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Den digitalen Nachholbedarf an Schulen decken, ist eine komplexe Angelegenheit – immer noch

HANNOVER. Man sollte meinen, zwanzig Jahre nach dem Start der Initiative Schulen ans Netz des Bundesbildungsministeriums und der Telekom, sowie ihrer in vielen Bundesländern umfänglich begleiteten Umsetzung, sollten funktionierende schulsystemische Strukturen zur reibungslosen Nutzung digitaler Medien ebenso entwickelt sein, wie die entsprechenden Strukturen hinsichtlich Beschaffung und Aktualisierung der notwendigen Technik. Doch das Beispiel Niedersachsens zeigt, wie wenig die Digitalisierung an Schulen bislang Fuß gefasst hat. Der Fünf-Milliarden-Euro-Digitalpakt von Bundesbildungsministerin Johanna Wanka macht das nur noch einmal deutlicher.

Gerade nach einem Auslandaufenthalt springt Schülern hier oft ein Nachholbedarf in Sachen modernes Lernen ins Auge: Während an so mancher Schule etwa in Australien jeder Schüler über ein modernes Laptop verfügt, sammelt der Lehrer in Hannover weiterhin Kopiergeld ein. Zwar hat Niedersachsen große Pläne zur Digitalisierung der Klassenzimmer, oft hapert es aber noch bei der Umsetzung. Die WLAN-Anbindung der Schulen gerade auf dem Land ist schwach oder Lehrer dürfen Fortbildungen nicht besuchen, weil sie sonst im Unterricht fehlen. Oder die moderne Technik bleibt ungenutzt, weil es keine Updates und Administratoren gibt.

Die technische Entwicklung ist schneller als der bürokratische Prozess, den es erfordert, damit Schulen darauf reagieren können. Foto: Vancouver Film School / flickr (CC BY 2.0)

Die technische Entwicklung ist schneller als der bürokratische Prozess, den es erfordert, damit Schulen darauf reagieren können. Foto: Vancouver Film School / flickr (CC BY 2.0)

«Es gibt immer noch Schulen, die haben einen verstaubten Computerraum», sagt der Referent für Medienkompetenz der Niedersächsischen Landesmedienanstalt (NLM), Lorenz Preuß. Mit sechs Multimediamobilen kümmert sich die Medienanstalt seit 2002 darum, Lehrern und Schülern moderne Medien und ihre Nutzung näher zu bringen. 3000 Lehrer und 2000 Schüler qualifizierte sie im vergangenen Jahr. Oft hängt es laut Preuß noch vom Engagement einzelner Lehrer ab, wie weit Schulen bei den Themen Digitalisierung und moderne Medien sind. «Das kostet Zeit, aber bereichert und erleichtert den Unterricht.» Ein per Smartphone erstelltes Erklärvideo etwa steigert die Medienkompetenz – und hilft, ein Matheproblem zu begreifen.

Mit einer Vielzahl von Ansätzen bemüht sich das Kultusministerium darum, dass die Digitalisierung in den Schulen schnell Fuß fasst. In den Lehrplänen wird die Medienbildung für alle Fächer festgeschrieben und Schulen erhalten Unterstützung bei der Umsetzung sowie für eigene Konzepte. Angehende Lehrer sollen besser qualifiziert und altgediente fortgebildet werden. Es gibt Pilotprojekte zur Erprobung digitaler Schulbücher und eines Unterrichts per Videokonferenz für die Inselschulen.

Und mittelfristig sollen alle Schüler an weiterführenden Schulen im Unterricht mit mobilen Endgeräten arbeiten. Wie eine Ministeriumssprecherin erklärte, sei die Idee aber nicht, die Schulen zentral mit Geräten auszustatten. Vielmehr könnten die Schüler ihre privaten Tabletts mitbringen. Dies stößt auf Kritik der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW). In diesem Fall nämlich entscheide die Finanzkraft der Eltern mit über die Ausstattung der Schüler.

Angebote zur Fortbildung seien schön und gut, interessierte Lehrer könnten mitunter aber nicht teilnehmen, weil die Schulen dies nicht genehmigten, sagte die stellvertretende GEW-Landesvorsitzende Laura Pooth. Die Lehrer fehlten sonst im Unterricht. Alle Bemühungen zur Digitalisierung scheiterten manchmal an einer schlechten Netzanbindung, wenn viele Schüler zugleich online gehen wollten, breche das Netz zusammen. Medienreferent Preuß sieht Handlungsbedarf: «Medien sind in allen Bereichen des Lebens selbstverständlicher Bestandteil. Das muss Schule wieder stärker erkennen.»

Bei der Einführung neuer Technologien hinke die Schule traditionell hinterher, erklärte der Vorsitzende des Philologenverbandes Niedersachsen, Horst Audritz. «Das galt für Sprachlabors, für Rundfunk, Fernsehen und Video im Unterricht, das gilt auch für neue Kommunikationsmittel und Präsentationsmedien wie Whiteboards oder Smartboards.»

Die technische Entwicklung verlaufe schneller als der bürokratische Prozess, der mit der Einführung neuer Medien in der Schule verbunden sei – angefangen bei der Beschaffung bis hin zu neuen Lehrplänen und der Aus- und Weiterbildung von Lehrkräften. «Wenn Schüler die neueste Smartphone-Generation nutzen, hat noch nicht einmal jede Schule eine WLAN-Anbindung.»

Zwar müsse die Schule auf der Höhe der Zeit sein, auch technisch, zugleich müsse sie die Schüler aber zur bewussten Nutzung und zum kritischen Denken erziehen, meint Audritz. Nachgewiesenermaßen würden die Leistungen der Schüler nicht besser durch den Einsatz digitaler Medien. Im Gegenteil zeigten eine Reihe von Studien, dass der Einsatz digitaler Medien gerade schwache Schüler noch weiter schwäche. Abgesehen davon, dass die unbemerkte Handynutzung vom Unterricht ablenke und die Konzentration fehle.

Um die Digitalisierung in der Schule voranzubringen, hat Bundesbildungsministerin Johanna Wanka (CDU) ein fünf Milliarden Euro schweres Programm unter Mitwirkung der Länder angekündigt. Niedersachsen will die Finanzspritze vor allem für die Verbesserung der IT-Infrastruktur der Schulen nutzen – sowie einer Verbesserung der Breitband- und WLAN-Anbindung, damit die Schüler überhaupt ins Netz kommen. (Michael Evers, dpa)

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