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Zu lange nichts getan – und dann zu viel auf einmal: Wie die Politik die Schulen in Baden-Württemberg herabgewirtschaftet hat

STUTTGART. Der Absturz Baden-Württtembergs im Bildungsranking ist der wohl aufsehenerregendste Befund im aktuellen IQB-Schulleistungsvergleich. Von allen Seiten erreichen Kultusministerin Eisenmann nun Vorschläge, wie die Misere zu beheben sei, begleitet vom Streit um die Ursachen. Neben dem Landesschülerrat meldete sich jetzt der Tübinger Bildungsforscher Ulrich Trautwein zu Wort. Er macht die Schulpolitik der letzten Jahre für das Desaster verantwortlich.

Galt auch als unsinkbar: die Titanic. Illu: Willy Stöwer / Wikimedia Commons

Galt auch als unsinkbar: die Titanic. Illu: Willy Stöwer / Wikimedia Commons

Das schlechte Abschneiden Baden-Württembergs beim Schulleistungsvergleich zeigt aus Sicht eines Bildungsexperten, dass die Qualität im Bildungswesen des Landes schon lange zu wünschen übrig lässt. «Frühere Schulvergleiche haben gezeigt, dass Baden-Württemberg schon seit Jahren stagniert, während sich andere Bundesländer weiterentwickelten», sagte der Tübinger Bildungsforscher Ulrich Trautwein dem Nachrichtenmagazin «Spiegel».

Vor 2011 sei im Südwesten die CDU an der Macht und nur begrenzt bereit gewesen, Probleme wahrzunehmen und anzugehen. «Und wo sie es tat, fand sie nicht immer die besten Lösungen. Lehrkräfte waren vom Bildungsplan 2004 überfordert und fühlten sich von der Politik alleingelassen.» Zudem hätten Schulreformen der vorigen grün-roten Landesregierung Unruhe ins Schulsystem gebracht und die Lehrkräfte abgelenkt.

Der Landesschülerbeirat will, dass die Zahl der Schüler in einer Klasse gesenkt wird. «Um künftig wieder hochwertige qualitative Bildung anbieten zu können, fordern wir eine Senkung des Klassenteilers auf maximal 28 Schülerinnen und Schüler pro Klasse an allen Schulen», sagte der Vorsitzende des Landesschülerbeirats, Joachim Straub, nach einer Mitteilung am Samstag in Stuttgart. Der jetzige Klassenteiler liege je nach Schulart bei bis zu 30 Schülern pro Klasse. «Die Senkung des Klassenteilers ist eine logisch nachvollziehbare Methode, um das allgemeine Lernklima und die Förderung sowie Begleitung des Schülers zu verstärken», erklärte Straub.

Nach der IQB-Studie sackt der einstige Primus Baden-Württemberg auf hintere Ränge ab: Von Platz zwei im Fach Deutsch beim Zuhören landen die Neuntklässler im Land jetzt auf Platz 14, beim Lesen rutschten sie von Platz drei auf Platz 13 und bei der Orthografie vom zweiten auf den zehnten Rang.

Die von Grün-Rot eingeführte Gemeinschaftsschule beteiligte sich nicht an der Studie, da Neuntklässler geprüft wurden und die Gemeinschaftsschulen noch keine neunten Klassen hatten. Auch der erst vor wenigen Jahren beschlossene Wegfall der verbindlichen Grundschulempfehlung kann sich noch nicht in dem Ergebnis niedergeschlagen haben. «Jedoch hat es eine Signalwirkung fürs gesamte Schulsystem gegeben, Notenhürden abzuschaffen. Es gab in Baden-Württemberg viele Propheten, die gesagt haben: Schule muss vor allem Spaß machen, wir hängen Leistung zu hoch», betonte Trautwein.

Strukturreformen belasten aus Sicht von Trautwein die Lehrkräfte und können dafür sorgen, dass diese Aufgaben falsch priorisieren. «Sie planen und sitzen in Konferenzen, anstatt den Unterricht vorzubereiten oder einzelne Schüler zu fördern. Sie sind abgelenkt vom Kerngeschäft.»

Eine Aufstockung der Lehrkräfte allein werde den Unterricht nicht verbessern. «Dazu gehört neben systematischer Fortbildung auch, Lehrer sorgfältig auszuwählen.» Baden-Württemberg hatte in den vergangenen Jahren einen hohen Bedarf an Pädagogen. «Praktisch jeder, der mit dem Referendariat fertig wurde, bekam direkt eine Stelle auf Lebenszeit, es gab kaum einen Bewerberüberhang. Das ist auf Dauer nicht gut», betonte Trautwein. dpa

• zum Bericht: Nach IQB-Studie: Baden-Württemberg steht unter Schock – Landesrechnungshof soll helfen
• zur Analyse: Was macht Schleswig-Holstein richtig – und Baden-Württemberg falsch?

Hintergrund: Was der VBE meint

Der Lehrerverband Bildung und Erziehung (VBE) bestärkt Kultusministerin Susanne Eisenmann (CDU) darin, in den Schulen des Landes wieder auf Leistung zu setzen. «Leistungen einzufordern ist weder unpädagogisch noch unmenschlich. Im Gegenteil: eine Leistung in der Schule zu erbringen, sollte motivierend und persönlichkeitsstärkend sein», sagte VBE-Sprecher Michael Gomolzig am Sonntag in Stuttgart. Ein Unterricht, der diese Anforderungen vernachlässige, benachteilige lustlose und schwächere Schüler und schade auch denen, die leistungsorientiert seien.

In einer Pressemitteilung des Verbands heißt es: „Eine Schule ohne Leistungsanforderung wird weder ihrem Bildungs- und Erziehungs­auftrag noch dem meist vorhandenen Leistungswillen der Kinder gerecht. Eltern und Lehrer müssen daher die in der Regel natürliche positive Grundeinstellung der Kinder zur eigenen Leistung erhalten und fördern. Dabei sollen Leistungsanforderungen nicht nur auf den kognitiven Bereich beschränkt bleiben, sondern auch das Einfühlungsver­mögen, das soziale Engagement und die Freude an Musik, Sport und Kunst stärken.

Nach Auffassung des VBE muss eine Schule, deren Bildungsziel „Mündigkeit der Schüler“ lautet, Kinder und Jugendliche zu aktiven und selbständigen Bürgern erziehen; Bürger, die auch in der Dynamik eines gesellschaftlichen Umbruchs bestehen können. Lernen in einer demokratischen Leistungsgesellschaft hat deshalb immer emanzipatori­schen Wert. Gleichzeitig muss gewährleistet sein, dass Schüler mit geringerer Leis­tungsfähigkeit aufgebaut, verlässlich gefördert und zu einem angemessenen Bildungsni­veau geführt werden, ganz gleich an welcher Schulart sie sind. Dafür benötigen alle Schulen ausreichende Differenzierungsstunden sowie zusätzlich Unterstützung durch Eltern, Sozialpädagogen und bei Bedarf durch Schulpsychologen und Therapeuten.

Eine weitere wesentliche Aufgabe der Schule ist es, den Schülern Kompetenz zum Lernen zu vermitteln. Denn nur wer in der Lage ist, Lernprozesse selbsttätig zu orga­nisieren und effektiv durchzuführen, kann die eigene Leistungsfähigkeit auf Dauer er­halten und erweitern.“

 

19 Kommentare

  1. die überschrift bringt es auf den punkt. das gilt aber nicht nur für baden württemberg, sondern für nahezu alle bundesländer. als stichworte brauche ich nur zentralabitur, g8, kompetenzorientierung und inklusion zu nennen. in nrw passierte das alles übrigens in den vergangenen zehn jahren. ziemlich viel für etwas, das jedes für sich mindestens zehn jahre zur vollen reife benötigt.

    baden württemberg kann bzw. die dortigen grünen können aus meiner pessimistischen sicht froh sein, dass die gemeinschaftsschule noch nicht am test teilnehmen konnte. ich befürchte schlimmes für die dortigen ergebnisse.

    • Letztere Befürchtung kann das Beispiel SH doch nur entkräften.

      Es ist wie in der Verkehrspolitik; jeder schreit nach einem verstärkten Ausbau bzw. mehr Mittel für die Erhaltung der Infrastruktur. Nur leider müssen die betreffenden Maßnahmen im laufenden Verkehr (unter rollendem Rad) durchgeführt werden. Anschließend müssen sich die Verantwortlichen für die Beeinträchtigungen während der Umbauphase rechtfertigen.

      Für Schule gilt, das, was wir hatten, taugte als Idee von Schule im Sinne der Wissensvermittlug nicht mehr (PISA). Das, was wir wollen, wissen wir derzeit auch nicht, da zu viele ihre Interessen versuchen durchzustzen (Schule soll lediglich auf die Berufsausbildung abgestellt werden), welche zeit soll zur Verfügung gestellt werden und in welchen Schulformen soll die Bildung vermittelt werden. Sprich alle grundsätzlichen Entscheidungen sind in vielen Bundesländern offen bzw. es wird heftig um diese Grundsatzpositionen gerungen. – Nur leider müssen die jetzigen Schülergruppen, die zwischen diesen „Hauptkampflinien“ verschlissen werden, zum Abschluss geführt werden. Und jede Gruppe, die fertig wird, genügt dann nicht den Anfordrungen der gerade zeitlich vorherrschenden Mehrheitsmeinung.

      Ohne die „Kulturkämpfe“ ind en 70ern hätte man Schule bis zur Jahrtausendwende kontinuierlich im Sinne der damals begonnen Reformen (z.B. die Oberstufenreform) weiterentwickeln können. Leider wurde diese kontinuierliche Entwicklung zu ungunsten idiologischer Kurzschlüsse geopfert. Ich mache den Job als Seiteneinsteiger gerade einmal ca. 12 Jahre, habe in der zeit aber bereits drei- bis viermal die schulinternen Curricula und die Grundsätze der Leistungsbewertung überarbeiten müssen. Das heißt für jede Schülergeneration hat es zwei bis drei grundlegende Veränderungen während ihrer Zeit in der Sekundarstufe I gegeben, wobei die derzeit in NRW gültige APO-SI aus 2005 ist.

  2. Ob 35 oder 28 ist (siehe Hattie-Studie) ohne Belang. Ein nachweisbarer qualitativer Vorteil erwächst bei einem Klassenteiler von 16 Schülern.

    Der zweite genannte Punkt, dass Lehrkräfte zeitlich zu stark mit der Implementierung, Umsetzung und Evaluation von geänderten Kernlehrplänen befast werden, ist nachvollziehbar. Die zeit, die in Konferenzen und Dienstbesprechungen vergeudet wird, fehlt für die Planung und Vorbereitung des eigenen Unterrichtes und für die individuelle Förderung.

    Würden die ganzen „Bildungsforscher“ sich nicht ausschließlich auf die Testung von Schülern beschränken sondern konkrete Vorschläge erarbeiten, wie die politischen Vorgaben sinnvoll unter Berücksichtigung der tatsächlich zur Verfügung stehenden Ressourcen umzusetzen sind, wäre schon viel gewonnen.

    Z.Zt. hat man nämlich im Bildungsbereich den Bewohnern das Löschen im Brandfall zur aufgabe gemacht, die Feuerwehren mehr oder weniger aufgelöst und dafür die Truppe der Brandermittler personell verstärkt. Es wird kein einziger Brand mehr dadurch verhindert oder die Brandbekämpfung verbessert, es steigt allenfalls das theoretische Wissen darüber, wie der Brand entstanden sein könnte. Und um die Vorherrschaft auf diesem Wissensgebiet streiten sich dann auch noch mehre Experten, die ihre Expertise für allein selig machend halten. – Wer sich nämlich bei diesem streit durchsetzt erhält den Hauptanteil der Drittmittel für seinen Lehrstuhl. Zusätzlich befeuert wird dieser Meinungsk(r)ampf dann noch durch Lobbyverbände wie die B.-Stiftung.

  3. Die nächten, die abstürzen werden sind die Bayern. Hier wird auch seit 10 Jahren nur gepfuscht.

    • Beim bayerischen Selbstverständnis genügt schon ein zweiter Platz, der sich auch nicht durch noch so geschickte Rechentricks in einen ersten Platz umwandeln lassen kann.

    • Seit 10 Jahren? Auf was konkret beziehen Sie das? Auf welche Schulart? Der „alte Lehrplan“ wurde um 2000 eingeführt und galt /gilt ca. 16 Jahre.

      • In Bayern wurde z.B. G8 um 2003 eingeführt (erstes Abitur 2011). Das sind etwa zehn Jahre. Die Abiturerlasse sind daher auf Basis eines G9-Lehrplans als „Übergang“ zu sehen und damit mehr ein Gewurschtel, von Gepfusche kann ich mangels genauerer Kenntnisse nicht schreiben, GriasDi kann das sicherlich besser.

        • In Bayern gibt es ja nicht nur das Gymnasium. Mir fiel bei dem Post nur das
          G 8 ein. Doch das ist nur auf das Gymnasium bezogen. Was ist mit den Real- und Mittelschulen? Das sind ja auch Schulen der Sekundarstufe. Da hört man inhaltlich/strukturell keine Klagen bis auf das altbekannte Problem des Schülerklientels.

          • Wobei in Bayern wegen der geringen Gymnasialquote noch auf hohem Niveau gejammert werden dürfte. In NRW & co mit einer Gymnasialquote von 50-60% geht quasi die bessere / verträglichere Hälfte der bayerischen Real- und Mittelschulen noch auf das Gymnasium.

          • Ich bezog mich aufs G8. Realschulen haben ja das Glück, dass man sie weitgehend ruhig arbeiten lässt. Außerdem gibt es dort mittlerweile viele G8-Flüchtlinge, an manchen Realschulen befinden sich bis zu 30 % mit Gymnasialempfehlung.

      • Ich beziehe es auf die Einführung des G8. Schlampig eingeführt, schlampig weitergeführt. NIcht auf Fachleute gehört usw. Die Unis müssen es heute ausbaden. Eine Hamburger bzw. eine Berliner Uni führen Zwischenkurse ein, um die Studierenden auf Uni-Anfängerniveau zu bringen. Ironischerweise, werden diese Zusatzkurse von Lehrern gegeben. Das wegfallende 13te Schuljahr wird nun in den Unis vorgeschaltet – was für ein Gewinn.

        • Heute beginnen zwischen 50 und 60 Prozent eines Jahrgangs ein Studium (haben also eine Hochschulreife), nur ca. 30 Prozent des Jahrgangs absolvieren ein Studium erfolgreich – was bringt also dieser Abitur-Hype???

          • Stimmt. Bei uns hat sich vor einigen Jahren die hiesige Schulleitung des Gymnasiums beklagt, dass wir zu wenig Schüler „schicken“ würden (wenn ich schon den Ausdruck höre, dann bin ich schon genervt, denn ich schicke keine Schüler, das sind Eltern und manchmal auch Schüler gegen den Willen der Eltern, die das wollen). Manchmal habe ich das Gefühl, den Gymnasien geht es darum den Eingangswettbewerb mit den Realschulen zu bestehen ohne sich um den Verbleib des Schülers am Gymnsaium Gedanken zu machen. Inzwischen sind die Infoveranstaltungen der Schulen zu professionellen Werbeveranstaltungen geworden. Zumindest habe ich bei uns den Eindruck. Es gibt Schüler, die sich aufgrund der besseren Präsentation der Schularten entscheiden, denn es gibt auch Schülerführungen. Wie viele sind schon trotz anderer Beratung mit Illusionen ans Gymnasium gegangen um später dann auf einer anderen Schulart zu landen.

        • Lehrkräfte sind leicht abordbar und damit für das Wissenschaftsministerium billiger als eigenes Personal, sei es neu befristet eingestellte Lehrkräfte für besondere Aufgaben.

          Da die Klagen über Kompetenzorientierung und Studierunfähigkeit wirklich immer lauter werden, halte ich eine stärkere Inputorientierung für alle Schulformen und damit automatisch geringere Abiturquote mit der nächsten Lehrplannovellierung für zumindest nicht ausgeschlossen. Der Abitur-Hype wird folglich abebben. Die Beschwerden der Eltern „In meinem Abitur durfte ich ein zweisprachiges Wörterbuch benutzen.“ oder „Wie Beweise in Mathematik?“ sind ein notwendiges Übel.

          • Kommt auf das eigene Personal an. Solche Kurse würden ja von wissenschaftlichen Mitarbeitern gegeben – diese sind doch billiger als Lehrer.

          • Nein, weil die Personaldecke an den Universitäten sehr dünn ist. Lehrer werden durch das Kultusministerium bezahlt. Folglich ist der Lehrauftrag an der Uni für die Uni selbst kostenfrei.

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