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Warum noch lernen? Mit nur wenigen Klicks (und für wenig Geld) gibt’s das Abitur oder den Doktortitel im Internet

DÜSSELDORF. Ein Realschüler, der gerne das Abitur und einen Diplomabschluss hätte, ein Facharzt, der kurzfristig einen Doktortitel braucht oder ein Jurist, der sich mit einem Ehrendoktortitel schmücken möchte: Sie alle haben im Internet nach einer Möglichkeit gesucht, den zeitaufwändigen, legalen Weg zu diesen Abschlüssen zu umgehen – mit Geld. Angebote finden sich dort viele, nicht alle jedoch sind ernst gemeint.

Vor allem für Ingenieure lohnt sich die Mehrarbeit einer Doktorarbeit. (Bild: S. Hofschlaeger / pixelio.de)

Viele Interessierte, die illegal einen akademischen Grad erwerben wollen, erhoffen sich mehr beruflichen Erfolg. (Bild: S. Hofschlaeger / pixelio.de)

Wer in Deutschland einen Schulabschluss machen oder einen akademischen Grad führen möchte, muss zuvor bestimmte Leistungen erbringen. Für den Doktorgrad beispielsweise muss zunächst das Bachelor- und Masterstudium erfolgreich gemeistert werden, bevor im Anschluss die Promotion erfolgen kann. Das bedeutet viele Jahre harter Arbeit – nicht jeder,  der Ambitionen hat, den akademischen Grad zu führen, ist dazu bereit. Das zeigt die Satireseite www.titel-kaufen.de, die seit 2009 online ist. Nur auf den ersten Blick wirbt sie dafür, Abschlüsse und akademische Grade zu verkaufen.

Der Satirecharakter steckt im Detail, wie den einzelnen Werbetexten: „Sie werden sich wundern wie schnell sich Ihre Mitmenschen von Ihrem gekauften Titel blenden lassen – nutzen Sie dies einfach schamlos aus, Ihre Mitmenschen würden es auch tun!“ Oder: „Titelschwindler und Käufer solcher Fake Abitur Zeugnisse hoffen, dass das alles legal ist. Früher oder später kommt dann aber doch ans Tageslicht, dass das Abiturzeugnis bzw. Fachabiturzeugnis gekauft wurde – und dann ist die Karriere so richtig im Eimer. Da Sie aber offensichtlich liebend gern bis zu 10.000 EUR für ein an sich wertloses Stück Papier ausgeben wollen, erhalten Sie auf Anfrage hier weitere Informationen und Konditionen zu den verfügbaren Abituren.“

Das Ziel: Karriere, Geld und Ansehen

Anfragen von Besuchern, die trotz solcher Beschreibungen nicht an der Ernsthaftigkeit der Internetseite zweifeln, haben die Betreiber zum Teil anonymisiert veröffentlicht. Darunter das Kontaktformular eines Facharztes für Orthopädie und Unfallchirurgie, der beruflich gerne aufsteigen möchte, dem dazu aber der richtige Abschluss fehlt: „Ich könnte in nächste Zeit eine Chefarztstelle besetzen, brauche aber dazu unbedingt den Dr. Titel!“ Seine Not ist anscheinend so groß, dass er bereit ist, jeden Preis zu zahlen und keine Obergrenze angibt. Ähnliche Beweggründe lassen sich auch aus den anderen veröffentlichten Anfragen herauslesen. Unabhängig vom bisherigen Abschluss verfolgen die Verfasser dieselben Ziele: bessere Aufstiegschancen, ein höheres Gehalt oder mehr Ansehen.

Hinter dem Scherzprojekt steht Diplom-Kaufmann Christian Bücherl. Inspiriert durch Spam-E-Mails mit ähnlichen Inhalten wollten er und zwei seiner Kollegen wissen, wer solche Angebote nutzt, verrät der Geschäftsführer der Internetfirma Boost Internet GmbH in verschiedenen Interviews. Sein Fazit gegenüber Spiegel-Online: „Den meisten geht es um Karriere – oder um den Ruhm. Der Grad der Selbstverliebtheit ist extrem hoch.“ Dafür riskieren die Interessenten einiges: Laut Paragraph 132a Strafgesetzbuch droht ihnen wegen Titelmissbrauchs eine Freiheitsstrafe von bis zu einem Jahr oder eine Geldstrafe, wenn sie erwischt werden.

Erstmal kein Doktorhut für Edward Snowden. Foto: University of Exeter /flickr (CC BY 2.0)

Um die Würde des Ehrendoktors zu erhalten, ist keine Promotion erforderlich. Foto: University of Exeter /flickr (CC BY 2.0)

Im Internet finden sich aber auch viele ernstgemeinte Angebote, akademische Grade außerhalb der üblichen Vorgehensweise zu erhalten. Einige Beratungsunternehmen werben beispielsweise damit, Ehrengrade zu vermitteln, wie den Dr. h.c. (honoris causa), für den keine Promotion erforderlich ist. Universitäten verleihen diese Würde Kandidaten, die sich auf besondere Weise verdient gemacht haben. „Dazu zählen besondere wirtschaftliche und technische, aber auch politische und wissenschaftliche Leistungen, gepaart mit sozialem Engagement in Gesellschaft und Politik, was dann den Anlass ausmacht, die Ehrendoktorwürde zu verleihen“, heißt es auf einer entsprechenden Internetseite. Die Verantwortlichen versprechen, den notwendigen Kontakt zu einer Universität herzustellen und die Interessierten zu unterstützen, sodass sie „für Ihre Verdienste gewürdigt werden können“. Konkretere Angaben, um welche Universitäten es sich dabei etwa handelt, wie die Vermittlung abläuft, welche Voraussetzungen Interessierte zu erfüllen haben oder welche Kosten auf sie durch die Beratung zukommen, bietet die Internetseite jedoch nicht.

Ehrenwürden im Angebot

Eindeutiger ist dagegen das Angebot der Miami Life Development Church (MLDC). Gegen eine Spende verleiht die freie Kirche mit Sitz in Amerika ebenfalls Ehrenwürden, allerdings nur kirchliche und nur in ausgewählten Fachgebieten. Mit 49,90 Euro machen sich Interessenten verdient, den Titel Ehrendoktor zu tragen, für 20 Euro mehr können sie sich Ehrenprofessor nennen.

Die freie Kirche weist jedoch auf ein Urteil des deutschen Bundesgerichtshofs von 1966 hin, demnach nicht-akademische Titel in Deutschland nur geführt werden dürfen, „wenn sie nicht mit Amts- oder Dienstbezeichnungen verwechselt werden können. Eine Bezeichnung ist dann einer Amts- oder Dienstbezeichnung zum Verwechseln ähnlich, wenn nach dem Gesamteindruck eines durchschnittlichen, nicht genau prüfenden Beurteilers eine Verwechslung möglich ist (BGH GA 1966, 279).“ Daher müsse der Titel immer mit dem Zusatz „h.c.“ angegeben werden sowie mit dem Fachgebiet und dem Herkunftsland. Die MLDC scheint das Problem des möglichen Missbrauchs ernst zu nehmen. Auf ihrer Internetseite schreibt sie: „Wir gehen davon aus, dass Sie natürlich einsehen, dass der Spaß aufhört, wenn Sie versuchen, sich den Doktortitel in den Ausweis eintragen zu lassen, oder wenn Sie versuchen, sich irgendwelche anderen Vorteile zu erschleichen.“

Den Anschein eines Scherzartikels erhält die Ehrenwürde der freien Kirche, wenn die Fachgebiete genauer betrachtet werden, in denen sie diese verleiht, darunter etwa Aromatherapie, Christliche Beratung, Feng Shui oder Paranormale Psychologie. Kein Wunder, dass die Internetseite www.consultingdigital.com, die ein ähnliches Angebot bereitstellt, die kirchliche Ehrenwürde als ausgefallene Geschenkidee bewirbt. Ihr Sortiment beschränkt sich aber nicht bloß auf kirchliche Ehrentitel, Interessierte können sich auch einen Adelstitel zulegen oder direkt heilig sprechen lassen – und zwar noch zu Lebezeiten. ah/Agentur für  Bildungsjournalismus

 

Titelbild: Screenshot von www.titel-kaufen.de

2 Kommentare

  1. Man kann in Deutschland z.T. auch schon mit dem Bachelor promovieren.
    Nicht in allen Disziplinen ist der Master dafür von Nöten.

    • Ist doch nichts Neues. Schon nach den alten Studienordnungen war dies möglich. Oder warum steht Frau Schavan nach Aberkennung ihres Doktorgrades ohne akademischen Abschluss da?

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