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Philologen: 57. Internationales Bodenseetreffen 2016 widmete sich dem Thema Integration

FRIEDRICHSHAFEN. Lehrkräfte Höherer Schulen aus Deutschland, Österreich und der Schweiz beschäftigten sich bei ihrem 57. Bodenseetreffen in Friedrichshafen mit dem zentralen Thema der heutigen Gesellschaft – „Wege der Integration im Bildungssystem“. Dafür sei ein Engagement aller europäischen Staaten erforderlich, hieß es.

In einer gemeinsamen Pressemitteilung stellen die Gymnasiallehrerverbände in Österreich, Bayern und Baden-Württemberg fest:

„Die große Herausforderung der Integration von Geflüchteten und von Menschen mit Migrationsgeschichte ist von einem Land alleine nicht zu bewältigen. Deshalb informierten sich die Lehrerinnen und Lehrer an Höheren Schulen aus Baden-Württemberg, Bayern, Österreich, der Schweiz und Liechtenstein am 8. und 9. Oktober in Friedrichshafen über dieses gemeinsame Thema.

Die Schulleiterin des Deutschorden-Gymnasiums in Bad Mergentheim, Sabine Rühtz, stellte in ihrem Eingangsreferat „Integration ausländischer Schüler ohne ausreichende Deutschkenntnisse“ das an ihrer Schule eingeführte Integrationskonzept vor. Hier werden geeignete Schülerinnen und Schüler direkt in die Regelklassen am Gymnasium aufgenommen und zusätzlich zum Fachunterricht begleitend in Deutsch von besonders geschulten Fachkräften unterrichtet. Die Aufnahme von geeigneten Schülerinnen und Schülern in die Regelklassen eines Gymnasiums sei immer dann von Erfolg begleitet, berichtete Sabine Rühtz, wenn neben dem Zusatzunterricht in Deutsch auf verschiedenen Niveaustufen auch eine individuelle Förderung im Fachunterricht erfolge – beides gelinge nur, wenn dafür geeignete Fachkräfte zusätzlich zur Verfügung stünden. Bernd Saur, Vorsitzender des gastgebenden Philologenverbands Baden-Württemberg, bezeichnete das in Bad Mergentheim entwickelte Konzept als „ein wichtiges Beispiel, das aufzeigt, wie bedeutsam die intensive individuelle Begleitung und Betreuung beim Eingliederungsprozess ist.“

Stephanie Metzger aus Wien stellte die vom Österreichischen Integrationsfonds unternommene Initiative „ZUSAMMEN:ÖSTERREICH“ vor, die Projekte und Workshops an Schulen mithilfe von „Integrationsbotschaftern“ – in Gesellschaft und Beruf erfolgreichen Personen mit Migrationsgeschichte – durchführt. Mehr als 300 gut integrierte Migranten aus Sport, Wirtschaft, Handwerk und Kultur, aber auch „Helden von nebenan“, gehen in die Schulen und sprechen über ihre Erfahrungen, um Vorurteile abzubauen und Motivation aufzubauen. Das kann auch durch musische, sportliche oder künstlerische Aktivitäten geschehen, bei denen jeder sehen könne, dass es auf die Fähigkeiten des Einzelnen ankomme – und nicht auf deren Herkunft. „Eine Initiative, der es gelingt, unter Schülern mit Migrationshintergrund Motivation zu schaffen und Vorurteile gegenüber Menschen mit Migrationshintergrund abzubauen“, beschrieb der Vorsitzende der Österreichischen Professorenunion Gerhard Riegler die erfreulichen Rückmeldungen, die er erhalte.

Ministerialdirektor Herbert Püls vom Bayerischen Bildungsministerium gab einen Überblick über Bildungsangebote für Asylbewerber und Flüchtlinge in Bayern und zeigte die enormen Anstrengungen des Staates bei der Organisation und Finanzierung von Bildungsintegration auf. Am verbreitetsten sei, dass in gesonderten Übergangsklassen zunächst Deutschkenntnisse vermittelt werden  –  aber auch erste Einsichten in unser Rechts- und Wirtschaftssystem und in unsere Geschichte. Danach werden die Schüler auf für sie geeignete Schularten verteilt. Daneben lässt Bayern auch den anderen in Bad Mergentheim eingeschlagenen Weg zu, Schülerinnen und Schüler direkt in einer Real- oder Berufsschule oder in einem Gymnasium in Regelklassen aufzunehmen und begleitend in Deutsch zu unterrichten. Für beide Wege zusammen investierte Bayern allein im letzten Jahr zusammen 160 Millionen Euro. Für den Vorsitzenden des Bayerischen Philologenverbands Max Schmidt war dabei Püls‘ Aussage, dass es „auf Flexibilität, Geduld und den Mut, neue Wege zu gehen, ankommt“ „besonders bestärkend“.

Den Festvortrag am Sonntag hielt der frühere Bürgermeister von Neukölln in Berlin, Heinz Buschkowsky, der seine Erfahrungen mit der Integration darstellte. Buschkowsky machte deutlich, dass Deutschland angesichts seiner niedrigen Geburtenrate auf Zuwanderung angewiesen sei – ob es uns gefalle oder nicht. Ohne Integration sei ein Leben in Wohlstand nicht möglich und ohne Bildung sei Integration nicht möglich. So kam Buschkowsky auf die besondere Rolle der Lehrer bei der Integration von Flüchtlingskindern zu sprechen, insbesondere wie wichtig es sei, neben der Sprache auch unser Wertesystem zu vermitteln. Dabei sah Buschkowsky die Kindergartenpflicht und die Ganztagesschule als Mittel erster Wahl an. In lebhafter Diskussion mit seinen Zuhörern wurde deutlich, wie unterschiedlich doch die Situation je nach Region ist – Ganztagsschulen als Angebot in Problemregionen, aber ansonsten auch der Wunsch der Eltern, ihre Kinder am Nachmittag doch eher zu Hause oder in den Vereinen statt in der Schule zu sehen.

In allen Beiträgen der vier Referenten wurde deutlich, dass Integration erfolgreich sein müsse, da ansonsten unsere Sozialsysteme die Zuwanderung nicht werden verkraften können. Die drei Vorsitzenden der veranstaltenden Verbände waren sich einig, dass die Arbeit der Einzelschule, das bürgerschaftliche Engagement und die staatliche Organisation und Finanzierung gemeinsam die Grundlage für gelingende Integration im Bildungssystem darstellen. Beispielhafte Aktivitäten wie die im Rahmen der Tagung vorgestellten dürften sich aber nicht auf die Bodenseeanrainerstaaten beschränken, sondern müssen in allen Ländern, ja in allen europäischen Staaten umgesetzt werden. Entsprechend verstehen sich die Träger des Bodenseetreffens hier als Sprachrohr aller Lehrkräfte in Europa.“

 

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