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Gastkommentar: Armutszeugnis für die politische Bildung – Jeder Vierte weiß nicht, dass am 9. November die Mauer fiel

GERA. Wenn rund ein Viertel der befragten Deutschen nicht weiß, dass am 9. November 1989 die Berliner Mauer fiel, dann ist das eine schwache Leistung. Selbst wenn man in Rechnung stellt, dass inzwischen eine Generation herangewachsen ist, die dieses wunderbare Ereignis nicht selbst erlebt hat – fragt man sich schon: Was lernen die eigentlich in der Schule? Und was behalten sie davon?

Es gibt Daten aus der Geschichte, die sollte man einfach wissen. Eine Frage der Ehre, sozusagen. Zumal der 9. November ein wahrhaft deutsches Datum ist, denn im vorigen Jahrhundert gab es eben nicht nur den herrlichen Tag, als die innerdeutsche Grenze in Berlin fiel. 51 Jahre zuvor brannten Nationalsozialisten jüdische Geschäfte und Kirchen nieder, oft begleitet von einer johlenden Menge, die hinterher, nach dem Krieg, von solchen öffentlichen Gräueln nichts gewusst haben wollte.

Die Geschäftsführerin der Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur in Berlin sieht in den Ergebnissen der Umfrage „noch Potenziale“. Da kann man ihr nicht widersprechen. Zum Beispiel sollten die Bundeszentrale für politische Bildung und ihre Ableger in den Ländern sich selbstkritisch fragen, wie effizient ihr Einsatz von Geld und Kraft denn wirklich ist. Erreichen solche und weitere Institutionen tatsächlich jene, denen Erkenntnis gut täte, oder kommen zu den Veranstaltungen eh nur diejenigen, deren Licht im Kopf schon hell leuchtet? Die Behauptung – Ohne uns wäre das alles ja noch viel schlimmer – mag stimmen und das Dasein retten. Wissenslücken jedoch schließt sie nicht.

Eine Grenzstreife der DDR am Bethaniendamm in Berlin-Kreuzberg 1986. (Foto: Noir/Wikimedia CC BY-SA 3.0)

Eine Grenzstreife der DDR am Bethaniendamm in Berlin-Kreuzberg 1986. (Foto: Noir/Wikimedia CC BY-SA 3.0)

Für jeweils elf Prozent der Befragten war die friedliche Revolution „eher nicht“ oder gar kein Glücksfall. Die Werte sind in Ost und West nahezu gleich. Rechnet man das auf die Bundesrepublik hoch, sind das über 16 Millionen Menschen. Vielleicht bekommen sie alle am 9. November eine Zeitmaschine, die nicht nur die Zustände vor 1989 wieder herstellt, sondern auch zeigt, was aus Gelsenkirchen und Gera seitdem geworden wäre. Ein Gastkommentar von Wolfgang Schütz/Ostthüringische Zeitung

Hier geht es zur Umfrage der Bundesstiftung für die Aufarbeitung der SED-Diktatur

8 Kommentare

  1. Na was wollen die denn? Ist Wissen denn nicht überbewertet – kann man das nicht googeln, muss ich solche Daten im Kopf haben?
    Wenn immer nach Entrümpelung der Lehrpläne gerufen wird, das Faktenwissen banalisiert wird, braucht man sich doch nicht wundern!!!

    • Das ist der Spagat zwischen Faktenwissen, was in allen zentralen Leistungstest überprüft wird, wobei ich PISA & co dazu zähle, und der kompetenzorientierten Bildungspolitik. Auflösen kann man den nicht.

      • Deshalb sollte Faktenwissen auch nicht verpönt werden. Häufig wird auch der Ausdruck des Bulimie-Lernens in diesem Zusammenhang verwendet. Dieser Spagat sollte also auch der Öffentlichkeit so deutlich gemacht werden.

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