allerdings kein Grund, heute maßvoller aufzutreten – im Gegenteil: Sie brüskiert lieber Schulministerin Löhrmann und ihre ehemaligen Mitstreiter pro G8, den Philologenverband. Ihre Erwartungshaltung vor dem Runden Tisch sei gering, ließ die Landeselternschaft vorab wissen. News4teachers / mit Material der dpa

Zum Beitrag: Landeselternschaft der Gymnasien schwenkt jetzt um – ab sofort lautet die Forderung: Weg mit G8!

 

Hintergrund: Lobbygruppe Landeselternschaft

Die Landeselternschaft der Gymnasien NRW repräsentiert nach eigenen Angaben „zur Zeit 80 Prozent der Gymnasien im Land NRW“ – das wären mehr als 400.000 Schüler und ihre Eltern, eine in der Tat beachtliche Zahl. Allerdings, so heißt es auf der Homepage der Landeselternschaft: „Aktive Mitglieder unseres Verbandes können satzungsgemäß der Schulpflegschaftsvorsitzende oder ein anderer Erziehungsberechtigter der Schulpflegschaft sein. Diese Mitglieder vertreten die Eltern der jeweiligen Schulen im Verband.“ Dass die übrigen Eltern der Gymnasiasten zwar keine „Mitglieder“ sind, hindert den Verband allerdings nicht, „Mitgliedsbeiträge“ von ihnen einzusammeln (und für sie zu sprechen). Und zwar einen Euro pro Schüler und Jahr – in Form freiwilliger Spenden, wie die Homepage der Landeselternschaft aufklärt.

Wissen aber die Eltern auch, dass sie „freiwillig“ für eine politische Lobbygruppe zahlen? Zweifel sind erlaubt.  Auf der Homepage eines städtischen Gymnasiums in Recklinghausen heißt es beispielsweise: Das Gymnasium (sic!) „ist Mitglied in der Landeselternschaft der Gymnasien“. Der Mitgliedsbeitrag werde für jeden Schüler aus Vereinfachungsgründen in Klasse 6 komplett für seine Schulzeit eingesammelt. Von einer freiwilligen Spende ist dabei keine Rede.

Und in einem Elternbrief eines städtischen Gymnasiums im rheinischen Niederkassel, der an die Eltern der Fünftklässler verteilt wurde, heißt es: „Das (..) Gymnasium ist Mitglied der Landeselternschaft und muss dafür einen Mitgliedsbeitrag entrichten, der sich nach der Schülerzahl richtet.“ Weiter heißt es: „In der ersten Klassenpflegschaftssitzung werden Sie als Eltern gebeten, die Schülerpauschale zu leisten. Diese Schülerpauschale setzt sich zusammen aus: Kopiergeld, Mitgliedsbeitrag Landeselternschaft, Erstattung weiterer anfallender Kosten.“ Wiederum: von freiwilliger Spende keine Rede.

23 Kommentare

  1. Dabei war es auch Löhrmann, die den Beratungen am runden Tisch, wo mehrere Dutzend Vertreter von Parteien, Eltern, Lehrern, Schülern, Kirchen, Unternehmen und weitere Experten zusammensitzen, den Boden entzogen hat. Vier der fünf im Landtag vertretenen Parteien haben mittlerweile ihre Konzepte für G8 – beziehungsweise die Zeit nach G8 – vorgelegt; nur die CDU ringt noch mit sich, ob sie den Schulen Wahlfreiheit gewähren oder doch die Rolle rückwärts zum neunjährigen Gymnasium (G9) beschließen soll. Das hat den runden Tisch als Beratungsgremium de facto arbeitslos gemacht, denn ein Konsens ist nicht mehr möglich. Die Standpunkte sind weitgehend klar, jetzt geht’s in den Landtagswahlkampf.

    Auszug rp-online.de, 25.10.2016

  2. Die Elternschaft in NRW hat nie ein Wendemanöver vollführt. Alle Meinungsumfragen in NRW zu diesem Thema G8/G9 zeigen in den letzten 10 Jahren eine stabile Mehrheit von 65 bis 90 Prozent für ein G9. Tatsache ist allerdings, dass die vor allem mit der CDU zeitweise eng verbandelte Vorstandschaft der Landeselternschaft jahrelang einen anderen Kurs gefahren hat, der niemals die Rückendeckung der Eltern vor Ort hatte.

    Das ist jetzt korrigiert worden. Und das ist gut so.

    Letztendlich eiern doch jetzt die meisten bildungspolitischen Akteure nur noch herum, Frau Löhrmann und die Grünen entdecken plötzlich die individuelle Lernzeit jedes einzelnen Kindes und die Daltonpädagogik, die CDU braucht Wochen, um endlich anzukündigen, dass auch sie neue Vorschläge vorlegen wird, aber nicht weiß, welche. Die SPD plant Lösungen mit einem wahlweise eingeschobenen Brückenjahr vor der Oberstufe, was in keiner Weise ein Beitrag zu mehr Entschleunigung und Bildungszeit in der Unter- und Mittelstufe ist.

    Letztendlich haben sich auch die Beschlüsse des Runden Tisches als Mogelpackung herausgestellt. Es musste doch jedem klar sein, dass man die G8-Problematik nicht durch eine Beschränkung der Hausaufgaben und weniger Bildungsqualität lösen kann.

    Da ist mir aber dann wirklich die demokratisch legitimierte, auf der Befragung von 50 000 Eltern beruhende neue Positionierung der Landeselternschaft mehr sympathisch, die eine einheitliche Rückkehr zu einem modernisierten G9 fordert. Lieber ein Ende mit Schrecken als ein Schrecken ohne Ende. Was gibt es da herumzukritteln?

  3. Conny, ich stimme Dir voll zu. Die Aussagen von news4teachers sind für mich nicht nachvollziehbar!

    WAZ: Zurück an den Kabinettstisch – Kommentar von Tobias Blasius zum Turbo-Abitur
    25.10.2016 – 16:24
    Essen (ots) – Der „Runde Tisch“ der Schulministerin zur achtjährigen Gymnasialzeit stand nie unter ungünstigeren Vorzeichen. Die CDU sagte ihre Teilnahme schon in Ermangelung eines eigenen Konzepts ganz ab, die FDP sprach von „Makulatur“, Lehrer- und Elternvertretungen siedelten ihre Erwartungen am Nullpunkt an.

    „Runder Tisch“ klingt nach Opferarbeit und Vergangenheitsbewältigung. Dabei suchte Sylvia Löhrmann seit 2014 schlicht ein Instrument, um den wachsenden Unmut über das „Turbo-Abitur“ zu kanalisieren und sich hinter einer vermeintlichen All-Parteien-Koalition zu verschanzen. Der Gesprächskreis gaukelte vor, „Betroffene zu Beteiligten“ zu machen, wie es Löhrmann im schönsten Pädagogen-Sprech gerne formuliert, verwischte am Ende jedoch nur Verantwortlichkeiten.

    Das ungeliebte G8 ist kein Hexenwerk, sondern hätte in bald sieben rot-grünen Regierungsjahren jederzeit geändert werden können. Rückkehr zum alten G9, Wiederherstellung der sechsjährigen Sekundarstufe I oder doch ein G8/G9-Wahlmodell? Der richtige „Runde Tisch“ für solche Fragen wäre der Kabinettstisch.

    Pressekontakt:

    Westdeutsche Allgemeine Zeitung
    Zentralredaktion
    Telefon: 0201 – 804 6519
    zentralredaktion@waz.de

    • Das Problem ist das ewige Hin und Her in der Bildungspolitik. Erst geht’s nicht schnell genug rein in G8, dann geht’s nicht schnell genug raus. Wie wäre es mal, mit Bedacht an die Sache heranzugehen – und dann eine Lösung zu finden, die möglichst allen gerecht wird? Es gibt ja nun auch Gymnasien, an denen G8 gut funktioniert.

      Die Landeselternschaft lernt aus den Fehlern offenbar nicht. Und das ist keine Frage der demokratischen Legitimation (gewählt worden war der alte Vorstand doch auch, oder nicht?). Sondern schlicht eine Frage, was man den Schulen zumutet. Mit Ruckzuck-Reformen ist keinem gedient.

      • Und wie sieht es mit der Ruck-Zuck-Inklusion oder der Ruck-Zuck-Sexualpädagogik der Vielfalt aus?
        Alles, was auf der persönlichen Wunschlinie liegt, kann doch gar nicht schnell genug realisiert werden. Zur Besonnenheit wird nur gemahnt, wenn das Thema weniger interessiert.

        • Genau das habe ich nach Ihrer Antwort auch gedacht.
          Man kennt ja allmählich seine Pappenheimer.

          • Ich kann mich nicht erinnern, jemals hier für eine schnelle Inklusion oder eine „Ruck-Zuck-Sexualpädagogik der Vielfalt“ plädiert zu haben. Wie kommen Sie zu dem Stuß? Wie schön, dass Sie mich offenbar zu „Ihrem Pappenheimer“ ernennen – und sich anschicken, Diskussionen und Standpunkte in meinem Namen zu führen. Sie verfügen offenbar über die Gabe der Gedankenleserei. Toll. Dann können Sie doch gleich mit sich selber diskutieren – und mit der Nummer im Zirkus auftreten.

  4. Die Landeselternschaft hat zusammen mit der Wirtschaftslobby für das G8 zu Zeiten der Schulministerin Barbara Sommer (CDU) votiert. Durch den Regierungswechsel musste dann die Schulgesetzänderung und die APO für die Gymnasien unter der neuen rot-grünen Regierung verabschiedet werden.

    Den Umstand, die SekI an GY von 6 auf 5 Jahre zu verkürzen und die dreijährige GOSt beizubehalten, ist auf Bestreben der CDU und FDP in das Gesetz geschrieben worden, wohlwissend, dass die Vollzeitschulpflicht erst nach dem 10. Schulbesuchsjahr endet.

  5. Wäre das G8 mit Bedacht eingeführt worden und die Fähigkeiten der Kinder berücksichtigt worden, gäbe es doch diese Debatten überhaupt nicht. G8 überfordert die meisten Kinder. Die Lehrer werden hier zwischen zwei gegenläufigen Trends zerrieben. Einerseits sollen immer mehr Kinder das Abitur haben aber bitteschön alles schneller als früher.

    • Die Fähigkeiten der Kinder wurden durch massive Ausdünnung des Lehrplans und Einführung der grafikfähigen Taschenrechner berücksichtigt, sie wurde nur als Kompetenzorientierung verkauft.

      Ich befürchte, dass G9 obligatorisch wird (in welcher konkreten Form auch immer), der Lehrplan aber auf dem niedrigen G8-Niveau bleibt. Die genaue Ausgestaltung von G8 für die Leistungswilligen (Leistungsstärke ist kaum noch notwendig), werden wir dann sehen.

      Wurde eigentlich die breite Masse der Schüler mal befragt? Ich kenne keinen einzigen, der sich massiv darüber beschwerte. Weder über die Verkürzung an sich, noch über die Überlastung mit Arbeit. Über den Ganztag schon eher, oft an der für sie überflüssigen Mittagspause und dem sehr miesen Essen in der Schulmensa lag.

      • Nicht überall sind grafikfähige Taschenrechner zugelassen. Wäre das G8 so gut, gäbe es doch die Diskussionen nicht.

        • In NRW sind sie mit dem neuen Lehrplan für die Sek II obligatorisch. Den Schulen bleibt nur die Wahl, ob sie den GTR ohne oder mit Computeralgebrasystem einsetzen. Die meisten verzichten auf CAS, u.a. weil es weniger Buchmaterial speziell dafür gibt und der CAS-Rechner noch teurer ist.

        • Ergänzung zu G8: Hier bei n4t habe ich schon mehrfach geschrieben, dass ich G8 an sich schon im europäischen Vergleich sehr sinnvoll finde. Die viel zu überstürzte Umsetzung in NRW halte ich für miserabel und ist in meinen Augen auch der Hauptgrund für die dauernden Diskussionen. Der größte Fehler war die Beibehaltung der dreijährigen Oberstufe, Verkürzung der pubertätsbedingt schon schwierigen Mittelstufe und der politisch gewünschten immer weiter zu erhöhenden Abiturquote.

  6. Wolfgang Kuert informiert aus wdr-aktuell über die Aussage des Vorsitzenden des Philologenverbandes NRW, Peter Silbernagel, nach dem heutigen „Runden Tisch“.

    Also ich glaube, es hat eine gewisse symphatische Variante, wenn man sagt, das Gymnasium darf das Alleinstellungsmerkmal G8 behalten, aber auch eine Öffnung, oder ein Ventil hin zu einer längeren Schulzeit zulassen, sprich hin zu G9. Ich glaube, das wird auch der politisch vernünftige Weg sein.

    • Ist das Beharren auf G8 nicht ein Mittel, um mehr Schüler in die Oberstufen der Gemeinschaftsschulen zu kriegen, weil man dort 9 Jahre bis zum Abitur lernen darf?

      • Das mag vielleicht sein. Viel wichtiger für die Gemeinschaftsschulen ist ein höherer Anteil gymnasialer Kinder, damit es ein Fundament für eine Oberstufe gibt.

        Ansonsten ist das von Herrn Kuert genannte Ventil die aus meiner Sicht einzig praktikable Möglichkeit aus dem Dilemma für oder gegen G8.

      • Geht schon deshalb nicht, weil in NRW die als Schulversuch von der jetzigen Regierung und unter der schwarz-gelben Regierung auf den Weg gebrachten Gemeinschaftsschulen keine gymnasiale Oberstufe haben..

        Bis jetzt hat das G8 für die Gesamtschulen bei der Schülerrekrutierung den Vorteil gehabt, dass die Schulzeit auf 9 Jahre angelegt war (6 Jahre SekI, 3 Jahre GOST). Dies hat vermehrt Eltern von „Kann-Kindern“ (bedingte Gymnasialempfehlung) bewogen, ihr Kind auf einer GeS anzumelden. Kommt G9 zurück, wird an den GY die Zahl der SuS mit bedingter Gymnasialempfehlung zunehmen. In NRW haben die GY nämlich so gut wie keinen Grund, diese SuS abzulehnen. Den SuS muss nämlich innerhalb des Gemeinde-/Stadtgebietes ein Platz an einer Schule der gleichen Schulform in erreichbarer Nähe zum Wohnort angeboten werden können. Das wiederum bedeutet das mit der Reinstallierung von G9 unter den Bedingungen der jetzigen abgespeckten Curricula, die Kommunen ihre mittelfristige Schulentwicklungsplanung, die sich ja auf alle Schulen und Schulformen erstreckt, in die Tonne kloppen können. Daher kommt ja auch der windelweiche CDU.Reformvorschlag, die betroffenen Schulen mögen entscheiden, welche Dauer bis zum Abi sie denn anstreben möchten. Die Gymnasien haben doch schon längst die durch die G8-bedingten freien Räume anderen Zwecken (Förderkursen etc.) andersweitig belegt. Die Angebote wieder zusammen zu streichen, um die Räume für einen zusätzlichen Jahrgang zurück zu bekommen, werden sich die Eltern- und Schülerverteter in den Schulkonferenzen nicht gefallen lassen. Die Kommunen haben aber keine Mittel für einen weiteren Ausbau der bestehenden Schulstandorte, den bleibt also nur eines übrig, nämlich zukünftig auf ein Zwei-Säulen-Modell bei den Schulformen zu setzen.
        Wenn etwa die Hälfte eines Jahrganges ohnehin am GY angemeldet wird, warum sollen dann für die anderen 50& insgesamt drei Schulformen aufrecht erhalten werden. Folglich werden die anderen Schulformen zugunsten von Sekundar- und Gesamtschulen zerschlagen.

        Staat über die wiedereinführung des G9 zu beratschlagen, hätte man über eine Umstrukturierung innerhalb des G8 reden müsssen – sechsjährige Sekundarstufe i von Klasse 5 bis Klasse 19 und Verkürzung der GOSt auf die zwei Jahre der Qualifizierungsphase. Für die leistungsstärkeren SuS am GY ist die Einführungsphase nämlich absolute Zeitverschwendung, die nur der Wiederholung des SekI-Stoffes dient.

  7. rp-online.de, 05.11.2016

    Gastbeitrag
    Debatte um G8/G9 – hört endlich auf die Eltern!

    Meinung | Düsseldorf. Wer sich fragt, warum die Eltern so vehement gegen das „Turbo-Abitur“ sind, der sollte sich den Qualitätsverlust am Gymnasium anschauen. Die Argumente sogenannter Experten für das G8 sind teils haarsträubend.

    Von Ulrich Czygan

    Es ist ein Dilemma: Sobald Eltern für ihre Kinder streiten, geraten Politik und Wirtschaft in Aufruhr. Vor einigen Tagen erschien in dieser Zeitung ein Beitrag von Stephan Dorgerloh und Winfried Kneip zum Thema gymnasiale Schulzeitverkürzung. Leider – wie so oft in dieser Diskussion – ist er durchsetzt mit Halb- oder Unwahrheiten, die dann auch noch untereinander in Beziehung gesetzt werden.

    Unter Umgehung von Fakten werden Sachargumente zu „ideologisch gefärbten Argumentationen“ erklärt, als „gefühlte Empirie“ verunglimpft, und Eltern präsentieren ihre „drastischen Forderungen“ meist „verallgemeinernd auf der Basis eigener familiärer Erfahrungen“. Warum, fragen sich die Autoren, graben „nun ausgerechnet die Eltern das Kriegsbeil aus“?

    Ganz einfach: weil die Politik uns zu lange ignoriert hat. Es ist Zeichen gravierender Unkenntnis und der Vergleich von Äpfeln mit Birnen, andere Staaten oder das Bundesland Sachsen als Beispiel für das achtjährige Gymnasium (G8) und gegen die Rückkehr zur neunjährigen Schulzeit (G9) anzuführen.

    Das Abi-Bac in Frankreich ist mit unserem Abitur nicht vergleichbar; über das Niveau amerikanischer Schulabschlüsse reden wir besser nicht. Dass Sachsen in Tests vorne liegt – geschenkt. In Sachsen beherrschen Kinder am Ende der vierten Klasse grundlegende Kulturtechniken wie Lesen, Schreiben und Rechnen. Da können Lehrkräfte weiterführender Schulen durchstarten; in Nordrhein-Westfalen bei bescheinigten minderen Leistungen (so zum Beispiel im gerade veröffentlichten Ländervergleich) eher nicht.

    G8 bedeutet vor allem eins: etwa 1000 Unterrichtsstunden weniger
    Natürlich wissen wir Eltern, dass nicht alle Probleme durch G8 verursacht sind. Der Qualitätsverlust am Gymnasium hat bereits vorher mit dem Austausch fachlicher Inhalte durch fragwürdige Kompetenzen in den Lehrplänen begonnen. G8 bedeutet vor allem eins: etwa 1000 Unterrichtsstunden weniger, wovon ungefähr 400 auf Fremdsprachen entfallen. Rechnet man den Unterrichtsausfall in NRW hinzu, kommen schnell 1500 Stunden zusammen. Dass heutige Abiturienten nach Aussagen von Hochschulprofessoren vielfach nicht studierfähig sind und die Zahl der Studienabbrecher steigt, ist die logische Konsequenz.

    Ja, auch wir sind der Ansicht, dass man mehr Bildungsexperten und Praktiker fragen muss, um danach Schule zu gestalten. Doch die Politik orientiert sich gerne an sogenannten Bildungsforschern, deren Studien selten das Papier wert sind, auf dem sie gedruckt sind. Da befragt eine Professorin eine überschaubare Anzahl von Studenten aus G8 und G9, ob sie nach ihrer Selbsteinschätzung in Mathematik gute Kenntnisse aufweisen. Da sich niemand für unwissend erklärt, lautet das Ergebnis: Es gibt keine Unterschiede.

    Die Politik wird nicht müde, auf die steigende Anzahl der Studienfächer hinzuweisen, die mit einem hohen Numerus clausus belegt sind, blendet aber gleichzeitig aus, dass die „Messlatte“ immer tiefer hängt, um überhaupt die Hochschulreife zu erlangen. Flankierend singt ein großer Gütersloher Medienkonzern das Hohelied der Ganztagsschule, wobei deren jüngste Erhebung nur unter Eltern durchgeführt wurde, die ihre Kinder bewusst auf einer solchen Schule angemeldet haben – was für ein dilettantischer Anfängerfehler in der Grundannahme.

    Umfrage: 79 Prozent der Eltern für G9
    Wirkliche Experten wie Lernforscher, Neurobiologen, Psychologen, Erziehungswissenschaftler werden kaum gefragt. Da halten sich die Regierenden lieber an Politik- und Sozialwissenschaftler, die alle Zahlen rückwirkend so lange durchschütteln, bis das passende Ergebnis erscheint. Den Lehrkräften, die die wahren Experten des Unterrichtens sind, wird leider wenig Gehör geschenkt.

    Um die Debatte auf ein sachliches Fundament zu stellen, haben wir im Frühjahr die wissenschaftlich begleitete Umfrage „G8 und mehr“ zur Erhellung diverser Aspekte rund ums Gymnasium durchgeführt. Die Ergebnisse sind eindeutig: 79 Prozent der Eltern, die postalisch an der Umfrage teilnahmen, sind für G9, online sogar 88 Prozent. Selbst dort, wo Politiker erfolgreich organisierte G8-Gymnasien vermuten, liegen die Zustimmungswerte für G9 ähnlich hoch.

    Übrigens votierte eine klare Mehrheit der Eltern gegen den gebundenen Ganztag – eine Ohrfeige für alle Politiker, die mit dieser Organisationsform regelrechte Heilsversprechungen sowie Bildungsgerechtigkeit verbinden, als könne man Bildung und Wissen wie einen Sack Silbermünzen gleichmäßig verteilen.

    Sogar 88 Prozent der Gymnasiallehrer sprachen sich in unserer Umfrage für G9 aus. Wieso macht ausgerechnet der Vorstand des Philologenverbands in Nordrhein-Westfalen Schulpolitik gegen die eigene Klientel?
    Zumal ihm die Fragen der Erhebung vorab vorlagen und ohne Beanstandung durchgingen. Dass von manchen anderen Lehrerverbänden wenig Unterstützung für eine Rückkehr zu G9 kommt, ist der Tatsache geschuldet, dass einige von ihnen in ideologischer Verblendung der Einheitsschule entgegenträumen.

    Für flächendeckendes G9 mit deutlich mehr Qualität
    Was sollen wir Gymnasial-Eltern von runden Tischen damals wie heute erwarten, wenn eine Koalition von Zauderern Fakten nicht zur Kenntnis nehmen will? Derweil üben sich alle in ihrer Lieblingsdisziplin: alles auf die lange Bank schieben und nur nicht entschlossen handeln.

    Das hindert G8-Verfechter nicht, Totschlag-Argumente zu präsentieren: bitte keine Unruhe an den Schulen, läuft doch gut, Umstellung kostet viel Geld. Nein, das gibt keine Unruhe, nein, es läuft nicht gut, und nein, es kostet in den ersten Jahren auch nicht mehr Geld, denn für G9 werden zunächst weniger Lehrer benötigt. Außerdem sind Inklusion und Digitalisierung nicht per se Merkmale von Schulqualität. Wenn Inklusion mit nicht eingehaltenen Versprechungen eingeführt wird, dann schadet das der Qualität – und wer Schwächen im Lesen, Schreiben und Rechnen aufweist, dem wird auch die Digitalisierung nicht weiterhelfen.

    Was wir im Interesse unserer Schüler fordern, ist ganz einfach: ein flächendeckendes G9 mit deutlich mehr Qualität und Fachinhalten, mehr Zeit für Vertiefung und die Reifung unserer Kinder, wobei den besonders Begabten die Möglichkeit eingeräumt wird, das Gymnasium in acht Jahren zu durchlaufen. Nein, wir sind keine Machtstrategen, die auf dem Kriegspfad sind. Wir haben nur unsere Hausaufgaben gemacht.

    • Einige Fragen:
      – Woher kommen die 1000 Stunden Unterrichtszeitverkürzung? Durch die Umstellung auf G8 bzw. Ganztag wurden die Schultage länger. Ich glaube es wurden eher arithmetisch 1000 Stunden für ein Schuljahr abgezogen.
      – Wenn die Eltern gegen den Ganztag sind, dann kommt durch die Rückkehr zu G9 keine einzige Unterrichtsstunde dazu. Bitte erklären.
      – Die Eltern beschweren sich über die immer niedrigeren Einstiegshürden zur Universität. Wollen sie höhere Einstiegshürden, d.h. wesentlich höhere Abituranforderungen, damit nicht mehr mindestens der halbe Jahrgang inkl. der ganzen mittleren und niedrigen Schulabschlüsse das Abitur besteht?
      – Beleidigen sich die Eltern nicht selbst, wenn sie von Minderleistungen im Grundschulbereich sprechen oder sollen die Ausländer, die es in Sachsen kaum gibt, mal wieder als Sündenbock herhalten?

      Ich denke, dass eine Mehrheit der so laut polternden Eltern eine Rückkehr zu G9 ohne Ganztag und Inklusion aber unter Beibehaltung des stark aufgeweichten und den Namen kaum noch verdienenden Lehrplans nach G8 möchte.

      • „oder sollen die Ausländer, die es in Sachsen kaum gibt, mal wieder als Sündenbock herhalten?“
        Ich kann in dem Text von Wolfgang Kuert keine Hinweise auf „Ausländer“ erkennen. Vielleicht verwechseln Sie etwas: in vielen der Analysen zur jüngsten Schulstudie wurden als (relativierende) Begründung für das beschämende Abschneiden von Bremen und Berlin der höhere Ausländeranteil angeführt.

        • Eben genau das relativierende gibt ja auch der Standortfaktor wieder, mit dem da Abschneiden der Schüler bei VERA8 eingeordnet wird: Standortfaktor 5 = Haupt- oder Realschule im Problemviertel mit hohem Ausländer- und Arbeitslosenanteil, die man beschönigend als „bildungsferne Schichten“ bezeichnet.

          • 5 ist „Brennpunkt“, 4 ein belastetes Viertel, 3 gemischtes Viertel, 2 bürgerliches Wohnumfeld, 1 gutbürgerliches Wohnumfeld (als Beispiel Köln-Hahnwald oder D#dorf-Angermund).

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