Anzeige


Startseite ::: Titelthema ::: „Eine ganze Kultur geht verloren“: Wie Künstler für den Erhalt des Handschreibens kämpfen – Ausstellung in Berlin

„Eine ganze Kultur geht verloren“: Wie Künstler für den Erhalt des Handschreibens kämpfen – Ausstellung in Berlin

BERLIN. Immer mehr Kindern und Jugendlichen bereitet das Handschreiben Probleme, so ergab im vergangenen Jahr eine Umfrage unter Lehrkräften – aber Künstler setzen nun Ausstellungen und Aktionen gegen den gesellschaftlichen Trend zum Tippen. „Würde die Handschrift verschwinden, würde das eine  Reduzierung des Menschseins bedeuten. Es wäre ein tiefer menschlicher Verlust“, meint etwa Wolf Kahlen, emeritierter Professor der Technischen Universität Berlin und einer der renommiertesten deutschen Performance-, Objekt- und Medienkünstler. Er hat jetzt in der Berliner „Ruine der Künste“ eine Ausstellung zusammengetragen, die Arbeiten von zwei Dutzend modernen Künstlern und Wissenschaftlern zeigt, die sich mit dem Thema auseinandersetzen. Titel: „handschreiben – Medium aller Künste“.

Handschreiben in der Kunst - Thema einer Ausstellung in der Ruine der Künste, Berlin. Foto: Ruine der Künste

Handschreiben in der Kunst – Thema einer Ausstellung in der Ruine der Künste, Berlin. Foto: Ruine der Künste

Marcel Duchamp, Meret Oppenheim, Iannis Kounellis, Fritz Schwegler, Irma Blank (um hier nur einige zu nennen) – die Liste der in der Berliner Schau vertretenen Künstler ist namhaft und lang. Im Gespräch erklärt Kahlen, worum es ihm mit der Ausstellung geht, nämlich um „Identität“, die über die Handschrift zum Ausdruck komme.

Was er meint, erklärt Kahlen anhand eines der Ausstellungsobjekte: dem Faksimile eines von Franz Kafka handgeschriebenen Briefes. „Kafka hatte wahnsinnige Angst vor Mäusen und Ratten“, – und dies sei dem Schreiben, in dem der Schriftsteller vom Rascheln im Raum berichtet, anzusehen, so meint der Ausstellungsleiter. Die Schrift sei hektisch und mit viel Druck aufs Papier gebracht worden. Die Panik des Autoren lasse sich visuell erleben. Neben der Handschrift zeigt die Ausstellung zwei digitale Ausdrucke – der gleiche Text in einer künstlichen Handschriften-Anmutung (Kahlen: „schön, aber langweilig“) und als E-Mail („steril“).

Handschreib-Aktion auf Instragram

In die gleiche Kerbe schlägt Hans Ulrich Obrist, künstlerischer Leiter der Londoner Serpentine Galleries. „Eine ganze Kultur geht verloren, Tausende Jahre alt. Es verschwindet eine parallele Realität“, sagt der Kurator angesichts der zunehmenden Entfremdung gerade junger Menschen vom Handschreiben.

Schon seit Jahren arbeitet der Schweizer aktiv gegen den Trend an – er bittet Künstler um handschriftliche Notizen und teilt diese auf der Foto-App Instagram. „Vor mehreren Jahren stieß ich auf einen Text von Umberto Eco, in dem er mahnt, die Handschrift wieder einzuführen. Es ist zwar unwahrscheinlich, dass man Kinder jetzt wieder in Kalligrafiekurse schickt, aber es leuchtete mir ein“, so berichtet er gegenüber dem Magazin „monopol“ von den Anfängen seines Projekt. Mittlerweile hat er Hunderte von Handschriften veröffentlicht. Obrist: „Wenn man sich die Postits jetzt anschaut, stellt man fest, dass es nicht zweimal dieselbe Schrift gibt. Das fasziniert mich.“

Dass Obrist dabei keineswegs mit den digitalen Medien fremdelt, zeigt schon die Art der Veröffentlichung: ein soziales (Foto-)Netzwerk eben. So geht es für den Ausstellungsleiter auch nicht um Nostalgie, wenn er auch in seiner privaten und beruflichen Kommunikation die Handschrift nutzt – er kombiniert sie mit der modernen Technik. Heißt konkret: Er schreibt Briefe mit der Hand, scannt sie ein und verschickt sie per E-Mail.

Auch der Medienkünstler Kahlen, der früh etwa mit Videos arbeitete, hat nichts gegen die Digitalisierung, gegen die kurze elektronische Kommunikation („sinnvolles Instrument, um klare Inhalte rüberzubringen“). Nur: Sie ist eben eindimensional. Rational. Effizient. Wirtschaftlich. Kalt. Und dem möchte Kahlen das „menschliche“ Handschreiben als eigene Ausdrucksform entgegensetzen.

Schon als Student bei dem berühmten Soziologen Norbert Elias machte Handschrift einen besonderen Eindruck auf den späteren Künstler: In einer Vorlesung 1973 schrieb der damals schon betagte Elias in, so Kahlen, „zittriger, aber ungemein lebendiger Schrift“ eine ganze Tafel voll mit seinen Gedanken zur Sozialisierung des Menschen. „Wie der uns mitgenommen hat“, – gleich zweifach, verbal und schriftlich, so erinnert sich Kahlen. Tief beeindruckt ging er nach der Stunde zu seinem Professor – und bat ihn allen Ernstes darum, die Tafel abmontieren und mitnehmen zu dürfen. Elias hatte nichts dagegen.

Und so ist die eng beschriebene Tafel heute in der Berliner Ausstellung zu sehen.

Die Ausstellung „handschreiben – Medium aller Künste“ ist noch bis zum 15. Dezember in der Ruine der Künste Berlin, Hittorfstraße 5, zu sehen. Sie ist freitags, samstags und sonntags von 15 bis 19 Uhr geöffnet.

 

Hintergrund: Probleme mit dem Handschreiben

Die Lehrerinnen und Lehrer in Deutschland sehen immer häufiger, dass Schülerinnen und Schüler Probleme mit dem Handschreiben haben. Dies geht aus einer Umfrage hervor, die der Deutsche Lehrerverband (DL) gemeinsam mit dem Schreibmotorik Institut, Heroldsberg, durchgeführt hat. Danach meinen vier Fünftel (79 Prozent) der an der Erhebung beteiligten Lehrerinnen und Lehrer an weiterführenden Schulen, die Handschrift ihrer Schülerinnen und Schüler habe sich im Schnitt verschlechtert.

Sogar 83 Prozent der befragten Grundschullehrerinnen und Grundschullehrer gaben an, dass sich die Kompetenzen, die Schüler als Voraussetzung für die Entwicklung der Handschrift mitbringen, in den vergangenen Jahren verschlechtert haben. Nach Einschätzung der an der Umfrage beteiligten Lehrkräfte haben die Hälfte der Jungen (51 Prozent) und ein Drittel der Mädchen (31 Prozent) Probleme mit der Handschrift.

Zum Bericht: Nach Umfrage unter Lehrern entbrennt bundesweite Debatte um das Handschreiben

 

10 Kommentare

  1. Wie kann sich denn „eine Handschrift verschlechtern“? Das würde ja heißen, es gibt einen objektiven Maßstab der Handschriften in gut und schlecht unterteilt? Dieser Maßstab würde mich mal sehr interessieren. Und wer hat sich diese Grenze zwischen gut und schlecht ausgedacht?
    Meine Handschrift ist gut, solange ich sie lesen kann. Wenn andere es lesen sollen, wird getippt.

    • Sehr geehrte Lisa,

      im Text steht – völlig korrekt – dass vier Fünftel (79 Prozent) der an der Erhebung beteiligten Lehrerinnen und Lehrer an weiterführenden Schulen erklären, die Handschrift ihrer Schülerinnen und Schüler habe sich im Schnitt verschlechtert. „Im Schnitt“ – das bedeutet eben nicht, dass die Schrift eines einzelnen Schülers sich im Verlauf der Schulzeit verschlechtert, sondern dass die Schülerschaft, mit der die Lehrkräfte heute zu tun haben, mehr Probleme mit dem Handschreiben hat als die Schülerschaft vor vielleicht fünf, zehn oder 15 Jahren.

      Im Rahmen der Erhebung wurde zur Beurteilung des Handschreibens zwei Maßstäbe genutzt: erstens, die Lesbarkeit (in der Schule wird eben noch nicht getippt), zweitens die Fähigkeit, über einen längeren Zeitraum beschwerdefrei zu schreiben.

      Sie finden eine umfassende Berichterstattung zur Studie hier: http://www.news4teachers.de/2015/04/umfrage-79-prozent-der-lehrer-sehen-verschlechterung-der-handschrift/

      Herzliche Grüße
      Die Redaktion

    • Ich würde mal sagen in lesbar oder nicht-lesbar.

  2. Da heißt es immer, man solle die Ergebnisse der Hirnforschung für die Schule ernst nehmen. Untersuchungen zeigen, dass diejenigen Studenten die Inhalte einer Vorlesung besser behalten, die per Hand mitgeschrieben haben als diejenigen die auf Laptops mitgehackt haben – trotzdem wird die Abschaffung der Handschrift gefordert.

    • nu, niemand fordert die Abschaffung. Man gibt den Schülern nur weniger Zeit, die Handschrift zu lernen, und hält sie weniger zu Fleiß und Aufmerksamkeit an. Man redet pausenlos von den wichtigen digitalen Fähigkeiten und fordert mehr Lernzeit und Ressourcen dafür.

      • Wobei das Digitale, so wie es diskutiert wird – überschätzt wird. Diskutiert werden leider nur Anwenderfähgigkeiten und Produktschulungen. In den wahrlich nicht technikfeindlichen USA werden die Laptop-Klassen schon wieder zurückgefahren, da diese eher schaden als nützen.

    • 80% meiner Vorlesungen habe ich nicht mitgeschrieben bzw. 60% der Vorlesungen auch nicht besucht, da die PowerPoint Folien des Dozenten 1 Stunde später auf seiner Homepage waren.

  3. Meine KollegInnen von Klasse 1/2 beklagen sich über die immer schlechteren feinmotorischen Voraussetzungen der Kinder, obwohl diese eine Kita besucht haben. Wie sieht es denn mit der Förderung der grob- und vor allem feinmotorischen Fähigkeiten in den Kitas aus?
    Ich mache gerade eine interessante Erfahrung: Ich habe gerade eine Klasse übernommen, die die SAS (Schulausgangsschrift) gelernt hat statt der VA (Vereinfachte Ausgangsschrift). (Wir können als Schule nach dem neuen Lehrplan zwischen VA und SAS als Ausgangsschrift wählen.) Die Handschrift ist im Schnitt (es gibt nur einen Ausreißer) wesentlich besser als die der Klassen, die die VA gelernt haben. Mal sehen, ob es so bleibt.

Hinterlasse einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.Benötigte Felder sind markiert *

*