Biologie: Forscher entdecken bisher unbekannten Kitzelnerv im Hirn

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BERLIN. Warum zahlreiche Lebewesen kitzlig sind, ist für Forscher weitgehend ein Rätsel. In Berlin haben Neurobiologen nun Ratten gekitzelt – und mehrere Parallelen zum Menschen entdeckt.

Ratten sind nach einer Studie von Berliner Neurobiologen je nach Stimmung mehr oder weniger kitzlig. In einer relativ entspannten Situation reagierten die Tiere unter anderem mit Freudensprüngen und mit speziellen Rufen, wenn die Forscher sie kitzelten. Bei verängstigten Ratten waren solche Verhaltensweisen unterdrückt, schreiben Michael Brecht und Shimpei Ishiyama von der Berliner Humboldt-Universität (HU) im Fachblatt «Science». Ähnlich wie beim Menschen waren manche Körperteile der Ratten demnach kitzliger als andere – sehr kitzlig war zum Beispiel der Bauch.

Neben dem Verhalten der vier bis fünf Versuchstiere analysierten die Forscher auch die Vorgänge im Gehirn, während sie die Ratten kitzelten. Besonders stark reagierten Nervenzellen in jenem Gehirnareal, das unter anderem Berührungen verarbeitet. «Wir glauben, dass wir die Stelle im Gehirn gefunden haben, die kitzlig ist», sagte Brecht. Eine elektrische Reizung der Nervenzellen in dieser Hirnregion reichte aus, um – wie das händische Kitzeln – Lachen bei den Ratten auszulösen.

Wenn die Tiere Angst haben, reagieren die Zellen laut Brecht nicht gut. Dieses Gefühl hatten die Forscher erzeugt, indem sie die Ratten statt in einer Box auf einem erhöhten Podest und unter starker Beleuchtung kitzelten. Dass Ratten so eine Situation nicht mögen und erstarren, sei bekannt gewesen. Schon Charles Darwin hatte nach Angaben der Forscher vermutet, dass das Lachen beim Kitzeln von der Stimmung abhängt.

Selbst schlechtes Wetter lässt sich weglachen. Foto: Alon / flickr (CC BY 2.0)
Bisher unbekannt: Warum lachen wir, wenn wir gekitzelt werden? Foto: Alon / flickr (CC BY 2.0)

Frühere Studien hatten gezeigt, dass Ratten mit Rufen in bestimmter Frequenz reagieren, wenn sie gekitzelt werden. Um dieses Lachen wahrnehmen zu können, ist ein spezielles Mikrofon nötig. Für Brecht erstaunlich war die Freude der Tiere bei den Versuchen: Sie hätten den Kitzel regelrecht gesucht, sagte der Wissenschaftler. Die Ratten vollführten Sprünge, die von anderen Säugetieren als Zeichen für positive Gefühle bekannt seien. Und sie jagten der kitzelnden Hand wie einem Spielgefährten hinterher.

Auffällig aus Sicht der Forscher: Die Zellen im Gehirn, die auf Kitzeln reagierten, waren auch bei spielerischen Momenten ohne Kontakt zur Hand besonders aktiv. «Wir glauben, dass es Gemeinsamkeiten im Gehirn gibt zwischen den Mechanismen von Kitzeln und Spielen», so Brecht. Für ihn ein Hinweis auf eine mögliche Funktion von Kitzligkeit: «Was ich mir denke ist, dass Kitzeln ein Trick des Gehirns ist, um Tiere oder Menschen miteinander interagieren beziehungsweise spielen zu lassen.»

Dabei bleiben die grundlegenden Mechanismen hinter dem Phänomen aus Sicht der Forscher weiter unbekannt. An zahlreichen Fragen hat sich die Wissenschaft bereits abgearbeitet. Studien widmeten sich etwa der Frage, warum sich der Mensch nicht selbst kitzeln kann. Bisherige Ergebnisse deuten darauf hin, dass ein Mechanismus im Gehirn den Menschen beim Selbst-Kitzeln vor dem bevorstehenden Reiz warnt – und damit den Spaß nimmt. Untersucht ist auch, dass zum Beispiel junge Schimpansen und Gorillas vergleichbare Kicheranfälle beim Kitzeln bekommen wie Kleinkinder. Das Kitzeln gehört demnach auch bei Affen zum natürlichen Verhalten beim Spielen. dpa

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