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Die Familien in Deutschland bekommen wieder mehr Kinder – aber: (zu) selten mehr als zwei

WIESBADEN. Die Frauen in Deutschland bekommen wieder mehr Kinder. Fachleute sehen eine Trendwende. Gibt es eine Renaissance der Familie? Das Problem: Vor dem dritten Kind schrecken immer noch zu viele zurück.

Zwei Kinder sind für die meisten Familien in Deutschland genug. Foto: Peter Voerman / flickr (CC BY-NC 2.0)

Zwei Kinder sind für die meisten Familien in Deutschland genug. Foto: Peter Voerman / flickr (CC BY-NC 2.0)

Die Geburtenrate in Deutschland ist so hoch wie seit mehr als 30 Jahren nicht mehr. «Wir haben eine Trendwende bei den Geburtenzahlen», sagt Martin Bujard vom Bundesinstitut für Bevölkerungsforschung (BiB) in Wiesbaden. Allerdings: Selbst die durchschnittlich 1,50 Kinder pro Frau, die laut Statistischem Bundesamt 2015 erreicht wurden, reichen nicht, um das Schrumpfen der Bevölkerung aufzuhalten. Dafür wären rechnerisch 2,1 Kinder notwendig. Damit Paare mehr Kinder bekommen, muss nach Einschätzung von Fachleuten die Vereinbarkeit von Beruf und Familie noch besser werden. Aber nicht nur die.

Bujard hält einen gesellschaftlichen und kulturellen Wandel für notwendig. Denn: «Im Vergleich zu Frankreich, Schweden oder den USA fehlt uns oft das dritte Kind», sagt der Forschungsdirektor. «In Deutschland ist die Zwei-Kind-Norm dominierend.» Einen Grund für den Anstieg der Geburtenrate sieht der Wissenschaftler in der Familienpolitik. Aber: «Die Vereinbarkeit von Beruf und Familie muss stetig verbessert werden und in die Qualität der Kinderbetreuung investiert werden.»

Die Kinderzahl der Ausländerinnen (von 1,86 auf 1,95 pro Frau) habe 2015 wesentlich zum Anstieg der Geburtenrate in Deutschland beigetragen, stellen die Statistiker fest. Die deutschen Frauen kamen dagegen nur auf durchschnittlich 1,43 Kinder – nach 1,42 im Jahr zuvor.

Die Zahl der Geburten ausländischer Frauen werde etwas überschätzt, die deutscher Frauen etwas unterschätzt, sagt Bujard. «Das Alter der Frauen bei der Geburt verzerrt dies.» Denn deutsche Mütter waren bei der Geburt 2015 im Schnitt noch einmal etwas älter als im Jahr zuvor (gut 31 Jahre), ausländische dagegen etwas jünger (rund 30 Jahre). Klüsener stimmt zu: «Geburtenziffern von Zugewanderten sind oft künstlich nach oben verzerrt, da häufig zunächst der Mann einwandert.» Die Frau werde erst nachgeholt, wenn der Mann sich etabliert habe. «Dann werden aufgeschobene Kinderwünsche schnell nachgeholt.»

Sebastian Klüsener vom Max-Planck-Institut für demografische Forschung in Rostock plädiert neben der Familienpolitik für «eine Willkommenskultur für Kinder». «Viele Menschen in Deutschland würden gerne zwei Kinder bekommen. Insofern scheint eine Lücke zwischen der angestrebten und der erreichten Zahl zu bestehen.»

Harald Rost vom Staatsinstitut für Familienforschung an der Universität Bamberg nennt Gründe, warum viele Paare ihren Kinderwunsch hinausschieben: Lange Ausbildungszeiten, eine verlässliche Partnerschaft finden und die Herausforderung der beruflichen Mobilität. Viele wollten im Beruf erst einmal Fuß fassen, eine geeignete Wohnung finden, materiell einigermaßen abgesichert sein und «das Leben ein bisschen genossen haben» bevor sie Eltern würden. «Jenseits der 30 klappt es dann bei vielen aber nicht mehr.»

An materielle Grenzen

Bei ein oder zwei Kindern ließen sich Beruf und Familie noch einigermaßen vereinbaren, sagt Rost. Bei drei oder vier Kindern sei dies jedoch sehr schwierig und bringe viele an ihre materiellen Grenzen. Dabei sieht Rost nicht nur Fortschritte in der Familienpolitik – Elterngeld und Ausbau der Kinderkrippen – sondern auch eine höhere Akzeptanz bei vielen Unternehmen, die sich um gute Fachkräfte bemühten.

Der Soziologe hat zudem einen Bewusstseinswandel bei den Vätern ausgemacht. Viele wollten sich um ihre Kinder kümmern. «Das wird von den Frauen mittlerweile auch erwartet.» Dazu komme ein Schneeballeffekt: Wenn Männer etwa sähen, dass andere Männer Elternzeit nähmen, wirke das als Vorbild. Eine andere Motivation: «Ihr eigener Vater hatte nie Zeit für sie. Das wollen sie anders machen.» Von Ira Schaible, dpa

Schwesig: Mehr Betreuung auch für Schulkinder
Will mehr für die Familien tun: Bundesfamilienministerin Manuela Schwesig. Foto: AWO Bundesverband / flickr (CC BY-NC-SA 2.0)

Will mehr für die Familien tun: Bundesfamilienministerin Manuela Schwesig. Foto: AWO Bundesverband / flickr (CC BY-NC-SA 2.0)

Bundesfamilienministerin Manuela Schwesig (SPD) hat die gestiegene Geburtenrate in Deutschland als Ansporn bezeichnet, noch mehr für Familien und Kinder in Deutschland zu tun. «Mütter und Väter brauchen unsere Unterstützung und erwarten zu Recht von der Politik, dass die Rahmenbedingungen für Familien verbessert werden – die Vereinbarkeit von Beruf und Familie ist hierbei ein zentrales Thema», erklärte Schwesig in Berlin. «Mit dem ElterngeldPlus und dem weiteren Ausbau der Kinderbetreuung sind wir auf dem richtigen Weg – doch können wir noch mehr tun.» Als wichtigsten Schritt nannte die SPD-Politikerin den weiteren Ausbau der Tagesbetreuung auch für Schulkinder.

 

6 Kommentare

  1. Bei drei Kindern fangen die logistischen Probleme an, weil gemessen am heutigen Lebensstandard ein „normales“ Auto, ein „normales“ Haus usw. nicht mehr reichen.

  2. Da stimme ich xxx zu.
    Wir würden sofort noch weitere Kinder bekommen. Aber solange Kind 1 nicht aus dem Kindersitzalter rausgewachsen ist, könnten wir zu fünft nicht einmal gemeinsam zum Supermarkt fahren, geschweige denn in den Kurzurlaub. Länger als drei Tage ginge sowieso nicht, weil dann der Kofferraum nicht reichen würde. Größere Autos haben den Nachteil, dass man bei der Arbeit und auch vor der Haustür keinen Parkplatz findet, sondern womöglich Parkgebühren und lange Wege einplanen muss. Also Zweitauto – von welchem Geld? Und das bei den Diskussionen um höhere Kosten für Autos.

    Es läuft viel mehr schief als nur die Vereinbarkeit von Beruf und Familie.

    Ärzte… ich habe letztens erst zweieinhalb Tage am Telefon gehangen bis ich einen HNO-Arzt fand, der Kind1 aufnehmen und untersuchen würde. (als Privatpatient!). Zwischenzeitlich waren wir in der Notaufnahme, die aber nur behandelt, wenn man aufgenommen wird – kindkranktage adé. Krankengymnastik, Zahnspange, Reha… alles mit zusätzlichen Kosten verbunden – Allein für die Zahnbehandlung sollte man schon zehn Jahre vor der Geburt anfangen zu sparen – und mit logistischem Aufwand.

    Kindergärten… nur unter dreijährige haben Chancen auf einen Platz. Dezember-April-Kinder sind da praktisch. Die sind dann halt 21/2 Jahre. Was, wenn das Kind im Juli geboren wird? Muss man es nach zwei Jahren schon in den Kindergarten geben und möglichst schon vor der Geburt anmelden?

    Schulen… bei uns läuft die fußläufig erreichbare Schule gerade aus. Bus fahren. 1/2 Stunde Schulweg in Klasse 1. Die Räume dort reichen gerade für die lokalen Kinder. Die auswärtigen werden entsprechend freudig empfangen.

    Wohnungen/Nachbarschaft… . Kinder will kein Vermieter. Hat man endlich eine Wohnung gefunden, ist diese 75 qm groß und hat drei Zimmer – also ein Kinderzimmer. Bekommt man ein Kind, erhält man das erste Schreiben vom Vermieter: Kinder sind zu laut. Im Gespräch mit der kinderlosen Nachbarin erfährt man: Die Waschküche hat klar vorgegebene Zeiten: montags, ohne Ausnahme bei Magen-Darm-Erkrankungen der Kinder. Der Fahrradstellplatz ist maximal von zwei Fahrrädern zu belegen. Entweder man gibt das eigene ab, oder die Kinder dürfen kein Fahrrad besitzen. etc. In Mietverträgen gibt es absonderliche Klauseln, die alle ein Ziel haben: Keine Kinder in dieser Wohnung.

    Kinderspielplätze… es gibt ganz tolle Kinderspielplätze. Generationenspielplätze. Indoorspielplätze. Kletterparks. Schwimmbäder… aber alle weit entfernt in anderen Orten. Wo wir wieder beim Autoproblem wären. Wobei ganz ehrlich: Wie oft setzt man sich denn ins Auto, um zum Spielparadies zu fahren für das man dann 20€ Eintritt bezahlt? Also ein Haus mit eigenem Garten kaufen. Irgendwann. Und danach dann Kinder. Oder Politiker werden und dafür sorgen, dass der geplante Hundepark doch lieber ein Kinderspielplatz werden sollte.

    Und bis es soweit ist, lieber Hunde halten statt Kinder. Auf Hundewiesen werden die Hundehalter auch rundumversorgt. Hundekotbeutelspender, Mülltonnen in Reichweite, egal wo man sitzt – Bänke! Politiker sollten sich mal auf Spielplätzen umsehen: Bänke? 500m weit entfernt, belegt von Waldspaziergängern und bei weitem nicht in Sichtweite der Kinder. Zäune, um Bälle aufzufangen? Fehlanzeige. Mütter laufen gern – und halten ihre Kinder gern davon ab vor Autos zu rennen, die auf dem eigentlich als Parklatz genutzem Spielplatz parken. Spielgeräte? von 1960, verrostet und baufällig…

  3. @ Dina, wenn ich sowas lese, frage ich mich immer wieder erstaunt, wie unsere Großeltern Kinder aufgezogen haben. Sie hatten ja oft noch deutlich mehr als drei und all die Vergünstigungen NICHT, die es heute bereits gibt.

    Es muss eine Strafe gewesen sein, Kinder zu haben – FRÜHER !(?)!

    • Wohnraum war früher kleiner. Richtig. Die Kindersterblichkeit größer, die Akzeptanz war größer. Früher gingen Kinder eben arbeiten, wenn das Geld für Bildung fehlte. Frauen konnten nicht verhüten. Früher war nicht alles besser. Man hatte nur weniger Auswahl. Ist vll mein weibliches Problem, dass ich mit großer Auswahl nicht klar komme
      Ich stimme nur teilweise zu, dass sich der Staat nicht einmischen braucht. So wie er sich einmischt, ist es kontraproduktiv.vor einigen Jahren gab es (evtl nur hier, das weiß ich nicht genau) eine Verordnung wonach in Wohngebieten je x Einwohner y Parkplätze zu bauen seien. Spielplätze wurden eingerissen, Busverbindungen eingespart und jeder, der es sich leisten konnte, kaufte einen Parkplatz.

      Meine Meinung: Die Politik kann sich nicht mit Vereinbarkeit von Familie und Beruf brüsten, wenn sie in Sachen Infrastruktur für Familien nur Mist bauen.
      Würde sie sich ganz raushalten, könnten sie sich auch nicht damit brüsten. Die Frage ist, ob es dann tatsächlich besser wäre oder ob es so wie vor hundert Jahren käme.
      Kinder sind ein Glück. Richtig. Aber bei vielen halt maximal zwei und darum ging es oben.

      • Ich stimme Ihnen durchaus zu, Dina, dass wir einen Staat brauchen, der Familien unterstützt, der gute Rahmenbedingungen schafft und Hindernisse aus dem Weg räumt.

        Ich bin nur gegen diese „Rundumversorgungsmentalität“, dass der Staat für alles aufzukommen habe, DENN der Staat will ja, dass die Menschen (mehr) Kinder bekommen.

        Ich sage, wir brauchen nicht immer mehr Menschen in Deutschland. Wir brauchen vielleicht andere Sozialsysteme, die auch bei der gegenwärtigen und künftigen Alterszusammensetzung funktionieren. Modelle dafür gibt es doch in anderen Ländern.

        Dann käme „der Staat“ raus aus der Falle „Du willst, dass wir Kinder machen, also sorge bitte dafür, dass …“. Und trotzdem soll „der Staat“ Familien unterstützen, für ausreichend Kindergärten sorgen, für Spielplätze, für Jugendklubs und und und … Da bin ich ebenfalls dafür!

  4. Meiner Meinung nach sind Kinder doch hauptsächlich privates Lebensglück (ja, G l ü c k !). Dafür ist man immer noch in erster Linie selbst verantwortlich. Finde ich (ja, ich bin auch Vater).

    Unsere Politiker sind / waren schlecht beraten, in das Geschrei von der schrumpfenden Bevölkerung einzustimmen und ihre Politik danach auszurichten. Dann schrumpft die Bevölkerung eben – na und?! Flora und Fauna würden es uns danken. Wo soll es denn hinführen, wenn es immer mehr und mehr und mehr Menschen gibt? Die Erde braucht uns nicht, aber wir brauchen sie.

    Die Sozialsysteme könnten die Politiker einfach anders gestalten. Andere Länder machen es uns vor. Es gibt etliche Varianten und es gibt etliche Ideen. Es fehlen nur mutige Politiker.

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