Startseite ::: Leben ::: Lassen wir unseren Kindern zu viel durchgehen? Ein Plädoyer für ein Ende des Laisser-faire in der Erziehung

Lassen wir unseren Kindern zu viel durchgehen? Ein Plädoyer für ein Ende des Laisser-faire in der Erziehung

BERLIN. Ab wann gilt es, auf die Einhaltung von Regeln zu beharren? Welche Grenzen braucht Freiheit, damit sie bewahrt bleibt? Wie oft nehmen wir es hin, wenn Jugendliche außerhalb des Elternhauses über die Stränge schlagen und pöbeln, beschimpfen oder kriminelle Delikte begehen? Wenn kleine Tyrannen aus prekären wie auch gut situierten Verhältnissen in der Schule notorisch den Unterricht stören? Oder wenn die Söhne muslimischer Einwanderer mit liberalen Werten überfordert sind und dies durch ihr Verhalten zum Ausdruck bringen? Zu viele negative Verhaltensweisen werden ohne Konsequenzen als „Alltagsrealität“ akzeptiert – meint jemand, der es den Umgang mit Kindern und Jugendlichen aus der Praxis kennt: der ehemalige Lehrer und Moderator für Gewaltprävention, Axel Becker. Er hat jetzt ein Buch vorgelegt, das für rege Diskussionen sorgen dürfte. In „Die Toleranzfalle“ plädiert Becker für ein Ende des Laisser-faire und ein Bekenntnis zu Werten, das vor Konsequenzen nicht Halt macht, ohne in autoritäre Verhaltensmuster zurückzufallen.

Kinder brauchen Grenzen - aber setzen Erwachsene diese auch konsequent? Foto: a4gpa / flickr (CC BY-NC-SA 2.0)

Kinder brauchen Grenzen – aber setzen Erwachsene diese auch konsequent? Foto: a4gpa / flickr (CC BY-NC-SA 2.0)

Becker bedauert darin, dass aus einer Haltung der Toleranz oft Gleichgültigkeit gegenüber jugendlichem Fehlverhalten entsteht, und Übertritte und Delinquenz, ob im Klassenzimmer oder auf der Straße, mit einem Laisser-faire beantwortet werden. Schnell entstehen daraus Angst und Verwahrlosung.  Der Autor warnt vor dieser Abwärtsspirale und fordert ein engagiertes Eintreten für das Gemeinwohl und seine Regeln. Als Pädagoge weiß er, dass Kinder und Jugendliche ein Anrecht auf Widerständigkeit haben: Damit Jugendliche sich abgrenzen können, hilft es allerdings, wenn Erwachsene eine klare Position beziehen. Verlässliche Beziehungen, gesicherte Grundbedürfnisse, Regeln und Rituale sowie Konsequenzen sind hierfür unerlässlich. Sonst droht ein großer Schaden – und zwar nicht nur den Jugendlichen, sondern der Gesellschaft. Der folgende Beitrag ist Beckers Buch entnommen.

Mann der Praxis: der Pädagoge Axel Becker. Foto: Beltz

Mann der Praxis: der Pädagoge Axel Becker. Foto: Beltz

Becker schreibt:

„Auf einem Workshop kam ich mit einem jungen Strafgefangenen ins Gespräch. Dieser junge Mann, der dem Dozenten bei den Übungen assistierte, hatte mit 19 Jahren einen bewaffneten Raubüberfall begangen und war daraufhin in Haft gekommen. Während der Mittagspause berichtete er mir, dass er schon als Kind Probleme gehabt habe, sich an Regeln zu halten. Mit 13 Jahren sei er dann kriminell auffällig geworden, in den Folgejahren kamen immer neue Fälle hinzu. »Und all diese Jahre hindurch, nach jedem neuen Fall«, so sein Vorwurf, »haben sie mich nur vollgelabert und mich in dem Glauben gelassen, ich könne immer so weitermachen. Wirklich passiert ist sieben Jahre lang nichts. Erst dann, als ich 19 war. Ist das fair?«

Ich konnte diesem Vorwurf nicht widersprechen. In meiner 30-jährigen Arbeit als Lehrer mit verhaltensschwierigen Kindern und Jugendlichen habe ich immer wieder die Erfahrung gemacht, dass endlose Mahnungen, Erklärungen und Strafpredigten gegenüber dissozialem und gewalttätigem  Verhalten wenig bewirken.

Dies gilt auch für viele der üblichen Interventionen auf Regelverstöße oder Gesetzesübertretungen. Sie werden von verhaltensschwierigen jungen Menschen weder besonders ernst genommen noch als wirksam eingeschätzt. Dieser Sichtweise entsprachen auch die Klagen von Pädagogen, für die ich seit 2001 im Themenbereich Gewaltprävention Fortbildungen gegeben habe. Verstörend war vor allem die Erkenntnis, wie wenig Wirkung gut gemeinte, von Toleranz und Verständnis geprägte Reaktionen gegenüber dissozialen Verhaltensweisen zeigten. Angesichts akuter Probleme und des Anspruchs der Politik, im Rahmen der Inklusion verhaltensschwierige Kinder und Jugendliche in die Regelschulen aufzunehmen, fühlten sich die Kollegen hilflos und überfordert.

Doch nicht nur Schule und andere pädagogische Einrichtungen sind betroffen. Klagen kommen aus allen Bereichen der Gesellschaft. Aus Gesprächen mit Mitarbeitern anderer Institutionen, von Freizeiteinrichtungen und Verkehrsbetrieben lassen sich ähnliche Probleme erkennen. Die Wirtschaft beklagt bei vielen Berufsanfängern nicht nur unzureichende Kenntnisse der grundlegenden Kulturtechniken, sondern vor allem einen auffälligen Mangel an persönlichen und sozialen Kompetenzen. Eltern sind mit der Erziehung zunehmend überfordert, und in den Medien finden sich fast täglich Meldungen über dissoziale Verhaltensweisen von Kindern und Jugendlichen in der Öffentlichkeit. Was bei jungen Menschen zur Gewohnheit wird, hört mit dem Beginn der Volljährigkeit nicht auf.

Als Lehrer macht es mich betroffen, dass sogar Pädagogen vor den anstehenden Problemen kapitulieren. Diese Betroffenheit gilt auch jenen, die durch ihr Verhalten die Schwierigkeiten hervorrufen. Sie haben das Recht auf die bestmögliche Förderung. Und wer, wenn nicht wir als Pädagogen, sollte dazu in der Lage sein. Dabei soll keineswegs übersehen werden, dass die tieferen Ursachen vieler Verhaltensprobleme in sozialen und ökonomischen Mängeln gründen, die nur auf lange Sicht verändert werden können. Doch dies kann keine Entschuldigung dafür sein, einer langsamen Erosion der sozialen Umgangsformen tatenlos zuzuschauen und die gegebene Situation zu akzeptieren.

Sind junge Menschen mit sozialen Defiziten erwachsen geworden, begrenzen sich in einer freien Gesellschaft die Möglichkeiten für eine nachhaltige Prävention und Intervention. Umso mehr stehen die Gesellschaft und ihre Institutionen in der Verantwortung, früh und eindeutig einer dissozialen Entwicklung entgegenzuwirken. Allerdings erfüllen sie diese Aufgabe mancherorts eher schlecht als recht. Das hat vielfältige Ursachen, die aktuelle gesellschaftliche Einstellungen und Haltungen spiegeln. Viele Bedingungen, die ich als Einschränkung der pädagogischen Handlungsfähigkeit erlebt habe, sind veränderbar.

Dies betrifft neben bürokratischen, juristischen und finanziellen Einschränkungen vor allem den individuellen Umgang mit dissozialen Verhaltensweisen. Das allerdings setzt die Bereitschaft voraus, sich von einigen Illusionen zu lösen und die Probleme differenzierter zu betrachten. Es gilt, sich aus einer Art ideologischer Selbstbeschränkung zu befreien. Aus Verständnis für die individuellen und sozialen Schwierigkeiten der betroffenen Kinder und Jugendlichen wird oft alles vermieden, was den Anschein von Konsequenz und Begrenzung erwecken könnte.

Diese Haltung findet sich nicht nur bei professionellen Pädagogen, sondern kennzeichnet die Ansicht breiter Bevölkerungsschichten. Die Aufbruchsstimmung pädagogischer Reformdiskussionen der letzten Jahre beförderte eine öffentliche Erwartungshaltung an die positive Wirkung einer Erziehungspraxis, die vornehmlich auf eine tolerante Vorgehensweise gründet. Aber nicht selten scheitern Eltern ebenso wie Pädagogen und andere erziehungsrelevante Berufsgruppen mit dieser einseitigen Sichtweise an der Realität. Viele Kinder und Jugendliche entsprechen nicht den idealen Ansprüchen an das erwartete sozial kompetente Verhalten.

Was schon im schulischen Bereich misslingt, setzt sich unter ungünstigeren Vorzeichen im Leben der jungen Erwachsenen fort und prägt immer stärker die öffentliche Kommunikation. Rüpelhaftigkeit, Rücksichtslosigkeit und Aggressionen nehmen zu und werden nicht selten als Ausdruck individueller Freiheitsäußerungen (miss)verstanden. Das Gefühl der allseitigen Überforderung von Eltern, Pädagogen und betroffenen Bürgern zeigt sich in Hilflosigkeit und Resignation.

Was tun? Erziehungsideale und -modelle müssen überprüft werden. Es gilt, kritisch zu hinterfragen, ob deren hoher Anspruch auf Freiwilligkeit, Einsicht und Selbstständigkeit die aktuell vorhandenen Fähigkeiten sozial behinderter junger Menschen in vielerlei Hinsicht überschätzt. Dabei fängt die Handlungsunsicherheit von Lehrern, Eltern und Erziehern keineswegs erst bei schweren, medienträchtigen Vorkommnissen an. Kein dissozial auffälliger, gewalttätiger Jugendlicher beginnt als Intensivtäter. Aber jeder dieser jungen Menschen wird mit Erfahrungen groß, die sein weiteres Verhalten mitbestimmen.

So zeigen sich die Probleme schon im alltäglichen Umgang mit sozial belastenden Verhaltensweisen. Indem Erwachsene hierbei oft nachlässig oder unsicher intervenieren, werden den Kindern und Jugendlichen, die mit ihrem Verhalten Schwierigkeiten haben, vielversprechende Orientierungen und Hilfestellungen für ihre Persönlichkeitsentwicklung vorenthalten. Begünstigen wir also mit unseren Erwartungen und Idealen, mit unserem Denken und Handeln, vor allem aber mit unseren Unterlassungen die Entstehung und Ausbreitung dissozialen und vielfach gewalttätigen Verhaltens? Bieten wir denen, die mit dem Prozess der sozial-emotionalen Entwicklung größere Schwierigkeiten haben und deshalb besonderer Hilfe bedürfen, ausreichend Unterstützung und Halt? Reicht unser liberales und auf oft grenzenlose Toleranz fußendes Verständnis von Erziehung aus? Falls nein, wie könnten wir es besser machen, ohne in autoritäre Erziehungsmuster der Vergangenheit zurückzufallen?

Fragen, die uns tagtäglich beschäftigen und in Zukunft an Dringlichkeit gewinnen werden. Das gilt nicht nur im Hinblick auf die beabsichtigte Inklusion verhaltensschwieriger Schüler in die allgemeinbildende Schule, sondern ganz aktuell auch hinsichtlich hunderttausender junger Menschen, die mit den Verhaltens- und Wertvorstellungen fremder Kulturen im Gepäck als Flüchtlinge zu uns kommen und in das demokratische Wertesystem einer offenen, liberalen Gesellschaft integriert werden müssen.

Ganz gleich, ob wir aus professionellem Interesse, als Lehrer, Erzieher, Eltern oder interessierte Bürger damit konfrontiert werden – die Aufgabe, jungen Menschen die Regeln unseres Rechtsstaates und einer freien, offenen Gesellschaft zu vermitteln, geht uns alle an. Es ist eine der schwierigsten und zugleich entscheidendsten Fragen unserer heutigen Gesellschaft. Von ihrer Beantwortung wird abhängen, ob und wie wir die sozialen und politischen Probleme in der nahen Zukunft meistern können.“

Der Autor

Axel Becker fuhr früher zur See, war im Polizeidienst und wurde dann Lehrer. Über 30 Jahre lang hat er in der Comenius Sonderschule in Berlin gearbeitet. Parallel dazu absolvierte er eine berufsbegleitende Weiterbildung in Sozialem Lernen und Ausbildung zum Mediator für Gewaltprävention. Seit 2012 gibt er Seminare und Workshops auf Honorarbasis, unter anderem für die Friedrich-Ebert-Stiftung. Axel Becker lebt in Berlin.

9783407864116

Axel Becker: Die Toleranzfalle – Was grenzenlose Liberalität uns und unseren Kindern antut. Beltz-Verlag, 19,90 Euro.

17 Kommentare

  1. Zur Titelfrage: Ja !

  2. Danke für dieses Buch. Es stärkt jenen den Rücken, die NICHT alles vermieden, was den Anschein von Konsequenz und Begrenzung erwecken könnte.

  3. „Laisser faire“ war schon immer das genaue Gegenteil von Erziehung.

  4. Wenn das Buch Schule macht, hege ich Hoffnung, dass das Laissez Faire auch irgendwann wieder zurück in die Schulen kommt. Schule muss keinen Spaß machen, im Idealfall Freude, in jedem Fall aber Arbeit.

    • Ich hoffe, dass auch anderes, was unter dem Begriff „Toleranz“ oder „Erziehung zur Toleranz“ läuft, endlich wieder kritisch betrachtet werden darf, ohne dass man in die Pfanne gehauen wird.

      • An Toleranz als Duldung (der wörtlichen Übersetzung), habe ich nichts auszusetzen. Sie hat — um mal den guten Volker Pispers zu zitieren – mit toll finden nämlich rein gar nichts zu tun. Die Politik versteht unter Toleranz allerdings Akzeptanz, also Gutheißung. Ich möchte mir nicht vorschreiben lassen, was mir zu gefallen hat und was nicht.

        Beim Thema sexueller Aufklärung gibt es mit den Jugendschwangerschaften und Geschlechtskrankheiten wichtigere Baustellen als die Überrepräsentation der nicht rein hetero- oder rein homosexuellen Orientierung.

      • Hier hat mal wieder jemand nicht verstanden (oder verstehen wollen), worum es geht. Wenn Herr Becker von einer „Toleranzfalle“ schreibt, dann meint er das Tolerieren von unangepasstem Kinderverhalten.

        Sie beziehen das auf die Erziehung zur Toleranz, in der es darum geht, Kindern zu vermitteln, Unvoreingenommen zu sein und Toleranz gegenüber dem vermeintlich Fremden zu üben – was Ihnen offenbar nicht in den Kram passt. Das hat aber mit den Thesen von Herrn Becker gar nichts zu tun.

        • Was soll die immer gleiche Masche Ihrer Anwürfe, Anna, die mehr zu Ihrem eigenen Verhalten passen als zu dem Ihrer Zielpersonen? Wer hat hier wohl nicht verstanden oder will nicht verstehen?

          Erziehung zur Toleranz bedeutet doch häufig auch, dass Fehlverhaltensweisen von Kindern toleriert werden nach dem Motto: Bloß nicht verbieten, bloß nicht sanktionieren, das ist Drill und Erziehung zu Kadavergehorsam! Das ist Erziehung wie vor -zig Jahren, rückwärtsgewandt und kinderfeindlich.

          Es muss doch möglich sein, dass Sie eigene Fehler von Missdeutung und Verunglimpfung nicht ständig anderen ans Bein binden.

          • Nein, das bedeutet Erziehung zur Toleranz eben nicht. Auch wenn Sie aus ideologischen Gründen gerne alles in einen Topf werfen.

  5. Grenzen setzen, gut und schön.
    Soziales Lernen – wichtig. Es gibt wohl keine Schule, die nicht ein Programm zum sozialen Lernen in die Pläne und den Unterricht implementiert hat.

    Aber die Realtiät sieht gerade etwas anderes vor:
    – SuS mit sozial-emotionalen Störungen müssen inkludiert werden, ohne dass Schulen darauf vorbereitet wurden, es Hilfen oder Ansprechpartner gibt oder gar Ressourcen
    – bei Auffälligkeiten kann man Eltern an Psychologen verweisen, die aber jährliche Wartelisten schreiben
    – häufig winkt anschließend keine Verhaltenstherapie, sondern ein Medikament
    – Integrationshelfer können nur die Eltern beantragen, es braucht Gutachten (wieder Wartezeit) und seitenweise Anträge, sodass die Hilfe, wenn sie überhaupt kommt, das Kind erst erreicht, wenn schon viele Vorfälle geschehen sind
    – beim Erstellen von Förderplänen tappen Lehrkräfte im Dunkeln und es gibt immer wieder Meinungen, dass ES-Kinder nur minimale Anforderungen einhalten müssten
    – Erziehungs- und Ordnungmaßnahmen werden ausgehebelt durch Verwaltungsvorschriften, Widersprüche und Schulämter, die Maßnahmen zurück nehmen

    Und dabei geht es gar nicht erst um „jugendliches Fehlverhalten“, sondern um Kinder im Alter von 5-8 Jahren, denen es nicht gelingt, sich an Regeln zu halten (zuhören, 5 min am Platz bleiben, Streit mit Worten schlichten, angemessener Toilettengang, ohne übergriffig zu werden durch die Klasse laufen…)

    Es sind übrigens die Kinder derjenigen, die mit täglichen Talkshows und anderen Formaten aufgewachsen sind, in denen Schreierei und Vorwürfe an der Tagesordnung waren, sodass dieser Umgangston auch in etlichen Familien inzwischen zum Alltag gehört. In diesen Familien geht es gar nicht um Laissez-faire oder nicht, sondern darum, dass Werte ganz anders besetzt sind.

    „Es ist eine der schwierigsten und zugleich entscheidendsten Fragen unserer heutigen Gesellschaft. Von ihrer Beantwortung wird abhängen, ob und wie wir die sozialen und politischen Probleme in der nahen Zukunft meistern können.”“
    Dann sollte die Dringlichkeit dieser Aufgabe in den Horizont gerückt werden und Geld für Ressourcen und Strukturen zur Verfügung stehen, um das hohe Ziel in greifbare Nähe zu bringen.

    • Volle Zustimmung, palim.
      Auch insbesondere zu diesem Absatz:
      „Es sind übrigens die Kinder derjenigen, die mit täglichen Talkshows und anderen Formaten aufgewachsen sind, in denen Schreierei und Vorwürfe an der Tagesordnung waren, sodass dieser Umgangston auch in etlichen Familien inzwischen zum Alltag gehört. In diesen Familien geht es gar nicht um Laissez-faire oder nicht, sondern darum, dass Werte ganz anders besetzt sind.“
      In den Grundschulen sind jährlich mehr Fälle von grenzenlosen Kindern zu beobachten, Umgang und Umgangston sehr bedenklich und gefährlich. Das, was man noch vor einigen Jahren auf die Pubertät geschoben hat, kommt mittlerweile in allen Grundschuljahrgangsstufen vor. Wir haben schon in den unteren Klassen Kinder, die eigentlich unbeschulbar sind. Und ich unterrichte in keiner Großstadt!
      Lernt man bei vielen solcher Schüler dann die Eltern kennen, dann sehe ich palims Beobachtungen gänzlich bestätigt. Gerade kleinere Kinder ahmen den Umgang von zuhause nach, weil sie nicht anderes kennen.
      Die anderen Fälle, nämlich, dass zuhause keine Grenzen gesetzt werden und Eltern sich überfordert durch Beruf und Kindererziehung sehen, gibt es natürlich ebenfalls.
      Ein „laissez faire“ Stil – sozusagen aus Überzeugung, es so gut wie nicht mehr zu beobachten.

  6. „In den Grundschulen sind jährlich mehr Fälle von grenzenlosen Kindern zu beobachten, Umgang und Umgangston sehr bedenklich und gefährlich. (…) Wir haben schon in den unteren Klassen Kinder, die eigentlich unbeschulbar sind. Und ich unterrichte in keiner Großstadt!“

    dito

    • @Palim und ysnp
      Ihre Beiträge lese ich immer mit großem Interesse, weil Sie Schulpraktiker sind und Authentisches berichten statt schöner Theorien und Ideologien.
      Als ich pensioniert wurde und noch die ersten Zeichen des Übels, das sich anbahnte, mitkriegte, dachte ich mir schon: Ein Glück, dass ich das nicht mehr miterleben muss, was auf die jüngeren Kollegen in rasantem Tempo zukommt.
      Ich glaube auch, dass ein Laisser-Faire-Stil aus Überzeugung kaum mehr gibt. In meinen jüngeren Jahren beherrschte er jedoch das Geschehen durch die Erkenntnisse und Belehrungen von Erziehungs“experten“, die alles umkrempeln und besser wissen wollten. Sie haben vor allem für diesen aus Überzeugung praktizierten Erziehungsstil gesorgt.
      Sie, Palim, und Sie ysnp, unterrichten jetzt die Nachkommen dieser im Laisser-Faire-Stil erzogenen Kinder, die nicht mehr aus bewusstem Willen handeln, sondern aus Gewohnheit und Unwissenheit. Sie führen das fort, was sie von ihren Eltern als „Erziehung“ kennen.
      Es sind also Eltern, die weitgehend selbst unerzogen sind und völlig hilflos, weil sie durch ihre Mütter und Väter nicht mehr vorgelebt bekommen haben, was Erziehung wirklich heißt und wie sie funktioniert.

      Um die Aufgabe, nicht nur mit unerzogenen Kindern, sondern auch unerzogenen Eltern klar zu kommen, beneide ich Sie nicht.
      Mit Erleichterung stelle ich allerdings fest, dass sich das Experten-Blatt in eine Richtung bewegt, die ich befürworte. Dazu zählt auch der obige Artikel (Danke an die Redaktion!) mit seinem Plädoyer für ein Ende der Laisser-Faire-Erziehung.

  7. Laisser faire heißt ja übersetzt „machen lassen.“ Ende der 80er Jahre habe ich ein paar Monate als Studentin an einer antiautoritären Schule gearbeitet. Ein bisschen möchte ich eine Lanze brechen. Die Befürworter haben sich etwas bei diesem Erziehungsstil gedacht, sich viele Gedanken über Kindererziehung gemacht und sich viel mit ihren Kindern beschäftigt. Sie haben sie anders gelten lassen, nicht vernachlässigt. Sie haben ihnen mehr Mitspracherecht eingeräumt, was in der Zeit vielleicht wichtig war, um den damals vielleicht noch mit Prügeln erzogenen und duckmäuserischen Kindern mehr Gehör zu verschaffen. Eine Änderung herbeiführen bedeutet manchmal krasse Schritte.
    Was ich der heutigen Erziehung anprangere ist, dass manche Kinder einfach nicht mehr den nötigen Respekt gegenüber Erwachsenen haben und ihnen zu Hause und auch sonst viel zu viel abgenommen wird: Man erzieht Prinzen und Prinzessinnen. Jede kleine Anstrengung, jeder kleine Erfolg wird materiell belohnt. Wenn ein Kind eingeschult wird, bekommt das kleine Geschwister auch eine Schultüte, weil es das sonst nicht aushält. Bei Geburtstagen gibt es von der gesamten Verwandtschaft für das Geschwisterkind auch Geschenke. Man könnte ja traurig sein. Die Kinder lernen nicht mehr, mit Frustrationen zurecht zu kommen. Keine selbstverantwortlichen Persönlichkeiten. Natürlich nicht alle, aber doch einige.

    • Laissez-faire und vernachlässigen sind 2 Paar Schuhe.
      Auch ich gewinne offenen Unterrichtsformen und Freier Arbeit etwas ab, aber für mich braucht es trotzdem Struktur.
      Entstanden sind viele Reformschulen in einer Zeit, in der Kinder sehr autoritär erzogen wurden.
      Inzwischen sind Kinder nicht erzogen oder vernachlässigt und brauchen in vielem Anleitung oder Hinführung, um mit Freiheiten oder Möglichkeiten überhaut etwas anfangen zu können.
      Eigentlich wollen Kinder lernen, aber diejenigen, die nicht beschulbar sind, sind schon vor der Einschulung so abgestumpft, dass man ihre Aufmerksamkeit und ihr Interesse mühsam hervorbringen muss. Dass sie mit Unvermögen (im Sinne von noch-nicht-können oder noch-zu-üben) oder scheinbaren Misserfolgen nicht umgehen können, macht es nicht leichter.

  8. Stimme dem Tenor des Beitrags und dem Ansatz völlig zu, jedoch fehlen mir – besonders nach Lektüre der Leseprobe – konkrete Handlungsanweisungen. So bleibt das für mich eine Sammlung der Dinge, über die man sich als praktizierender Pädagoge ständig den Kopf zerbricht und beim gepflegten Jammern mit anderen Kollegen irgendwann am Punkt angelangt, wo Themenwechsel oder berufliche Umorientierung zur Option werden. Schade.

Hinterlasse einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.Benötigte Felder sind markiert *

*