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Geht’s noch? Wisenschaftler mahnen Eltern, dass die Lüge vom Weihnachtsmann Kindern schadet

BERLIN. Tausende Kinder in Deutschland fiebern in diesen Tagen Heiligabend entgegen. Sie schreiben Wunschzettel, zählen die Tage bis zur Bescherung. Je nach Region glauben sie, dass der Weihnachtsmann oder das Christkind Geschenke bringt und unbemerkt wieder verschwindet. Den Glauben an die Existenz dieser Figuren vermitteln wohl die meisten Eltern ohne langes Grübeln. Doch es gibt Stimmen, die den Sinn dieses Lügenkonstrukts in Frage stellen.

Die Weihnachtsmann-Mär könne das Vertrauen zwischen Eltern und Kindern in Mitleidenschaft ziehen, gaben kürzlich zwei Forscher im Fachblatt «The Lancet Psychiatry» zu bedenken. Das Auffliegen der Lüge lasse sich letztlich nicht aufhalten: «Kinder finden alle irgendwann heraus, dass ihre Eltern unverfroren über Jahre hinweg eine Lüge aufrecht erhalten haben», schreiben Christopher Boyle von der Universität Exeter (Großbritannien) und Kathy McKay von der Universität New England (Australien).

Darf ein Grundschullehrer die Wahrheit über den Weihnachtsmann verraten? Foto: USMC / Wikimedia Commons

Darf ein Grundschullehrer die Wahrheit über den Weihnachtsmann verraten? Foto: USMC / Wikimedia Commons

Die Seifenblase zerplatzt, wenn sich Eltern, ältere Geschwister oder Dritte verplappern. Welche Dramen sich dann abspielen, berichteten kürzlich Menschen dem Rundfunk Berlin-Brandenburg (RBB). Dort war eine traditionsreiche Kindersendung ausgestrahlt worden – modernisiert und mit leichtfertigen Aussagen der Moderatorin über elterliche Schrank-Verstecke. Für viele Zuschauer ein Skandal.

Boyle und McKay zufolge stehen Kinder in solchen Situationen vor gleich mehreren Fragen: Wenn die Geschichte mit dem Weihnachtsmann gelogen war, wo haben Mama und Papa dann noch die Unwahrheit gesagt? Feen, Zauberei, selbst Gott geraten ins Wanken.

Die beiden Wissenschaftler argumentieren nicht mit erhobenem Zeigefinger. Sie erinnern sich auch an die eigene Kindheit und die große Enttäuschung, als die Illusion vom «Santa» zerplatzte: «Der Zauber war gebrochen. Vorbei war es mit der Realitätsflucht, die Kinder und Erwachsene für ein paar Monate teilen. Weihnachten war nicht mehr das gleiche.»

Aber ist das Lügen wirklich schädlich für Kinder? «Die Geschichte vom Weihnachtsmann ist für kleine Kinder eher eine Bereicherung», ist der Berliner Psychologe Peter Walschburger überzeugt. Grundsätzlich sieht er in Mythen, Märchen und Ritualen einen wohltuenden Gegenpol zur ansonsten rationalen Welterklärung. «Wir Menschen brauchen beides: aufgeklärtes Denken und Verzauberungen.» Lügen in dieser Hinsicht haben eine lange Tradition: Mit Verzauberungen der Realität hätten Menschen seit jeher zum Beispiel Heimatgefühl, Sicherheit, Trost und soziale Verbundenheit sinnlich erfahrbar gemacht.

Auch moralische Standards wie Gut und Böse werden Kindern oft so vermittelt. Bis zum vierten Lebensjahr könnten sie noch nicht zwischen Realität und Fiktion unterscheiden, erläutert der Wissenschaftler. Erst danach seien sie in der Lage, die Perspektiven anderer Menschen zu verstehen. Dann verhielten sie sich zunehmend kritisch gegenüber ihren Eltern. Wenn Kinder Ungereimtheiten wie angeblich fliegenden Rentieren auf die Schliche kommen, sei das eine Gelegenheit zum Dialog, sagt Walschburger. «Eltern könnten dann erklären, dass es eben eine Geschichte war, die aber einen wahren Kern oder eine gute Botschaft enthält.»

Für authentische Weihnachtsgeschichten anstelle von Lügen sprach sich der Religionspädagoge Albert Biesinger einmal im dpa-Interview aus: «Ich erzähle Kindern, dass wir an Weihnachten den Geburtstag von Jesus feiern. Und weil Jesus ein so großes Geschenk von Gott an uns Menschen war, haben Mama und Papa heute auch Geschenke für Dich. Das Geschenk fällt nicht vom Himmel, das bringt auch nicht das Christkind durchs Fenster – das ist von Mama und Papa und anderen, die dich liebhaben.»

Eltern, die für ihre Kinder die Illusion vom Weihnachtsmann aufbauen, haben selbst etwas davon, beobachten Boyle und McKay. Sie seien in der Lage, «in eine Zeit zurückzukehren, in der sie selbst glaubten, dass Magie tatsächlich möglich ist». Sie werden also wieder zum Kind. Ein vergleichbarer Mechanismus stecke hinter der Begeisterung Erwachsener für Kinderbücher und -filme wie Harry Potter.

Wie viele Eltern berichten, hängen Kinder selbst sehr an den Geschichten rund um Weihnachten. So sehr, dass manche im Jahr nach dem Durchschauen der Lüge so tun, als sei nichts gewesen. Gisela Gross, dpa

7 Kommentare

  1. das geht in dieselbe richtung wie die politisch korrekte aka zensiere fassung von max & moritz bzw. Struwwelpeter und die geforderte abschaffung des zwarte piet in den Niederlanden.

  2. Es ist erstaunlich, welche Spinner alles an Universitäten Jobs bekommen und sich „Professor“ nennen dürfen und mit was für Themen sie sich dann auch noch beschäftigen. Wissenschaft als solche ist das doch eher nicht, das gehört von der Qualität in den Sender Astro-TV.

    • Spinner sind das nicht. Ihre Aussagen gehen in die psychologische Richtung und man kann es auch so sehen. Zumindest Boyle ist vom Fach:
      Dr Christopher Boyle Associate Professor in Inclusive Education and Psychology.
      Ich selbst tendiere eher zu den Aussagen von Peter Walschburger.

  3. Was soll man von Wisenschaftlern, die nicht mal ein „e“ in ihre Wiesenschaft ‚reinschreiben können, anderes erwarten?

  4. Ich verstehe diese Ansicht recht gut und fühle mich irgendwie nicht wirklich wohl dabei,wenn ich meinen Kindern vom Christkind erzähle. Aber ich möchte auch nicht Schuld sein,dass meine Kinder anderen Kindern/Familien schon im Kindergarten die Illusion nehmen…
    Übrigens erzähle ich auch nicht gerne von Gott…Ist das nicht auch eine ganz grosse Geschichte? (Das war jetzt etwas provokativ,ich weiss…:))

    • Kurt Marti schrieb: „Die Ware Weihnacht ist nicht die wahre Weihnacht.“
      Ich finde, er hat recht.
      Wäre Weihnachten noch das Christfest, also an der Geburt Jesu orientiert, und die Geschenke nur ein sehr erfreulicher Nebeneffekt für Kinder, so gäbe es das Problem nicht. Allerdings wage ich nicht abzuwägen, was das für unser Bruttoinlandsprodukt bedeuten würde …

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