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Millionen von Analphabeten in Deutschland: Politik nimmt Kampf gegen die „erschreckende Zahl“ auf – vergisst dabei aber (mal wieder) die Schulen

BERLIN. Mehrere Millionen Analphabeten in Deutschland – für die von Kanzlerin Merkel ausgerufene «Bildungsrepublik» ist das ein Armutszeugnis. Das komplexe Problem hat viele Facetten, die alle irgendwie angegangen werden müssen. Komischerweise kommt aber scheinbar niemand auf die Idee, die Schulen mit mehr Lehrern zu bestücken – um eine bessere Leseförderung zu ermöglichen. So wirkt die Intiative (mal wieder) wie ein Herumdoktern an Symptomen.

Unterschrift in Form von drei Kreuzen - Häufig brauche es einen hohen Leidensdruck und Hilfe von Freunden oder Familie, bis ein Analphabet sein Problem angehe. Foto: berwis / pixelio.de

Häufig brauche es einen hohen Leidensdruck und Hilfe von Freunden oder Familie, bis ein Analphabet sein Problem angehe. Foto: berwis / pixelio.de

Rund 7,5 Millionen Menschen können hierzulande nicht richtig schreiben und lesen. Als «funktionale Analphabeten» kommen sie mit Buchstaben, Wörtern und einfachen Sätzen nur sehr begrenzt zurecht, haben Mühe, zusammenhängende Texte zu lesen und zu verstehen. Analphabetismus im engeren Sinne betrifft nach einer Studie 2,3 Millionen Erwerbsfähige. Sie können nur einzelne Wörter lesen und schreiben, nicht aber ganze Sätze. Etwa 300 000 Mitbürger können nicht mal ihren Namen korrekt schreiben. Bund und Länder wollen diesen Menschen in einer «Dekade für Alphabetisierung» helfen.

Was soll in den nächsten Jahren für die Betroffenen getan werden?

Weil «funktionale» und erst recht «echte» Analphabeten es nicht nur in ihrem privaten Alltag schwer haben, sondern auch im Beruf, besteht in einer Wissensgesellschaft Handlungsdruck – niemand kann und soll zurückgelassen werden. Dafür rufen die bildungspolitischen Spitzenleute der Republik die «Dekade der Alphabetisierung» aus. Bildungsministerin Johanna Wanka (CDU) und die Präsidentin der Kultusministerkonferenz, Claudia Bogedan (SPD), wollen sich für bessere Vernetzung, bessere Forschung und bessere Methoden einsetzen – und für bessere Förderung: Allein der Bund will in der Dekade 180 Millionen Euro investieren. «Ein Erfolg wird nur möglich sein, wenn wir gemeinsam agieren und an einem Strang ziehen», sagt Bogedan.

Woher stammt die enorm hohe Zahl von 7,5 Millionen «funktionalen Analphabeten»?

Aus der als seriös geltenden «leo.-Level-One-Studie» der Uni Hamburg von 2011. Die Wissenschaftler fanden heraus, dass es bundesweit wohl doppelt so viele Menschen mit erheblichen Lese- und Schreibproblemen gibt wie zuvor angenommen – eine erschreckende Zahl, sagt Wanka. Obwohl meistens zur Schule gegangen, kann jeder siebte Erwachsene bis 64 Jahre wegen stark begrenzter Lese- und Schreibfähigkeiten nur eingeschränkt am gesellschaftlichen Leben teilnehmen. Knapp 60 Prozent von ihnen sind erwerbstätig. Der größte Anteil findet sich unter Hilfskräften in Bau, Gastronomie und Büros, Transport- und Frachtarbeitern sowie Hausmeistern. Eine Nachfolgestudie soll die weitere Entwicklung bis 2018 beleuchten.

Wie kommt es, dass Menschen trotz Schulbildung betroffen sind?

Kinderbuchautor Tim-Thilo Fellmer («Fuffi der Wusel») engagiert sich als ehemaliger Betroffener seit Jahren. Nach seiner Einschätzung gibt es dafür viele Gründe. Meist liege es an äußeren Umständen – «prekäre häusliche Verhältnisse, ein bildungsfernes Elternhaus, auch Probleme mit dem Schulsystem, der Methodik, dem Lehrer». Schreib- und Leseschwächen würden «im Schulsystem durchaus erkannt», meint der Schriftsteller. «Aber man wird als Betroffener irgendwann nur noch weitergereicht. Es handelt sich um eine Überforderung auf beiden Seiten – auch bei den Lehrern, die oft in einer schwierigen Situation sind mit dem Unterricht vor zu großen Klassenverbänden.» Doch Ursachen und Entwicklung von Analphabetismus sind noch nicht gründlich genug erforscht, wie Bogedan betont.

Ein Kinderbuchautor als Aushängeschild der Alphabetisierungskampagne – was empfiehlt er Politikern und Betroffenen?

Tim-Thilo Fellmer hofft auf «mehr Dynamik für das Thema». Er verweist auf inzwischen elf Selbsthilfegruppen für Alphabetisierung in Deutschland. «Da würde ich mir wünschen, dass es von Politik und Wirtschaft noch mehr Unterstützung gibt. Wir wären bei diesem Thema noch lange nicht so weit, wenn es nicht so viele mutige, engagierte ehemalige Betroffene gäbe.» Ein Schlüssel für frühe Kontakte zum gelesenen und geschriebenen Wort sei das Vorlesen. «Ich erlebe es ja selbst immer wieder, wenn ich in einer Schulaula vor hunderten Kindern lese», sagt der 48-jährige Autor. «Die kann man eine bis eineinhalb Stunden lang ohne Probleme an einen Text fesseln.

Aber wie erreicht man die erwachsenen Betroffenen?

Bei einem solchen Tabu wollen viele ihr Problem geheim halten. Und: Niemand kann einen Erwachsenen zwingen, sich weiterzubilden. Es braucht also Fingerspitzengefühl. Die Alphabetisierung soll nach dem Willen der Politik in der Öffentlichkeit zu einem Top-Bildungsthema werden. Vereine, Verbände und vor allem Arbeitgeber sollen gezielt auf Menschen zugehen. Überhaupt: Bildungsangebote werden besser angenommen, wenn sie einen konkreten Nutzen im Alltag haben, wie Wanka sagt – daher sollen mehr Kursinhalte speziell auf Jobs zugeschnitten werden oder Alltagsthemen wie Geld, Gesundheit und Ernährung angehen. Mit Apps, digitalen Kursen und Online-Material soll die Schwelle niedrig gehalten werden. Es gibt viele Ansatzpunkte: «Eng und beharrlich» wollen die Akteure daher zusammenarbeiten.

Hat der bisherige «Welttag der Alphabetisierung» denn nichts bewirkt?

Es ist wie bei so vielen «Welttagen» und Gedenktagen – konkrete Hilfe ist damit noch nicht verbunden. Jahr für Jahr am 8. September erinnert die UN-Kulturinstitution Unesco an ein globales Problem: Lesen und Schreiben zu erlernen sei in vielen Regionen der Welt «immer noch ein Privileg». Der Unesco-Weltbildungsbericht 2015 zeigt: Etwa 781 Millionen Menschen weltweit sind Analphabeten, fast zwei Drittel davon Frauen. Der größte Anteil der Analphabeten (557 Millionen) verteilt sich auf nur zehn Länder. Allein in Indien leben 37 Prozent der weltweiten Analphabeten.

Kommt denn keiner auf die Idee, die Schulen personell besser auszustatten – um dort eine bessere Leseförderung anbieten zu können?

Nein.

Agentur für Bildungsjournalismus / mit Material der dpa

Ein Kommentar

  1. ‚Politik vergisst die Schulen‘
    Ja, sie vergisst die Schulen tatsächlich. Man kann aber auch fragen: Warum weisen die Schulen nicht vermehrt auf Schwachstellen, sprich fehlende Ressourcen, des öffentlichen Schulsystems hin? In der Schweiz geht man davon aus, dass 15-20% der Lernenden, welche die obligatorische Schule nach neun/elf (mit 2 Jahren Kindergarten) Jahren verlassen, über ungenügende Kompetenzen in Lesen und Schreiben verfügen.
    Obschon das Phänomen seit Jahrzehnten immer wieder erwähnt wird , geht kaum jemand das gravierende Problem bereits während der öffentlichen Schule an.
    Immerhin hat man in der Schweiz die diskriminierende Begrifflichkeit geändert:
    ‚Analphabeten‘ sind Menschen, die nie eine Schule besucht haben, also keinen Lese-und Schreibunterricht hatten. Es kam der abgeschwächte Begriff ‚funktionaler Analphabetismus‘ und heute kennen wir den Begriff ‚Illettrismus‘, von dem man hofft, dass er Diskriminierungen und Stigmatisierungen verhindert oder zumindest erschwert.
    Den grössten Widerstand gegen konstruktive Änderungen leistet das selektive Schulsystem selbst:
    Selektion verlangt eine – wissenschaftlich nicht haltbare- Aufteilung der Lernenden in unterschiedliche Leistungsgruppen. Auf der Strecke bleiben dabei Kinder aus bildungsfernen Schichten. (TREE Studie Uni Basel). 10% eines Jahrgangs haben auch 10 Jahre nach Schulaustritt keinen Berufsabschluss.
    Hier kommen dann soziale Dienste zum Einsatz.
    In Europa blieb es den Finnen vorbehalten, dieses Problem wirksam und alltagsnah anzugehen: sie konnten den Anteil der betroffenen Schülerinnen und Schüler auf 5% zu reduzieren. Eine provozierende Realität, die gerne ausgeblendet wird. So kann man das eigene Glaubenssystem aufrecht erhalten.

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