Startseite ::: Leben ::: VBE: Lernerfolg hängt auch von der Erziehung ab – also: Verantwortung der Eltern (bei PISA und Co.) nicht vergessen!

VBE: Lernerfolg hängt auch von der Erziehung ab – also: Verantwortung der Eltern (bei PISA und Co.) nicht vergessen!

STUTTGART. Zurzeit läuft an den Schulen eine Welle der Fremdevaluation. Testverfahren wie VERA, TIMMS und PISA richten den Fokus auf kognitive Fähigkeiten und Fertigkeiten der Schüler. Ein zu einseitiger Blick auf die Kinder und Jugendlichen? Ja, meint der Sprecher des baden-württembergischen VBE, Michael Gomolzig. Er meint: Inwieweit Kinder heute „erzo­gen“ sind, fällt bei den standardisierten Testverfahren faktisch nicht ins Ge­wicht – im täglichen Unterricht an den Schulen jedoch umso mehr.

Schulerfolg ist auch eine Frage von Erziehung, meint der VBE. Foto: Mindaugas Danys / flickr (CC BY 2.0)

Schulerfolg ist auch eine Frage von Erziehung, meint der VBE. Foto: Mindaugas Danys / flickr (CC BY 2.0)

Früher waren Lehrer hauptsächlich für die Bildung der Schüler zuständig und erzogen die Kinder und Jugendliche im Unterricht „nebenher“, meint Gomolzig. Heute müssten Lehrer zuerst er­ziehen, damit sie sich dann um die Bildung der Schüler kümmern können. Der VBE-Sprecher sieht eine zunehmende Diskrepanz zwischen Anspruch und Wirklichkeit, zwi­schen Zielen und Machbarem in den Schulen.

Eltern würden oft beklagen, dass Lehrkräfte sie mit den nicht gemachten Aufgaben der Schüler belästigten, fehlende Unterrichtsmaterialien anmahnten, Verhaltensprobleme und andere unbequeme Angelegenheiten mit den Erziehungsberechtigten besprechen wollten. „Sie vergessen dabei“, so der VBE-Sprecher, „dass die Pflege und Erziehung der Kinder das natürliche Recht der Eltern und die ihnen zuvörderst obliegende Pflicht ist.“ So stehe es auch im Grundgesetz (Artikel 6, Absatz 2) – und gelte ausnahmslos, also auch für Schüler, die Ganztagesschulen besuchten.

Während laut Gomolzig früher Unterricht und Bildung im Mittelpunkt des schulischen Geschehens standen, rückte für die Pädagogen in den letzten Jahren immer mehr die Erziehung der Schüler in den Vordergrund. „Wenn Lehrer erst für die notwendige Arbeitsatmosphäre sorgen müssen, geht auf Dauer viel Unterrichtszeit verloren. Endlose Diskussionen über Sinn und Unsinn bestimmter pädagogischer Maßnahmen lenkten von stofflichen Inhal­ten ab und bremsten das selbständige Lernen der Schüler aus“, so meint der VBE-Sprecher. Eine schlechte Erziehung zu Hause wirke sich also auf die Lernleistung aus.

Während Evaluation allgemein das Gewicht auf den Lernerfolg lege, internationale Vergleichsstudien den Wissensstand der Schüler in Deutsch, Mathematik oder in den Naturwissenschaften untersuchten, Notendurchschnitte der Prüfungsarbeiten mit frühe­ren Jahrgängen verglichen würden, blieben erzieherische Erfolge der Lehrer – oder auch Fehlschläge  – weitgehend unbeachtet. „Bei der Erziehung der Kinder ist Schule aber nach wie vor auf die kontinuierliche Mitarbeit aller Eltern angewiesen“, so betont der VBE-Sprecher.

Erziehungsziele – und die Wirklichkeit

Eine repräsentative Umfrage unter Bürgern in Deutschland ergab unlängst eine Rückkehr zu klassisch bürgerlichen Tugenden. Mit Blick auf die Erziehungsziele bei Kindern stehen danach an erster Stelle „Höflichkeit und gutes Benehmen“, gefolgt von „Verantwortung für das eigene Handeln übernehmen“.

Die Ergebnisse der Umfrage kontrastieren allerdings auffällig mit Berichten von Lehrer- und Psychologenseite, wonach die Erziehungsprobleme in den Schulen immer gravierender werden. Schätzungen zufolge ist jeder fünfte Schüler in Deutschland psychisch auffällig, jeder 20. ist behandlungsbedürftig. „Wir stellen fest, dass die Fälle schwieriger und komplexer werden“, sagt der renommierte Berliner Schulpsychologe Klaus Seifried. Die Ursache? „Oft fehlt es an Halt. Die soziale Binde- und Haltefunktion der Familien hat abgenommen“, antwortet der Experte. Das wiederum habe vielfältige, zum Teil deutlich unterschiedliche Gründe.

Auf der einen Seite gebe es Eltern, deren Erwartungen angesichts wachsender Leistungsanforderungen im Bildungssystem und auf dem Arbeitsmarkt stiegen – und die entsprechend mehr Druck auf ihre Kinder ausübten. Auf der anderen Seite gebe es Eltern, so Seifried, „die nur wenige Anforderungen an ihre Kinder stellen, Eltern, die nur noch wenig Erziehungsarbeit leisten“. Vielen fehle die Kraft dafür, sie müssten von morgens bis abends arbeiten, erklärt der Schulpsychologe gegenüber der „Berliner Morgenpost“. „Viele Eltern trauen sich auch nicht mehr, mal Nein zu sagen und den Kindern Grenzen zu setzen.” Vor allem Alleinerziehende seien häufig unsicher, weil ihnen der Partner fehle, mit dem sie über Erziehungsfragen sprechen könnten.

Auch die Wiener Psychotherapeutin und Buchautorin Prof. Martina Leibovici-Mühlberger beobachtet eine wachsende Zahl von „Tyrannenkindern“, die kaum mehr Grenzen einhalten können – und dann insbesondere in der Schule auffällig werden. „Die Kinder sind ja nicht schuld daran, sondern wir haben sie dazu gemacht.  Die Kinder drücken mit ihren Auffälligkeiten ihr Leiden in einer Gesellschaft aus, die schon an ihren Kindern verdienen will und ein Kind gerechtes Aufwachsen  zunehmend verunmöglicht, obgleich sie vorgibt alles dafür zu tun. Eltern geraten durch das charmante neue und so viel Spaß versprechende Erziehungsideal der ‚freien individuellen Potenzialentfaltung‘ enorm unter Druck und werden zu Steigbügelhaltern ihrer Kinder degradiert. Längst haben sie verlernt, Wünsche von wirklichen Bedürfnissen zu unterscheiden und mutieren oftmals lieber gleich zu Freunden, statt ihrem Führungsauftrag nachzukommen“, so erklärt Leibovici-Mühlberger das Phänomen. Agentur für Bildungsjournalismus

Zum Bericht: Immer mehr „Tyrannenkinder“: Warum viele Eltern bei der Erziehung versagen – eine Streitschrift

 

8 Kommentare

  1. ZITAT: „Heute müssten Lehrer zuerst er­ziehen, damit sie sich dann um die Bildung der Schüler kümmern können. Der VBE-Sprecher sieht eine zunehmende Diskrepanz zwischen Anspruch und Wirklichkeit, zwi­schen Zielen und Machbarem in den Schulen.“

    Ja, genauso ist das !!!

    • … und wenn die Lehrer dann erziehen, müssen sie sich von den Eltern anhören, dass sie sich nicht in die Erziehung ihrer Kinder einzumischen haben (siehe auch Ihr Kommentar von 16:28).

      • Ja, deshalb der Hinweis darauf.

        Schulrecht scheint in der heutigen Ausbildung kaum noch eine Rolle zu spielen und ist leider „bundesbildungspolitischer Kleinstaaterei“ unterworfen.

  2. Allerdings ist der Erziehungsauftrag der Schule dem Erziehungsrecht der Eltern NICHT untergeordnet, sondern gleichgestellt. Dazu gibt es ein Gerichtsurteil (gelesen bei Günther Hoegg „Schulrecht kurz und bündig“).

    Das zu wissen, kann auch ein Vorteil sein – in Diskussionen mit Eltern über pädagogische Maßnahmen bei Disziplinschwierigkeiten.

  3. Dummerweise steht in den ganzen Schulprogrammen, Inklusionsbroschüren usw. stets nur Spaß und Förderung von (wie auch immer gearteten) Potenzialen, nach denen wirklich alle Kinder ungeachtet ihrer genetischen Voraussetzungen mit Spaß an der Schule und ohne viel Eigenarbeit das Abitur schaffen wird.

  4. Da brauchen wir einen Paradigmenwechsel!

    Lernen darf auch mal Spaß machen, na klar, aber Lernen ist zuallererst Arbeit! Oder anders gesagt: üben – üben – üben!

    • Guter Leitgedanke. Im Idealfall macht Wissenserwerb sogar Freude !!

      Ich bin aber sehr erfreut, dass Ihre Haltung zwar noch versteckt, aber immer häufiger auch in der Presse auftaucht. In einigen Jahren kommt das auch in der Bildungspolitik an in der Hoffnung, dass man den nächsten Lehrplan wieder mit „eh“ und nicht mehr mit „ee“ wie aktuell schreiben kann.

  5. Das was zuhause nicht vermittelt wird, kann kein Lehrer leisten! Schon in der Grundschule bekommt man von den lieben Kleinen zu hören: „Du bist nicht meine Mama! Du hast mir gar nichts zu sagen!“
    Da muss ich als Lehrkraft doch kapitulieren und alle PISAs dieser Welt werden nicht weiterhelfen!

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